Thomas Hürlimann : Das Gartenhaus

Das Gartenhaus
Das Gartenhaus Erstausgabe: Ammann Verlag, Zürich 1989
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem frühen Tod des einzigen Sohnes wünscht sich der pensionierte Oberst einen Rosenstock für das Grab, aber seine Frau Lucienne lässt stattdessen einen monumentalen Grabstein setzen. Als er auf dem Friedhof eine ausgemergelte streunende Katze bemerkt, kümmert sich der ehemalige Nachschuboffizier um ihre Versorgung -- glaubt das aber unter allen Umständen seiner Frau verheimlichen zu müssen. ...
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Kritik

In der melancholischen Novelle "Das Gartenhaus" geht es um das Altern und den Tod, ein bitteres Thema, dem sich Thomas Hürlimann ohne falsche Sentimentalität nähert. Obwohl viele der Szenen komisch und grotesk sind, gibt er seine Protagonisten nie der Lächerlichkeit preis und zieht sich auch nicht in die Distanz eines Satirikers zurück.

Luciennes Vater war Textilfabrikant. Er starb im dritten Kriegswinter. In seiner „wie ein Kriegsschiff“ eingerichteten Villa „Laetitia“ („nichts Überflüssiges an Bord, keine Weiber, keine Bilder, keine Tiere“) wohnt Lucienne jetzt mit ihrem Mann, der 1945 „ihren Weg kreuzte“. Er war in den Bergen aufgewachsen, befehligte eine Gebirgstruppe — und wurde dann Kapitän in der Villa „Laetitia“.

Die beiden haben mehrere Töchter. Bei der Geburt ihres einzigen Sohnes wäre Lucienne beinahe gestorben, und der Säugling musste ein halbes Jahr lang im Brutkasten liegen.

Noch bevor der Sohn auf die Rekrutenschule kam, wurde er krank. Im Gartenhaus baute sein Vater mit ihm und einem seiner Schwiegersöhne eine elektrische Eisenbahnanlage mit einem See aus Kathedralglas und Pappmaché-Bergen.

Während die Pferdewaggonierung (mittels Pinzette) noch im Gang war, musste die Übung abgebrochen werden. Schacht [Schwiegersohn] trug den Sohn [des Obersten] ins Haus hinüber. Kurz danach fuhr ein Wagen vor, hastige Schritte im Kies, vermutlich der Stabsarzt, erregte Stimmen, und dann war es still. Der Oberst blieb im Gartenhaus allein zurück, auf dem Ostufer hockend, heulend wie ein Kind. Zu seinen Füßen eine unvollendete, nach Farbe und Leim riechende Welt, herumliegende Drähte, Lötkolben und Schraubenzieher.

Der Oberst möchte einen Rosenstock auf das Grab pflanzen, aber Lucienne setzt stattdessen einen monumentalen Grabstein durch. Jeden Tag besucht sie das Grab. Der Oberst verdächtigt sie zunächst, ein Verhältnis mit dem Steinmetz zu haben, aber er bespitzelt sie und vergewissert sich, dass sein Verdacht unbegründet ist. Von da an begleitet er sie regelmäßig zum Friedhof und befiehlt immer nach dem Tee um 15 Uhr „Abmarsch, Zielrichtung Grab“. Während Lucienne die Bepflanzung gießt und die Inschrift auf dem Granit von den Spuren der Verwitterung reinigt, sitzt er meistens auf einer Bank — bis ihn plötzlich eine ausgemergelte streunende Katze anstarrt.

Der ehemalige Nachschub-Offizier kümmert sich um ihre Verpflegung. Jeden Tag steckt er sich einen Happen für die Katze in die Manteltasche. Am Grab verschwindet er mit einer Gartenschere hinter dem Stein, angeblich um den vielen Schnecken den Garaus zu machen, tatsächlich jedoch, um dort eine Ration für die Katze zu deponieren. „Du mit deinem Schneckenspleen!“, neckt ihn Lucienne. Sie spürt, wie er sich mehr und mehr von ihr entfernt. Der Tod des Sohnes habe ihn wohl verändert und er komme nicht über den Schmerz hinweg.

Als das Wetter schlechter wird, holt die älteste Tochter Zizi ihre Eltern jeden Tag vom Friedhof ab. (Die anderen Töchter und Schwiegersöhne kommen nur an Allerseelen und zwei, drei anderen Tagen im Jahr zu Besuch in die Villa „Laetitia“.) Zizi Schacht gibt sich in Gesellschaft geschliffen und charmant, im familiären Kreis aber ist sie „ein verletzliches, geradezu perfid und seismografisch auf Beleidigungen lauerndes Wesen, Unglück auf sich versammelnd, Verzweiflungen, Leid und Seelenpein“.

Schacht, wie alle Männer, war ein naives Gemüt. Lieb, aber gefühlsdumm. Vermutlich erfüllten ihn Zizis Kompliziertheiten mit einem gewissen Stolz. Er, der brave Schacht, war mannstark genug, eine haut- und haltlose Gattin mit stoischer Ruhe durch die Klippen der banalen Alltäglichkeit zu steuern. Ein Onkel, kein Liebhaber. Daran ging Zizi zugrunde, und Schachts Geschäfte liefen besser von Quartal zu Quartal. Bitte, pflegte er zu sagen, wenn sie will, kann sie sich den besten Analytiker nehmen, finanziell ist das kein Problem für uns.

In der letzten Novemberwoche fällt der erste Schnee. Nun gilt es auf verräterische Spuren zu achten. Der Oberst stellt den gewohnten Nachschub ein, aber als er die Katze auf der Friedhofsmauer entdeckt, streut er zur Tarnung Vogelfutter und legt heimlich drei Scheiben Schinken hinter das Grabmal.

Kurz vor Weihnachten findet Lucienne durch Zufall im ehemaligen Schlafsaal der Töchter einen Plastikbeutel mit rohem Fleisch. Wozu braucht er das?

Beim Frühjahrsputz stößt auch die Reinemachefrau auf den Vorrat. Der Oberst muss ein neues Lager anlegen. Um seine Frau für ein paar Stunden aus dem Haus zu kriegen, schreibt er Elvira Fonti, der Gattin seines ehemaligen Divisionskommandeurs, einen anonymen Liebesbrief, bittet sie um ein Treffen im Café Ascot und schlägt ihr vor, ihre Freundin Lucienne als Anstandsdame mitzubringen. Er achtet allerdings nicht darauf, dass er den Briefbogen in ein Kuvert mit seinem vollen Namen auf der Rückseite steckt. So wird er zum Gespött der Offizierswitwen, und seine Schwiegersöhne grinsen.

Der Gefreite Habernoll besorgt ihm Fleisch für ein neues Depot im Gartenhaus. Als der Oberst hüstelt, sucht Lucienne besorgt in seiner Jacke nach dem Taschentuch. Darin ist ein Stück rohes Fleisch eingewickelt. „Was ist denn das?“, fragt sie entsetzt.

Dann sagt sie nichts mehr, sie weint. Fleisch. Schon wieder, wie im Schlafsaal, hat sie Fleisch entdeckt, rohes, blutiges Fleisch. Und er, die Ruhe selbst, frisst es auf, den ganzen Klumpen, Fleisch vom Gefreiten Habernoll, vielleicht vom Schwein, vielleicht ein toter Hund, und es würgt ihn, aber der Oberst würgt das Fleisch durch die Gurgel in den Magen. „Du weisst ja“, sagt er schließlich, „es hapert mit meinem Appetit.“

Er schafft es nicht mehr bis zur Tür, muss sich übergeben.

Schließlich bemerkt Lucienne die Katze und beobachtet, wie ihr Mann bei jedem Besuch am Grab einen Brocken Fleisch vergräbt.

Fleisch in die Erde des toten Sohnes! Das war mehr als Betrug. Er heuchelte Trauer, schleppte die Golftasche [mit Rechen und Harke], gewann ihre Liebe zurück, in Tat und Wahrheit jedoch hatte er seine Frau zur ahnungslosen Gehilfin für seine perverse Aktion gemacht. Etwa aus Rache? War diese Katze seine Antwort auf den Granitfelsen? Hatte er noch immer nicht verwunden, dass auf dem Grab ein Stein stand und kein Rosenbaum? … Ein böser Geist hatte ihr den Sohn entrissen, nun raubte ihr eine Friedhofskatze den Gatten, ihr Herz gefror.

Der Oberst erinnert sich an den Vietcong-General Giap, der unterirdische Depots anlegen ließ, bevor er seine kriegsmüden Divisionen nach Süden schickte [Vietnam-Krieg]. Die Amerikaner entlaubten die Wälder und zerstörten die Reisfelder; den Vietcong-Einheiten blieb gar nichts anderes übrig, als sich von einem Nachschublager zum nächsten vorzuarbeiten, immer weiter in Richtung Saigon. Nach diesem Vorbild gräbt der Oberst im Friedhof Erdlöcher und versteckt darin Futter für die Katze.

Eines Tages findet Lucienne ihren Mann im Gartenhaus vor der künstlichen Landschaft.

Mit knirschenden, ein Haus, eine Weiche zerstampfenden Schritten querte der Oberst die Stadt und den See, stieß ein Fenster auf, stemmte sich gegen die Läden — außen waren sie mit Brettern vernagelt –, ein Krosen, Splittern, Krachen, und jetzt, plötzlich, brach mitten aus den Alpen, die an die Wand gemalt waren, ein Frühlingstag hervor, ein Fenster voller Vogelgezwitscher, eine blendende, fließende Helle.

Von da an lösen ihre gemeinsamen Besuche im Gartenhaus den täglichen Gang zum Grab des Sohnes ab.

Nach dem Tod ihres Mannes verkauft Lucienne die Villa „Laetitia“ und zieht ins Tessin. Dort hält sie Ausschau nach geeigneten Bräuten für ihren Sohn, der vor zehn Jahren starb, aber in ihren Träumen ein Kind geblieben ist.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Ammann Verlag Zürich

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