Marquis de Sade


Donatien Alphonse-François Marquis de Sade wurde am 2. Juni 1740 in Paris als Spross eines traditionsreichen, aber verarmten provenzalischen Adelshauses geboren. Seine Mutter war entfernt mit den Bourbonen verwandt. Eigentlich sollte er Louise Aldonse Donatien heißen, wurde jedoch irrtümlich bei der Taufe in der Kirche Saint-Sulpice unter dem Namen Donatien Alphonse-François eingetragen. Er wuchs in Paris und bei Verwandten in der Provence auf. Vom zehnten bis vierzehnten Lebensjahr besuchte de Sade das Jesuitenkolleg Louis-le-Grand in Paris und anschließend eine Militärakademie für junge Hochadelige. Am Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) nahm er als Kavallerieoffizier teil.

Aus finanziellen Gründen heiratete Marquis de Sade 1763 Renée-Pélagie de Montreuil, eine Frau aus einer weniger angesehenen, aber um so reicheren Familie. Im Jahr darauf erbte er von seinem Vater das Amt des königlichen Generalleutnants der an die Schweiz grenzenden Provinzen Bresse, Bugey, Valromey und Gex – aber dabei handelte es sich mehr oder weniger um ein Ehrenamt.

Mit seiner Frau bekam de Sade drei Kinder. Er führte ein ausschweifendes Leben, trieb sich mit Prostituierten herum und soll mit seiner Frau zusammen sowohl junge Diener als auch Zofen und Hausmädchen verführt haben. Als eine junge Frau den Marquis de Sade 1768 beschuldigte, er habe sie ausgepeitscht und zum Analverkehr gezwungen, wurde er festgenommen. Obwohl es nicht zu einer Gerichtsverhandlung kam, weil die Klägerin die Anzeige gegen eine Geldzahlung zurücknahm, verließ De Sade mit seiner Familie Paris und zog auf sein Schloss La Coste in der Provence. 1772 behaupteten Prostituierte in Marseille, Marquis de Sade habe ihnen Anisbonbons, die Kanthandrin enthielten, gegeben und sie zu einer perversen Orgie verführt. Eine der Frauen starb an dem Gift. Dafür wurde er in Abwesenheit zum Tod verurteilt.

De Sade war rechtzeitig nach Italien geflohen. Weil er sich dabei von einer jungen Schwägerin, einem Stiftsfräulein, begleiten ließ und sie dadurch entehrte, sorgte seine Schwiegermutter für die Ausstellung eines königlichen Haftbefehls. Als de Sade 1777 nach Paris zurückkehrte, wurde er prompt festgenommen und in der Festung Vincennes eingesperrt. Das Todesurteil wurde allerdings im Jahr darauf zurückgezogen.

1784 brach de Sade aus, wurde jedoch wieder aufgegriffen und in die Pariser Stadtfestung Bastille gebracht. Er durfte sich Speisen von außerhalb bringen lassen und uneingeschränkt Bücher lesen. Heimlich begann er zu schreiben.

Das literarische Werk des Marquis de Sade ist umfangreicher und vielseitiger als allgemein bekannt. In seinen Romanen dachte er sich ausgefallene Sexualpraktiken aus und schilderte besonders genussvoll Perversionen, für die später der von seinem Namen abgeleitete Begriff „Sadismus“ aufkam. De Sade war Atheist und verwarf alle ethischen Normen. Er glaubte an das Recht des Stärkeren, vertrat einen hemmungslosen individualistischen Hedonismus und forderte die Abschaffung der Monarchie und der Religion sowie Straffreiheit für Mord, Inzest und Ehebruch.

Charakteristisch für de Sade ist der Dialogroman „La philosophie dans le boudoir ou Les instituteurs immoraux“ („Die Philosophie im Boudoir oder Die unmoralischen Lehrmeister“).

Darin geht es um die sowohl sexuelle als auch intellektuelle Initiation der fünfzehnjährigen Eugénie de Mistival durch Madame de Saint-Ange, ihren Bruder Mirvel und einen Freund namens Dolmancé. Unter Anleitung der drei „unmoralischen Lehrmeister“, die in Gesprächen die von Eugénie aufgrund ihrer Erziehung entwickelten Moralvorstellungen zerstören, wird das Mädchen von einem Bauernburschen defloriert und in verschiedene Sexualpraktiken eingewiesen. Als ihre fromme Mutter besorgt herbeieilt, wird sie vor den Augen ihrer Tochter vergewaltigt.

Unmittelbar vor dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 wurde Marquis de Sade in die Irrenanstalt von Charenton gebracht. Im weiteren Verlauf der Französischen Revolution kam er 1790 frei.

Renée-Pélagie de Montreuil hatte sich inzwischen von ihm scheiden lassen. De Sade wohnt nun mit Marie Constanze Quesnet („La Sensible“) und deren Sohn zusammen.

Obwohl er sich den Jakobinern anschloss und den Sozialismus propagierte, behielt er sein Schloss La Coste und sein Familienvermögen. Als Kritiker des asketischen Fanatikers Maximilien Robespierre wurde de Sade während der so genannten Schreckensherrschaft eingesperrt und zum Tod verurteilt. Die Hinrichtung Robespierres am 28. Juli 1794 rettete ihm selbst das Leben: Unter der Herrschaft des Direktoriums wurde er freigelassen, musste allerdings seinen restlichen Besitz verkaufen und geriet in finanzielle Schwierigkeiten.

Unter Napoleon Bonaparte wurde er 1801 erneut eingesperrt, 1803 für geisteskrank befunden und wieder nach Charenton gebracht. In der Irrenanstalt inszenierte er Theaterstücke und schrieb die Romanbiografien „Adélaïde de Brunswick, princesse de Saxe“ (1812), „La Marquise de Gange“ (1813) und „Histoire secrète d’Isabelle de Bavière“ (1813). Am 2. Dezember 1814 starb Donatien Alphonse-François Marquis de Sade in Charenton im Alter von vierundsiebzig Jahren.

Peter Weiss machte in seinem Drama „Die Verfolgung und Ermordung des Jean-Paul Marat, dargestellt durch die Schauspielergruppe des Hospizes zu Charenton unter der Regie des Herrn de Sade“ (1964) aus Donatien Alphonse-François Marquis de Sade eine Figur, einen desillusionierten Anhänger der Französischen Revolution, der seine hedonistische und individualistische Lebensauffassung vertritt und damit den Gegenpol zu dem – am 13. Juli 1793 von Charlotte Corday ermordeten – überzeugten Revolutionär Jean-Paul Marat bildet.

Der 1785 nach dem Vorbild des „Dekameron“ entstandene Episodenroman „Les cent-vingt journées de Sodome ou L’école du libertinage“ („Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung“) wurde 1904 von Iwan Bloch wieder entdeckt und veröffentlicht. Pier Paolo Pasolini verwendete die von de Sade geschilderte hundertzwanzigtägige Orgie mit einer Gruppe von versklavten Jungen und Mädchen, in der das Böse zur Tugend verkehrt wird, als literarische Vorlage für seinen gleichnamigen, 1944 in der faschistischen Republik von Salò spielenden Film (1975).

Einen Film über Donatien Alphonse-François Marquis de Sade inszenierte Benoît Jacquot unter dem Titel „Sade“ (2000).

Donatien Alphonse-François Marquis de Sade: Bibliografie (Auswahl)

  • Les cent-vingt journées de Sodome ou L’école du libertinage (1904;
    Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung)
  • Aline et Valcour ou Le roman philosophique (1793;
    Aline und Valcour oder Der philosophische Roman)
  • La philosophie dans le boudoir ou Les instituteurs immoraux (1795;
    Die Philosophie im Boudoir oder Die unmoralischen Lehrmeister)
  • La nouvelle Justine ou Les malheurs de la vertu (1797;
    Justine oder das Missgeschick der Tugend)
  • Les crimes de l’amour (1800; Verbrechen der Liebe)
  • La Marquise de Gange (1813; Die Marquise de Gange)

© Dieter Wunderlich 2006

Benoît Jacquot: Sade

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