Friederike Caroline Neuber


Friederike Caroline Neuber war die erste große Schauspielerin und Theaterleiterin. Um das Niveau der Aufführungen in Deutschland zu heben, verbannte sie die populäre Figur des »Hans Wurst« von der Bühne. Damit eilte sie jedoch ihrer Zeit voraus: Die »Neuberin« galt zwar als Berühmtheit, aber das Publikum bevorzugte andere Komödiantentruppen, die nach wie vor derbe Possen und schaurige Spektakel inszenierten. Einer der wenigen, die ihre theatergeschichtliche Bedeutung bereits zu ihren Lebzeiten erkannten, war Lessing.


Friederike Caroline Neuber:
»Denn sie ist nichts als eine Komödiantin«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: WageMutige Frauen. 16 Porträts aus drei Jahrhunderten
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2004 / Piper Taschenbuch, München 2008 (5. Auflage: 2011)

Dem guten Ruf, den die Neuberin sich inzwischen erworben hat, folgen einige der besten Komödianten Deutschlands. Außer in Leipzig spielt Friederike Neuber in Nürnberg, Freiberg, Weißenfels, Merseburg, Wittenberg, Blankenburg, Braunschweig, Hannover und Hamburg. Die Leitung einer Theatergruppe stellt auch ein finanzielles Wagnis dar, denn der Prinzipal muss die Komödianten und die Aufführungsgebühren bezahlen, die Reisekosten tragen, Kostüme, Kerzen und Kulissen besorgen, Theaterzettel drucken und Rollentexte abschreiben lassen. Dementsprechend hoch sind die Eintrittspreise, auf die das Ehepaar Neuber angewiesen ist. Um dennoch ausreichend Zuschauer anzulocken, führt Friederike nicht nur elitäre gereimte Tragödien auf, sondern auch Possen und Burlesken, wobei sie allerdings derbe Zoten streicht. Mit volkstümlicheren Stücken könnte sie reich werden, aber sie kommt dem allgemeinen Geschmack nur so weit entgegen, wie es zur Aufrechterhaltung des Betriebs unbedingt

Dieter Wunderlich: WageMutige Frauen © Piper Verlag 2008

erforderlich ist. »Da wir einmal etwas Gutes angefangen«, schreibt sie in einem Brief aus Nürnberg, »will ich davon nicht lassen, solange ich noch einen Groschen daranzuwenden habe.«

Mit dem Tod Augusts des Starken am 1. Februar 1733 erlischt das Privileg der Neuber’schen Komödianten, und während der monatelangen Staatstrauer dürfen sie in Sachsen ohnehin nicht auftreten. Es kommt noch schlimmer: Ausgerechnet der populäre Hanswurst-Darsteller und Prinzipal Joseph Ferdinand Müller erhält unter dem Sohn und Nachfolger des verstorbenen polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten am 8. September das Hofkomödianten-Privileg. Als die Neuberin eine Woche später zur Herbstmesse nach Leipzig kommt, macht Müller ihr aufgrund des Privilegs ihre Theaterbude streitig. Eingaben und Protestschreiben gehen zwischen den Kontrahenten, der Stadt Leipzig und dem Hof in Dresden hin und her. Wider Erwarten darf Friederike Neuber am 20. Mai 1734 ihre Bude in Leipzig erneut in Besitz nehmen. Da aber begleitet Johann Neuber ihren Gegenspieler – der ihm wohl Geld dafür versprochen hat – ins Rathaus und erklärt in eigenem Namen und als Vormund seiner Frau, er verzichte auf das Theater.

Friederike kann kaum glauben, was ihr Mann getan hat. Entsetzt wendet sie sich an den Leipziger Stadtrat und den sächsischen Kurfürsten. Sie dichtet sogar rasch ein Stück, mit dem sie den Fall auf die Bühne bringt. Darin spielt sie die Rolle der Melpomene: Die Muse der Tragödie verteidigt sich vor Apoll gegen verleumderische Anklagen, die von Thalia (Muse der Komödie) und dem Satyr Selenus vorgebracht werden. Natürlich entscheidet Apoll sich am Ende für Melpomene. »Das deutsche Vorspiel« – so heißt das Stück – wird noch im selben Jahr gedruckt. Der Text beginnt mit den Worten: »Lieber Leser. Hier hast du was zu lesen. Nicht etwa von einem großen gelehrten Manne; nein! nur von einer Frau, deren Namen du außen wirst gefunden haben, und deren Stand du unter den geringsten Leuten suchen musst: Denn sie ist nichts als eine Komödiantin; von Geburt eine Deutsche. Sie kann nichts, als von ihrer Kunst Rechenschaft abgeben […]« Friederikes Bemühungen sind umsonst: Der sächsische Hof entscheidet zugunsten von Joseph Ferdinand Müller. Die Neuberin muss mit ihrem Mann und den Komödianten Leipzig verlassen. Wie verkraftet sie diesen schweren Schlag? Macht sie ihrem Mann Vorwürfe, der diese demütigende Niederlage verschuldet hat? Leider ist nichts überliefert, was Aufschluss über ihre Reaktion geben würde.

Zum Glück verfügt sie seit zwei Jahren über das »Hochfürstlich Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel’sche Privilegium«, und im Karneval 1735 lädt Herzog Ludwig Rudolf sie in sein Opernhaus in Braunschweig ein. Aber Braunschweig ist keine Messestadt wie Leipzig. Außerdem stirbt Herzog Ludwig Rudolf am 1. März 1735, und sein Nachfolger hat für Komödianten nicht viel übrig.

Quelle: Dieter Wunderlich, WageMutige Frauen. 16 Porträts aus drei Jahrhunderten
© Pustet Verlag, Regensburg 2004
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