Michaela Kastel : Kaltes Herz fast Eis

Kaltes Herz fast Eis
Kaltes Herz fast Eis Originalausgabe Emons Verlag, Köln 2022 ISBN 978-3-7408-1242-3, 348 Seiten ISBN 978-3-96041-886-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um zu verstehen, warum ihr vor einem halben Jahr bei einem Kletterunfall tödlich verunglückter Verlobter Alex so von den Bergen fasziniert war, will Caro Arendt ein paar Tage im Dorf unterhalb des Unfallorts verbringen. Der hier aufgewachsene Extremkletterer Samuel Winterscheidt fand Alex, und Caro fragt ihn, was vor sechs Monaten geschehen sei. Dabei kommen sie sich näher ...
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Kritik

Der Roman "Kaltes Herz fast Eis" – eine Mischung aus Thriller, Bergsteigerroman und Liebesgeschichten – kreist um die Frage, was zu tun ist, wenn von zwei Menschen voraussichtlich nur einer gerettet werden kann. Michaela Kastel entwirft lebendige Charaktere und sorgt geschickt durch Andeutungen für Spannung.
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Schirau

Caroline („Caro“) Arendt fährt mit ihrem jüngeren Bruder Benjamin („Ben“) von Wien 600 Kilometer weit nach Schirau, wo ihr Verlobter Alex Doppler vor einem halben Jahr, am 9. August 2020, beim Klettern tödlich verunglückte. Sie will verstehen, warum Alex von den Bergen so fasziniert war. Sein Vater Erich Doppler, ein Goldschmied in Wien, dessen Buchhalterin sie ist, hat ihr frei gegeben, und Ben hat Ferien. Die Eltern starben vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall.

An einer für den Publikumsverkehr geschlossenen Seilbahn-Talstation, bei der gerade Rettungskräfte vom Berg herunter kommen, erkennt Ben den weltberühmten Extremkletterer Samuel („Sami“) Winterscheidt. Der fand vor einem halben Jahr bei einem Rettungseinsatz Alex Doppler in der fast unbezwingbaren Südwand des Bergs.

Der 28-Jährige, der vor vier Jahren als bisher einziger den 4187 Meter hohen Gipfel des Hausbergs über die Südwand bestieg, wohnt hier mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Oliver und Bediensteten im Elternhaus. Die Mutter starb an Krebs, als die Söhne noch klein waren, und der Vater kam bei einem Kletterunfall mit den beiden Söhnen vor acht Jahren ums Leben. Oliver ist seither querschnittgelähmt.

Gepflegt wird er von Jana, einer jungen Frau, die ihn und seinen Bruder seit der Kindheit kennt. Als Samuel acht Jahre alt war, vor einem Wolf auf den zugefrorenen See flüchtete und zusammen mit dem wilden Tier auf dem Eis einbrach, rettete Jana ihm das Leben, indem sie losrannte und Hilfe holte. Der Wolf ertrank, aber Samuel konnte aus dem Wasser gezogen und reanimiert werden.

Jana gab nach dem Kletterunfall vor acht Jahren ihr eigenes Leben auf und zog zu den Brüdern ins Haus. Während sie Samuel liebt, der sie jedoch nicht weiter beachtet, wird sie vergeblich von Oliver geliebt.

Der Tod des Verlobten

Jana las zwar die Berichte der Bergwacht über den Rettungseinsatz vor einem halben Jahr, drängt jedoch Samuel, ihr zu erzählen, was damals geschah.

Alex stürzte nach dem Standplatzbau ab und hing dann nur noch an einer einzigen Schraube. Per Funk setzte er einen Notruf ab, aber das Wetter war zu schlecht für einen Hubschrauber-Einsatz, und Gerald Steiner, der Chef der Rettungskräfte vor Ort, hielt auch das Risiko eines Aufstiegs für zu hoch. Samuel machte sich unautorisiert auf den Weg und fand dann auch den verunglückten Bergsteiger. Aber als er ihn aus seiner Lage befreien wollte, ging etwas schief und sie hingen beide an der einen Schraube. Die Belastung durch zwei Männer sei entschieden zu hoch gewesen, erklärt Samuel seiner Zuhörerin. In dieser Lage habe sich Alex vom Seil geschnitten und sei in den Tod gestürzt, damit wenigstens einer eine Überlebenschance bekam.

Caro und Samuel

Eigentlich wollte Caro nur für ein paar Tage nach Schirau, aber als die Schulferien zu Ende sind, schickt sie Ben zurück nach Wien, wo sich Erich und Isabella Doppler um ihn kümmern. Sie bleibt in den Bergen – und beginnt eine Affäre mit Samuel.

Oliver berichtet ihr von dem Unfall vor acht Jahren. Der Vater war mit den beiden Söhnen beim Klettern. In einer Wand wurden sie von einem Steinschlag überrascht. Der Vater, von einem großen Felsbrocken am Kopf getroffen, verlor das Bewusstsein und hing dann im Standplatz. Aus Sorge, die Belastung durch drei Männer könne zu viel sein, erzählt Oliver weiter, habe Samuel das Seil durchgeschnitten. Oliver überlebte das mit gebrochener Wirbelsäule.

Er nährt bei Caro den Argwohn, dass Samuel auch das Seil durchgeschnitten haben könnte, an dem er zusammen mit Alex hing. Sie stellt Samuel zur Rede, und er die Lüge zu. Alex habe sich nicht für ihn geopfert, sondern er habe das Seil durchgeschnitten, um wenigstens sich selbst zu retten.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Abreise (Spoiler)

Nach knapp fünf Wochen packt Caro ihre Sachen.

Währenddessen klettert Samuel auf der Suche nach zwei vermissten deutschen Bergsteigern. Wieder ist er auf eigene Verantwortung unterwegs, denn Gerald Steiner hält die Lawinengefahr für seine Männer für zu hoch.

Epilog (Spoiler)

Vier Monate später kehrt Caro nach Schirau zurück. Samuel macht gerade die ersten Gehversuche mit der Prothese, die sein linkes Bein ersetzt. Als er die beiden deutschen Bergsteiger retten wollte, wurde er selbst von einer Lawine mitgerissen.

Während seiner Reha verliebte sich Jana in seinen Ergotherapeuten. Ihr geht es nun besser.

Oliver kommt nicht darüber hinweg, dass er immer im Schatten seines kühnen Bruders stand. Als Kind drückte er seinem schnarchenden Bruder ein Kopfkissen aufs Gesicht, um ihn zu ersticken, aber im letzten Augenblick bäumte sich Samuel auf. Und einige weitere Versuche, den verhassten Bruder zu töten, scheiterten ebenfalls.

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Michaela Kastel (*1987) schrieb das Manuskript bereits 2016, fand jedoch keinen Verlag dafür. Erst nach ihren Erfolgen insbesondere mit den Romanen „So dunkel der Wald“ (2018), „Worüber wir schweigen“ (2019), „Ich bin der Sturm“ (2020) und „Mit mir die Nacht“ (2021) nahm der Emons Verlag „Kaltes Herz fast Eis“ 2022 ins Programm.

Und das ist gut so, denn es handelt sich um eine packende, spannende Lektüre.

Der Roman „Kaltes Herz fast Eis“ kreist um die Frage, was zu tun ist, wenn von zwei Menschen voraussichtlich nur einer gerettet werden kann. Ein Dilemma, das Michaela Kastel nicht im Zusammenhang mit einer Triage veranschaulicht, sondern am Beispiel eines Kletterunfalls. Klar, dass sich einer von zwei verunglückten Bergsteigern selbst opfern darf, um den anderen zu retten. Aber darf einer den anderen vom Seil schneiden, um selbst eine Überlebenschance zu bekommen?

„Kaltes Herz fast Eis“ ist eine Mischung aus Bergsteigerroman, Thriller und Liebesgeschichten. Auch das Verhältnis des Menschen zum Wolf spielt eine Rolle. Michaela Kastel entwirft lebendige Charaktere und inszeniert deren Verhalten ebenso wie ihre Interaktionen auf gut nachvollziehbare Weise. Die Handlung entwickelt sie chronologisch, mit Rückblenden, abwechselnd aus den Perspektiven von Caro und Jana, Samuel und Oliver, die in der Ich-Form auftreten. Geschickt sorgt Michaela Kastel zum Beispiel durch Andeutungen für Spannung, und mit der Vielzahl überraschender Wendungen hat sie es fast übertrieben.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024

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