Die Wand

Die Wand

Die Wand

Originaltitel: Die Wand – Regie: Julian Roman Pölsler – Drehbuch: Julian Roman Pölsler, nach dem Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer – Kamera: Markus Fraunholz, Martin Gschlacht, Bernhard Keller, Helmut Pirnat, Hans Selikovsky, Richi Wagner, J. R. P. Altmann, Christian Berger, Helmut Pirnat, Hans Selikovsky, Thomas Tröger – Schnitt: Thomas Kohler, Bettina Mazakarini – Musik: Uwe Kirbach – Darsteller: Martina Gedeck u.a. – 2012; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Die Erzählerin will mit einem befreundeten Ehepaar ein langes Wochenende in einem Jagdhaus verbringen. Von einem Wirtshausbesuch im nahen Dorf kehren die Freunde nicht zurück, und als die Erzählerin nach ihnen sucht, stößt sie gegen eine unsichtbare Wand, die offenbar das gesamte Gebiet großräumig einschließt. Jenseits der Wand erblickt sie erstarrte Menschen und Tiere. Ohne darüber nachzugrübeln, was geschehen ist, richtet sie sich mit dem Wenigen ein, das ihr geblieben ist ...
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Kritik

Den Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer kann man als Zivili­sationskritik und Emanzipations­geschichte interpretieren. Julian Roman Pölsler verfilmte ihn, aber das Ergebnis ist nicht Kino, sondern ein bebildertes Hörbuch.
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Die Erzählerin (Martina Gedeck), eine Frau um die fünfzig, deren Namen wir nicht erfahren, wird von ihrer Cousine Luise (Ulrike Beimpold) und deren Ehemann Hugo Rüttlinger (Karlheinz Hackl) zu einem langen Wochenende im Jagdhaus des Unternehmers in Oberösterreich eingeladen. Nach der Ankunft im Jagdhaus drängt Luise ihren Mann, mit ihr noch ins Dorf zu gehen. Ihre Cousine bleibt zurück.

Als das Ehepaar auch am nächsten Morgen nicht zurückkehrt, geht die Erzählerin mit Rüttlingers Hund Luchs los, um nachzusehen. Plötzlich jault der vorausgelaufene Hund auf und kehrt mit blutiger Schnauze zurück. Im nächsten Augenblick stößt die Frau mit der Stirn gegen eine unsichtbare Wand.

Jenseits der Wand erblickt sie einen alten Mann (Hans-Michael Rehberg), der am Brunnen steht und eine auf der Veranda ihres Hauses sitzende Frau (Julia Gschnitzer). Beide sind erstarrt. Außerhalb der Wand scheint niemand mehr zu leben.

Die Frau fährt mit dem Auto der Rüttlingers los, prallt jedoch auch damit plötzlich gegen die Wand.

Am nächsten Tag kommt eine Kuh aus dem Wald, die vor Schmerzen brüllt, weil sie gemolken werden muss. Die Erzählerin ist zwar in der Stadt aufgewachsen, aber die Schulferien verbrachte sie auf dem Land. Sie weiß deshalb, wie man eine Kuh melkt, verschafft dem Tier Erleichterung, und die Milch kann sie gut gebrauchen. Bella nennt sie das nützliche Tier.

Während eines Unwetters läuft ihr nach vier Wochen eine abgemagerte Bauernkatze zu.

Außer dem Wasser aus einer Quelle oberhalb des Jagdhauses trinkt die Frau Kuhmilch. Um die Lebensmittelvorräte in der Jagdhütte zu ergänzen, muss sie hin und wieder ein Reh schießen, auch wenn sie das nur widerwillig tut. Sie sammelt Beeren und mäht eine Wiese mit der Sense, um Heu für die Kuh zu bekommen. Außerdem sägt und hackt sie Holz, damit sie im Winter heizen kann.

So viel Plage und Mühsal ist sie nicht gewohnt. Mitunter wird es ihr zu viel, aber die Verantwortung für die Tiere hält sie aufrecht. Zu rebellieren hätte keinen Sinn.

Wegen der Kuh kann sie zwar nicht länger als einen Tag fortbleiben, aber innerhalb dieser Reichweite erkundet sie die Gegend und kommt zu dem Schluss, dass sie auf allen Seiten von der Wand umgeben ist. Andernfalls hätte man sie auch längst gefunden.

Die Katze wirft ein Junges, das von der Frau Perle genannt wird. Während eines Föhnsturms wird das Kätzchen von einem Fuchs getötet. Bald darauf sieht die Frau den Fuchs, und weil sie ihr Gewehr dabei hat, könnte sie ihn erschießen, aber sie tut es nicht. Das Tier hat nichts Böses getan. Nur Menschen können zwischen Recht und Unrecht unterscheiden.

Bella muss ebenfalls trächtig gewesen sein, als sie auftauchte. Bei dem Kalb, das die Frau mühsam aus dem Körper der Kuh zieht, handelt es sich um einen Stier.

Den zweiten Sommer verbringt die Frau mit den Tieren auf einer höher gelegenen Alm. In der herrlichen Natur spürt sie, wie sich ihr Ich in einem Wir auflöst.

Auch im nächsten Sommer lebt die Frau mit den Tieren auf der Alm.

Hin und wieder muss sie zum Jagdhaus hinunter. Als sie mit Luchs von so einem Tagesausflug zurückkommt und sich der Alm nähert, bellt Luchs schon von weitem. Die Frau erblickt einen Mann (Wolfgang Maria Bauer), der eine Axt in der Hand hält. Der Stier liegt mit gespaltenem Schädel vor ihm. Während sie in die Almhütte rennt und ihr Gewehr holt, erschlägt der Mann auch den ihn angreifenden Hund. Gleich mit dem ersten Schuss tötet die Frau den Mann. Sie schleift die Leiche zu einem Abhang und lässt sie talwärts rollen. Den Hund begräbt sie. Der Stier ist zu schwer für sie; seine Gebeine werden in der Sonne bleichen.

Am nächsten Morgen verlässt sie mit Bella die Alm.

Um nicht den Verstand zu verlieren, schreibt sie im Jagdhaus auf vergilbtem Geschäftspapier und den Rückseiten von Kalenderblättern auf, was sie seit ihrer Ankunft erlebte. Vier Monate benötigt sie dafür, dann muss sie aufhören, weil sie kein leeres Stück Papier mehr findet.

Draußen hört sie eine Krähenschar. Sie wird warten, bis die Vögel weggeflogen sind und dann eine weiße Krähe füttern, der von den anderen Tieren ausgestoßenen wurde.

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Julian Roman Pölsler verfilmte den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer mit Martina Gedeck.

Was geschieht mit einem aus Gesellschaft und Zivilisation gefallenen Menschen? „Die Wand“ lässt sich als Utopie und Zivilisationskritik interpretieren: Ein auf die Natur angewiesener Mensch lernt, ohne Kulturgüter und technische Errungenschaften auszukommen. Die Städterin entwickelt sich zur autarken Sennerin und Jägerin. Auf sich selbst zurückgeworfen, lernt sie, im Einklang mit der Natur zu leben. Ihr Ich löst sich in einem Wir-Gefühl auf, das nicht nur die Tiere mit einbezieht, sondern den gesamten ihr verbliebenen Kosmos.

Wenn man in der Robinson-Figur vor allem die Frau sieht, lässt sich „Die Wand“ als Emanzipations-Geschichte interpretieren. Die Frau wird autark, sobald sie von der Männerwelt abgeschirmt und auf sich allein gestellt ist. Sie hat einen Freiraum gewonnen – allerdings muss sie dafür Mühe und Einsamkeit in Kauf nehmen.

Zugleich Sehnsuchtsbild und Horrorszenario, ist die Geschichte rund vierzig Jahre nach der Entstehung des Romans für viele Interpretationen offen. Ein Aufruf zur ökologischen Bewusstwerdung? Eine Erlösung von den Zwängen des Alltags, ein Gegenmittel für den Burn-out? Martina Gedeck nannte den Prozess, den ihre Figur durchlebt, einen Aufbruch in die Freiheit.
(Anke Sterneborg, Süddeutsche Zeitung, 15. Oktober 2012)

Bei seiner Verfilmung des Romans „Die Wand“ hält sich Julian Roman Pölsler eng an die literarische Vorlage von Marlen Haushofer. Im Grunde handelt es sich um ein Ein-Personen-Stück. Mit Ausnahme einiger kurzer Dialoge zu Beginn wird nur noch aus dem Off gesprochen: Die von Martina Gedeck verkörperte Hauptfigur rezitiert Marlen Haushofers zwar gekürzten, aber ansonsten unveränderten Text. Wie im Buch erfolgt die Darstellung also aus der Innenperspektive der Protagonistin, die wir immer wieder in der Hütte beim Schreiben des Textes sehen. Sie bringt zu Papier, was sie in den letzten beiden Jahren erlebte – und das sehen wir dann in Rückblenden.

Außer der Stimme der Erzählerin sind Naturgeräusche zu hören, dazu ein tiefes Brummen in der Nähe der unsichtbaren Wand. Mit der aus wenigen kurzen Violinsoli (Bach-Partiten) bestehende Musik werden keine Szenen untermalt, sondern in ansonsten stillen Momenten Akzente gesetzt.

Der Roman „Die Wand“ galt als unverfilmbar. Julian Roman Pölsler versuchte es, aber das Ergebnis ist nicht Kino, sondern eine Bebilderung des gesprochenen Romantextes, ein illustriertes Hörbuch.

Die Dreharbeiten fanden bei Losau und im Dachsteingebirge statt. Um in den verschiedenen Jahreszeiten zu arbeiten, verteilte Julian Roman Pölsler die Drehtage auf die Zeit von Februar 2010 bis Januar 2011.

Übrigens gehört der bayrische Gebirgsschweißhund Luchs dem Regisseur Julian Roman Pölsler.

Uraufgeführt wurde „Die Wand“ bei der Berlinale 2012.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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