Die Liebenden des Polarkreises

Die Liebenden des Polarkreises

Die Liebenden des Polarkreises

Die Liebenden des Polarkreises - Originaltitel: Los amantes del circulo polar - Regie: Julio Medem - Drehbuch: Julio Medem - Kamera: Kalo F. Berridi - Schnitt: Iván Aledo - Musik: Alberto Iglesias - Darsteller: Najwa Nimri, Fele Martinez, Nancho Novo, Maru Valdivielso, Peru Medem, Sara Valiente, Víctor Hugo Oliveira, Kristel Díaz, Pep Munné, Jaroslav Bielski, Rosa Morales, Joost Siedhoff, Beate Jensen, Petri Heino, Outi Alanen, María Isasi u.a. - 1998; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Obwohl Ana und Otto durch die Heirat von Anas Mutter und Ottos Vater zu Stiefgeschwistern werden, lieben sie sich. Otto verlässt seine Mutter und zieht zur neuen Familie seines Vaters, um fast jede Nacht heimlich mit Ana schlafen zu können. Doch als seine Mutter stirbt, gibt er sich die Schuld und läuft fort. 17 Jahre später erhält Otto, der inzwischen Pilot geworden ist, Post von Ana, die seit kurzem in einer genau auf dem Polarkreis stehenden Blockhütte in Finnland lebt ...
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Kritik

Bei "Die Liebenden vom Polarkreis" handelt es sich um einen künstlerisch anspruchsvollen Film von Julio Medem. Der spanische Regisseur erzählt die ausgefallene Liebesgeschichte verschachtelt und abwechselnd aus der Sicht der beiden Hauptfiguren.
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Madrid 1980. Álvaro (Nancho Novo) bringt seinen Sohn Otto (Peru Medem) zur Schule und kündigt ihm während der Fahrt an, dass er sich von seiner Frau Ula (Beate Jensen) trennen werde. „Nichts ist ewig, auch die Liebe nicht.“ An einer Straßenkreuzung muss Álvaro scharf bremsen, weil ihm unerwartet von rechts ein roter Omnibus vor den Kühler fährt. Otto fällt gegen die Windschutzscheibe, verletzt sich zwar nicht ernsthaft, erschrickt jedoch so, dass er auf seinen Vater einschlägt. Der drückt ihn an sich und beteuert, er habe nichts dafür gekonnt.

Als Otto einem Ball nachläuft, verlässt er den Schulhof und begegnet im angrenzenden Park einem etwa gleichaltrigen Mädchen, das wild rennt und plötzlich hinfällt. Sie blicken sich lange schweigend an.

Ana (Sara Valiente) – so heißt das Schulmädchen – erfuhr soeben von seiner Mutter Olga (Maru Valdivielso), dass ihr Vater ums Leben gekommen war: Bei einem riskanten Überholmanöver hatte er nicht mehr genügend Sprit, um Vollgas zu geben und war in einen entgegenkommenden Lastwagen gerast. Ana will nicht wahrhaben, dass ihr Vater tot ist und rannte deshalb verzweifelt fort.

In der nächsten Schulstunde schreibt Otto etwas auf jede Seite seines Blocks, geht dann zur Toilette, faltet die Blätter zu Papierfliegern und wirft sie hinaus. Nach dem Unterricht wartet Otto am Schultor im strömenden Regen auf das Mädchen, obwohl er weiß, dass er von seinem Vater mit dem Auto abgeholt wird. Erst als niemand mehr aus dem Gebäude kommt, geht er zum Auto – und darin sitzt nicht nur sein Vater, sondern auch das Mädchen mit seiner Mutter. Ana fand einen der Papierflieger, gab ihn ihrer Mutter und behauptete, der in der Nähe stehende Herr – zufällig Ottos Vater – habe ihn geworfen. Auf diese Weise lernten die beiden Erwachsenen sich kennen, und Álvaro bot Olga an, sie und ihre Tochter nach Hause zu fahren.

Während der Schuljunge sich in Ana verliebt, hält sie ihn für eine Reinkarnation ihres Vaters, weil er ihr erschien, gerade als sie die Nachricht von dessen Tod bekam.

Von da an fahren Olga und Álvaro, Ana und Otto häufiger zusammen. Mitunter bringt auch Olga die beiden Kinder zur Schule. Einmal muss sie wegen eines Omnibusses, der vor ihr die Kreuzung überquert, eine Vollbremsung machen. Die beiden Erwachsenen verlieben sich und heiraten schließlich. Ana und Otto, die dadurch Stiefgeschwister werden, sehen sich nur jedes zweite Wochenende, wenn Otto, der bei seiner Mutter lebt, zu Besuch kommt.

Einige Jahre später sind aus den Kindern Jugendliche geworden (jetzt gespielt von Víctor Hugo Oliveira und Kristel Díaz). Otto ist zwar in Ana verliebt, aber wenn er mit ihr zusammen ist, bringt er kein Wort heraus. Eines Tages ergreift Ana die Initiative und küsst ihn. Kurz darauf steckt sie ihm einen Zettel zu, auf dem sie ihn auffordert, mutig zu sein und nachts zu ihr ins Zimmer zu kommen. Er steigt durchs Fenster. Sie liegt nackt im Bett, schläft jedoch scheinbar fest. Da klettert er wieder hinaus. Erregt masturbierend kehrt er in sein Zimmer zurück – und wird in seinem Bett von Ana erwartet. Am nächsten Tag verlässt Otto seine Mutter und zieht bei der Familie seines Vaters ein, um in Anas Nähe bleiben zu können. Fast jede Nacht schlafen sie heimlich zusammen.

So vergehen mehrere Jahre.

Ein Fremder, der Olga an einem öffentlichen Fernsprecher reden hört, lädt sie ein, an einem Casting für die frei gewordene Position einer Nachrichtensprecherin teilzunehmen. Sein Name ist Álvaro Midelman (Jaroslav Bielski). Zufällig begegnet Ana (ab jetzt: Najwa Nimri) den beiden bald darauf und sieht, wie sie eng umschlungen auf der Straße gehen.

Bei einem seiner Besuche im Haus seiner Mutter findet Otto (ab jetzt: Fele Martinez) Ula tot in der Küche vor. Sie sitzt vornübergebeugt auf einem Stuhl, und ihr Kopf liegt auf dem Tisch. Das Gemüse, das sie offenbar vor ihrem Tod putzte, ist bereits verfault und voll Ungeziefer.

Otto fühlt sich schuldig am Tod seiner von ihm wegen Ana vernachlässigten Mutter und versucht, sich mit einer halsbrecherischen Schlittenfahrt das Leben zu nehmen. Er stürzt in den Abgrund. Weil jedoch der Tiefschnee seinen Aufprall abfedert, überlebt er. Seine Schuldgefühle machen es ihm unmöglich, weiter in Anas Nähe zu sein. Eines Nachts stiehlt er seinem Vater viel Geld und schleicht sich davon.

Olga trennt sich wegen ihres Geliebten Álvaro von ihrem Ehemann Álvaro. Ana geht eigene Wege. Sie wird Lehrerin und lebt vier Jahre lang mit ihrem zwanzig Jahre älteren Kollegen Javier (Pep Munné) zusammen. Dann erfährt sie, dass Álvaro Midelmans Vater eine genau auf dem Polarkreis liegende Hütte in der Nähe von Rovaniemi in Lappland besitzt. Ohne lang nachzudenken, fliegt sie hin und quartiert sich dort ein.

In der Blockhütte am Polarkreis erhält Ana von der Postbotin (Outi Alanen) ein dickes Kuvert mit einer Videokassette, auf der Olga ihrer Tochter von Australien vorschwärmt und sie einlädt, zu ihr und Álvaro Midelman zu ziehen. Olga teilt Ana mit, Otto habe sich zum Piloten ausbilden lassen, aber sie wisse nicht, wo er lebt.

Bewusst oder unbewusst folgte Otto damit dem Beispiel eines Deutschen, der bei der Bombardierung der spanischen Stadt Guernica am 28. April 1937 dabei gewesen und abgeschossen worden war, sich mit dem Fallschirm gerettet hatte, damit jedoch hilflos in einem Baumwipfel hängen geblieben war. Zufällig kam Ottos Großvater vorbei. Er ließ sich die Pistole des feindlichen Soldaten herunterwerfen, kletterte auf den Baum und holte ihn herunter. Der Deutsche hieß Otto Midelman (Joost Siedhoff). Die beiden Männer rauchten zusammen Ottos letzte Zigarette, dann gab der Spanier dem Deutschen die Pistole zurück und ließ ihn laufen.

Nach siebzehn Jahren Abwesenheit besucht Otto seinen vereinsamten und verbitterten Vater erstmals wieder. Er kommt nun regelmäßig vorbei. Eines Tages trifft ein Brief aus Finnland für ihn ein. An den Aufklebern erkennt Otto, dass er ihn selbst in seinem Flugzeug beförderte. In dem Kuvert steckt ein Papierflieger. Ana schreibt ihm, sie habe Otto Midelman kennen gelernt. Der deutsche Bomberpilot war bei seiner Flucht auf die siebzehnjährige Spanierin Cristina gestoßen, die gerade ihren Vater verloren hatte. Die beiden wurden ein Paar und heirateten nach dem Krieg. In dem Brief fordert Ana Otto auf, mutig zu sein und zu ihr nach Finnland zu kommen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Ana schwimmt in dem See bei der Hütte, als Otto mit seiner spanischen Postmaschine über sie hinwegfliegt. Es ist die Johannisnacht. Da geht die Sonne in Lappland nicht unter. Vergeblich wartet Ana die ganze Nacht auf Otto. Am Morgen berichtet ihr die Postbotin vom Absturz eines spanischen Postflugzeugs. Daraufhin lässt Ana sich von ihr nach Rovaniemi mitnehmen, um nach Otto zu suchen. Sie ahnt nicht, dass Otto sich ganz in ihrer Nähe der Hütte befindet.

Otto hatte den Autopiloten eingeschaltet und war über der Blockhütte mit dem Fallschirm abgesprungen. Stoff und Leinen verfingen sich allerdings in den Ästen eines hohen Baums. Hilflos hing Otto dort. Am Morgen sah er Ana mit der Postbotin und schrie, aber sie hörten ihn nicht und fuhren weg. Ein Finne namens Aki (Petri Heino) schneidet ihn schließlich ab und bringt ihn mit seinem Wagen nach Rovaniemi.

Ana steigt aus dem Postauto, kauft sich eine Zeitung und fängt an, den Artikel über den Flugzeugabsturz auf der ersten Seite zu lesen.

Aki muss in Rovaniemi scharf bremsen, als ein roter Omnibus die Kreuzung vor ihm überquert. Otto fällt gegen die Windschutzscheibe. Im nächsten Augenblick sieht er, wie Ana mit ihrer Zeitung vor den Bus läuft und durch die Luft geschleudert wird. Er rennt hin. Sie liegt auf dem Rücken. Otto spiegelt sich in ihren weit aufgerissenen Augen. Ana ist tot.

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Im Vorspann lautet der Titel „Die Liebenden vom Polarkreis“; der Verleih (Polyfilm) nennt allerdings den Titel „Die Liebenden des Polarkreises“.

Der Film von Julio Medem beginnt mit rätselhaften kleinen Puzzlestücken, kunstvoll geschnittenen Bildern aus ungewohnten Kameraperspektiven. Der Eindruck, den Anfang eines künstlerisch anspruchsvollen Films zu sehen, täuscht nicht: Drehbuch, Inszenierung, Darsteller, Kamera, Schnitt, Musik bleiben auf hohem Niveau. Bei „Die Liebenden vom Polarkreis“ handelt es sich um ein poetisches Melodram über die große Liebe. Wie diese Liebe von Zufällen bestimmt ist, erinnert an Krzysztof Kieślowski (beispielsweise an „Die zwei Leben der Veronika“). Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht der beiden Hauptfiguren. Dabei ergeben sich Überschneidungen bzw. Wiederholungen, wenn dieselbe Episode einmal von Ana, dann von Otto etwas anders wahrgenommen wird. Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass Julio Medem Palindrome als Namen für sie wählte, denn auch der Film funktioniert gewissermaßen vorwärts und rückwärts: Die Ereignisse sind kreisförmig miteinander verzahnt; die Gegenwart ähnelt immer wieder der Vergangenheit und nimmt die Zukunft vorweg.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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Miriam Meckel - Brief an mein Leben
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