Genius

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Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft – Originaltitel: Genius – Regie: Michael Grandage – Drehbuch: John Logan, nach "Max Perkins. Editor of Genius" von A. Scott Berg – Kamera: Ben Davis – Schnitt: Chris Dickens – Musik: Adam Cork – Darsteller: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Dominic West, Guy Pearce, Laura Linney, Vanessa Kirby u.a. – 2016; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der Verlagslektor Max Perkins erkennt 1929 das Genie des Autors Thomas Wolfe und nimmt ihn unter Vertrag. Bei der gemein­samen Arbeit an Wolfes Debütroman ent­steht eine Freundschaft zwischen dem feinfühligen, bescheidenen und zurück­haltenden Lektor und dem ebenso un­diszi­plinier­ten und überschwänglichen wie eitlen und exzentrischen Autor. Max Perkins vernachlässigt darüber seine Familie, und Aline Bernstein, die Geliebte des Autors, reagiert hysterisch ...
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Kritik

Der Film "Genius" basiert zwar auf der Biografie "Max Perkins. Editor Of Genius" von A. Scott Berg, aber John Logan und Michael Grandage kon­zen­trie­ren sich auf die Beziehung von Max Perkins und Thomas Wolfe, deren grundverschiedene Charaktere von Colin Firth und Jude Law verkörpert werden.
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Max Perkins (Colin Firth), der als Lektor beim Verlag Charles Scribner’s Sons beschäftigt ist und bereits F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) entdeckt hat, liest 1929 ein mehr als 1000 Seiten langes, unverlangt eingesandtes Manuskript mit dem Titel „O Lost“. Weil es von anderen Verlagen ausnahmslos abgelehnt wurde, erwartet der Autor Thomas Wolfe (Jude Law), dass ihm auch dieser Lektor das Konvolut mit ein paar routinemäßigen Bemerkungen zurückgibt. Aber Max Perkins hat die außerordentliche Begabung des 29-Jährigen erkannt und bietet ihm einen Verlagsvertrag an. Der feinfühlige, bescheidene und zurückhaltende Lektor ringt dem ebenso undisziplinierten wie überschwänglichen Egomanen eine Reihe von Kürzungen ab und sorgt dann dafür, dass Charles Scribner’s Sons den Roman von Thomas Wolfe unter dem Titel „Look Homeward, Angel. A Story of the Buried Life“ („Schau heimwärts, Engel! Eine Geschichte vom begrabenen Leben“) veröffentlicht. Es wird ein Bestseller.

Nach jahrelanger Arbeit legt Thomas Wolfe ein 5000 Seiten dickes Manuskript vor. Es dauert zwei Jahre, bis er, von Max Perkins beraten, das Werk so gekürzt hat, dass es 1935 veröffentlicht werden kann: „Of Time and the River“ („Von Zeit und Strom“).

Thomas Wolfe widmete „Look Homeward, Angel“ seiner Geliebten, die ihn ermutigt hatte, seine Anstellung aufzugeben und sich ganz dem Schreiben zu widmen: Aline Bernstein (Nicole Kidman), eine Kostümbildnern, die mit einem erfolgreichen Broker verheiratet ist und zwei Kinder hat. Sie verhehlt ihre Abneigung gegen Max Perkins nicht. Aline Bernstein ist eifersüchtig, weil die Männer Freunde geworden sind und sie befürchtet, Thomas an Max Perkins zu verlieren.

Dass Max so viel Zeit mit dem neuen Autor verbringt, macht auch seiner Ehefrau Louise (Laura Linney) zu schaffen. Sie muss sogar ohne ihn mit den fünf Töchtern (Angela Ashton, Eve Bracken, Katya Watson, Lorna Doherty, Makenna McBrierty) in den Urlaub fahren. Louise beklagt sich zwar über die Vernachlässigung der Familie, hält aber treu zu ihrem Mann.

In „Of Time and the River“ lässt Thomas Wolfe eine Lobeshymne für seinen Lektor setzen. Aline Bernstein sucht Max Perkins während einer Europa-Reise ihres Geliebten auf und äußert die Ansicht, dass Thomas Widmungen als Abschluss einer Beziehung verstehe. Die Widmung in „Of Time and the River“ klinge wie eine Grabinschrift, meint Ernest Hemingway (Dominic West), dessen Bücher Max Perkins ebenfalls lektoriert, bei einem gemeinsamen Angelausflug. Ernest Hemingway hält Thomas Wolfe für eitel und größenwahnsinnig.

Als das Ehepaar Scott und Zelda Fitzgerald bei Max Perkins und seiner Familie zu Gast ist, steht plötzlich Thomas Wolfe betrunken in der Tür. Max Perkins weist ihn darauf hin, dass Zelda Fitzgerald (Vanessa Kirby) gerade erst aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde und beschwört ihn, sich zu benehmen. Aber der Exzentriker äußert sich sogleich verächtlich über F. Scott Fitzgeralds Romane. Ob der Kollege nichts Längeres schreiben wolle odeer könne, fragt er provozierend. Zelda Fitzgerald reagiert verstört auf die Szene. Max Perkins wirft den Störenfried hinaus.

Thomas Wolfe leidet darunter, nicht zu wissen, ob er ohne die Hilfe seines Lektors ein gutes, erfolgreiches Buch schreiben könnte. Er will sich nicht länger wie dessen Kreatur fühlen und sich vorkommen wie das Blumenmädchen Eliza Doolittle in „Pygmalion“. Thomas Wolfe wechselt von Charles Scribner’s Sons zu Harper & Brothers.

Während eines Strandspaziergangs bricht er zusammen. Kurz bevor er im Krankenhaus in Baltimore/Maryland ins Koma fällt und an einer Gehirntuberkulose stirbt, schreibt er mit letzter Kraft einen freundschaftlichen Brief an Max Perkins, den dieser erst nach der Beerdigung erhält. Bevor Max Perkins das Kuvert öffnet, schließt er die Tür. Was Thomas Wolfe schreibt, rührt ihn zu Tränen, und er nimmt – erstmals im Film – den Hut ab.

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1978 veröffentlichte A. Scott Berg (* 1949) die Biografie „Max Perkins. Editor Of Genius“. Auf dieser Grundlage schrieb John Logan das Drehbuch für den von Michael Grandage inszenierten Kinofilm „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“ und verschob dabei den Akzent auf die Beziehung von Max Perkins und Thomas Wolfe.

Colin Firth verkörpert den feinfühligen, bescheidenen und zurückhaltenden Lektor und beweist sein Können durch eine nuancen- und facettenreiche Darstellung, die ihm mit winzigen Veränderungen in Mimik und Körperhaltung gelingt. Im krassen Gegen­satz dazu schreit, grimas­siert und gestikuliert Jude Law in der Rolle des undisziplinierten, überschwänglichen, eitlen und exzentrischen Autors. Die konfliktreiche Freundschaft der beiden grundverschiedenen Männer bildet den Kern des Films. „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“ beginnt und endet im winzigen Büro des Lektors Max Perkins, dem Zentrum der Beziehung.

Ebenso gegensätzlich wie die beiden Hauptfiguren sind die Frauen in „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“: Während sich Louise (Laura Linney) damit abfindet, dass ihr Mann sie und die fünf Töchter wegen seiner Arbeit vernachlässigt, bäumt sich Aline Bernstein (Nicole Kidman), die ihre Familie wegen ihres Geliebten Thomas Wolfe verlassen hat, gegen dessen Abrücken von ihr auf und verfolgt Max Perkins mit ihrer Eifersucht. Außer der braven Mutter und der hysterischen Geliebten gibt es in „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“ noch eine Schriftstellerin, die nur als psychisch gestört gezeigt wird: Zelda Fitzgerald (Vanessa Kirby). Das ist zumindest fragwürdig.

Michael Grandage entwickelt die Handlung chronologisch, stringent und konventionell. Anfangs wirken die Bilder beinahe wie schwarz-weiß, später gibt es auch Szenen in monochromen Beige-Tönen.

Der Engländer Michael Grandage (* 1962) arbeitet vor allem als Theater- und Filmregisseur. Vor „Genius“ hatte er zwar Fernsehserien gedreht, aber noch keinen Kinofilm.

Die Dreharbeiten fanden vom 19. Oktober bis 12. Dezember 2014 in Großbritannien statt, in Manchester, Liverpool, Chatham, Wexham und im Railway Centre in Didcot.

Die Premiere von „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“ erfolgte am 16. Februar 2016 bei der 66. Berlinale, aber der Film ging leer aus; mit dem „Goldenen Bären“ wurde der Dokumentarfilm „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi ausgezeichnet. In die deutschen Kinos kam „Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft“ am 11. August 2016.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017

Max Perkins (kurze Biografie)
Thomas Wolfe (kurze Biografie)

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Milena Michiko Flašar

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