Der dritte Mann

Der dritte Mann

Der dritte Mann

Der dritte Mann - Originaltitel: The Third Man - Regie: Carol Reed - Drehbuch: Graham Greene - Kamera: Robert Krasker - Schnitt: Oswald Hafenrichter - Musik: Anton Karas - Darsteller: Joseph Cotten, Orson Welles, Paul Hörbiger, Trevor Howard, Erich Ponto, Ernst Deutsch, Alida Valli, Hedwig Bleibtreu u.a. - 1950; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Der Amerikaner Rollo Martins kommt in der Besatzungszeit nach Wien. Sein Freund Harry Lime lud ihn ein und bezahlte ihm die Reise. Obwohl Rollo Martins nur billige Wildwestromane schreibt, soll er einen Zeitungsartikel über eine von Harry Lime betreute Fürsorgeeinrichtung verfassen. In Wien wird er von der Nachricht überrascht, sein Freund sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ...

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Kritik

Aus Graham Greenes Erzählung "Der dritte Mann" machte Carol Reed einen ebenso spannenden wie hintergründigen Kriminalfilm. Neben den hervorragenden Schauspielern trug auch Robert Kraskers Licht-Schatten-Dramaturgie maßgeblich dazu bei, dass "Der dritte Mann" ein Klassiker wurde.
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Der Amerikaner Holley Martins (Joseph Cotten) kommt in der Besatzungszeit nach Wien. Harry Lime (Orson Welles), mit dem er seit zwanzig Jahren – seit der Schulzeit – befreundet ist, lud ihn ein und bezahlte ihm die Reise. Obwohl Holley Martins nur billige Wildwestromane schreibt, soll er einen Zeitungsartikel über eine von Harry Lime betreute Fürsorgeeinrichtung verfassen.

Als Holley an der Tür seines Freundes klingelt, sagt ihm der Hausmeister (Paul Hörbiger), dass Mr. Lime vor dem Haus von einem Auto überfahren worden sei und sein Leichnam in diesem Augenblickim Zentralfriedhof beigesetzt werde. Holley kommt gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung.

Auf dem Friedhof spricht ihn ein Brite (Trevor Howard) an, stellt sich unter dem Namen „Calloway“ vor und nimmt ihn in seinem Wagen mit zurück. Ein Jeep der Militärpolizei folgt ihnen. Holley lässt sich in eine Bar einladen. Er selbst kann nicht bezahlen, weil er das dazu erforderliche Besatzungsgeld erst von Harry Lime bekommen sollte. Er erzählt von den Schulbuben-Streichen, die Harry Lime und er zusammen ausführten. Während er zumeist erwischt worden sei, habe sich Harry stets rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Der Alkohol macht Holley aggressiv. Als Calloway sich als Oberst der Britischen Militärpolizei zu erkennen gibt und Harry Lime als Verbrecher bezeichnet, will Holley zuschlagen. Calloways Fahrer Paine, der unauffällig am Nebentisch Platz genommen hatte, streckt ihn mit einem Kinnhaken nieder. Calloway gibt Holley etwas Geld, verspricht ihm für den folgenden Tag ein Rückflugticket und beauftragt Paine, ihn ineinem Hotel unterzubringen.

Paine ist ein begeisterter Leser von Holleys Groschenromanen. In der Hotelhalle stellt er ihn begeistert Mr. Crabbin, dem Vorsitzenden der Cultural Relations Society, als amerikanischen Schriftsteller vor. Der hat noch nie etwas von Holley Martins gehört, freut sich aber, den Mitgliedern seiner Organisation etwas bieten zu können und lädt ihn ein, am übernächsten Abend einer Diskussion über moderne Literatur beizuwohnen. Die Cultural Relations Society werde auch seine Spesen während des Aufenthaltes in Wien übernehmen. Holley Martins ist nur wichtig, dass er in Wien bleiben kann, denn er will beweisen, dass Oberst Calloways Anschuldigungen gegen Harry Lime falsch sind.

Ein Bekannter Harry Limes namens Kurtz (Ernst Deutsch) ruft ihn an und verabredet sich mit ihm in einem Café. Er erzählt ihm von Harry Limes Unfall. Unmittelbar vor dem Haus, in dem Harry Lime wohnte, sei er mit ihm auf dem Bürgersteig gegangen, als von der anderen Straßenseite ein Bekannter gerufen habe. Harry Lime sei auf die Straße getreten und von einem Auto überfahren worden. Wenig später sei Harry Limes Hausarzt Dr. Winkler (Erich Ponto) vorbeigekommen und habe seinen Tod festgestellt.

Holley fällt auf, dass mehrere Bekannte Harry Limes – aber keine Fremden – bei dem Unfall oder kurz danach zugegen waren. Nur der Hausmeister glaubt vom Fenster aus gesehen zu haben, wie drei Männer den Verunglückten von der Straße wegtrugen. Drei Männer?! Kurtz sagte, nur er und ein anderer Bekannter Harry Limes, ein Rumäne, seien es gewesen. Das bestätigt auch der Rumäne, den Holley in einer Bar kennen lernt.

Harry Limes Geliebte Anna Schmidt (Alida Valli) findet er als Schauspielerin in einem Theater der Josefstadt.

Holley sieht sich in Harry Limes Wohnung um und äußert den Verdacht, Harry Lime sei ermordet worden. Der Hausmeister wehrt aufgeregt ab: Er will sich nicht in die Sache hineinziehen lassen und nichts mit der Polizei zu tun haben. Einige Zeit später verabredet er sich dann doch mit Holley für den Abend, um ihm mehr zu erzählen. Als Holley und Anna kommen, wird er gerade mit durchschnittener Kehle aus dem Haus getragen.

Anna wird von der internationalen Polizei verhaftet, weil ihr Pass gefälscht ist. Harry Lime beschaffte ihn, weil sie sich sonst als Tschechin nicht in Wien hätte aufhalten dürfen. Oberst Calloway behält zwar den gefälschten Ausweis, schützt sie aber vor seinem russischen Kollegen und lässt sie gehen.

Holley kehrt in sein Hotel zurück. Als er nach einem Taxi fragt, um zu Oberst Calloway zu fahren und ihm von seinem Verdacht zu erzählen, Harry Lime sei absichtlich überfahren und ermordet worden, steht schon ein Fahrer in der Hotelhalle für ihn bereit. Der rast mit ihm zu der Veranstaltung der Cultural Relations Society – die Holley völlig vergessen hatte. Mr. Crabbin und das Publikum warten bereits auf ihn. Zuerst glaubt man noch, er mache einen Scherz, als er nach seiner Meinung über James Joyce gefragt wird und daraufhin sagt, den kenne er nicht. Aber dann wird es peinlich, und Mr. Crabbin beobachtet verzweifelt, wie die ersten Zuhörer den Saal verlassen.

Als endlich niemand mehr da ist, und sich auch Holley anschickt, zu gehen, bemerkt er gerade noch rechtzeitig, dass zwei Männer vor der Tür auf ihn warten. Er rennt eine Treppe hoch, durchquert ein unbeleuchtetes Zimmer und flieht durch das Fenster.

Als er bei Oberst Calloway im Büro auftaucht, entschließt dieser sich, ihm von den polizeilichen Ermittlungen zu berichten, um ihn von weiteren Nachforschungen abzubringen, mit denen er sich und andere gefährden würde. Harry Lime hatte einen Schwarzhandel mit Penicillin organisiert. Das gab es nur in den Lazaretten der Besatzungsmächte. Sanitäter stahlen es dort für Harry Lime. Zahlungskräftige Patienten konnten es dann von ihm kaufen. Um den ohnehin riesigen Profit noch zu steigern, ließ er das Penicillin verdünnen. Dabei nahm er in Kauf, dass es durch die Verunreinigungen zu schweren Folgeerkrankungen und Todesfällen kam.

Holley betrinkt sich in einer Bar und geht dann mitten in der Nacht zu Anna. Er wolle sich verabschieden, weil er sich entschlossen habe, am nächsten Morgen aus Wien abzureisen. Er will nicht sagen, was er über Harry Lime erfahren hat – doch Anna weiß es ohnehin.

Als Holley wieder auf der Straße ist, sieht er einen Mann in einem dunklen Hauseingang stehen. Eine Katze spielt mit seinen Schuhbändern. Plötzlich fällt Licht auf das Gesicht: Es ist Harry Lime! Er läuft davon. Holley verfolgt ihn, hört seine Schritte auf dem Pflaster, sieht seinen Schatten über die Hauswänden huschen – aber plötzlich ist er fort. Holley berichtet Oberst Calloway davon, aber der glaubt ihm erst, als die Polizei an der angegebenen Stelle auf einen in einer Litfaßsäule verborgenen Eingang in die Kanalisation der Stadt stößt.

Er lässt das Grab Harry Limes öffnen. Der Tote ist Joseph Harbin. Der hatte für Harry Lime das Penicillin gestohlen.

Kurtz wohnt in der russischen Zone. Da darf Oberst Calloway nicht hin. Aber Holley sucht ihn auf. Auch Dr. Winkler ist da. Holley fordert die beiden Männer auf, Harry Lime auszurichten, dass er ihn am Riesenrad sprechen wolle.

Tatsächlich kommt Harry Lime. Beinahe hätte er die Hand ausgestreckt, aber er tut es nicht, denn er ahnt, dass Holley den Handschlag verweigern würde. Sie steigen allein in einen Wagen des Riesenrades. Als sie oben am Scheitelpunkt angelangt sind, hält das Riesenrad an. Jeder der beiden denkt daran, den anderen aus dem Wagen zu stoßen. Keiner vermag es zu tun. Harry Lime täuschte seinen Tod vor, weil ihm die Polizei im britischen Sektor dicht auf den Fersen war. Er ist jetzt im russischen Sektor untergetaucht. Als sie über Anna reden, wird Holley klar, dass Harry Lime sie nicht liebt. Sie blicken auf die aus dieserHöhe winzig wirkenden Menschen hinab, und Harry Lime fragt Holley, ob er 20000 Pfund ablehnen würde, wenn er ihm diesen Betrag für jeden toten „Punkt“ da unten böte. Als sie auseinander gehen, sagt Harry Lime seinem Freund, er könne ihn jederzeit über Kurtz erreichen, wenn er ihn sprechen wolle.

Damit Oberst Calloway Anna mit dem Zug aus Wien abreisen lässt, erklärt sich Holley bereit, den Lockvogel für ihn zu spielen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges sieht Anna durch ihr Abteilfenster Holley. Sie durchschaut ihn, steigt aus und bleibt in Wien.

Holley fühlt sich elend, weigert sich erneut, seinen Freund in die Fänge der Polizei zu locken und will Wien nun endgültig verlassen. Oberst Calloway bietet sich an, ihn zum Flughafen zu bringen. Unterwegs zeigt er Holley in einem Krankenhaus Kinder, die durch Harry Limes gepanschtes Penicillin an Meningitis erkrankt sind. Damit gewinnt er Holley für seinen Plan.

Über Kurtz verabredet sich Holley mit Harry Lime in einem Café. Als Holley dort wartet, sieht Anna ihn sitzen. Sie geht zu ihm und wirft ihm vor, seinen Freund zu verraten. In diesem Augenblick steht Harry Lime in der Türe. Er hört ein paar Worte und begreift, was vor sich geht. Er flieht in die Kanalisation. Holley, Oberst Calloway, dessen Fahrer Paine und ein Aufgebot von Polizisten verfolgen ihn in dem Labyrinth. Harry Lime erschießt Paine. Obwohl er ebenfalls von einer Kugel getroffen wird, läuft er weiter und kriecht einen Schacht hinauf. Er versucht das Kanalgitter hochzugeben, um ins Freie zu gelangen, aber er ist zu schwach. Holley findet ihn. Die Freunde blicken sich an, und Harry nickt. Ein Schuss kracht.

An Harry Limes Begräbnis nehmen nur Anna Schmidt, Holley Martins und Oberst Calloway teil. Ohne ein Wort zu sagen, geht Anna nach der Zeremonie fort. Die beiden Männer fahren mit Oberst Calloways Wagen und überholen sie auf einer langen Allee. Unvermittelt bittet Holley den Oberst, anzuhalten. Er steigt aus und wartet auf Anna, doch sie geht an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten.

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Graham Greene schrieb die Erzählung „Der dritte Mann“ als Vorlage für den geplanten Film. „Und der Film ist tatsächlich besser als die ursprüngliche Erzählung, weil er in diesem besonderen Fall die endgültige Fassung der Erzählung darstellt“, meinte er selbst.

Mit dieser realistischen Geschichte hält der englische Schriftsteller der Gesellschaft der Nachkriegszeit den Spiegel vor. Brave Bürger wollen keine Schwierigkeitenhaben und helfen deshalb der Polizei nicht im Kampf gegen die Kriminalität. Andere – bemerkenswerter Weise wählt Graham Greene Landsleute für diese Rolle – schwelgen in Konversationen über Kunst und Kultur, um sich von den Niederungen des realen Lebens abzulenken. Aber nicht immer lassen sich Lebensangst und Verunsicherung verdrängen. Liebe und Freundschaft prallen auf skrupellose Geschäftemacherei. In der Auseinandersetzung mit moralischen Kriterien muss jeder seinen Weg suchen. Selbst der gewissenlose Nutznießer der Not anderer Menschen wird nicht verteufelt, sondern als intelligenter Mensch dargestellt. Harry Lime ist keineswegs die Inkarnation des Bösen schlechthin.

Auf dieser Grundlage gestaltete Carol Reed einen ebenso spannenden wie hintergründigen Kriminalfilm. Neben den hervorragenden Schauspielern trug auch Robert Kraskers Licht-Schatten-Dramaturgie maßgeblich dazu bei, dass „Der dritte Mann“ ein Klassiker wurde. Für die Kameraführung gab es denn auch einen „Oscar“.

Carol Reeds Film ist fast sechs Jahrzehnte nach seiner Uraufführung immer noch ein sehr spannender Thriller, damals war er eine Sensation. (Günter Rohrbach, Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2006)

In einem bebilderten Führer folgt Alexander Glück den Wegen der Filmfiguren: „Auf den Spuren des Dritten Mannes in Wien“ (Pichler Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-85431-664-0).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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