Toni Erdmann

Toni Erdmann

Toni Erdmann

Originaltitel: Toni Erdmann – Regie: Maren Ade – Drehbuch: Maren Ade – Kamera: Patrick Orth – Schnitt: Heike Parplies – Darsteller: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell, Ingrid Bisu, Vlad Ivanov, Victoria Cociaş u.a. – 2016; 160 Minuten

Inhaltsangabe

Als der altersschwache Hund des ge­schie­denen, pensionierten Aachener Musik­lehrers Winfried Conradi verendet, nutzt dieser die neue Unabhängigkeit dazu, seine Tochter mit einem Besuch zu über­raschen. Ines arbeitet als Unter­nehmens­beraterin in Bukarest und findet den stets zu derben Späßen aufgelegten Vater peinlich. Dem Altachtundsechziger ist dagegen die disziplinierte Zielstrebigkeit der Karrierefrau fremd ...
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Kritik

Maren Ade kritisiert in der bewusst unspektakulär inszenierten Tragikomödie "Toni Erdmann" das kapitalistische Wirtschaftssystem am Beispiel einer von Sandra Hüller eindrucksvoll gespielten Karrierefrau und erzählt zugleich von einer gestörten Vater-Tochter-Beziehung.
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Als ein Zusteller dem pensionierten Musiklehrer Winfried Conradi (Peter Simonischek) ein Paket von einem Erotik-Versandhaus bringt, tut der so, als habe er einen unsoliden Bruder und spielt diesen auch gleich selbst vor. Winfried Conradi nutzt jede passende und unpassende Gelegenheit dazu, in eine Rolle zu schlüpfen und anderen etwas vorzutäuschen, nicht um sich Vorteile zu verschaffen, sondern um Spaß zu haben. Es dürfen gern auch derbe Scherze sein.

Bald darauf verendet der schon seit langem blinde und altersschwache Hund, mit dem Winfried Conradi seit der Scheidung von seiner Frau allein im Haus in Aachen gelebt hat. Die neue Unabhängigkeit ermöglicht es ihm, seine Tochter Ines (Sandra Hüller) zu besuchen, die als Unternehmensberaterin bei einer Gesellschaft in Bukarest arbeitet und sich von ihrem Vater entfremdet hat. Aber statt sich anzukündigen, setzt Winfried Conradi sich in die Eingangshalle des Consulting-Unternehmens in Bukarest und wartet drei Stunden, bis sie auftaucht. Weil Ines einige Vorstands­mitglieder begleitet, tut sie so, als sähe sie ihn nicht.

Am Abend nimmt Ines ihren Vater mit in ein Hotel, zu einem Empfang des amerikanischen Botschafters (Bryan Jardine). Er lernt dort auch ihren Auftraggeber Titus Henneberg (Michael Wittenborn) kennen, einen Unternehmer, der bei der Wartung seiner Ölförderanlagen durch Outsourcing Kosten sparen möchte und für den Ines seit Wochen eine entsprechende Präsentation vorbereitet. Während sich Hennebergs Frau Natalja (Victoria Malektorovych) mit Ines zum Shoppen verabredet, erzählt Winfried Conradi, er habe eine Ersatztochter engagiert, weil seine leibliche Tochter wegen ihrer Karriere keine Zeit für ihn erübrigen könne. Ines ist entsetzt, aber Titus Henneberg findet das amüsant und lädt den Spaßvogel im Anschluss an den Empfang zu einem Umtrunk in einem Club ein.

„Bist du noch Mensch?“, fragt Winfried Conradi seine Tochter.

Am nächsten Tag will Ines sich vor einer Präsentation kurz hinlegen, schläft jedoch ein, wird von ihrem Vater nicht geweckt und schreckt erst nach Stunden hoch. Auf diese Weise versäumt sie einen wichtigen Geschäftstermin.

Sie ist froh, als ihr Vater ein Taxi zum Flughafen bestellt und sich von ihr verabschiedet.

Abends wartet Ines mit ihren Freundinnen Steph (Lucy Russell) und Tatjana (Hadewych Minis) in einem Restaurant auf einen frei werdenden Tisch. Unerwartet taucht Winfried Conradi auf, mit Zottelperücke und falschem, vorstehenden Gebiss. Er stellt sich als „Business Man“ Toni Erdmann vor und lädt die Damen auf ein Glas Champagner ein. Ines ist entsetzt, aber ihre Freundinnen finden den schrulligen Fremden recht amüsant, der behauptet, wegen eines Modezahnarztes nach Bukarest gekommen zu sein und erzählt, sein Freund Ion Tiriac trauere um eine kürzlich im Alter von 45 Jahren gestorbene Schildkröte.

Einmal versteckt er sich im Kleiderschrank seiner Tochter und erschreckt sie. Dann kettet er sie zum Spaß mit Handschellen an sich – und findet den Schlüssel nicht mehr. Notgedrungen nimmt ihn Ines, die von einem Chauffeur abgeholt wird, zum nächsten Termin mit. Ein paar zu Hilfe gerufene Rumänen basteln einen Dietrich und öffnen damit die Handschellen. Ines stellt Illiescu (Vlad Ivanov), dem Chef des Unternehmensbereichs, dessen Belegschaft durch Outsourcing drastisch reduziert werden soll, „Toni Erdmann“ als erfahrenen Kollegen vor. Auf dem Ölfeld macht er mit zwei Arbeitern Spaß und veranlasst ungewollt einen der beiden zu einem Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften. Illiescu feuert den Mann auf der Stelle, obwohl Toni Erdmann ihn beschwört, es nicht zu tun.

Danach klingelt Toni Erdmann bei Flavia (Victoria Cociaş), die ihm beim Empfang des amerikanischen Botschafters von der Tradition des Ostereier-Färbens erzählte und der gegenüber er sich als deutscher Botschafter in Rumänien ausgab. Obwohl sie zahlreiche Gäste hat und den wirklichen deutschen Botschafter persönlich kennt, ist Flavia bereit, ihm und seiner Begleiterin, die er als seine Sekretärin Miss Schnuck vorstellt, die Technik des Eiermalens vorzuführen. Als Toni Erdmann in der Wohnung ein Keyboard entdeckt, bringt er „Whitney Schnuck“ dazu, den Song „Greatest Love of All“ von Whitney Houston zu schmettern.

An ihrem Geburtstag hat Ines Freunde und Kollege zu einem Brunch in ihr Apartment eingeladen. Die Party soll auch das von ihrem Chef Gerald (Thomas Loibl) angemahnte Teambuilding fördern. Nachdem der Catering Service alles aufgebaut hat, zieht Ines ein zum Anlass passendes Kleid an. Das findet sie zu unbequem, und sie ist gerade dabei, es wieder abzulegen, als es klingelt. Kurz entschlossen öffnet sie die Tür, obwohl sie nur mit einem Slip bekleidet ist. Ihre Freundin Steph nimmt an, dass Ines mit dem Anziehen in Verzug sei. Umso verblüffter ist sie, als Ines auch noch den Slip abstreift, bevor sie erneut zur Tür geht und Gerald erklärt, es handele sich um eine Nacktparty. Weil Steph nicht dem Beispiel der Freundin folgen möchte, wirft Ines sie hinaus. Gerald und Ines‘ rumänische Assistentin Anca (Ingrid Bisu) kommen hüllenlos aus dem Treppenhaus herein. Der Kollege Tim (Trystan Pütter), mit dem Ines eine Affäre hatte, gibt nur ein Geburtstagsgeschenk ab. Winfried Conradi taucht im Kukeri-Kostüm auf, verlässt aber nach wenigen Minuten die Wohnung wieder. Ines läuft ihm nach und wirft sich wie ein Kind in die Arme des gesichtslosen Zottelmonsters.

Einige Zeit später fliegt Ines Conradi zur Beerdigung ihrer Großmutter nach Deutschland. Sie wird in Kürze zu einem anderen Consulting-Unternehmen und von Rumänien nach Singapur wechseln, also noch weiter weg sein.

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Maren Ade kritisiert in der Tragikomödie „Toni Erdmann“ unser Wirtschaftssystem, in dem sich Karrieristen und Karrierefrauen selbst mit eiserner Disziplin bis zur Erschöpfung ausbeuten. Was sie tun, ist das Gegenteil von Selbstfindung. „Toni Erdmann“ zeigt uns eine Geschäftswelt, die von Abhängigkeiten geprägt ist und in der aus Kostengründen mehr oder weniger verschämt Arbeitsplätze durch Outsourcing abgebaut werden. Auf die Frage, was sie unter Glück verstehe, denkt die ehrgeizige Unternehmensberaterin Ines Conradi an einen Kino-Besuch. Das ist bezeichnend, denn im Kino gibt es lediglich auf der Leinwand vorgegaukeltes Glück. Ines Conradi trainiert mit einem Coach (Nicolas Wackerbarth) via Skype nicht nur Rhetorik, sondern auch Körpersprache. Einstudiertes Verhalten schafft Erfolg. Ines bewegt sich zwar ständig unter Leuten, ist aber dennoch einsam.

Parallel dazu erzählt Maren Ade in „Toni Erdmann“ von einer gestörten Vater-Tochter-Beziehung. Der karrieregeilen Unternehmensberaterin ist der ständig zu Späßen aufgelegte Vater peinlich. Es ist wohl kein Zufall, dass sie sich von Aachen nach Bukarest abgesetzt hat und am Ende noch weiter weg zieht. Winfried Conradi, einem pensionierter Musiklehrer und Alt-Achtundsechziger, ist die disziplinierte Zielstrebigkeit der Tochter völlig fremd, aber er will sie nicht ganz verlieren und wird darüber zum grotesken Stalker.

Die von dem Amerikaner Andy Kaufman in den Siebzigerjahren erfundene, aber auch von anderen Entertainern gespielte Figur Tony Clifton habe sie zu „Toni Erdmann“ inspiriert, erklärt Maren Ade. Man könnte auch an Hape Kerkeling als Horst Schlämmer denken.

Maren Ade nimmt sich viel Zeit, die Geschichte zu entwickeln. Ihr geht es weder um prägnante Szenen, noch um glanzvolle Bilder, und auf eine Musikuntermalung verzichtet sie ganz. „Toni Erdmann“ wirkt unspektakulär. Der Burgschauspieler Peter Simonischek kann in der clownesken Maske nicht viel von seinem Können zeigen, aber Sandra Hüller beeindruckt mit einer sowohl nuancen- und facettenreichen als auch mutigen Darstellung.

Die Dreharbeiten für „Toni Erdmann“ fanden von Juni bis September 2014 in Aachen und Bukarest statt. Erstmals vorgeführt wurde die Tragikomödie von Maren Ade bei den 69. Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Mai 2016. Erstmals seit „Palermo Shooting“ (2008) von Wim Wenders bewarb sich damit wieder ein deutscher Film um die „Goldene Palme“, die dann allerdings für das Sozialdrama „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach verliehen wurde.

Die deutsche Erstaufführung erfolgte am 23. Juni 2016 bei der Eröffnung des Filmfestes München. Am 24. Juli kam „Toni Erdmann“ in die Kinos.

Am 10. Dezember 2016 wurde „Toni Erdmann“ in Breslau mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, und zwar in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Darstellerin (Sandra Hüller) und Bester Darsteller (Peter Simonischek).

Außerdem schaffte es „Toni Erdmann“ auf die Longlist der Nominierungen für einen „Oscar“ in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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