Der Wolfsjunge

Der Wolfsjunge

Der Wolfsjunge

Der Wolfsjunge / Das wilde Kind – Originaltitel: L'enfant sauvage – Regie: François Truffaut – Drehbuch: François Truffaut, Jean Gruault, nach "Mémoire et rapport sur Victor l'Aveyron" von Jean Itard – Kamera: Néstor Almendros – Schnitt: Agnès Guillemot – Darsteller: Jean-Pierre Cargol, François Truffaut, Françoise Seigner, Jean Dasté, Claude Miller, Annie Miller, Mathieu Schiffman u.a. – 1970; 80 Minuten

Inhaltsangabe

Im Sommer 1798 wird in einem Wald in Südfrankreich ein wilder, etwa elf Jahre alter Junge entdeckt und aufgegriffen. Weil er nicht sprechen kann und auch gehörlos zu sein scheint, bringt man ihn nach Paris, ins Taubstummeninstitut. Der Institutsleiter Prof. Pinel, der den Wolfsjungen für hoffnungslos schwachsinnig hält, will ihn in eine Irrenanstalt abschieben, aber der junge Arzt Dr. Jean Itard nimmt das Kind in seinem Landhaus auf, betreut es dort mit seiner Haushälterin und versucht, ihm wenigstens ein paar Fertigkeiten beizubringen ...
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Kritik

Der Film "Der Wolfsjunge" handelt vom Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation. François Truffaut drehte den auf historischen Tat­sachen basierenden Film in einem pseudo-dokumentarischen Stil, in Schwarz-Weiß und ohne jegliche Effekthascherei.
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Im Sommer 1798 erschreckt ein wildes Kind (Jean-Pierre Cargol) eine Pilzesammlerin im Wald bei Saint-Sernin-sur-Rance im Département Aveyron. Nachdem sie darüber in ihrem Dorf berichtet hat, jagen die Männer den nackten Jungen, der vergeblich vor ihnen und den Hunden flüchtet. Der Wolfsjunge wird zunächst in eine Scheune gesperrt, und weil er jede Gelegenheit nutzt, um davonzulaufen, bringt ihn die Gendarmerie schließlich in eine Gefängniszelle in Rodez, dem Verwaltungssitz des Départments. Einige Zeit später wird der Wolfsjunge, der nicht sprechen kann und gehörlos zu sein scheint, mit einer Kutsche nach Paris transportiert und vom Taubstummeninstitut aufgenommen.

Der Institutsleiter Prof. Philippe Pinel (Jean Dasté) schätzt das Alter des Wolfsjungen auf elf Jahre. Er entdeckt eine Reihe von Narben am Körper des Kindes, die auf Tierbisse schließen lassen. Eine Narbe an der Kehle stammt jedoch von einem Schnitt. Es könnte sein, dass der Junge unehelich geboren wurde und man ihn deshalb im Wald töten wollte. Dass der Wolfsjunge nicht auf laute Geräusche reagiert, hält Prof. Pinel zunächst für eine Bestätigung der Annahme, dass das Kind nichts höre. Aber es stellt sich heraus, dass es das Knacken einer Nuss und andere mit Nahrung zusammenhängende Geräusche sehr wohl wahrnimmt.

Der junge Arzt Dr. Jean Itard (François Truffaut) übernimmt die Betreuung des Wolfsjungen, der von den anderen stummen und gehörlosen Kindern ausgegrenzt und schikaniert wird. Ein Pfleger führt das wilde Kind Besuchergruppen vor.

Weil Prof. Pinel das Kind für schwachsinnig hält, beabsichtigt er, es an die Irrenanstalt in Bicêtre fünf Kilometer südlich von Paris abzuschieben. Dr. Itard hält den geistigen Zustand des Wolfsjungen jedoch für eine Folge der jahrelangen Isolation und ist überzeugt, ihn bilden zu können. Er setzt sich dafür ein, dass er den Jungen in sein Landhaus in Batignolles im Norden von Paris mitnehmen darf und seine Haushälterin, Madame Guérin (Françoise Seigner), eine finanzielle Entschädigung für die Betreuung vom Staat erhält.

Weil das Kind nur bei Wörtern, die den Laut O enthalten, aufblickt, geben Dr. Itard und Madame Guérin ihm den Namen Victor. Mit viel Mühe bringen sie Victor bei, aufrecht zu gehen und Suppe nicht aus dem Teller zu schlürfen, sondern zu löffeln. Er lernt, einen Schlüssel zu benutzen. Auf dem benachbarten Bauernhof der Familie Lemeri (Claude Miller, Annie Miller, Mathieu Schiffman) wird ihm gezeigt, wie man einen Tisch deckt. Für Lernerfolge wird Victor jeweils mit einer Schale Milch oder mit einem Glas Wasser belohnt.

So auch, wenn er Gegenstände wie ein Buch, einen Kamm und einen Hammer auf entsprechende Zeichnungen legt. Allerdings ist er unfähig, die Objekte den von Dr. Itard aufgeschriebenen Begriffen zuzuordnen. Frustriert über die geringen Fortschritte, ergänzt Dr. Itard die Belohnungen durch Strafen und sperrt Victor bei Misserfolgen in eine Besenkammer. Einmal wendet er diese Bestrafung bewusst an, nachdem Victor eine Aufgabe richtig gelöst hat. Dass sich der Junge mit Händen und Füßen dagegen wehrt, interpretiert Dr. Itard als Beweis dafür, dass Victor sich ein Gefühl für Gerechtigkeit angeeignet hat.

Nach neun Monaten im Haus des Arztes klettert Victor durch ein Fenster ins Freie und läuft davon. Zur Überraschung des Arztes kehrt er jedoch nach einiger Zeit zurück und lässt sich von Madame Guérin über die Treppe nach oben führen.

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Der „Wilde von Aveyron“ wurde erstmals im Frühjahr 1797 in einem Wald bei Saint-Sernin-sur-Rance im Département Aveyron entdeckt und aufgegriffen. Zwei Mal floh er, bis er nach Rodez gebracht wurde, wo ihn der Naturforscher Abbé Pierre Joseph Bonnaterre beobachtete. 1799 überführte man den „Wilden“, dessen Alter auf elf oder zwölf Jahre geschätzt wurde, nach Paris, ins Taubstummen­institut. Dort hielten ihn die Ärzte mit Ausnahme Dr. Jean Itards für hoffnungslos schwachsinnig.

Jean Itard war nach dem Medizinstudium in Marseille 1800 ans Taubstummeninstitut in Paris gekommen. Gleich im ersten Jahr beschäftigte er sich dort mit dem „Wilden von Aveyron“. Um dem Jungen eine Einweisung in eine Irrenanstalt zu ersparen, nahm er ihn mit nach Hause. Dort wurde er vor allem von der Haushälterin Madame Guérin betreut.

In einem Gutachten für die Académie de Médicine (1801) und einem Bericht ans französische Innenministerium (1806) rechtfertigte Dr. Itard seine Bemühungen, dem wilden Kind, das nicht sprechen konnte, wenigstens ein paar Fertigkeiten beizubringen.

1964 wurde François Truffaut durch einen Zeitungsartikel auf das Buch „Les enfants sauvages. Mythe et réalité suivi de mémoire et rapport sur Victor de l’Aveyron“ von Lucien Malson aufmerksam. François Truffaut sprach darüber mit Jean Gruault, der Ende 1965 den Entwurf eines Drehbuchs für einen Film über das „wilde Kind“ vorlegte. Der mit François Truffaut befreundete Filmregisseur Jacques Rivette riet dazu, die Handlung auf den Arzt und das Kind zu konzentrieren. Das entsprechend gekürzte Drehbuch war im Sommer 1968 fertig.

Unter den 2500 für die Titelrolle gecasteten Kindern wählten François Truffaut und seine Regieassistentin Suzanne Schiffman den Sinto oder Rom Jean-Pierre Cargol (* 1957) aus. Der Junge träumte zwar zunächst von einer Filmkarriere, spielte aber nur noch eine Nebenrolle in „Duell in Vaccares“ (1974).

Die Dreharbeiten für „Der Wolfsjunge“ begannen am 2. Juli 1969 im Wald von Saint-Pardoux bei Montluçon. Ein Landhaus in Aubiat im Département Puy-de-Dôme diente als Kulisse für Dr. Itards Anwesen.

Die Premiere von „L’enfant sauvage“ fand am 26. Februar 1970 in Paris statt. In der Bundesrepublik Deutschland kam der Film unter dem Titel „Der Wolfsjunge“ in die Kinos, in der DDR lautete der Titel „Das wilde Kind“.

Die Bundeszentrale für politische Bildung nahm „Der Wolfsjunge“ 2003 in einen Kanon aus 35 für den Schulunterricht empfohlenen Filmen auf.

„Der Wolfsjunge“ beginnt mit der auf den Sommer 1798 verschobenen Entdeckung des wilden Kindes im Wald und endet, als Victor seit neun Monaten (sic!) bei Dr. Itard und Madame Guérin lebt. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass bis dahin nicht mehr als vielleicht zwei Jahre vergangen seien. Auf diese Weise wird die Zeit gerafft, und am Ende besteht Hoffnung auf eine Weiterentwicklung des Jungen, die sich in Wirklichkeit jedoch nicht erfüllte.

Zu Beginn wird der Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation betont. Das geschieht, wenn die Männer aus dem Dorf das wilde, wie ein Schimpanse laufende Kind jagen. Auch der von Mauern eingegrenzte Garten des Taubstummeninstituts in Paris symbolisiert die der Natur abgewonnene Kulturfläche.

François Truffaut lässt keinen Zweifel daran, dass er an die Bildungs- bzw. Entwicklungsfähigkeit aller Menschen glaubt.

Er drehte „Der Wolfsjunge“ in einem sachlichen Stil, in Schwarz-Weiß und mit für Stummfilme typischen Überblendungen zwischen einzelnen „Kapiteln“. Zu diesem pseudo-dokumentarischen Charakter passen die langen Einstellungen, die langsame Erzählweise und der Verzicht auf jegliche Effekthascherei. Die Erzählerstimme zitiert aus Dr. Jean Itards historischen Aufzeichnungen.

In den ersten Minuten, die im Wald spielen, gibt es keine Musikuntermalung. Erst wenn Dr. Jean Itard in der Zeitung von dem Wolfsjungen liest, erklingt erstmals Musik als Zeichen von Kultur. Dabei wählte François Truffaut zwei Stücke von Antonio Vivaldi: Das Konzert für Mandoline und das Konzert für Flöte. Antoine Duhamel (1925 – 2014) spielte die Takte ein.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

Das wilde Kind von Aveyron
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