Julian Ayesta : Helena oder Das Meer des Sommers

Helena oder Das Meer des Sommers

Julian Ayesta

Helena oder Das Meer des Sommers

Originalausgabe: Helena o el mar del varano, 1952 Helena oder Das Meer des Sommers Übersetzung: Dagmar Ploetz Nachwort von Antonio Pau Verlag C. H. Beck, München 2004 ISBN: 3-406-52322-6, 112 Seiten, 12.90 € (D) dtv, München 2006 ISBN: 978-3-423-13471-2, 112 Seiten, 7.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die sieben Kapitel stellen mehr Tableaus als Kurzgeschichten dar, und sie fügen sich ohne Systematik zu einem "pointillistischen Roman" (Antonio Pau). Julián Ayesta versteht es mit großer Sensibilität und viel Sinn für Poesie, die Atmosphäre zu beschwören, in der die Kinder bzw. Jugendlichen zwar von erotischen Gefühlen aufgewühlt werden, aber noch Angst davor haben und es nur im Traum wagen, ihre Körper zu erkunden ...

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Kritik

Die Erinnerung des Ich-Erzählers ist wehmütig, aber die einzelnen, mit allen Sinnen wahrgenommenen Szenen sind heiter und lebensfroh. "Helena oder Das Meer des Sommers" überzeugt durch eine sehr poetische Komposition.
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In den sieben Kapiteln des Kurzromans „Helena oder Das Meer des Sommers“ von Julián Ayesta erinnert sich ein Mann an Erlebnisse in seiner Kindheit am Vorabend des Spanischen Bürgerkriegs und des Franco-Regimes.

Als der Gartenstuhl zusammenbricht, auf dem der Geistliche Don José nach dem Mittagessen an Mariä Himmelfahrt sitzt, kippt dieser nach hinten und reißt sich an einem Nagel, den die Kinder in den mit Efeu überwachsenen Stamm einer Eiche schlugen, die Haut im Nacken auf. Die Kinder sehen, wie Blut über die schwarze Soutane rinnt und verstecken sich in einem seit langem nicht mehr benutzten Einspänner.

Die Kinder verspotten Don Robustiano, wenn sie ihn auf seinem Fahrrad sehen. Er versteht sie nicht, hebt die Hand zum Gruß – und stürzt. Da haben sie Mitleid mit ihm, obwohl man ihnen eingeschärft hat, dass es eine Todsünde ist, einen nicht kirchlich verheirateten Atheisten und Republikaner für einen guten Menschen zu halten.

Die Kinder drücken Bananen, bis sich an einem Ende die Schale öffnet und die Frucht herausquillt. Dann lachen die Männer, und die Kinder haben ihren Spaß, obwohl sie nicht wissen, warum die Erwachsenen sich darüber amüsieren.

Ein Mädchen, das gerade aus Madrid an die Atlantikküste kam und etwas älter ist als der Junge, der die Geschichte später erzählen wird, krault allein zu einem Felsen weit draußen im Meer, und nicht einmal einer der erwachsenen Männer wagt es, der mutigen Schwimmerin zu folgen.

Wenn der Erzähler mit seinen Eltern sowie den Cousins und Cousinen in die Sommerfrische fährt, übernachten sie alle im Haus von Onkel Arturo und Tante Honorina. Der Erzähler, Alberto und José teilen sich ein Zimmer, die Mädchen Helena, Pili und Nena das daneben. Nachts warten die Jungs, bis die Mädchen schlafen und schleichen sich dann voller Vorfreude auf eine Kissenschlacht hinüber. Sie decken die Mädchen auf und bewerfen sie mit Kissen. Aber statt mitzuspielen, ruft Helena „Ruhe, raus hier!“, macht Licht und ruft nach der Tante. Verlegen gehen die Angreifer in ihr Zimmer zurück.

Onkel Arturo, Tante Honorina und die Eltern des Erzählers fahren mit ihm und einigen anderen Kindern in zwei Autos zum Bahnhof von Gijón, um seine Cousins abzuholen, die aus Madrid kommen, um wieder die Ferien hier zu verbringen.

Ein unbekannter Herr, der aus Madrid angekommen ist, sagt, in Deutschland und den Vereinigten Staaten sei es der letzte Schrei, die Kinder ihr eigenes Leben führen zu lassen.

Als Arturos Auto nicht anspringt, fragt er den Herrn:

„Wie brächte man dieses Ding denn in Deutschland oder den Vereinigten Staaten zum Anspringen?“

Die Damen überholen Onkel Arturo auf dem Rückweg, aber er lächelt nur und hält vor einem Ausflugslokal. Dort bestellt er zwei Flaschen Cidre. Der Erzähler ist glücklich, denn Helena sitzt neben ihm, und als er unter dem Tisch ihre Hand ergreift, wehrt sie sich nicht. Vier Männer vom Nebentisch kommen herüber und singen ein anzügliches Lied. Da schmiegt Helena sich schutzsuchend an den Onkel.

Unter den Eichen lag ein grünlicher Schatten, und Sonnentupfer liefen über den Boden und die Tische. Am Eingang des Lokals lag ein Hund mit müden, roten Augen und kratzte sich schläfrig. Die Hitze setzte allmählich ein, und Wespen und glänzende Fliegen surrten herum. Im Hintergrund sah man durch die Bäume grüne Wiesen, Bauern, die auf den Maisfeldern arbeiteten, blassblaue Karren, Ochsen und ein Stück Meer. Ein Duft von feuchtem Gras, das von der Mittagssonne erhitzt wird, wehte herüber, ich hätte sterben können vor Glück mit Helena an meiner Seite und versank mit halbgeschlossenen Augen in meinen Gedanken. Ich dachte an den Sommer, der vor mir und Helena lag, unter diesem Himmel, zwischen grünen Wiesen, Flüssen und Bäumen, und ich wusste, dass sie mich lieb hatte, und mir kamen fast die Tränen.

Der Erzähler sammelt Schmetterlinge. Helena begleitet ihn, wenn er mit dem Kescher loszieht. Sie läuft vor ihm her und versteckt sich. Für eine Weile legen die beiden sich ins Gras, dann wiederholt Helena das neckische Spiel.

Wie sich mit einem Mädchen an deiner Seite die Stille dehnt! Und besonders mit Helena. Denn Helena kann reden, ohne den Mund zu öffnen, und einen mit einem unerträglichen schiefen Lächeln provozieren. Sie hat mich so gereizt, dass ich ihre Arme am Boden festhielt und anfing, sie zu küssen. Beim fünften Kuss glitt sie mir aus den Händen und lief schreiend ins Tal und zu den Mohnfeldern.
„Fang mich doch, fang mich doch!“, rief sie.

Der Erzähler holt Helena ab, um mit ihr zum Meer hinunterzugehen. Unterwegs pflücken sie Brombeeren. Bald sind ihre Gesichter blaurot vom Saft befleckt. Als Helena sich an den Dornen der Sträucher sticht, saugt er an ihrem blutenden Finger, und sie küsst ihm das Blut vom Mund weg.

Helena schmiegte sich an mich, wie eine mysteriöse Katze, und flüsterte, die Augen voller Tränen: „Ich hab Angst.“ Und ich, erfüllt von so viel Zärtlichkeit und Liebe, dass auch mir die Tränen in die Augen steigen wollten, drückte sie noch enger an mich und hielt sie so, die Lippen auf ihrem Haar, eine lange, lange Zeit, bis Helena den Kopf von meiner Brust hob und mich noch unter Tränen, aber lächelnd vor Glück und Liebe ansah.

Am Strand döst er ein. Im Traum sieht er sich und Helena im antiken Griechenland. Er geht als Piratenkapitän an Land und entdeckt die nackte Ziegenhirtin Helena. Als Diener schleicht er sich bei ihrem Dienstherrn ein. Nachts zieht er der Schlafenden die Decke weg, betrachtet ihren schönen Körper und küsst sie, bis sie seine Zärtlichkeiten erwidert. Am anderen Morgen stellt sich heraus, dass sie gar keine Magd ist, sondern die Tochter des Herrschers von Athen.

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Aus sieben zum Teil bereits 1943 bzw. 1947 veröffentlichten Erzählungen komponierte der spanische Schriftsteller Julián Ayesta (1919 – 1996) den Kurzroman „Helena oder Das Meer des Sommers“, der im März 1952 gedruckt wurde. Es gibt denn auch keine durchgehende Handlung; die sieben Kapitel stellen mehr Tableaus als Kurzgeschichten dar, und sie fügen sich ohne Systematik zu einem „pointillistischen Roman“ (Antonio Pau im Nachwort).

Erzählt wird in der Ich-Form aus der Perspektive des Mannes, der sich an die Kindheit erinnert und sich auch in seine damalige Gefühls- und Vorstellungswelt versetzt. Die Erinnerung ist wehmütig, aber die einzelnen, mit allen Sinnen wahrgenommenen Szenen sind heiter und lebensfroh. Wenn der Junge, dessen Namen wir nicht erfahren, mit Helena zusammen ist, seiner ersten Liebe, geht ihm vor Glück das Herz auf. Julián Ayesta versteht es mit großer Sensibilität und viel Sinn für Poesie, die Atmosphäre zu heraufzubeschwören, in der die Kinder bzw. Jugendlichen zwar von erotischen Gefühlen aufgewühlt werden, aber noch Angst davor haben und es nur im Traum wagen, ihre Körper zu erkunden.

Den Kurzroman „Helena oder Das Meer des Sommers“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (Regie: Waltraut Brückner, Berlin 2005, 2 CDs, ISBN 3-935125-40-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Verlag C. H. Beck

 

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