Lessing : Nathan der Weise

Nathan der Weise
Nathan der Weise Manuskript: 1778/79 Erstausgabe: 1779 Uraufführung: Berlin, 14. April 1783 Erstaufführung der von Friedrich Schiller bearbeiteten Fassung: Weimar, 18. November 1801 Suhrkamp Basis Bibliothek, Frankfurt/M 2003 ISBN 3-518-18841-0, 240 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Jerusalem nach dem 3. Kreuzzug. Der jüdische Kaufmann Nathan kommt von einer langen Geschäftsreise zurück. Während seiner Abwesenheit brannte es in seinem Haus, und seine Pflegetochter Recha verdankt einem Tempelherrn ihr Leben. Nathan lädt den Christen ein, aber der lehnt es ab, mit Juden zu verkehren ...
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Kritik

Lessing schuf das Ideendrama "Nathan der Weise" im Geist der Aufklärung. In einer Zeit, in der eine neue Konfrontation zwischen dem Westen und dem Islam droht, ist das kraftvolle Plädoyer für Humanität und Toleranz aktueller denn je.
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Jerusalem zur Zeit des Waffenstillstands nach dem 3. Kreuzzug. Der ebenso reiche wie weise und edelmütige jüdische Kaufmann Nathan kommt von einer langen Geschäftsreise zurück. Während seiner Abwesenheit brannte es in seinem Haus, und seine Pflegetochter Recha verdankt einem Christen ihr Leben. Von ihm wird erzählt, dass Sultan Saladin ihn als einzigen von zwanzig gefangenen Tempelherren am Leben ließ, weil er seinem verschollenen Bruder Assad ähnlich sehe. Nathan schickt Daja, die verwitwete christliche Erzieherin Rechas, um den Tempelherrn einzuladen, aber der lehnt es ab, mit Juden zu verkehren. Daraufhin passt Nathan ihn auf der Straße ab, und obwohl sich der Christ zunächst schroff abweisend verhält, gelingt es dem jüdischen Kaufmann allmählich, ihn durch seine tolerante Haltung für sich einzunehmen. Als Nathan den Namen seines Gegenübers erfährt – Curd von Stauffen –, ist er irritiert. Das Gespräch wird von Daja unterbrochen, die aufgeregt mitteilt, der Sultan wolle Nathan sprechen.

Sultan Saladin träumt davon, seine Schwester Sittah mit einem Bruder und seinen Sohn Melek mit einer Schwester des englischen Königs Richard Löwenherz zu verheiraten, um Frieden zwischen Christen und Muslimen zu stiften. Weil seine Kassen leer sind, hat er allerdings nicht viel anzubieten. Deshalb sucht er einen Kreditgeber.

Als Nathan zum Sultan gerufen wird, erwartet er, dass dieser wissen wolle, was er während seiner Reise beobachtet habe. Doch zu seiner Verblüffung fragt ihn Saladin nach einiger Zeit, welche der drei monotheistischen Religionen er für die wahre halte.

Nathan wittert eine Falle und antwortet mit einem Märchen: der berühmten Ringparabel (3. Aufzug, 7. Auftritt)

In einer bestimmten Familie gehörte es zur Tradition, durch die Weitergabe eines kostbaren Rings jeweils einen der Söhne als zukünftiges Familienoberhaupt auszuwählen. Ein Vater aber konnte sich nicht zwischen seinen drei rechtschaffenen Söhnen entscheiden und ließ deshalb zwei Duplikate anfertigen, die er selbst nicht vom Original zu unterscheiden vermochte. Nach seinem Tod kam es zum Streit zwischen den drei Brüdern. Jeder von ihnen behauptete, im Besitz des einzigen echten Ringes zu sein. Der von ihnen angerufene Richter weigerte sich, ein Urteil zu sprechen, riet aber jedem der drei Männer, an die Echtheit seines Ringes zu glauben, ohne die Echtheit der anderen Ringe in Frage zu stellen. – Jede der drei großen Religionen kann die „echte“ sein. Jedenfalls sollten ihre jeweiligen Anhänger davon ausgehen und es durch Sittlichkeit und Nächstenliebe zu beweisen versuchen.

Saladin reagiert betroffen und bietet dem Juden seine Freundschaft an.

Während Nathan noch beim Sultan ist, folgt der Tempelherr seiner Einladung, weil er aber nur Recha und Daja im Haus des Kaufmanns antrifft – und sich verwirrt eingesteht, wie sehr Recha ihm gefällt – zieht er sich rasch wieder zurück. An Rechas Reaktion merkt Daja, dass auch sie sich verliebt hat.

Der Tempelherr wartet vor dem Palast auf Nathan. Ungeachtet der verschiedenen Religionen und seines Keuschheitsgelübdes hält er um die Hand Rechas an. Nathan reagiert ausweichend und erkundigt sich nach der Herkunft des Tempelherrn.

Daja trifft sich heimlich mit dem Tempelherrn, der Nathans Zurückhaltung als durch den Glaubensgegensatz motivierte Ablehnung missdeutet, und verrät ihm, dass Recha nicht die leibliche Tochter Nathans ist, sondern ein christlich getauftes Kind, das dieser aufgezogen habe. Die Vorstellung einer von einem Juden erzogenen Christin entsetzt den Tempelherrn. In Europa würde man Nathan dafür auf dem Scheiterhaufen verbrennen! In seiner Verwirrung denunziert der Tempelherr den jüdischen Kaufmann beim Patriarchen.

Ein Klosterbruder warnt Nathan. Es handelt sich um den Mann, der ihm vor achtzehn Jahren in Darun ein Kind anvertraute, dessen Mutter – eine Schwester des Tempelherrn Conrad von Stauffen – gestorben war. Der Vater, Wolf von Filnek, fiel kurz darauf vor Askalon. Nathan hatte wenige Tage zuvor seine Frau und seine sieben Kinder bei einem Pogrom verloren. Sie waren im Haus seines Bruders in Darun verbrannt. Die Aufgabe, gerade in dieser Situation die Verantwortung für ein Christenmädchen zu übernehmen, hatte er damals als göttliche Prüfung seiner Toleranz und Humanität verstanden.

Im Palast des Sultans klärt Nathan den Tempelherrn über dessen Herkunft auf. Sein Vater war Wolf von Filnek, seine Mutter eine Schwester des Tempelherrn Conrad von Stauffen. Bevor Wolf von Filnek nach Palästina ging, vertraute er seinem Schwager die Erziehung seines Sohnes Leu an. Recha heißt in Wirklichkeit Blanda von Filnek und ist die Schwester des Tempelherrn.

Saladin wird während Nathans Ausführungen immer nachdenklicher. Durch einen Blick in das Brevier Wolf von Filneks, das der Klosterbruder Nathan überbracht hat, findet er seinen Verdacht bestätigt, dass es sich beim Vater von Leu und Blanda um niemand anderen handelte als um seinen jüngeren Bruder Assad, der das Land vor vielen Jahren mit einer Christin verlassen hatte. Ein christlicher Tempelherr und die Pflegetochter eines Juden sind also in Wahrheit Neffe und Nichte eines muslimischen Herrschers: Obwohl sie drei verschiedenen Religionen angehören, sind sie Mitglieder ein und derselben Familie.

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In dem 1778 begonnen und 1779 veröffentlichten Theaterstück „Nathan der Weise“, einem am 14. April 1783 in Berlin uraufgeführten Ideendrama in Blankversen mit fünf Aufzügen, stellt Gotthold Ephraim Lessing nicht die Realität dar, sondern ein Ideal.

Zentraler Bestandteil ist die Ringparabel (3. Aufzug, 7. Auftritt), die Lessing von Boccaccio übernahm. (In der dritten Geschichte des ersten Tages des „Dekameron“ legt Filomena sie dem Juden Melchisedech in den Mund.) Vermutlich ist die Ringparabel noch älter und entstand im 11. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel. Lessing, der das Stück „Nathan der Weise“ im Geist der Aufklärung verfasste, wollte mit der Ringparabel darauf hinweisen, dass niemand weiß, welche der drei monotheistischen Religionen – Christentum, Judentum, Islam – der Wahrheit entspricht. Während es einfach ist, zu verstehen, dass die drei Söhne Christentum, Judentum und Islam personifizieren, gibt es verschiedene Antworten auf die Fragen nach dem Vater und dem Richter. Der Vater könnte für das Ideal einer einheitlichen Religion stehen. Im Richter sehen manche das Alter Ego des Autors, der dafür plädiert, dass Christen, Juden und Muslime sich gegenseitig achten und ihre verschiedenen Glaubensauffassungen respektieren, also nicht den Anspruch erheben, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein.

In einer Zeit, in der eine neue Konfrontation zwischen dem Westen und dem Islam droht, ist das kraftvolle Plädoyer gegen Glaubenskriege und für Humanität und Toleranz aktueller denn je.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2007

Ringparabel

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