So viele Jahre liebe ich dich

So viele Jahre liebe ich dich

So viele Jahre liebe ich dich

So viele Jahre liebe ich dich – Originaltitel: Il y a longtemps que je t'aime – Regie: Philippe Claudel – Drehbuch: Philippe Claudel – Kamera: Jérôme Alméras – Schnitt: Virginie Bruant – Musik: Jean-Louis Aubert – Darsteller: Kristin Scott Thomas, Elsa Zylberstein, Laurent Grévill, Serge Hazanavicius, Frédéric Pierrot, Lise Ségur, Claire Johnston u.a. – 2008; 115 Minuten

Inhaltsangabe

In einem langwierigen Prozess findet eine Frau sich nach einem 15 Jahre langen Gefängnisaufenthalt allmählich wieder im "normalen" Leben zurecht und öffnet sich gegenüber anderen Menschen. Parallel dazu arbeiten sie und ihre jüngere Schwester, der die Eltern jeden Kontakt mit ihr verboten hatten, an ihrem gestörten Verhältnis ...
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Kritik

"So viele Jahre liebe ich dich", der Debütfilm von Philippe Claudel, zeichnet sich durch ein gut durchdachtes Drehbuch, eine subtile Figurenzeichnung und eine außergewöhnliche schauspielerische Leistung von Kristin Scott Thomas aus.
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Eine Dame Ende vierzig sitzt einsam in der Wartehalle des Flughafens von Nancy. Ihr ungeschminktes Gesicht ist von Leid gezeichnet. Sie heißt Juliette Fontaine (Kristin Scott Thomas). Ihre zehn Jahre jüngere Schwester Léa (Elsa Zylberstein), die sie abholen wollte, verspätet sich. Schließlich kommt sie gelaufen.

Léa ist Literatur-Dozentin. Sie und ihr Ehemann Luc (Serge Hazanavicius), der in einer Lexikon-Redaktion beschäftigt ist, haben in Vietnam zwei Mädchen adoptiert: die jetzt achtjährige P’tit Lys (Lise Ségur) und die einige Jahre jüngere Emelia (Lily-Rose). Eigene Kinder wollte Léa nicht. Mit im Haus lebt Lucs Vater Paul (Jean-Claude Arnaud), der seit einem Schlaganfall nicht mehr sprechen kann und seine Zeit mit Lesen verbringt. Nun soll auch Juliette für einige Zeit bei ihnen wohnen.

Léa ist offen, lebensfroh und positiv eingestellt, hat viel zu tun und schätzt ihre Freunde. Juliette spricht dagegen während der Autofahrt mit ihrer Schwester kaum ein Wort. Sie bleibt verschlossen, auch als Léa sie in ihrem Haus herzlich umarmt und willkommen heißt.

Beim ersten gemeinsamen Abendessen fragt Lys, wo ihre Tante die ganze Zeit über gewesen sei. Juliette erklärt ihr, sie habe eine lange Reise unternommen. Als das Kind mehr darüber wissen will, wird es von den Eltern aufgefordert, den Mund zu halten. Im Schlafzimmer lässt Luc später keinen Zweifel daran, dass ihm die Anwesenheit seiner Schwägerin missfällt.

Juliette verbüßte eine fünfzehn Jahre lange Haftstrafe. Sie muss sich alle zwei Wochen bei der Polizei melden. Capitaine Fauré (Frédéric Pierrot) begegnet ihr ohne Vorurteile und vertraut ihr seine eigenen Probleme an. Seit dem Scheitern seiner Ehe ist er einsam und depressiv. Er träumt von einer Reise an den Orinoco, kann sich dazu jedoch nicht aufraffen.

In einem Café tauschen Léa und Juliette Erinnerungen an früher aus, als die Jüngere noch ein Kind war. Nachdem ihre Juliette verurteilt worden war, verboten die Eltern Léa jeden Kontakt mit der Inhaftierten. Die alten Bekannten wussten, dass Juliette ein Tabu-Thema war, und die neuen Bekannten hielten Léa für ein Einzelkind. Als der französische Vater 1999 auf dem Sterbebett lag, ließ er Léa schwören, dass sie Juliette nicht über seinen Tod informieren würde. Die aus England stammende Mutter (Claire Johnston) lebt seit 2003 geistig verwirrt in einem Pflegeheim und erkennt selbst ihre jüngere Tochter nicht mehr. Léa bedauert es, ihre Schwester kein einziges Mal im Gefängnis besucht zu haben, und sie ist durch die Rolle, die ihr die Eltern aufzwangen, verunsichert. Sie vermeidet es, das Wort „Gefängnis“ in den Mund zu nehmen und benutzt stattdessen Umschreibungen, bis Juliette sie zurechtweist: „Es heißt Gefängnis! Du weißt, was ein Gefängnis ist? Ich, deine Schwester, war im Gefängnis.“

In einer Bar wirft Juliette einem anderen Gast (Pascal Demolon) Blicke zu, bis er merkt, dass sie es auf raschen Sex abgesehen hat und mit ihr in ein Hotel geht. Während er sich wieder anzieht, fragt er eitel, ob es ihr gefallen habe. Juliette antwortet mit „nein“, meint aber beschwichtigend, es sei nicht weiter wichtig.

Anfangs reagiert Juliette genervt auf Lys‘ neugierige Fragen, aber das Mädchen mag sie trotzdem und lässt sich beispielsweise lieber von ihrer Tante als von ihrem Vater eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Allmählich öffnet Juliette sich gegenüber dem Kind. Nicht, dass sie Fragen nach ihrer Vergangenheit beantworten würde, aber sie bringt Lys das Klavierspielen bei.

Léa ist überrascht, als sie hört, wie Juliette und Lys Klavier spielen. Auf Wunsch ihrer Adoptivtochter setzt sie sich neben ihre Schwester und spielt mit ihr zusammen das Stück „À la claire fontaine“: „Il y a longtemps que je t’aime, jamais je ne t’oublierai“.

Die korpulente Bewährungshelferin (Catherine Hosmalin) vermittelt Juliette ein Vorstellungsgespräch als Sekretärin. Als sich der Firmenchef nach dem Grund ihrer Haftstrafe erkundigt und sie ihm unumwunden sagt, man habe sie wegen der Ermordung ihres sechsjährigen Sohnes Pierre verurteilt, reagiert er schockiert und wirft er sie hinaus.

Luc freut sich, als Léa ihn abholt und mit ihm zuerst ins Kino und dann in ein Restaurant gehen möchte. Er nimmt an, das Hausmädchen passe auf die Kinder auf. Als er begreift, dass die Mädchen mit seiner Schwägerin und seinem behinderten Vater allein sind, kann er es kaum fassen und fragt Léa entsetzt, ob sie vergessen habe, dass diese Frau ihr eigenes Kind ermordete. Besorgt eilt er nach Hause.

Bei einem Ausflug mit Lucs und Léas Freunden lässt sich Gérard (Olivier Cruveiller), der etwas zu viel getrunken hat, nicht davon abhalten, immer wieder nach Juliettes Geheimnis zu fragen. Schließlich antwortet Juliette, sie habe eine fünfzehnjährige Haftstrafe wegen Mordes verbüßt. Über diesen vermeintlichen Witz wird laut gelacht. Nur der verwitwete Literaturprofessor Michel (Laurent Grévill) spürt, dass Juliette die Wahrheit sagte. Er bringt sie nach Hause. Als er sie zum Abschied küssen möchte, entzieht sie sich ihm sanft und erklärt ihm, noch nicht so weit zu sein.

Inzwischen hat Juliette sich als Sekretärin im Krankenhaus beworben. Dabei war sie früher selbst Ärztin. Sie wird auf Probe eingestellt.

Luc stürzt von einer Leiter. Seine Schwägerin renkt ihm die schmerzende Schulter fachgerecht wieder ein. Dies ist der äußere Anlass für ihn, seine ablehnende Haltung gegenüber Juliette aufzugeben. Einige Tage später haben sowohl er als auch Léa bis in den späten Abend beruflich zu tun, und diesmal schlägt Luc vor, Juliette könne auf die Mädchen aufpassen.

Als Juliette sich das nächste Mal bei der Polizei melden muss, wird sie von einem ihr unbekannten Beamten empfangen. Capitaine Fauré nahm sich vor zehn Tagen durch einen Schuss in den Mund das Leben [Suizid].

Nach Ablauf der Probezeit wird Juliette im Krankenhaus fest eingestellt. Daraufhin beschließt sie, sich eine eigene Wohnung zu suchen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Emelia bringt ihrer Mutter, die gerade Staub saugt, einen Laborbericht, der neben Juliettes Bett am Boden lag. Léa lässt sich von dem mit ihr und Luc befreundeten Arzt Samir (Mouss Zouheyri) erklären, was die Werte bedeuten. Auf diese Weise erfährt sie, dass ihr Neffe Pierre todkrank war. Sie spricht ihre Schwester darauf an, und Juliette redet zum ersten Mal darüber, was damals geschah. Pierre schrie vor Schmerzen und drohte zu ersticken. Um ihm ein qualvolles Sterben zu ersparen, injizierte sie ihm eine tödliche Dosis Betäubungsmittel. Sie leistete Sterbehilfe. Nach dem Tod ihres Sohnes wartete sie nur noch auf ihre Festnahme, und vor Gericht schwieg sie. Ihre Ehe war schon vorher zerbrochen.

Während die Schwestern noch zusammensitzen, ruft Michel, ob jemand da sei. Juliette antwortet: „Ich bin da!“

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In seinem Debütfilm „So viele Jahre liebe ich dich“ zeigt der französische Schriftsteller Philippe Claudel (* 1962), wie eine Frau sich nach einem fünfzehn Jahre langen Gefängnisaufenthalt in einem langwierigen Prozess allmählich wieder im „normalen“ Leben zurechtfindet und sich gegenüber anderen Menschen öffnet. Parallel dazu beschäftigt sich Philippe Claudel eingehend mit dem gestörten Verhältnis der Protagonistin Juliette und ihrer jüngeren Schwester Léa, der die Eltern jeden Kontakt mit ihr verboten hatten.

Hervorzuheben ist das durchdachte und ideenreiche Drehbuch. Nur die am Schluss gegebene Erklärung von Juliettes Motiven wirkt zu glatt. Da wäre es besser gewesen, wenn sich Philippe Claudel auf Andeutungen beschränkt hätte.

„So viele Jahre liebe ich dich“ ist ein ergreifendes, realistisch wirkendes Familiendrama und aufgrund der einfühlsamen Beobachtung der Figuren eine subtile psychologische Studie. Entscheidenden Anteil am Erfolg des Films hat Kristin Scott Thomas. Trotz einer bewusst zurückgenommenen Mimik und Gestik gelingt es Kristin Scott Thomas, Verlorenheit, Selbsthass und Verzweiflung nuanciert auszudrücken. Und sie lässt uns die allmähliche Entwicklung Juliettes nachvollziehen. Für diese außergewöhnliche schauspielerische Leistung hätte Kristin Scott Thomas zweifellos einen „Oscar“ verdient.

Das Gesicht von Kristin Scott Thomas dabei wird man nicht mehr vergessen, so andersartig schön, dass es nicht nur Verlust und Einsamkeit vermittelt, sondern auch die Hoffnung auf die Überwindung des Schmerzes. (Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 13. November 2008)

Der Titel des hervorragenden Films bezieht sich auf den Anfang des Liedes, das Juliette und Léa zusammen am Klavier spielen: „À la claire fontaine“: „Il y a longtemps que je t’aime, jamais je ne t’oublierai“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010

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