Agnieszka

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Agnieszka

Agnieszka – Originaltitel: Agnieszka – Regie: Tomasz Emil Rudzik – Drehbuch: Tomasz Emil Rudzik – Kamera: Sorin Dragoi – Schnitt: Alina Teodorescu – Musik: Florian Riedl, Martin Kolb – Darsteller: Karolina Gorczyca, Hildegard Schmahl, Lorenzo Nedis, Elisa Schlott, Jörg Witte, Thomas Darchinger, Wojciech Zielinski, Johannes Silberschneider u.a. – 2014; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Die 30-jährige Agnieszka verlässt Polen und strandet in München bei der mehr als doppelt so alten Betreiberin eines Rings, bei dem reiche Masochisten eine Domina ordern können. "Madame", wie sich die einsame alte Dame nennen lässt, findet das neue "Krokodilchen" auch selbst begehrenswert und sieht in der jungen Frau eine Ersatz­tochter. Als diese viel Zeit mit einem sensiblen 16-Jährigen verbringt, schreitet Madame ein. Agnieszka gerät in einen Loyalitätskonflikt ...
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Kritik

Das ruhig inszenierte Sozialdrama "Agnieszka" dreht sich um Abhängig­keiten und veranschaulicht, wie eine junge Immigrantin ihre Würde ver­teidigt. Tomasz Emil Rudzik deutet vieles nur an. Karolina Gorczyca und Hildegard Schmahl überzeugen mit nuancenreich dargestellten Figuren.
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Agnieszka Radomska (Karolina Gorczyca) wird nach fünf Jahren aus einem Gefängnis in Polen entlassen. (Über den Grund der Verurteilung erfahren wir nichts.) Sie würde am liebsten gleich wieder zurückkehren, aber das Tor bleibt zu. Die 30-Jährige holt ihren kleinen Bruder Rafal (Rafal Garnecki) von der Schule ab und begleitet ihn nach Hause. Der Vater schläft vor dem eingeschalteten Fernsehgerät. Rafal kann seine Schwester nicht davon abhalten, das Geld aus einem Versteck zu nehmen und einzustecken. „Vater wird mich totschlagen“, fürchtet er, aber Agnieszka weist darauf hin, dass es ihr Geld sei und verspricht, ihn sobald wie möglich nachzuholen.

Nachdem sie an einer Tankstelle eine Plastikflasche mit Benzin gefüllt hat, durchquert sie eine Werkstatt, holt einen Mann aus dem Pausenraum und sagt, fünf Jahre seien eine lange Zeit. „Gib mir 40 000 für jedes Jahr, und du siehst mich nie wieder!“ Offenbar handelt es sich um jemanden, der zumindest an der Tat beteiligt war, für die sie zur Haftstrafe verurteilt wurde. Das dünne Bündel Banknoten, das er ihr hinhält, nimmt sie nicht. Stattdessen verschüttet sie das Benzin und zündet es an, bevor sie zum Busbahnhof geht.

Sie strandet schließlich in München. In einem Internet-Café ruft sie über Skype ihren Bruder an. Ein anderer Gast (Tom Radisch) stiehlt ihr beim Hinausgehen das Portemonnaie. Agnieszka folgt ihm, und als er sich in einer Gaststätte an den Tresen stellt, verlangt sie das Geld zurück. Er tut so, als wisse er nicht, wovon sie redet, aber sie drückt ihn gewaltsam gegen die Wand. Die Wirtin (Hildegard Schmahl) kommt hinzu. Nachdem Agnieszka dem Dieb die Beute abgenommen hat, fragt die 75-Jährige, die sich „Madame“ nennen lässt, ob sie einen Job und eine Unterkunft suche. Als Bewährungsprobe soll Agnieszka einen still in einer Ecke sitzenden Mann namens Jacek (Jörg Witte) ohrfeigen, der für Madame arbeitet. Ohne zu zögern, geht sie hin und ohrfeigt ihn.

Laura (Elisa Schlott), die rund zehn Jahre jünger ist, soll Agnieszka einweisen. Jacek fährt die beiden zu einem Kunden. Herr Dannenfeld (Johannes Silberschneider) wohnt in einer Villa und ist offenbar reich. Aber er liebt es, die Rolle des unterwürfigen Hausdieners Helmut zu spielen. Laura tut so, als sei sie die hochnäsige Tochter seines Dienstherrn und bestraft ihn für angebliche Nachlässigkeiten. Dafür zahlt Herr Dannenfeld.

Zu den von Madame aufgestellten Regeln gehört es, dass ihre Mädchen sich nicht entkleiden und auch nicht angefasst werden. Agnieszka wundert sich, wie leicht sie hier Geld verdienen kann. Es dauert nicht lang, bis die vereinsamte Madame zufrieden feststellt, dass Agnieszka ihr am meisten gefragtes „Krokodilchen“ ist. Sie findet die junge Polin auch selbst begehrenswert, trinkt mit ihr, sieht in ihr eine Ersatztochter und malt sich wohl aus, ihr später das Geschäft zu übergeben.

Durch den Zaun am Tierheim streichelt Agnieszka einen Hund. Sie fällt Manuel Kasper (Lorenzo Nedis Walcher) auf, einem 16-Jährigen, der dort beschäftigt ist. Er fährt mit ihr in der Straßenbahn zurück in die Stadt. Dabei geraten sie in eine Kontrolle. Weil Agnieszka keinen Fahrschein hat, steckt er ihr seinen zu – und wird daraufhin als Schwarzfahrer mitgenommen.

Agnieszka will ihm den Betrag ersetzen, den er als Strafe zahlte, aber er nimmt das Geld nicht an. Als er sie nach ihrer Arbeit fragt, behauptet sie, Nach­hilfe­stunden in Mathematik zu geben. Manuel verliebt sich in die selbstbewusste Frau, die Bierflaschen mit den Zähnen öffnet. Agnieszka ist gern mit dem sensiblen Jungen zusammen, bleibt jedoch unnahbar. Manuel nimmt sie mit und stellt sie seinen gutbürgerlichen Eltern Bernd und Gabi (Jan Messutat, Hannah Scheibe) vor. Nach ihrem Beruf gefragt, sagt Agnieszka, sie sei Erzieherin, aber als sie erfährt, dass Gabi Kasper als Erzieherin tätig ist, erklärt Agnieszka, sie arbeite nicht mit Kindern, sondern mit Erwachsenen, mit erfolgreichen Geschäftsleuten, die sogar für „Ballbusting“ bezahlen, für Tritte in die Genitalien.

Die Eltern sind entsetzt, aber Manuel hält zu Agnieszka. Er bringt sie auf seinem Motorrad zu einem Kunden und folgt ihrem Vorschlag, vom Garten durch ein Fenster ins Wohnzimmer zu schauen. Er begreift, was sie tut und dass sie sich dabei weder auszieht noch anfassen lässt. Das finde er in Ordnung, sagt er später zu ihr.

Bei einem weiteren Skype-Telefonat mit ihrem Bruder Rafal zeigt Agnieszka ihm einen Teddybären, den sie ihm schicken will und weist ihn darauf hin, dass sie Geldscheine eingenäht habe.

Obwohl Agnieszka von Madame verwarnt wird, weil es zu den Regeln gehört, dass Jacek die Mädchen fährt, lässt Agnieszka sich erneut von Manuel zu einem Kunden bringen und fordert ihn auf, eine Stunde zu warten.

Der Mann (Thomas Darchinger) gibt sich nervös und sagt, er mache das zum ersten Mal. Agnieszka zieht sich im Bad des Apartments um. Als sie herauskommt, überfällt und betäubt der Kerl sie. Er legt sie aufs Bett, zieht sie aus und fesselt sie mit langen, dicken Stricken. Einen Apfel essend, wartet er, bis sie zu sich kommt …

Agnieszka beschwert sich bei Madame. Die will auf keinen Fall die Polizei einschalten, verspricht jedoch, die Angelegenheit auf ihre Weise zu regeln. Außerdem fordert sie Agnieszka eifersüchtig auf, sich von dem Jungen mit dem Motorrad fernzuhalten.

Nach dem Erlebnis mit dem Sadisten beherzigt Agnieszka den Rat. Sie nimmt Manuels Telefonanrufe nicht an, und als er sie auf der Straße abpasst, weist sie ihn zurück: „Ich bringe nur Ärger“, sagt sie. Manuel lässt sich nicht abschütteln, bis sie ihn zum einem Ladendiebstahl animiert und zusieht, wie er am Ausgang von einem Detektiv abgefangen wird.

Bald darauf hält Madame Agnieszka einige Geldscheine als Wiedergutmachung hin, aber die stolze junge Frau greift nicht zu. Sie findet heraus, dass der Täter Wollenbeck heißt und wo er mit seiner Ehefrau (Angelika Fink) und der kleinen Tochter wohnt. Als sie dort klingelt, öffnet Frau Wollenbeck, und Agnieszka fragt nach deren Mann. Der ist entsetzt, als er sieht, wer vor der Tür steht. Agnieszka kommt es zunächst nur darauf an, ihn wissen zu lassen, dass sie seine Adresse kennt.

Offenbar wendet er sich an Madame, denn sie zahlt Agnieszka 5000 Euro dafür, dass sie die Wollenbecks in Ruhe lässt.


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überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Agnieszka nimmt zwar das Geld an, setzt sich aber kurze Zeit später auf die Stufen vor dem Bungalow der Wollenbecks. Der Sadist ist nicht da, aber seine Frau holt Agnieszka ins Haus und hört sich deren Bericht über die Vergewaltigung an. Als Wollenbeck von der Arbeit kommt, sitzt Agnieszka mit seiner Frau und seiner Tochter im Wohnzimmer. Sie bleibt zum Abendessen. Eine peinliche Situation! Während Frau Wollenbeck dann das Kind nach oben bringt, bietet ihr Mann Agnieszka die Scheine aus seiner Brieftasche an und beteuert, es sei alles mit Madame abgesprochen gewesen. Statt das Geld zu nehmen, hebt Agnieszka Vasen hoch und lässt sie auf dem Boden zerschellen. Auf diese Weise zwingt sie Wollenbeck, sich auszuziehen. Seine Frau geht in den Garten und schaut von dort durch die bodentiefen Fenster bzw. die Terrassentür bei der Demütigung zu.

Laura will München verlassen und übers Internet ihr eigenes Geschäft eröffnen. Agnieszka könnte sich beteiligen, lehnt jedoch den Vorschlag ab.

Sie trennt sich auch von Madame, der sie zum Abschied vorwirft, keine Seele zu haben.

Dann fährt sie zum Tierheim. Zum ersten Mal geht sie mit Manuel ins Bett, aber während er noch schläft, zieht sie sich an, legt ihm ein Geschenk aufs Kopfkissen und verlässt ihn.

Im Morgengrauen kommt sie in die triste Mietskaserne zurück, in der sie bisher wohnte, um ihre Sachen zu holen. Im Treppenhaus findet sie ihren schlafenden Bruder Rafal vor. Er hat den Teddybär bei sich. Sie fährt mit ihm zum Flughafen.

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In dem Sozialdrama „Agnieszka“ porträtiert Tomasz Emil Rudzik eine starke junge Frau, die dabei ist, sich eine neue Existenz aufzubauen. Agnieszka verdient zwar ihr Geld mit Rollenspielen als Domina, verabscheut aber Lügen und Heuchelei. Als der 16-jährige Manuel sich in die fast doppelt so alte wortkarge Immigrantin verliebt, verbringt sie zwar viel Zeit mit dem sensiblen Jungen, bleibt aber trotz ihrer Gefühle für ihn unnahbar, denn sie weiß, dass sie nicht die Richtige für ihn ist. Gleichzeitig gerät sie durch ihre Freundschaft mit Manuel in einen Loyalitätskonflikt mit ihrer herrischen und besitz­er­greifen­den Arbeitgeberin, die es zwar gut mit ihr meint, die aber auch keine andere Bezugsperson Agnieszkas duldet und es nicht hinnimmt, dass sich die Ersatztochter ihrer Kontrolle entzieht.

„Agnieszka“ dreht sich vor allem um ein Geflecht von Abhängigkeiten, veranschaulicht aber auch, wie die junge polnische Immigrantin ihre Würde verteidigt.

Tomasz Emil Rudzik deutet vieles nur an, verzichtet auf Erläuterungen und hält die Dialoge knapp. Auf die explizite Darstellung von Sex und Gewalt verzichtet er ganz. Ruhig, zurückhaltend, nüchtern und stringent entwickelt er die Handlung. Dabei kann er sich auf die kongeniale Hauptdarstellerin Karolina Gorczyca verlassen, der es gelingt, die widersprüchlichen Gefühle der Figur durch Nuancen in Mimik und Gestik eindrucksvoll zu vermitteln. Ähnliches gilt auch für Hildegard Schmahl, die in der ebenfalls vielschichtigen und zwiespältigen Rolle der „Madame“ überzeugt.

Für das herausragende Sozialdrama „Agnieszka“ wurde Tomasz Emil Rudzik mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie ausgezeichnet.

Tomasz Emil Rudzik wurde 1979 in Polen geboren und wuchs als einziger Sohn polnischer Immigranten in Köln auf. Nach dem Abitur und dem Zivildienst in einer Seniorentagesstätte studierte er 1999 bis 2001 an der Humboldt-Universität zu Berlin Polonistik, Kultur- und Theaterwissenschaften, wechselte dann zur Hochschule für Fernsehen und Film München, wo er 2009 seinen Abschlussfilm „Desperados on the Block“ drehte. Das Drehbuch für seinen Kinofilm „Agnieszka“ schrieb er mit einem Stipendium der DrehbuchWerkstatt München.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017

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Der Mordfall, von dem Rita Falk in "Dampfnudelblues" erzählt, ist einfallslos und grob gestrickt. Der Reiz des Provinzkrimis liegt in dem Humor, der sich daraus ergibt, dass der Dorfgendarm selbst erzählt.
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