Das Mädchen Rosemarie

Das Mädchen Rosemarie

Das Mädchen Rosemarie

Originaltitel: Das Mädchen Rosemarie - Regie: Bernd Eichinger - Drehbuch: Bernd Eichinger und Uwe Wilhelm - Kamera: Gernot Roll - Schnitt: Alexander Berner - Musik: Norbert J. Schneider - Darsteller: Nina Hoss, Til Schweiger, Heiner Lauterbach, Mathieu Carrière, Hannelore Elsner, Katja Flint, Horst Krause, Hanns Zischler, Ivan Desny, Nikolaus Paryla, Rosemarie Nitribitt, Heidemarie Rohwedder, Helmut Krausser u.a. - 1996; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Das 19-jährige Mädchen Rosemarie wird 1952 in ein Arbeitshaus für schwer erziehbare Jugendliche in Frankfurt-Höchst gesperrt. Gleich bei der Aufnahme, als man ihr die goldfarbenen Pumps wegnehmen will, schlägt sie einer Aufseherin ein Auge blau und beißt deren Kollegen in den Arm. Anschließend kommt der wütende Beamte zu ihr in die Zelle und ohrfeigt sie. Da knöpft Rosemarie ihre Bluse auf ... – So beginnt die Spielfilmhandlung.
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Kritik

"Das Mädchen Rosemarie" ist ein hervorragend inszenierter Spielfilm über die Frankfurter Edelhure Rosemarie Nitribitt, deren Tod 1957 einen Skandal auslöste. Die Handlung ist allerdings weitgehend fiktiv.
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Die neunzehnjährige Rosemarie Nitribitt (Nina Hoss) wird 1952 in ein Arbeitshaus für schwer erziehbare Jugendliche in Frankfurt-Höchst gesperrt. Gleich bei der Aufnahme, als man ihr die goldfarbenen Pumps wegnehmen will, schlägt sie einer Aufseherin ein Auge blau und beißt deren Kollegen in den Arm. Anschließend kommt der wütende Beamte zu ihr in die Zelle und ohrfeigt sie. Da knöpft Rosemarie ihre Bluse auf, legt sich auf die Pritsche, zieht den Rock hoch und spreizt die Beine. Nachdem der Mann über sie hergefallen ist, zerkratzt sie sich mit ihren langen Fingernägeln das Gesicht und droht ihm mit einer Anzeige wegen Vergewaltigung. Mit dieser Erpressung erreicht sie, dass er sie entkommen lässt.

Die nächste Szene spielt 1954. Rosemarie streitet sich mit ihren Frankfurter Pflegeeltern. Sie kritisieren ihr aufreizendes Aussehen und werfen ihr vor, dass sie sich nächtelang mit wechselnden Männern in Bars herumtreibt. Der Pflegevater zerknüllt eine der Illustrierten, die sie sich kauft und schreit: „Das ist nicht unsere Welt! Wir müssen arbeiten!“ Rosemarie erwartet jedoch mehr vom Leben. Sie läuft fort und winkt als Anhalterin nach einem Auto.

Ein Kleinkrimineller namens Freddy Nadler (Til Schweiger) nimmt sie mit, und sie zieht zu ihm. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Bardame. An einem Abend im Jahr 1956 amüsiert sich in der Bar ein dickleibiger Unternehmer aus dem

Ruhrgebiet, der Sekt ausgibt und links und rechts ein Mädchen im Arm hält. Seinen Geschäftspartner Konrad Hartog (Heiner Lauterbach) widert das an. Er verlässt das Lokal. Beim Anfahren taucht plötzlich Rosemarie im Scheinwerferlicht auf. Ein dumpfer Schlag. Er hat sie angefahren. Verletzt ist sie nicht, aber sie bittet ihn, auf dem Weg in sein Hotel bei ihrer Wohnung vorbeizufahren und sie dort abzusetzen. Nach dem ersten Schock kommt ihm der Verdacht, dass sie ihm bewusst ins Auto gelaufen ist. Er betont, dass er nicht auf erotische Abenteuer aus sei, aber er kann ihrer Verführung dann doch nicht widerstehen. Konrad Hartog mietet für Rosemarie Nitribitt eine Wohnung und gibt ihr Geld für schöne Kleider. Ihr Traum von einem Luxusleben scheint in Erfüllung zu gehen.

Freddy Nadler, der zum Abschied von ihr ein paar Hundert-Mark-Scheine bekam, droht ihr, sich an Hartog zu wenden und erpresst sie um weiteres Geld.

Im nagelneuen zinnoberroten Mercedes Cabriolet fahren Konrad und Rosemarie ins Grüne. Es regnet, doch sie besteht darauf, offen zu fahren, und obwohl ihr Führerschein erst zwei Tage alt ist, lässt er sie ans Steuer. Bei einem vornehmen Reiterrestaurant halten sie. Da sitzen auch Hartogs verwitwete Schwester (Hannelore Elsner) und ihr Freund, Heinz Bernhard Fürst von Ölsen. Gleich wird hier der Empfang eines Firmenkonsortiums für den französischen Geschäftspartner Fribert (Mathieu Carrière) beginnen. Hartog hat es völlig vergessen, obwohl er dazugehört. Seine Schwester überzeugt ihn davon, dass er sich nicht mit seiner Geliebten sehen lassen könne – zumal alle wüßten, dass er verlobt sei. Er schickt Rosemarie weg, steckt ihr Geld zu und leiht ihr sogar seinen Wagen.

Durch Zufall trifft sie an einer Tankstelle den Franzosen, der sich verfahren hat. Er lässt sich von ihr zu dem Empfang begleiten – wo sie bald von den Herren umringt wird.

Hartog begreift allmählich, dass er durch eine Fortsetzung der Affäre seine Verlobung mit Christine Bergmann (Katja Flint) gefährden und sein gesellschaftliches Ansehen ruinieren würde. Um sich von seiner Geliebten zu trennen, lügt er gegenüber Christine, er müsse zu einem Kongress nach München und fährt nach Frankfurt. Als Rosemarie begreift, warum er gekommen ist, entgegnet sie: „Ich bin nicht so gebildet wie du, aber eines weiß ich genau. Es gibt nur zwei Dinge im Leben, die zählen: Geld und Sex!“ Zum Abschied verlangt sie sein Mercedes Cabriolet.

Rosemarie zieht in eine Wohnung, die Fribert für sie eingerichtet hat. Er macht ihr klar, dass es ihm dabei nicht um Privates gehe. Als Gegenleistung dafür, dass er ihr zeigt, wie man sich in der gehobenen Gesellschaft benimmt, soll sie mit seinen deutschen Geschäftspartnern ins Bett gehen und dabei ein Tonbandgerät laufen lassen. Rosemarie ist einverstanden.

Als erstes taucht sie in einer Hotelhalle auf, in der drei der Herren sitzen, die sie auf dem Empfang für Fribert kennen gelernt hat. Sie nimmt den dicken Ruhrindustriellen (Horst Krause) auf die Seite und fordert ihn auf, die Nacht mit ihr zu verbringen. Wieviel sie dafür verlange, fragt er. 1000 Mark. Er schluckt und meint, so viel müsse er nicht einmal in Paris bezahlen. Da öffnet sie kurz ihren Mantel, unter dem sie nicht einmal ein Höschen trägt und verdoppelt den Preis.

Nach und nach bekommt sie alle ins Bett, die Unternehmer ebenso wie den Minister Hoff (Hanns Zischler), der mit ihnen zusammenarbeitet.

Als Fribert ihr eines Abends sagt, er gehe jetzt in die Oper und werde dort auch Hartog und dessen Verlobte treffen, stiehlt sie ihm die Karte. In der Pause steht sie plötzlich neben ihrem früheren Geliebten an der Bar. Als dessen Verlobte dazukommt, sagt sie: „Konrad, willst du mich der Dame nicht vorstellen?“ Christine meint erstaunt: „Ich dachte, ich hätte bereits alle Freunde Konrads kennen gelernt, aber wir sind uns noch nicht begegnet.“ Darauf antwortet Rosemarie: „In meinem Gewerbe ist man auf Diskretion bedacht.“

Einen Tag bevor der Vertrag zwischen ihm und dem deutschen Firmenkonsortium unterzeichnet werden soll, versucht Fribert seine Geschäftspartner mit den Tonbandaufnahmen zu erpressen. Als er die Bänder von Rosemarie holen will, stellt er fest, dass ihre Wohnung duchwühlt wurde, und sie berichtet ihm, man habe sie in der Parkgarage verfolgt. Die Bänder hat sie jedoch anderswo versteckt. Wo, das verrät sie auch Fribert nicht. Es sei auch eine Aufnahme von ihm dabei, erklärt sie. Wütend droht Fribert: „Ich mache dich fertig. Und wenn nicht ich, dann tun es die anderen.“

Beim nächsten Treffen mit seinen deutschen Geschäftspartnern muss Fribert zugeben, dass er nicht über die Bänder verfügt. Da kommt die Nachricht, Rosemarie sitze in der Hotelbar und erwarte dort Konrad Hartog. Er geht hinterunter, bietet ihr 300 000 Mark für die Bänder, aber sie beteuert, es käme ihr nicht auf das Geld an, sondern sie wolle nur, dass er zu ihr zurückkehre. Dazu ist Hartog nicht bereit. Ohne die Bänder kehrt er in den Konferenzraum zurück.

Am 29. Oktober 1957 wird die Vierundzwanzigjährige in ihrem Apartment erdrosselt.

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Die Ermordung von Rosemarie Nitribitt (1933 – 1957) löste einen Skandal aus. Die meisten Deutschen erinnerten sich trotz des Wirtschaftswunders lebhaft an die Entbehrungen der Nachkriegsjahre und mussten für ihr Geld hart arbeiten. Sie staunten, als sie aus der Zeitung erfuhren, welch ein Luxusleben die Frankfurter Edelhure geführt hatte. Dann fand die Polizei auch noch heraus, dass Prominente mit Rosemarie Nitribitt verkehrt hatten. Und weil der Mord nie aufgeklärt wurde, hieß es bald, die Täter seien in Kreisen zu suchen, die durch ihren Einfluss verhinderten, dass die Ermittler die Wahrheit herausfanden.

Aus diesem faszinierenden Stoff formte Bernd Eichinger einen packenden und perfekt inszenierten Spielfilm, dessen Handlung allerdings weitgehend fiktiv ist [Kurzbiografie der wahren Rosemarie Nitribitt].

Das Mädchen Rosemarie führt ein kurzes, gieriges, im Grunde einsames Leben. Obwohl sie sich prostituiert, versucht sie ihre Identität nicht zu verlieren. Zu Konrad Hartog sagt sie: „Dass du mir Geld gibst, heißt nicht, dass du mich besitzt!“ Sie nützt die Männer aus – und wird ihrerseits von ihnen missbraucht.

„Das Mädchen Rosemarie“ ist bis in die Nebenrollen mit erstklassigen Stars besetzt. Nina Hoss in der Hauptrolle erwies sich als Glücksgriff: Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch die Ernst-Busch Schauspielschule in Berlin besuchte, spielte sie die selbstbewusste Jugendliche ebenso überzeugend wie die berechnende Edelhure, die sich nach Konrad Hartog verzehrt. „Viel gefährlicher kann die Nitribitt nicht gewirkt haben“, meint die Süddeutsche Zeitung (13. November 1996).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2007

Rosemarie Nitribitt (kurze Biografie)

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