Margriet de Moor : Erst grau dann weiß dann blau

Erst grau dann weiß dann blau
Originalausgabe: Eerst grijs dan wit dan blauw Uitgeverij Contact Amsterdam 1991 Erst grau dann weiß dann blau Übersetzung: Heike Baryga Carl Hanser Verlag, München / Wien 1993 ISBN: 3-446-17372-2, 273 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach der Eheschließung mit dem Künstler Robert bricht Magda ihr Studium ab, folgt ihm in die Cevennen und 10 Jahre später in seinen holländischen Geburtsort. Robert liebt seine Frau, erwartet jedoch von ihr Selbstaufgabe. Nach 16 Jahren Ehe bricht Magda aus: Zwei Jahre lang bereist sie allein die Stationen ihres Lebens. Dann kehrt sie zurück, aber sie erzählt nichts, damit Robert nicht auch die Reise-Erinnungen vereinnahmt ...
Weiterlesen

Kritik

Margriet de Moor wechselt nicht nur zwischen Orten und Zeiten, sondern folgt auch den subjektiven Wahrnehmungen und Assoziationen der Figuren. "Erst grau dann weiß dann blau" ist ein Roman auf hohem literarischen Niveau.
Weiterlesen

Unvermittelt bricht Robert Noort sein Jurastudium ab und beginnt zu malen. Die New Yorker Kunstszene zieht ihn an, aber nach einigen Monaten, im Juni 1963, reist er weiter über Quebec nach Gaspé. Dort lernt er die zehn Jahre jüngere Literaturstudentin Magda kennen.

Magda Rezková wurde am 20. November 1938 in Brünn als Tochter einer Deutschen und eines tschechisch-jüdischen Ingenieurs geboren. Im Zweiten Weltkrieg übersetzte ihr Vater BBC-Nachrichten für die Partisanen – bis er im September 1944 verraten wird. SS-Offiziere schieben Magda zur Seite und nehmen ihren Vater fest. Er starb vermutlich in einem der Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Die Witwe suchte nach dem Krieg mit ihrer Tochter Zuflucht in Berlin, und zwar bei ihrer deutschen Mutter, die sich nicht mit der Kapitulation abfinden wollte. Magdas Tante Mimi, die ältere Schwester ihrer Mutter, war mit ihrem damals zehnjährigen Sohn Walter auch dort. Weil Magdas Mutter nicht im Land der Mörder ihres Mannes leben wollte, reiste sie mit Magda weiter nach Italien. Nach einem Monat im Auffanglager Bagnoli gingen sie im August 1947 in Neapel an Bord des schwedischen Truppenschiffes „Goya“, das sie nach Halifax brachte. Am Ende blieben sie in Gaspé, wo Magdas Mutter als Lehrerin Arbeit fand.

Obwohl Magda zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrem Freund Terence zusammen ist, geht sie auf Roberts Werben ein, nimmt seinen Heiratsantrag an und wird im Dezember 1963 seine Ehefrau. Sie bricht ihr Studium ab und folgt Robert in seine holländische Heimat.

Am 22. Januar 1964 läuft das Paar Roberts langjährigem Freund Erik über den Weg. Am Abend besucht Robert das Ehepaar Erik und Nellie, um ihnen Magda vorzustellen. Nellie ist hochschwanger und wird noch in der Nacht von einem Sohn entbunden, der den Namen Gabriel erhält. Der Säugling sträubt sich gegen Zärtlichkeiten, weigert sich, an der Brust zu trinken, und als er älter wird, stellt sich heraus, dass er einen Hirnschaden hat.

Robert und Magda bleiben nur kurz in Holland. Dann ziehen sie in einen alten Bauernhof bei St. Martial in den Cevennen, den sie inzwischen gekauft haben. Erik, Nellie und Gabriel besuchen die Freunde dort zweimal, 1967 und 1973.

Magda wünscht sich ein Kind. Dreimal wird sie schwanger, aber jedes Mal kommt es zu Komplikationen, und sie muss ins Krankenhaus von Le Vigan gebracht werden, wo die Ärzte die Schwangerschaften abbrechen.

Robert liebt Magda, betrachtet sie jedoch als seinen Besitz. Als sie einmal ein Kleid anzieht und einen Hut aufsetzt, um allein ins Dorf zu gehen, fordert er sie auf, zu bleiben und versucht, ihr ein Glas Wein aufzudrängen.

„Robert, geh bitte zur Seite.“
Sie wollte rasch an ihm vorbeigehen. Ärgerlich griff er nach ihrem Handgelenk.
„Was soll das heißen, geh bitte zur Seite! Weißt du eigentlich, was du da sagst? Sieh mich an! Du willst mich sitzenlassen, stimmt’s? Sieh mich an, habe ich gesagt!“
„Nein“, rief sie. „Das wird mir hier jetzt wirklich zu bunt!“
Sie versuchte, ihren Arm freizubekommen, trat ihm gegen das Schienbein, gehorchte jedoch. Als er ihr dann das Fiebrige in seinem Blick zeigte, den Blick eines wilden Tieres, und die Augenbrauen hochzog, wie er es von klein auf getan hatte, wenn er sich in Todesnöten befand, löste er seine Hand von ihrem Gelenk und legte sie schwer und vertraulich auf ihre Schulter […] legte er seine andere Hand unter ihre Achsel und schob sie wie beim argentinischen Tango mit schleppenden Schritten an dem Stuhl mit dem roten Samtbezug vorbei, an einer Kommode entlang, die nach Eukalyptus roch, und an einem mannshohen Spiegel vorbei zurück ins Zimmer, wo er sie für einen Augenblick losließ, sodass sie sich aus ihrer eigenen Bewegung heraus rücklings aufs Bett fallen lassen konnte, wobei sich der Landarbeiterhut verschob und das honigblonde, hochgesteckte Haar löste. (Seite 92f)

Seine Liebkosungen, seine Reue. In einer Flut von Tränen schiebt er sofort seine Zunge weit in ihren Mund, obwohl er weiß, dass sie das eigentlich nicht ausstehen kann […] und während er im eigenen Schweiß badet und ihm seine Hose auf den Hacken hängt, versucht er mit Hilfe der einfachsten Mittel, die so alt wie die Erde sind, die Ordnung wiederherzustellen. (Seite 96)

Im Sommer 1974, ein dreiviertel Jahr nach Roberts 35. Geburtstag, kehren sie nach Holland zurück und beziehen sein Geburtshaus, denn er will die mittelständische Stahlfabrik seines verstorbenen Vaters vor dem Konkurs retten. Er zahlt seine Schwester Hélène aus, entlässt zwanzig Prozent der Arbeiter und macht sich mit Hilfe seines Stellvertreters, des Ingenieurs Kaspar („Kas“) B. M. Zijderveldt, an die Sanierung der Noort GmbH. – Magda arbeitet als Übersetzerin.

Robert nimmt seine Liebesabenteuer wieder auf, zum Beispiel mit der ein Jahr jüngeren Schuhverkäuferin Agnes Rombouts, mit der er sich trotz ihres schlechten Rufes schon als Zwölfjähriger in den Dünen von Katwijk herumgetrieben hatte.

Als Magda und Robert wieder einmal bei Erik und Nellie zu Besuch sind, nimmt Gabriel die Freundin seiner Eltern wortlos bei der Hand und zieht sie hinauf in den Speicher. Vom Dachfenster aus zeigt er ihr die Sterne. Magda geht auf die Begeisterung des Jungen ein, beschafft ihm astronomische Zeitschriften und übersetzt ihm fremdsprachige Artikel. Die Eltern kaufen ihm zunächst ein Fernrohr und später ein Teleskop.

Im Mai 1980 bittet Magda ihre Freundin Nellie, auf die drei Hunde aufzupassen. Sie spricht vage von geplanten Besuchen bei Verwandten und versichert, Robert komme in ein paar Tagen von einer Geschäftsreise zurück.

Sie kommt nicht zurück. Sie ruft nicht an. Es wird kein Telegramm gebracht. Im Dorf fängt man an, ihm neugierig nachzuschauen: das ist der Mann, dessen Frau verschwunden ist […] (Seite 97)

Er gewöhnt sich an ihre Abwesenheit […] Es ist eine Mattigkeit über ihn gekommen, die fast an Apathie grenzt. (Seite 128)

Roberts Mutter stirbt im Frühjahr 1981. Im Herbst erhält das Institut, für das Magda übersetzte, einen Brief aus Paris, in dem sie bedauert, ihren letzten Auftrag nicht fertiggestellt zu haben.

Als Magda mit dem Bus nach Hartebrugkerk und weiter nach Leiden fuhr, wusste sie noch nicht, wohin sie wollte. Die Reise führte sie über Brüssel und Paris in die Cevennen. In einem Hotel in St. Martial half sie beim Kochen und Servieren; dafür konnte sie in einer Dachkammer wohnen. Im September 1981 fährt sie nach Paris und fliegt von dort nach Quebec. In Gaspé wird sie von ihrem früheren Liebhaber Terence – er ist jetzt Lehrer, mit einer Psychologin verheiratet und hat zwei Söhne – zum Geburtstag eingeladen. Auch ihre damaligen Freunde Alette, Jonathan und Lise freuen sich, sie wiederzusehen. Und sie lernt auf der Geburtstagsfeier den Astronomen Michel Toussaint kennen.

Mit Michel lässt sie sich auf eine Affäre ein, und eine Bekannte ihrer im Alter von neunundfünfzig Jahren verstorbenen Mutter besorgt ihr eine Stelle in der Bibliothèque Gaspéoise. Magda könnte in Gaspé bleiben, aber nach ein paar Monaten fliegt sie nach Europa.

Der Arzt, der neben ihr in der Maschine sitzt und zu einem Kongress in Istanbul unterwegs ist, fordert sie auf, ihn zu begleiten. Magda besucht stattdessen ihre Tante Mimi, ihren Cousin Walter und dessen Tochter Birgit in Berlin. Dann fährt sie mit dem Zug nach Prag.

Vor dem Haus in Brünn, in dem sie bis Mitte 1946 mit ihrer Mutter gewohnt hatte, wird sie von einer gleichaltrigen Tschechin wiedererkannt. Milena Cepová nimmt Magda mit in ihr Zuhause, zu ihrem Mann Jiri, einem jüdischen Juristen, sowie den Kindern Eli, Kuba und Matej. Magda wird herzlich empfangen.

Über Nürnberg kehrt Magda nach Holland zurück.

Hatte ich mich verändert? Älter geworden? Ach, eigentlich nicht. Jeder wird mich wiedererkennen, meinen Körper, meine Kleidung, meinen Tonfall … niemand wird aus meinem Verhalten schließen können, dass meine Augen klarer sehen, dass ich Entfernungen einschätzen und im Dunkeln sehen kann. Und wenn ich gleich dasitze und die Zeitung lese oder Freunde zum Essen kommen: Wen wird es stören, dass ich zwischendurch auf eine Landschaft schaue, die niemand außer mir kennt, und mir Dinge ins Gedächtnis rufe, an die zu denken angenehm ist, stolze, barbarische, persönliche Dinge, die ich nie, mit wem auch immer, teilen können werde … (Seite 230)

Weder Robert noch Erik und Nellie oder sonst jemandem erklärt sie, warum sie zwei Jahre lang fort war und was sie in dieser Zeit machte.

Als Erik sie im Februar 1983 trifft, fragt er sie erneut, wo sie zwei Jahre gesteckt habe. Statt seine Frage zu beantworten, nimmt sie ihn mit in ihr Arbeitszimmer und zieht sich aus. Nur dieses eine Mal betrügt Erik seine Frau mit einer anderen.

Eines Morgens schaut Erik nach den Freunden. Am Abend zuvor waren er und Nellie noch zu Besuch bei ihnen. Er findet sie im Schlafzimmer. Magda liegt in einem blutüberströmten Nachthemd oder Unterkleid auf dem Teppich. Robert sitzt, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf dem Fußboden und lehnt an der Wand. An seinem linken Handgelenk bemerkt Erik Schnittwunden. Offenbar versuchte er, sich die Pulsadern aufzuschneiden [Suizid], aber die Verletzungen sind nicht tief genug. Vorher muss er Magda mit einem als Brieföffner benutzten tibetanischen Dolch erstochen haben.

Drei Polizeibeamte kommen, um Robert festzunehmen. Erik führt sie ins Obergeschoss, und sie drängen ihn zur Seite, als sie das Schlafzimmer betreten.

Gabriel ist inzwischen neunzehn. Seit kurzem arbeitet er an vier Wochentagen in einer Behindertenwerkstatt. Das gibt Nellie die Möglichkeit, mit ihrem Bauerntochter-Vermögen ein Geschäft zu eröffnen. Dort verkauft sie an vier Tagen in der Woche Porzellan und Schmucksachen.

Dieses Haus. Dieser Sohn. Seine Frau versucht schon seit zwanzig Jahren, auf dieser kargen Düne einen Garten anzulegen. Sie ebnet den Boden, bedeckt ihn mit dunklem Mist und gräbt mit verbissenem Gesicht Hecken und Rosen mit dichten Blüten in den Boden ein, aber nichts lebt hier länger als eine Saison. (Seite 12)

nach oben

Robert liebt seine zehn Jahre jüngere Frau Magda, betrachtet sie jedoch als Besitz und erwartet von ihr Selbstaufgabe. Nach sechzehneinhalb Jahren Ehe bricht Magda aus und bereist in umgekehrter Reihenfolge die Stationen ihres Lebens. Überall wird sie herzlich begrüßt. Nach zwei Jahren kehrt sie zu ihrem Mann zurück, aber sie erzählt weder ihm noch anderen, wo sie war und was sie erlebte, denn sie will endlich etwas haben, was Robert nicht vereinnahmen kann: Erinnerungen an die Orte der Reise und die Menschen, mit denen sie dort zusammen war. Dass seine Frau selbstbewusster geworden ist und ihr Geheimnis nicht mit ihm teilt, erträgt Robert nicht: Er ersticht Magda und versucht halbherzig, sich die Pulsadern aufzuschneiden [Suizid].

Im Gegensatz zu Robert akzeptiert sein Freund Erik, dass er nicht alles über seine Frau weiß, und Nellie empfindet die Ehe mit ihm als angenehm. Ihr geistig behinderter Sohn Gabriel sträubt sich gegen Zärtlichkeiten, und wenn er etwas nicht tun will, ist es kaum möglich, ihn dazu zu zwingen. Er lässt sich nicht manipulieren. Obwohl er unfähig ist, zu lieben oder Forderungen zu stellen, benötigt er viel selbstlose Aufmerksamkeit – wie Robert sie von Magda erwartete.

Der atmosphärisch dichte Roman „Erst grau dann weiß dann blau“ kreist um die Frage, was Liebe bedeutet, aber Margriet de Moor lässt die Antwort offen. Sie erklärt nichts, sondern zeigt uns, was geschieht und lässt es uns als Leser miterleben. Dabei wechselt sie in einem suggestiven Rhythmus zwischen den subjektiven Perspektiven von Robert, Magda, Erik, Nellie und Gabriel, der ersten, zweiten und dritten Person Singular sowie Orten und Zeiten.

Es gab Tage, an denen es einfach nicht hat gelingen wollen. Du mischt eine Farbe, zeichnest ein paar Linien, machst einige Versuche, gehst ein paar Schritte zurück und kneifst die Augen zusammen […]
Die Hitze war an diesem Tag extrem. Als er aus der Tür des Ateliers trat, fiel ihm von einem auf den anderen Augenblick ein glühendes Gewicht auf Nacken und Schultern. (Seite 91)

Darüber hinaus folgt Margriet de Moor in „Erst grau dann weiß dann blau“ den Assoziationen der Figuren. Robert stößt Magda aufs Bett. Dann folgen wir zweieinhalb Seiten lang seiner Erinnerung an einen Ausflug ins Hirtendorf St.-Armand-des-Neiges, unterbrochen von unausgesprochenen Vorwürfen an seine Frau, bevor wir unvermittelt in die Szene auf dem Bett zurückkehren (S. 93ff).

Aus diesen verschachtelten Bruchstücken ergibt sich nach und nach ein klares Bild. Die kunstvolle Form und eine poetische Sprache machen aus „Erst grau dann weiß dann blau“ große Literatur.

Der Titel bezieht sich auf eine Erinnerung Magdas an die Überfahrt 1947 von Neapel nach Halifax. Auf halbem Weg stirbt ein Säugling. Bevor die mit aus Monatsbinden gebastelten Rosen geschmückte Leiche in einer weißen Pappschachtel dem Meer übergeben wird, schaut Magda das tote Kind aus der Nähe an.

Es war ein kräftiges, schönes Baby, mit einem ruhigen, sogar ein wenig trotzigen Gesicht. Unter den Augenlidern mit den Wimpern wusste es sehr gut zu verbergen, wie es war, tot zu sein […]
Erzähl es mir, bat ich das Baby leise. Stimmt es, dass alles erst grau wird, dann weiß, dann blau, und dass man dann zu den Sternen fliegt? (Seite 189)

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Margriet de Moor (kurze Biografie / Bibliografie)

Margriet de Moor: Auf den ersten Blick / Schlaflose Nacht
Margriet de Moor: Bevorzugte Landschaft
Margriet de Moor: Der Virtuose
Margriet de Moor: Die Verabredung
Margriet de Moor: Kreutzersonate. Eine Liebesgeschichte
Margriet de Moor: Sturmflut
Margriet de Moor: Der Maler und das Mädchen
Margriet de Moor: Mélodie d’amour

Imre Kertész - Detektivgeschichte
Trotz des Titels handelt es sich bei der Erzählung nicht um eine harmlose "Detektivgeschichte", sondern um eine intelligente, sarkastische, kammerspielartige Parabel auf ein Willkürregime, geschrieben aus der Perspektive eines Geheimpolizisten und Mitläufers.
Detektivgeschichte

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.