Bambule

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Bambule

Originaltitel: Bambule – Regie: Eberhard Itzenplitz – Drehbuch: Ulrike Meinhof – Kamera: Ulrich Burtin – Schnitt: Helga Brüning – Darsteller: Dagmar Biener, Petra Redinger, Christine Diersch, Antje Hagen, Helge Hennig, Barbara Schöne, Ute Gerhard, Hilde Hessmann, Monika Söhnel / Häckermann, Hansi Jochmann, Sabine Koerner, Marlene Riphahn, Petra Schröder u.a. – 1970; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Berlin, in den 60er-Jahren. Irene gelingt die Flucht aus dem autoritär geführten Erziehungsheim "Lindenhof". Ihre Mutter weist sie zurück und bei der Großmutter kann sie nur vorübergehend bleiben. Zwei Prostituierte, die früher mit ihr im Heim waren, nehmen sie auf und sie versucht sich als Straßenmädchen. Monika, die bei dem Ausbruchversuch aufgegriffen wurde, muss zur Strafe in die Arrestzelle. Um ihre Freilassung zu erzwingen, initiiert Iv eine Rebellion ...
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Kritik

Das authentisch wirkende, in Schwarz-Weiß gedrehte Fernsehspiel "Bambule" kritisiert die in den 60er-Jahren in Deutschland übliche autoritäre Heimerziehung. Das Drehbuch schrieb Ulrike Meinhof.

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Berlin, in den Sechzigerjahren. Zwei Mädchen entkommen aus dem geschlossenen, autoritär geführten Erziehungsheim „Lindenhof“. Sie werden zwar rasch gefunden und zurückgebracht, aber Irene (Dagmar Biener) läuft gleich wieder davon, und diesmal gelingt ihr die Flucht. Monika (Christine Diersch), die sich den Fuß verdreht hat, wird dagegen in der Arrestzelle („Bunker“) des Heims eingesperrt.

Irene fährt mit dem Bus zu ihrer Mutter. Die verhärmte Kneipenwirtin, deren Mann alkoholkrank ist, weist ihre Tochter zunächst ab, gibt ihr jedoch zum Abschied Geld und fordert sie auf zurückzukommen, wenn sie bei der Großmutter keinen Schlafplatz bekommt. Irene soll allerdings aufpassen, dass der Vater nichts davon merkt.

Nachdem Irene ein paar Nächte bei ihrer Großmutter verbracht hat, bewirbt sie sich in einem Ladengeschäft. Sie wird aufgefordert, am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen und ihre Papiere mitzubringen. Weil ihr das nicht möglich ist, sucht sie Zuflucht bei zwei jungen Frauen, die früher mit ihr im Heim waren und sich inzwischen als Prostituierte durchschlagen.

Währenddessen setzt sich Frau Lack (Antje Hagen), eine verständnisvolle Erzieherin, zu Monika in den „Bunker“. Diese erzählt ihr, wie sie als Kind von ihrer Stiefmutter ins Heim abgeschoben wurde. Die Nonnen, die dort das Sagen hatten, schnitten ihr gewaltsam das Haar kurz, weil sie sich zu gefühlvoll gekämmt hatte, und als Monika ein anderes Mädchen bei der Probe für eine Theateraufführung auf der Bühne küsste, schoben die Klosterschwestern sie in den „Lindenhof“ ab.

Um Monikas Freilassung aus dem „Bunker“ zu erzwingen, überredet Evelyn („Iv“; Petra Redinger) einige andere in der Heißmangel des Heims für 20 Pfennige pro Stunde arbeitende Mädchen zum Streik. Frau Timm, die Heimleiterin, ordnet daraufhin an, Monika gegen deren Willen erneut ins Kloster zu bringen. Dort beschwert Monika sich über den Mundgeruch einer Nonne und erreicht durch ihre Aufsässigkeit, dass sie nach kurzer Zeit in den „Lindenhof“ zurückgeschickt wird.

Nachdem Irene sich vergeblich als Straßenprostituierte versucht hat, meldet sie sich in einer Polizeiwache und lässt sich wieder ins Heim bringen.

In dieser Nacht sorgt Iv dafür, dass die diensthabende Erzieherin nicht zum Schlafen kommt, weil alle paar Minuten ein Mädchen an die abgeschlossene Türe des Schlafsaals pocht und behauptet, zur Toilette zu müssen. Die genervte Erzieherin weigert sich schließlich, die Türe noch einmal zu öffnen. Da machen die Mädchen den größtmöglichen Lärm und zertrümmern die Einrichtung, bis die Polizei die Bambule beendet.

Iv kündigt an, in der folgenden Nacht erneut Bambule machen zu wollen. Frau Lack gibt ihr zu bedenken, dass sie für die Nachtschicht eingeteilt sei. Aber Iv antwortet unbeeindruckt, es reiche nicht aus, als Erzieherin Verständnis zu zeigen, sie müsse sich zwischen der Heimleitung und den Mädchen entscheiden.

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Das authentisch wirkende, in Schwarz-Weiß gedrehte Fernsehspiel „Bambule“ kritisiert die in den Sechzigerjahren in Deutschland übliche autoritäre Heimerziehung. Eines der hier gezeigten Mädchen darf zwar tagsüber außerhalb des Erziehungsheimes arbeiten, aber bei den anderen wird jeder Kontakt zur Außenwelt streng kontrolliert. Rigorose Verbote und Regeln, aber auch die Arbeit beispielsweise in der Wäscherei für 20 Pfennige pro Stunde sollen die Zöglinge an Disziplin gewöhnen. Deren Willen versucht die Heimleiterin durch die harte Bestrafung jedes Widerstandes zu brechen. Ihr übergeordnet ist das Jugendamt, das über die Betroffenen anhand der Aktenlage entscheidet. Gegen diese autoritäre Ordnung rebellieren die Mädchen schließlich mit einer Bambule.

Das Drehbuch schrieb Ulrike Meinhof (1934 – 1976) auf Anregung des Dramatikers Dieter Waldmann (1926 – 1971), des damaligen Produktionsleiters der Gruppe Fernsehspiel des Südwestrundfunks in Baden-Baden. Für die Kolumnistin, die sich bereits intensiv mit den Zuständen in Fürsorge- und Erziehungsheimen beschäftigt hatte, war es ein starkes Anliegen, die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Am 19. Februar 1970 begann Eberhard Itzenplitz (* 1926) mit den Dreharbeiten. Ulrike Meinhof kam beinahe täglich auf den Set. Aber nach einem Monat begann sie an dem Projekt zu zweifeln, und sie schrieb Dieter Waldmann am 21. März, ein tatsächlicher Aufstand in einem Heim sei tausendmal besser als ein Film, mit dem man nur ein ästhetisches Verhältnis zu den Problemen dieser proletarischen Jugend herstelle und die Betroffenen im Grunde verschaukele. In den letzten drei Wochen blieb Ulrike Meinhof den Dreharbeiten fern.

Mit Ausnahme von ein paar Mustern sah sie nichts von dem Film.

Die Erstausstrahlung von „Bambule“ stand für 24. Mai 1970 im Programm des SWR. Zehn Tage vorher wurde Andreas Baader unter Mithilfe von Ulrike Meinhof aus der Haft befreit, und die Kolumnistin ging in den Untergrund. Es war die Geburtsstunde der RAF, der „Baader-Meinhof-Bande“. Der Film „Bambule“ wurde daraufhin abgesetzt.

Der Verlag Klaus Wagenbach veröffentlichte im Jahr darauf das Drehbuch unter dem Titel „Bambule. Fürsorge – Sorge für wen?“ Der Verleger selbst schrieb ein Nachwort dazu.

Das Fernsehspiel „Bambule“ lag 24 Jahre lang im „Giftschrank“ des Südwestrundfunks. Am 24. Mai 1994 wurde es erstmals im 3. Programm des SWR ausgestrahlt.

Fünf Jahre später brachte das Schauspielhaus Bochum das Theaterstück „Fürsorgezöglinge“ auf die Bühne (Regie: Raymund Richter). Der Untertitel lautete: „Ein Stück anhand Ulrike Marie Meinhofs Bambule“.

Die Mädchen im Fernsehspiel „Bambule“ verwenden umgangssprachliche Ausdrücke. Beispielsweise bedeutet „Bunker“ Arrestzelle, „Trebe“ das Sich-Herumtreiben, „peikern“ tätowieren.

Heidi, eine der beiden Prostituierten, bei denen Irene Zuflucht sucht, wird von Barbara Schöne gespielt. Die Schauspielerin gehörte um 1980 zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen und assistierte Harald Juhnke von 1979 bis 1981 in der ZDF-Sendung „Musik ist Trumpf“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Ulrike Meinhof (Kurzbiografie)

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