Die unbarmherzigen Schwestern

Die unbarmherzigen Schwestern

Die unbarmherzigen Schwestern

Die unbarmherzigen Schwestern – Originaltitel: The Magdalene Sisters – Regie: Peter Mullan – Drehbuch: Peter Mullan – Kamera: Nigel Willoughby – Schnitt: Colin Monie – Musik: Craig Armstrong – Darsteller: Geraldine McEwan, Anne-Marie Duff, Nora-Jane Noone, Dorothy Duffy, Eileen Walsh, Mary Murray, Britta Smith, Frances Healy, Eithne McGuinness, Phyllis McMahon, Rebecca Walsh, Eamonn Owens, Chris Simpson, Sean Colgan, Daniel Costello u.a. - 2002; 120 Minuten

Inhaltsangabe

1964 werden drei Mädchen zwangsweise in ein Magdalene Asylum bei Dublin gebracht: Margaret wurde vergewaltigt, Rose hat gerade ein uneheliches Kind geboren, und Bernadette ist einfach zu hübsch. Die Neuankömmlinge müssen braune Uniformen aus grobem Stoff anziehen und lernen, dass sie nur reden dürfen, wenn sie von einer Klosterschwester etwas gefragt werden. Von frühmorgens bis spätabends müssen sie schweigend in der Großwäscherei arbeiten ...
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Kritik

Authentische Schicksale regten Peter Mullan zu dem Film "Die unbarmherzigen Schwestern" an. Am Beispiel der katholischen Magdalenen-Heime in Irland stellt er Fundamentalismus und Terror in einen Zusammenhang, aber besonders differenziert ist die Darstellung nicht.
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Bei einer Hochzeitsfeier 1964 in Dublin wird Margaret (Anne-Marie Duff) von ihrem Cousin Kevin (Sean McDonagh) in einen Nebenraum gelockt und dort vergewaltigt. Danach erzählt sie es weinend einer Freundin. Während das Fest weitergeht, beginnen einzelne Gäste zu tuscheln. Im Morgengrauen wird Margaret von ihrem Vater (Ian Hanmore) aus dem Bett geholt und von einem katholischen Priester in eines der Magdalene Asylums für gefallene Mädchen gebracht.

Dort treffen zwei weitere Mädchen mit ihr zusammen ein: Bernadette (Nora-Jane Noone) und Rose (Dorothy Duffy).

Bernadette wuchs im Waisenhaus auf. Als der Direktor beobachtete, dass sich stets Jungen am Zaun drängten, wenn sie Bernadette im Hof erblickten, hielt er es für geboten, das hübsche Mädchen in einem Magdalenen-Heim wegzusperren.

Rose gebar gerade ein uneheliches Kind. Ihre Mutter (Maureen Allan) weigert sich, das Neugeborene überhaupt nur anzuschauen und spricht mit ihrer verzweifelten Tochter kein Wort mehr. Noch im Krankenhaus wird Rose der Säugling von einem Priester weggenommen und zur Adoption freigegeben, während sie selbst ins Magdalene Asylum muss.

Die Neuankömmlinge werden von Schwester Bridget (Geraldine McEwan) eingewiesen. Weil es im Heim bereits ein Mädchen namens Rose gibt, bestimmt sie kurzerhand, dass Rose von nun an Patricia heißt. Die Mädchen müssen braune Uniformen aus grobem Stoff anziehen und lernen, dass sie nur reden dürfen, wenn sie von einer Klosterschwester etwas gefragt werden. Von frühmorgens bis spätabends müssen sie schweigend in der Großwäscherei arbeiten, wo Katy (Britta Smith) die Aufsicht führt, eine ältere Frau, die seit Jahrzehnten in diesem Heim lebt. Lohn bekommen die Mädchen keinen für die Plackerei; dafür verdient das Magdalene Asylum um so mehr damit.

Als Una O’Connor (Mary Murray) flieht und zu ihren Eltern nach Hause läuft, schlägt ihr Vater (Peter Mullan) sie zusammen, zerrt sie ins Heim zurück und prügelt noch im Schlafsaal auf sie ein. Am anderen Morgen werden Una die Haare geschoren. Das soll sie davon abhalten, noch einmal auszubrechen.

Crispina (Eileen Walsh), eine debile junge Heiminsassin, hatte vor ihrer Einlieferung einen kleinen Jungen geboren. Der wächst bei ihrer Schwester (Tracy Kearney) auf, und Crispina darf nicht einmal seinen Namen erfahren. Hin und wieder taucht Crispinas Schwester mit dem kleinen Jungen am Gartentor auf, damit seine Mutter ihn (Callum Smith, Daniel Emerson, Flynn Turner) während des Wäscheaufhängens wenigstens von weitem sehen kann.

Bisher hatte Bernadette noch nie etwas mit einem Jungen, aber im Magdalene Asylum ist sie paradoxerweise bereit, sich zu prostituieren, um dem Sklavendasein zu entkommen: Sie küsst Brendan (Chris Simpson), den Jungen, der die Wäsche bringt und abholt, zieht ihren Schlüpfer aus und hebt den Rock hoch. In der Nacht soll er ihr das Tor aufschließen. Nach Einbruch der Dunkelheit kommt er mit dem Schlüssel, aber im letzten Augenblick fürchtet er sich vor den möglichen Folgen und fährt wieder fort. Bernadette wird von vier Nonnen überwältigt, und weil sie sich heftig wehrt, rutscht die Schwester, die ihr das Haar abschneidet, immer wieder mit der Schere ab, sodass Bernadette Blut übers Gesicht läuft.

Obwohl die Mädchen sich erst das Nachthemd überstreifen müssen, bevor sie sich darunter ausziehen, lassen zwei Klosterschwestern sie eines Tages splitternackt antreten und machen sich dann kichernd über ihre Brüste und Schambehaarung lustig.

In der Hoffnung, an Grippe zu sterben, schläft Crispina eines Nachts im klatschnassen Nachthemd, und als sie nur krank wird, aber nicht stirbt, versucht sie, sich zu erhängen, wird aber gerade noch rechtzeitig von anderen Mädchen entdeckt und gerettet. Als Crispina kurz darauf bei einer Prozession den Priester beschimpft, lässt die Heimleitung sie zwangsweise in eine Irrenanstalt bringen.

Einmal stößt Margaret zufällig auf ein offenes Gartentor. Sie geht hinaus ins Freie, blickt über die in der Sonne liegenden Wiesen und Felder. Ein Auto hält an, aber Margaret bringt nicht den Mut auf, einzusteigen. Resigniert kehrt sie in ihr Gefängnis zurück und schließt das Tor.

Vier Jahre nach Margarets Einlieferung taucht an Weihnachten unvermittelt ihr Bruder Eamonn (Eamonn Owens) auf und holt sie ab. Keine der Schwestern stellt sich den beiden in den Weg.

Als Crispinas Schwester wieder einmal mit ihrem kleinen Neffen am Gartentor steht, verrät Patricia ihr, dass die Mutter des Kindes schon seit Wochen nicht mehr hier ist. Dafür wird Patricia von Schwester Bridget verprügelt.

Kurz darauf stiftet Bernadette Patricia zur Flucht an.

Während Bernadette in Dublin bleibt und eine Ausbildung als Friseuse beginnt, reist Patricia, die sich nun wieder Rose nennen darf, nach Liverpool.

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Durch die 1998 ausgestrahlte Fernseh-Dokumentation „Sex in a Cold Climate“ wurde der schottische Schauspieler und Regisseur auf das Schicksal von Frauen aufmerksam, die in verschiedenen Heimen aufwuchsen. Martha Cooney beispielsweise lebte von ihrem 14. bis 18. Lebensjahr in einem Erziehungsheim, nachdem sie von einem Cousin sexuell belästigt worden war. Davon ließ Peter Mullan sich in seinem Film „The Magdalene Sisters“ („Die unbarmherzigen Schwestern“) zu der Figur Margaret anregen. Im Nachspann schildert er kurz, was aus drei der Mädchen geworden ist, die Vorbilder für Filmfiguren waren: Margaret ließ sich in Donegal nieder, blieb unverheiratet und wurde Grundschullehrerin. Rose heiratete, bekam zwei Kinder und fand ihren inzwischen 33 Jahre alten Sohn 1996 wieder. 1998 starb sie. Crispina, die in Wirklichkeit Harriet hieß, starb 1971 im Alter von 24 Jahren an einer Anorexie.

Am Beispiel dieser Frauen veranschaulicht Peter Mullan das Leben in den irischen Magdalene Asylums für gefallene Mädchen. Die ersten nach Maria Magdalena benannten Heime wurden Anfang des 19. Jahrhunderts im Vereinigten Königreich gegründet, um Prostituierte zu läutern. Die Magdalenen-Heime waren zunächst anglikanisch, doch bald schon unterstützte auch die katholische Kirche diese Einrichtungen, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden einige vom katholischen Orden der Sisters of Mercy (Barmherzige Schwestern) übernommen. Ursprünglich sollten die Frauen und Mädchen nur vorübergehend in den Magdalenen-Heimen leben. Da jedoch die meisten von ihnen keine Chance hatten, einen Arbeitsplatz zu finden, wandelten sich die Heime in Langzeiteinrichtungen. Und weil die Magdalenen-Heime auf sich selbst angewiesen waren, übernahmen sie bezahlte Tätigkeiten wie sie beispielsweise in einer Wäscherei anfielen und zwangen die Mädchen und Frauen, sie auszuführen. Schätzungsweise 30 000 junge Frauen waren dort im Verlauf der Zeit eingesperrt. Das letzte Magdalenen-Heim wurde erst am 25. September 1996 geschlossen. Eine irische Sonderkommission untersuchte die Vorwürfe gegen die Einrichtungen neun Jahre lang. Aufgrund des im Mai 2009 vorgelegten Berichts entschuldigten sich Bertie Ahern (irischer Ministerpräsident von 1997 bis 2008) und Kardinal Seán Brady (Erzbischof von Armagh und Primas der römisch-katholischen Kirche von ganz Irland) für den jahrzehntelangen Missbrauch von Frauen und Mädchen in Magdalenen-Heimen. Kardinal Seán Brady sagte unter anderem: „Es tut mir aufrichtig leid und ich bin zutiefst beschämt, dass Kinder so grauenhaft in diesen Einrichtungen leiden mussten.“

So wie Peter Mullan es darstellt, handelte es sich bei den Magdalene Asylums um katholische Arbeitslager, repressive Umerziehungsanstalten, in denen versucht wurde, den Willen der eingesperrten Mädchen durch Gewalt und Erniedrigung zu brechen, ihre Individualität, Selbstachtung und Selbst­bestimmung aufzulösen. Wie rechtlose Sklavinnen wurden die Mädchen in den einträglichen Großwäschereien ausgebeutet. Peter Mullan stellt Religion und Terror in einen Zusammenhang. Seine Kritik richtet sich aber auch gegen die Allmacht der Väter in einer intoleranten Gesellschaft mit Doppelmoral. Seinen Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ kann man als Plädoyer gegen jede Art von Fundamentalismus verstehen. Da die Geschichte in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts spielt, hätte er als Kontrast die emanzipatorischen Bewegungen dieser Zeit thematisieren können, aber Peter Mullan beschränkt sich stattdessen auf die mittelalterlich anmutende Grausamkeit in einem Magdalenen-Heim.

Dabei versucht er nicht, die Motivation der Schwestern zu verstehen, sondern zeigt sie in plumper Weise als Klischees: sadistisch, ausbeuterisch und scheinheilig. Besonders differenziert ist das Bild also nicht, das Peter Mullan in „Die unbarmherzigen Schwestern“ entstehen lässt.

Formal überzeugend sind nur wenige Szenen. Beispielsweise der Anfang, als bei der Hochzeitsfeier ekstatisch musiziert wird und man dann das Getuschel über die Vergewaltigung sieht, aber nicht hört, was geredet wird. Oder die anrührende Szene, als Margaret ins Freie tritt und es dann doch nicht wagt, das Heim zu verlassen.

Bei den Filmfestspielen 2002 in Venedig gab es einen „Goldenen Löwen“ für „Die unbarmherzigen Schwestern“.

Übrigens ist bei der weihnachtlichen Filmvorführung im Magdalene Asylum ein Ausschnitt mit Ingrid Bergman als Schwester Benedict aus „The Bells of St. Mary’s“ zu sehen (1945; Regie: Leo McCarey).

Literatur: Frances Finnegan, Do Penance or Perish. A Study of Magdalene Asylums in Ireland

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Alex Capus - Léon und Louise
Alex Capus vermeidet in "Léon und Louise" jede Effekthascherei. Stilsicher schreibt er in einer leisen, poetischen Sprache. Elegant und unaufdringlich arbeitet er mit Komik und Humor.
Léon und Louise

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