Sofja Tolstaja


Sofjas Urgroßvater Hans Behrs kam aus Deutschland und wurde in der Regierungszeit der Zarin Elisabeth vom preußischen König als Instruktor für die Reformierung der Armee nach Petersburg geschickt. Sein Sohn Jewstafi Iwanowitsch heiratete eine Deutsche, die dem Adelsgeschlecht Wulfert aus Westfalen entstammte. Sie hatten zwei Söhne: Alexander und Andrej, Sofjas Vater.

Sofjas Großmutter, die Gräfin Sofja Petrowna Sawadowskaja, war als Sechzehnjährige gegen ihren Willen mit Fürst Koslowski verheiratet worden. Aus dieser (unglücklichen) Ehe stammte ein Sohn. Die Gräfin verließ ihren Mann und lebte dann mit Alexander Michailowitsch Islenew zusammen. Aus dieser Verbindung gingen drei Söhne und drei Töchter hervor, deren jüngste Ljubow Alexandrowna war, Sofjas Mutter.

Im Alter von vierunddreißigjährig Jahren heiratete Andrej Behr (1828 – 1868) die sechzehnjährige Ljubow Alexandrowna (1828 – 1886), die im Lauf der Zeit drei Töchter und fünf Söhne zur Welt brachte. Sofja war das zweitälteste der Kinder. Sie wurde am 22. August 1844 im Dorf Pokrowskoje geboren. Dort verbrachte die Familie die Sommermonate; im Winter lebten sie in Moskau im Kreml, wo dem Vater, der Hofarzt war, eine Dienstwohnung zur Verfügung stand.

Von den ersten Erzieherinnen Sofjas, die aus Deutschland kamen, lernte sie deren Sprache; Französisch brachte ihr die Mutter bei. An der Universität legte die Sechzehnjährige ihr Examen als Hauslehrerin ab. Bald danach begann sie, eine Erzählung mit dem Titel „Natascha“ zu schreiben. (Nachdem Leo Tolstoi sie gelesen hatte, übernahm er den Namen für seine Titelheldin in „Krieg und Frieden“.) Sofja verbrannte das Manuskript allerdings vor ihrer Hochzeit sowie alle Tagebücher, die sie seit ihrem elften Lebensjahr geführt hatte – was sie später sehr bedauerte. Außer zu schreiben, malte sie auch gerne und interessierte sich für Musik.

Im August 1862 machten Mutter und Tochter Station in Jasnaja Poljana. Auf dem Rückweg nach Moskau wurden sie von Leo Tolstoi begleitet, der Sofjas Mutter seit seiner Kindheit kannte, und die Familie dann täglich in Pokrowskoje besuchte. Am 16. September übergab Leo der Sechzehnjährigen einen schriftlichen Heiratsantrag, dem Sofja zustimmte. Bereits am 23. September fand die Hochzeit statt.

Das Paar zog nach Jasnaja Poljana. Sie lebten die ersten Jahre dort sehr zurückgezogen. Sofja Tolstaja nahm großen Anteil an der Arbeit ihres Mannes. Sie fertigte mehrere Abschriften des Manuskripts von „Krieg und Frieden“ an und schaute die Korrekturbögen durch. Sie war es auch, die sich darum kümmerte, dass der große Roman nicht nur in Zeitschriften erschien, sondern als Buch gedruckt und außerdem ins Französische übersetzt wurde. Während der Entstehungsphase von „Anna Karenina“ engagierte sich Sofja sich so intensiv, dass sie ernsthaft erkrankte.

Ferner hatte sie sich um die Ländereien und die Verwaltung zu kümmern. Diesen Pflichten konnte Sofja Tolstaja aber immer weniger nachkommen, denn die Kinderzahl stieg beständig. Sie war sechzehnmal schwanger; brachte dreizehn Kinder zur Welt und hatte drei Fehlgeburten. Nach dem fünften Kind wurde ärztlicherseits empfohlen, weitere Schwangerschaften zu vermeiden. Tolstoi lehnte derlei Ansinnen ab, und zog sogar eine Trennung in Erwägung.

Um den älteren Kindern eine bessere Erziehung zu ermöglichen, zogen sie 1881 nach Moskau. Das Leben in der Stadt behagte ihnen nicht, und sie sehnten sich nach den glücklichen neunzehn Jahren zurück, die sie in Jasnaja Poljana verbracht hatten.

Bei Leo Tostoi vollzog sich seit längerer Zeit ein innerer Wandel, der nach einem stärker am Geistlichen orientierten Leben strebte. Er wandte sich leidenschaftlich dem orthodoxen Glauben und der Kirche zu. Allmählich kam er aber wieder davon ab. Seine Wesensänderung machte Sofja buchstäblich krank, weil sie eine Entzweiung befürchtete und sich seelisch von ihm entfernte.

Mehrere Todesfälle im Lauf von vier Jahren – unter anderem starben drei ihrer Kinder – und eine lebensgefährliche Entzündung, die zu einer Frühgeburt führte, belasteten die Ehegemeinschaft zusätzlich. Tolstoi negierte nunmehr sowohl die Kirche als auch den orthodoxen Glauben. Diese Ansicht wollte Sofja nicht übernehmen. Er fuhr jetzt auch regelmäßig nach Jasnaja Poljana, wo er allein lebte und schrieb. Die Trennung von ihrem Mann fiel ihr schwer, aber sie akzeptierte sein Handeln.

An die fünfzig Jahre alt, begann Sofja Tolstaja jetzt wieder zu schreiben: Erzählungen, Geschichten für Kinder und eine russische Grammatik für den

Unterricht. Aus Anlass des Erscheinens des Romans „Die Kreutzersonate“, der ihr nie gefallen hatte, verfasste sie einen Gegenentwurf aus der Perspektive der Frau („Wessen Fehl?“ beziehungsweise in der deutschen Übersetzung „Eine Frage der Schuld“), ließ das Manuskript jedoch unveröffentlicht. Das Nützlichste, was sie jemals geschrieben habe, sagte Sofja Tolstaja, seien die Aufzeichnungen, die sie über ihr Leben mit Leo Tolstoi in sieben umfangreichen Heften dargelegt hatte. Es schmerzte sie, dass sie aufgrund bürokratischer Behinderungen die Chronik mit dem Titel „Mein Leben“ nicht vollenden konnte.

Im Sommer 1884 hatte Leo Tolstoi das Land- und Familienleben und die damit verbundene Arbeit satt. Er deutete seiner Frau gegenüber an, mit einer einfachen russischen Bauersfrau ein neues Leben zu beginnen, vielleicht in Amerika. Er verließ das Haus, obwohl bei Sofja gerade Wehen eingesetzt hatten. Am Morgen kam er zurück und legte sich schlafen – ohne nach ihr zu sehen. Dann wurde Sofja von dem Kind entbunden. Im selben Jahr erteilte er ihr Vollmacht für alle Vermögens- und Verwaltungsangelegenheiten.

Aufgrund seiner Bekanntheit als Schriftsteller, kamen immer häufiger Bittsteller, und in Briefen wurde ihm vorgeworfen, das Leben das er führte, stimme nicht mit seinen geäußerten Ansichten überein. Der Einfluss fremder Personen, die sich eingeschlichen hatten, wurde immer eindringlicher. Man flüsterte ihm alle möglichen Verschwörungen hinsichtlich des Umgangs mit seinen Schriften ein und versuchte, ihm Angst einzujagen. Diese Einmischung Fremder in das Familienleben zerstörten dieses dann auch.

Leo Tolstois Gesundheitszustand wurde nachhaltig beeinträchtigt, als durch eine Indiskretion der Zwischenhalt des Ehepaars auf dem Kursker Bahnhof bekannt wurde. Tausende von Leuten warteten auf die beiden, und sie wurden bei der Ankunft von der Menge beinahe erdrückt. Tolstoi verlor zu Hause mehrfach das Bewusstsein. Sofjas Gesundheit verschlechterte sich ebenfalls, auch wegen der Sorge um ihren Mann.

Tolstoi drohte wiederholt fortzugehen, und veranlasste einen nahen Freund, mit Unterstützung des Rechtsanwalts Murawjow, sein Testament zu überarbeiten. Doch dann ließ er sich wieder von einer Person beeinflussen, die durch geheime Zusammenkünfte im Wald und einer Atmosphäre der Verschwörung neues Misstrauen bei Sofja weckte. Ihr wurde bewusst, dass durch diese Hinterhältigkeiten ihr Mann gegen sie aufgebracht werden sollte.

Tolstoi hatte noch Bescheid bekommen, dass Sofja, nachdem sie von seinem in einem Brief angekündigten Fortgehen las, versucht hatte, sich in einem Teich zu ertränken [Suizid]. Zu einer Rückkehr konnte er sich nicht entschließen.

Sofja Tolstaja äußert sich in ihrer Autobiografie nicht ausführlich über die Umstände, unter denen ihr Mann fortging und später vor den Augen eines herbeigeeilten Publikums auf einer Bahnhofstation starb.

Sofja Tolstaja starb am 4. November 1919, neun Jahre nach ihrem Mann.

Michael Hoffman drehte über Sofja Tolstaja (Helen Mirren) und ihren Ehemann Leo Tolstoi (Christopher Plummer) den Film „Ein russischer Sommer“.

Ein russischer Sommer – Originaltitel: The Last Station – Regie: Michael Hoffman – Drehbuch: Michael Hoffman, nach dem Roman „Ein russischer Sommer“ von Jay Parini – Kamera: Sebastian Edschmid – Schnitt: Patricia Rommel– Musik: Sergei Yevtushenko – Darsteller: Helen Mirren, Christopher Plummer, Paul Giamatti, James McAvoy, John Sessions, Patrick Kennedy, Kerry Condon, Anne-Marie Duff, Tomas Spencer, Christian Gaul, Wolfgang Häntsch, David Masterson, Anastasia Tolstoy u.a. – 2009; 110 Minuten

© Irene Wunderlich 2010

Leo Tolstoi (Kurzbiografie)
Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld

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