Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Originaltitel: Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel – Regie: Aron Lehmann – Drehbuch: Aron Lehmann – Kamera: Cristian Pirjol – Schnitt: David Hartmann – Musik: Boris Bojadzhiev – Darsteller: Robert Gwisdek, Jan Messutat, Thorsten Merten, Rosalie Thomass, Michael Fuith u.a. – 2012; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Der junge Regisseur Lehmann beabsichtigt, Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" als auf­wendiges Kostümdrama neu zu verfilmen. Als die Produzenten sich unerwartet aus dem Projekt zurückziehen, gibt er nicht auf, sondern nimmt sich vor, ohne Kulissen und Requisiten aus­zu­kommen. Statt in Hotel­zimmern übernachtet das Team in einer zum Schlafsaal umfunktionierten Gaststube. Obwohl die Leute murren und der Kohlhaas-Darsteller abreist, macht Lehmann weiter, übernimmt die Hauptrolle und kämpft wie Kohlhaas bis zum Äußersten für sein Vorhaben ...
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Kritik

Die tragikomische Groteske "Kohlhaas oder die Verhältnis­mäßigkeit der Mittel" von Aron Lehmann ist nicht zuletzt eine selbstironische Reflexion über das Filmemachen, sowohl über die Schwierigkeiten als auch über die Möglichkeiten.
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Der junge, ehrgeizige Filmregisseur Lehmann (Robert Gwisdek) beabsichtigt, die Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist als aufwendiges Kostümdrama neu zu verfilmen. Doch kurz bevor die Schauspieler mit einem Bus eintreffen, erhält Lehmann telefonisch die Nachricht, dass sich die Produzenten aus dem Filmprojekt zurückgezogen haben. Er verfügt also weder über Geld noch über Requisiten. Einige der soeben erst eingetroffenen Schauspieler reisen sofort wieder ab. Den verbliebenen teilt Lehmann mit, dass der Bürgermeister (Michael Fuith) des nahen schwäbischen Dorfes zugesagt hat, das Team nach Kräften zu unterstützen.

Also wandert die Gruppe ins Dorf Speckbrodi und wird dort nicht nur von Heinrich, dem Bürgermeister, und seiner Frau Marianne (Luise Lähnemann) begrüßt, sondern auch mit einem Ständchen der Freiwilligen Feuerwehr. Wie versprochen, führt der Bürgermeister Lehmann und die Mitwirkenden zum Gasthof des Wirts Johann Hubel (Eckhard Greiner), aber es gibt keine Hotelzimmer, sondern nur die auch als Laientheater benutzte Gaststube als Schlafsaal. Einige der Schauspieler murren, aber Lehmann herrscht sie an: Mit ihren Ansprüchen seien sie beim falschen Dreh, da hätten sie sich bei Tom Tykwer bewerben müssen.

Geld kann der Bürgermeister nicht zur Verfügung stellen, aber fast alle Dorfbewohner treten regelmäßig als Laiendarsteller auf und sind bereit, bei dem Filmprojekt mitzuwirken.

Weil keiner der Bauern ein Pferd besitzt, überredet Lehmann seinen Hauptdarsteller (Jan Messutat), auf einem Ochsen zu reiten. In der Schweiz sei das ganz normal, meint er. Eine Schranke, mit der ein Waldweg gesperrt ist, dient als Kulisse für die Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen, an der Kohlhaas und sein Knecht Herse (Thorsten Merten) aufgehalten werden, weil sie keinen Pass vorweisen können. Man bringt sie zum Burgvogt. Kohlhaas, der bisher noch nie nach einem Ausweis gefragt wurde, verspricht, sich das Papier in Dresden zu besorgen und auf der Rückreise vorbeizubringen. Als Pfand verlangt der Junker Wenzel von Tronka den Rappen, den Kohlhaas eigentlich in Dresden verkaufen wollte.

Nach dem ersten Drehtag will Kohlhaas aus dem Filmprojekt aussteigen und abreisen. Lehmann läuft ihm nach und redet auf ihn ein. Man brauche keine Kulissen und Requisiten, um Kleists Novelle zu verfilmen, meint Lehmann. Entscheidend seien die Wahrhaftigkeit der Darsteller und die Fantasie der Zuschauer. Kohlhaas will sich dagegen nicht länger zum Affen machen. Lehmann erklärt ihm, dass es darauf ankomme, als Darsteller echte Empfindungen auszudrücken. Dann sei die Szene auch nicht lächerlich. Am Ende willigt Kohlhaas ein weiterzumachen.

Als Kohlhaas aus Dresden zurückkommt, findet er statt des wohlgenährten Rappen eine jämmerliche, als Zugtier bei Feldarbeiten zugrundegerichtete Mähre vor. Während er ruft „Das ist nicht mein Pferd!“, blickt er auf das anstelle des Ochsen angebundene Schaf. Seinen Knecht, der den Rappen versorgen sollte, haben die Ritter davongejagt. Als Kohlhaas ihn schließlich findet, erzählt Herse, wie er den besudelten Rappen im Fluss außerhalb der Burg waschen wollte und der Burgvogt ihn einfangen und verprügeln ließ.

Die Dreharbeiten werden durch das Heulen der Dorfsirene unterbrochen: Feueralarm! Die Laiendarsteller, die auch alle zur Freiwilligen Feuerwehr gehören, rücken aus. Lehmann schließt sich ihnen mit den Hauptdarstellern an. Unterwegs rebellieren die Dorfbewohner gegen sein Projekt: Sie hätten mehr Professionalität erwartet, schimpfen sie. Lehmann kann sie jedoch überreden, sich vorzustellen, dass die Bäume eines nahen Waldes ein gegnerisches Heer darstellen, und er bringt sie dazu, dieses fiktive Heer zu attackieren.

Nur einer der Schauspieler macht dabei nicht mit. Er klagt am Abend, er habe kein Heer gesehen. Zwar könne er einen Lastwagenfahrer spielen, zur Not sogar einen LKW-Reifen, aber wenn er nichts sehe, sei er nicht in der Lage, zu spielen. Lehmann gelingt es, dass der Schauspieler sich die Erscheinung eines weißen Engels vorstellt – und nicht aufgibt.

Für eine Szene mit dem König richtet Lehmann eine Klosettschüssel als Thron her und fordert den Darsteller auf, die Hose herunterzulassen.

Einer der Dorfbewohner kommt verärgert auf den Set und fordert seinen Sohn auf, nicht länger bei den Verrückten mitzumachen, aber der Junge bleibt gegen den Willen eines Vaters beim Filmteam.

Als Lehmann und die Schauspieler am Abend müde in ihr Quartier wollen, finden sie den Gasthof verschlossen vor, und niemand öffnet. Ohne Essen übernachten sie in einer Scheune und schlafen im Stroh.

Um sich die Mittel für seinen Kampf um Gerechtigkeit zu besorgen, will Kohlhaas seinen Hof verkaufen, und er fordert seine Frau Lisbeth (Rosalie Thomass) auf, mit den beiden Kindern zu ihrer Mutter zu ziehen.

Lehmann möchte die Szene noch einmal drehen, aber Kohlhaas weigert sich, hat nun endgültig genug von dem Projekt und reist ab.

Lehmann bleibt nichts anderes übrig, als selbst Kohlhaas zu spielen. Als er sein Pferd sattelt, fleht Lisbeth ihn an, zu bleiben und schlägt ihm vor, an seiner Stelle zum König zu reiten.

Tödlich verletzt kehrt Lisbeth vom Hof zurück. Im Sterben fordert sie Kohlhaas auf, seinen Feinden zu vergeben. Als die Szene abgedreht ist, will Lehmann sie wiederholen. Diesmal soll Lisbeth am Leben bleiben. Aber sie liegt tot im Bett. Da tobt Lehmann und schreit, er sei hier der Regisseur und gebe die Anweisungen. Damit kann er Lisbeth allerdings nicht wieder zum Leben erwecken.

Nachdem Kohlhaas die Asche der Leiche in den Bach gestreut hat, stellen er, Herse und Rainer (Heiko Pinkowski) eine Truppe von 30 Männern dar und reiten gegen Wenzel von Tronka und dessen Ritter in den Kampf. Die Burg brennen sie nieder. Als Kohlhaas jedoch den Junker mit einer imaginären Feuerwaffe erschießt, lässt dieser sich nicht fallen, sondern rennt davon. Vergeblich schimpft Lehmann, das sei gegen die Regeln.

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Aron Lehmann arbeitet in „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ – seinem Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München – mit einem Film-im-Film-Plot. Im Mittelpunkt der einen Handlungsebene steht Michael Kohlhaas aus Kleists Novelle, die Hauptfigur der anderen ist ein Regisseur, der Lehmann (!) heißt und die Novelle neu verfilmt.

Wie Kohlhaas setzt Lehmann sich kompromisslos und fanatisch für seine Idee ein. Kohlhaas geht es um Gerechtigkeit, Lehmann um die Realisierung seines Filmprojekts. Die Figur des Filmregisseurs, der die Schauspieler mit nur in der Vorstellung existierenden Schwertern gegen einen Wald kämpfen lässt, der ein feindliches Heer darstellen soll, weist aber auch Züge des gegen Windmühlen kämpfenden Don Quijote auf. (Und einen während der Dreharbeiten von der Einstellung der Zahlungen überraschten Filmregisseur gab es bereits in „Der Stand der Dinge“ (1982) von Wim Wenders.)

„Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ ist nicht zuletzt eine groteske, selbstironische Reflexion über das Filmemachen, sowohl über die Schwierigkeiten als auch über die Möglichkeiten.

Dabei hält sich Aron Lehmann an die von Heinrich von Kleist angestrebte Verbindung von Tragödie und Komödie.

Bei der (fiktiven) Verfilmung der Kleist-Novelle „Michael Kohlhaas“ beschränkt Aron Lehmann sich auf eine Handvoll Szenen, die er wie in einem Bauerntheater inszeniert und so geschickt mit der „Wirklichkeit“ verknüpft, dass Fiktion und Realität an mehreren Stellen ineinander übergehen, am eindrucksvollsten in Lisbeths Sterbeszene. Originell ist auch die Szene, in der Herse von seiner Misshandlung berichtet. Wir sehen das, was er erzählt, nicht in einer Rückblende, aber wir hören das Geschrei der Männer, die Herse jagen.

„Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ kam am 8. August 2013 ins Kino, gut einen Monat später, am 12. September 2013, folgte „Michael Kohlhaas“ von Arnaud des Pallières.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

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