Leo Tolstoi : Krieg und Frieden

Krieg und Frieden
Manuskript: 1863 – 1866 Originalausgabe: Vojna i mir Moskau, 1868/1869 Krieg und Frieden Übersetzung: Hermann Röhl, Wolfgang Kasack Insel Verlag, Frankfurt/M 2001 ISBN: 3-458-34457-8, 2099 Seiten Krieg und Frieden. Urfassung Übersetzung: Dorothea Trottenberg Nachwort: Thomas Grob Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M 2010 978-3-596-90296-5, 1273 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Pierre Besuchow, der uneheliche Sohn eines wohlhabenden russischen Grafen, dessen Titel und ein gewaltiges Vermögen erbt, bringt ihn Fürst Wasili Kuragin dazu, seine Tochter Helene zu heiraten. Die Ehe scheitert jedoch nach kurzer Zeit. Fürst Andrei Bolkonski, Pierres bester Freund, nutzt 1805 den Krieg, um seiner schwangeren Ehefrau zu entfliehen. Sie stirbt bei der Geburt eines Sohnes. 1810 verlobt Andrei sich mit Natascha, der Tochter eines verarmten Grafen ...
Weiterlesen

Kritik

Vor dem farbigen Panorama der russischen Geschichte von 1805 bis 1825 entwickelt Leo Tolstoi in "Krieg und Frieden" ein monumentales Familienepos, in dem zahlreiche Handlungsstränge meisterhaft verknüpft sind.
Weiterlesen

Pierre Besuchow, der uneheliche Sohn des wohlhabenden russischen Grafen Kirill Wladimirowitsch Besuchow, wird ab dem zehnten Lebensjahr von einem Abbé im Ausland erzogen, hat aber keine geschliffenen Umgangsformen, als er mit zwanzig nach Russland zurückkommt. Anna Pawlowna Scherer, die hochangesehene Hofdame und Vertraute der Kaiserinmutter Maria Feodorowna, führt den Napoleon-Anhänger auf einer Soiree im Juni 1805 in die Petersburger Gesellschaft ein.

Pierre zeigte sich recht unbeholfen. Von ungewöhnlicher Körpergröße, dick und breit gebaut, mit mächtig großen, roten Händen, verstand er, wie man sich ausdrückt, nicht, in einen Salon einzutreten, und noch weniger verstand er, einen Salon zu verlassen, das heißt, vor dem Hinausgehen etwas besonders Liebenswürdiges zu sagen. Außerdem war er augenblicklich auch noch zerstreut […] Aber seine Zerstreutheit und seine Unkenntnis der Art, wie man einen Salon zu betreten, darin zu reden und schließlich wegzugehen hat, dies alles wurde durch den gutmütigen, einfachen, bescheidenen Ausdruck seines Gesichts wieder wettgemacht, sodass man ihm nicht böse sein konnte. (Seite 39f)

Kirill Wladimirowitsch Besuchow stirbt und hinterlässt Pierre nicht nur den Grafentitel, sondern auch ein riesiges Vermögen, das es dem jungen Mann ermöglicht, die Entscheidung über seinen Berufsweg weiter vor sich herzuschieben. Allerdings intrigieren geldgierige Verwandte gegen ihn, und die Gutsverwalter, die seine Arglosigkeit rasch durchschauen, bereichern sich auf seine Kosten. Zwielichtige Freunde wie Anatol Kuragin nutzen ihn aus, und dessen Vater, Fürst Wasili Kuragin, bringt Pierre dazu, Anatols Schwester Helene zu heiraten.

Inzwischen hat Pierre sich mit Fürst Andrei Nikolajewitsch Bolkonski angefreundet, der über seine Ehe mit Lisa so frustriert ist, dass er Pierre rät, erst als Greis zu heiraten.

„Heirate nicht eher, als bis du alles geleistet hast, wozu deine Kräfte dich befähigen, und nicht eher, als bis du die Frau, die du dir ausgewählt hast, aufgehört hast zu lieben […] Heirate, wenn du ein Greis bist, der zu nichts mehr taugt. Sonst wird alles, was in dir Gutes und Hohes wohnt, zugrunde gehen.“ (Seite 49)

Als Napoleon im Oktober 1805 Dörfer und Städte des Erzherzogtums Österreich besetzt und Kaiser Franz II. die Russen unter ihrem Oberbefehlshaber Fürst Michail Illarionowitsch Kutusow zu Hilfe ruft, nutzt Andrei die Gelegenheit, seiner schwangeren Frau zu entfliehen. Bevor er in den Krieg zieht, schickt er Lisa zu seinem strengen Vater Fürst Nikolai Andrejewitsch Bolkonski nach Lysyje-Gory. Dort lebt auch Andreis unverheiratete Schwester Marja Bolkonskaja mit ihrer Gesellschafterin Amelie Bourienne. Im Gegensatz zu ihrem agnostischen Vater ist Marja tief religiös.

Am Abend vor der Schlacht bei Austerlitz diskutieren die Generäle stundenlang über Strategie und Taktik, bis Kutusow, der vorübergehend eingenickt ist, aufsteht und zu Bett geht:

„Meine Herren, die Disposition für morgen, oder richtiger für heute, da es ja schon nach Mitternacht ist, kann nicht mehr geändert werden […] Vor einer Schlacht ist aber nichts wichtiger …“ (er schwieg einen Augenblick) „als sich ordentlich auszuschlafen.“ (Seite 457)

Am Morgen des 2. Dezember 1805 ist der Nebel so dicht, dass man kaum zehn Schritt weit sieht. Kutusow verhält sich abwartend, aber der ehrgeizige Zar Alexander I. drängt zum Angriff.

„Warum fangen Sie denn nicht an, Michail Illarionowitsch?“, wandte sich Kaiser Alexander mit einer raschen Bewegung an Kutusow, blickte aber gleichzeitig höflich den Kaiser Franz an.
„Ich warte noch, Euer Majestät“, antwortete Kutusow, nachdem er sich zuvor ehrfurchtsvoll verbeugt hatte. […] „Es sind noch nicht alle Kolonnen zusammen, Euer Majestät.“
[…] „Wir sind ja doch nicht auf der Zarizyn-Wiese, Michail Ilarionowitsch, wo man die Parade nicht eher anfängt, als bis alle Regimenter angekommen sind“, sagte der Kaiser […]
„Eben darum fange ich nicht an, Euer Majestät“, erwiderte Kutusow mit kräftiger Stimme, als wollte er der Möglichkeit, nicht verstanden zu werden, vorbeugen, und wieder zuckte etwas in seinem Gesicht. „Eben darum fange ich nicht an, Euer Majestät, weil wir nicht bei einer Parade und nicht auf der Zarizyn-Wiese sind.“ (Seite 480f)

In der Schlacht springt Andrei vom Pferd, packt die einem Fähnrich entglittene Fahne und stürmt vorwärts. Ein Franzose versetzt ihm mit dem Bajonett einen Hieb gegen den Kopf.

„Was ist los? Fall ich? Die Knie knicken mir ja ein!“, dachte er und fiel rücklings auf die Erde. (Seite 488)

Er blickt in den Himmel und rechnet ruhig und still mit seinem Tod. Erst am Abend, als Napoleon die Dreikaiser-Schlacht bereits gewonnen hat, plagt ihn der Schmerz. Da hört er Napoleon persönlich. In Begleitung von zwei Adjutanten reitet der französische Kaiser über das Schlachtfeld. Als Andrei stöhnend ein Bein bewegt, merkt Napoleon, dass er noch lebt und lässt ihn zum Verbandsplatz bringen.

Die abrückenden Franzosen überlassen die Schwerverletzten – darunter Andrei – der Fürsorge der Einheimischen.

Pierre, in dessen Ehe es immer wieder zu Krisen kommt, nimmt seinen Jugendfreund Fürst Fjodor Dolochow bei sich auf. Als Pierre durch einen anonymen Brief erfährt, dass der leichtsinnige Offizier eine Affäre mit Helene angefangen hat, fordert er ihn zum Duell.

In demselben Augenblick, als Pierre dies tat und diese Worte sagte, fühlte er, dass die Frage, die ihn in diesen letzten vierundzwanzig Stunden gequält hatte, die Frage, ob seine Frau schuldig sei, endgültig und zweifellos im bejahenden Sinn entschieden war. Er hasste seine Frau und war für immer von ihr geschieden. (Seite 544)

Nach einer durchwachten Nacht trifft Pierre im Sokolniki-Wald bei Moskau auf den Gegner. Sein Sekundant Neswitzki rät ihm, sich mit Dolochow zu verständigen und auf das Duell zu verzichten, aber Pierre hört nicht auf ihn, obwohl er noch nie eine Pistole in der Hand hatte und sich erst erklären lassen muss, wie man damit umgeht. Beim Avancieren hält er die Waffe so, als fürchte er, sich selbst damit zu verletzen. Als er abdrückt, erschrickt er über den Knall.

Der Rauch, der infolge des Nebels besonders dicht war, hinderte ihn im ersten Augenblick, etwas zu sehen, aber der von ihm erwartete Schuss des Gegners erfolgte nicht. (Seite 549)

Dolochow sitzt verletzt am Boden und zielt mühsam auf Pierre, der breitbeinig stehen bleibt und dem Gegner seine Brust darbietet, statt sich seitlich zu drehen. Er hat Glück: Dolochows Schuss geht daneben. Während der Rückfahrt macht Dolochow sich Sorgen um seine alte Mutter Marja Iwanowna und seine verwachsene Schwester. Da zeigt sich, dass er nicht nur ein Draufgänger, sondern auch ein liebevoller Sohn und Bruder ist.

Helene stellt ihren Mann zornig zur Rede.

„Was ist nun das wieder? Was haben Sie da getan, frage ich Sie“, begann sie dann in scharfem Ton.
„Ich? Was soll ich getan haben?“, erwiderte Pierre.
„Sie sind ja auf einmal ein Held geworden! […]“
Pierre drehte sich schwerfällig auf dem Sofa herum; er öffnete den Mund, war aber nicht imstande zu antworten.
„Wenn Sie nicht antworten, so will ich es Ihnen sagen“, fuhr Helene fort. „Sie glauben alles, was Ihnen gesagt wird; und da ist Ihnen nun gesagt worden“ (Helene lachte), „Dolochow wäre mein Geliebter […] Und sie haben es geglaubt! Nun, was haben Sie jetzt damit bewiesen? Was haben Sie mit diesem Duell bewiesen? Dass Sie ein Narr sind; aber das wussten alle schon sowieso. Und was wird nun die Folge davon sein? Die Folge wird sei, dass ich für ganz Moskau zum Gegenstand des Gespöttes werde […]“ (Seite 555f)

Daraufhin verlangt Pierre die Trennung. Helene meint dazu:

„Meinetwegen, nur müssen Sie mir dann die nötigen Existenzmittel geben […] Eine Trennung! Bilden Sie sich nicht ein, dass mich das schreckt!“ (Seite 557)

Eine Woche darauf stellte Pierre seiner Frau eine Vollmacht auf den Nießbrauch seiner sämtlichen in Großrussland gelegenen Güter aus, die die größere Hälfte seines Vermögens bildeten, und reiste allein nach Petersburg. (Seite 557)

Er schließt sich den Freimaurern an und wird 1808 in den Vorstand der Petersburger Freimaurerloge gewählt.

Andreis Angehörige, die zwei Monate nach der Schlacht bei Austerlitz noch keine Nachricht von ihm erhalten haben, befürchten, dass er gefallen ist. Bei Lisa Bolkonskaja setzen die Wehen ein. Da taucht Andrei unerwartet auf. Aber das Wiedersehen ist nur von kurzer Dauer, denn als der Arzt nach der Gebärenden sieht, verlässt Andrei das Zimmer. Er hört einen Schrei und gleich darauf das Quäken eines Säuglings. Da begreift er erst, dass er Vater wird. Der Arzt geht schließlich schweigend an Andrei vorbei und verlässt das Haus. Lisa liegt tot im Bett. Das Kind lebt. Es wird fünf Tage später getauft. Marja kümmert sich um ihren kleinen Neffen Nikolai („Nikolenka“) Andrejewitsch.

Im Juli 1807 schließen Russland und Preußen in Tilsit Frieden mit Frankreich. Zar Alexander I. und Napoleon treffen sich im Herbst 1808 auf dem Erfurter Fürstentag erneut.

Im Jahre 1809 war die Annäherung der beiden Weltherrscher, wie man Napoleon und Alexander zu nennen pflegte, bereits so weit fortgeschritten, dass, als Napoleon in diesem Jahr Österreich den Krieg erklärte, ein russisches Korps an die Grenze rückte, um unseren früheren Feind Bonaparte gegen unsern früheren Verbündeten, den Kaiser von Österreich, zu unterstützen. (Seite 725)

Andrei reist im August 1809 nach Petersburg. Auf dem Silvesterball trifft er Pierre wieder, der ihn mit Natalja („Natascha“) Iljinitschna bekannt macht, der sechzehnjährigen Tochter des verarmten Grafen Ilja Andrejewitsch Rostow, der unter Katharina der Großen einer der höchsten Würdenträger gewesen war. Andrei tanzt mit ihr. Kurz darauf wird Andrei von ihrem Vater zum Mittagessen eingeladen.

Natascha wurde ganz blass vor banger Erwartung, wenn sie ein paar Minuten lang mit ihm unter vier Augen blieb. Sie war überrascht von der Schüchternheit des Fürsten Andrei. Sie fühlte, dass es ihn drängte, ihr etwas zu sagen, und dass er sich doch nicht dazu entschließen konnte. (Seite 821)

Statt mit Natascha über seine Gefühle zu sprechen, gesteht Andrei seinem Freund Pierre, dass er sich in sie verliebt hat. Weil er für eine neue Eheschließung die Erlaubnis seines alten Vaters benötigt, reist er zu ihm nach Lysyje-Gory. Fürst Nikolai Andrejewitsch Bolkonski hält die Wahl seines Sohnes für verfehlt.

Erstens sei die Partie, was Verwandtschaft, Reichtum und Vornehmheit anlange, keine glänzende. Zweitens stehe Fürst Andrei nicht mehr in der ersten Jugend und habe eine schwache Gesundheit (diesen Punkt betonte der Alte ganz besonders), und das Mädchen sei doch noch sehr jung. Drittens sei ein Sohn da, den einem so jungen Ding in die Hände zu geben bedenklich sei. „Und endlich viertens“, sagte der Vater, indem er den Sohn spöttisch anblickte, „ich bitte dich: schiebe die Sache ein Jahr auf; reise ins Ausland, kurier dich aus, suche, wie du es ja beabsichtigst, einen deutschen Erzieher für den Fürsten Nikolai, und dann, wenn die Liebe oder deine Leidenschaft oder dein Eigensinn, wie du nun es nennen magst, wirklich so groß ist, dann heirate. Das ist mein letztes Wort, hörst du wohl, mein letztes …“, schloss der Fürst in einem Ton, durch den er zeigen wollte, dass ihn nichts veranlassen könne, seinen Entschluss zu ändern. (Seite 826f)

Sobald Andrei zurück nach Petersburg kommt, hält er bei Nataschas Mutter um die Hand ihrer Tochter an. Nachdem die Gräfin ihre Einwilligung gegeben hat, setzt Andrei sie von der Bedingung seines Vaters in Kenntnis: Die Hochzeit kann erst in einem Jahr stattfinden. Natascha ist entsetzt darüber, so lange warten zu müssen, aber sie fügt sich, und obwohl es keine Verlobungsfeier gibt, verkehrt Andrei von da an als Bräutigam im Haus der Familie Rostow.

Im Januar 1810 reist Graf Ilja Andrejewitsch Rostow mit Natascha und seiner Ziehtochter Sonja, einer Nichte seiner Frau, nach Moskau, um das Landhaus dort zu verkaufen, die Aussteuer zu besorgen und Natascha ihrem zukünftigen Schwiegervater vorzustellen, der ebenfalls nach Moskau gekommen ist. Dort wohnt inzwischen auch Anatol Kuragin, denn sein Vater hatte ihn wegen seiner Schulden aus Petersburg fortgeschickt. Dass er seit zwei Jahren verheiratet ist, weiß kaum jemand. Ein polnischer Gutsbesitzer hatte den Verführer seiner Tochter gezwungen, sie zu heiraten, wenn auch nur, um regelmäßig Geld von seinem Schwiegersohn geschickt zu bekommen.

Anatol hatte […], seit er nach Moskau gekommen war, allen Moskauer Damen die Köpfe verdreht, und zwar namentlich dadurch, dass er sie vernachlässigte und ihnen unverhohlen Zigeunerinnen und französische Schauspielerinnen vorzog […] Er ließ kein Gelage bei Danilow und anderen lebenslustigen Patronen Moskaus unbesucht, trank ganze Nächte hindurch, trank alle unter den Tisch und war auf allen Soireen und Bällen der vornehmsten Gesellschaftskreise zu finden. Es wurden mehrere pikante Liebesaffären erzählt, die er mit Moskauer verheirateten Damen gehabt hatte, und er machte auch auf den Bällen einigen den Hof; aber mit den jungen Mädchen, und namentlich mit den reichen in heiratsfähigem Alter, die größtenteils hässlich waren, ließ er sich nicht näher ein. (Seite 993)

Bei einer Abendgesellschaft bewundert Anatol unverhohlen Nataschas Schönheit:

„Sie sind reizend … Von dem Augenblick an, wo ich Sie erblickte, habe ich unaufhörlich …“ (Seite 1002)

Damit bringt er sie in Verlegenheit:

„Sagen Sie so etwas nicht zu mir; ich bin verlobt und liebe einen andern“, stieß sie schnell heraus. Dann sah sie ihn wieder an.
Anatol war durch das, was sie zu ihm gesagt hatte, weder in Verwirrung gesetzt noch zeigte er sich gekränkt.
„Reden Sie mir nicht davon. Was geht es mich an?“, erwiderte er. „ich sage weiter nichts, als dass ich wahnsinnig, ganz wahnsinnig in Sie verliebt bin. Was kann ich dafür, dass Sie so bezaubernd schön sind?“ (Seite 1003)

Natascha ist von Anatols Werben so erregt, dass sie sich in dieser Nacht schlaflos im Bett herumwälzt. Sie trifft sich heimlich mit Anatol und lässt sich überreden, mit ihm zu fliehen. Er wolle sie heiraten, versichert er. Ohne Wissen ihrer Eltern schreibt Natascha Andrei einen Brief und löst ihre Verlobung. Sonja ahnt, was sie vorhat. Weinend begegnet sie Marja Dmitrijewna Achrosimowa, einer Dame, „die nicht infolge von Reichtum oder Vornehmheit, wohl aber wegen ihres gesunden Verstandes und der ungeschminkten Naivität ihres Benehmens“ in der Moskauer Gesellschaft als „Dragoner“ berühmt ist. Marja Dmitrijewna erkundigt sich nach dem Grund der Tränen, und Sonja vertraut ihr an, dass sie befürchtet, Natascha könne eine Dummheit machen. Ohne zu zögern, stellt Marja Dmitrijewna Sonjas Cousine zur Rede und unterrichtet dann Pierre. Der klärt Natascha darüber auf, dass Anatol verheiratet ist. Dann sucht er Anatol auf, bei dem er seine Ehefrau Helene vorfindet:

„Haben Sie der Komtesse Rostowa die Ehe versprochen und sie entführen wollen?“ (Seite 1038)

Pierre fordert Anatol auf, Moskau zu verlassen und über die ganze Angelegenheit zu schweigen, damit Natascha nicht kompromittiert wird.

„Sie sollten doch endlich einmal begreifen, dass außer Ihrem Vergnügen auch das Glück und die Ruhe anderer Menschen eine gewisse Daseinsberechtigung habe, und dass Sie ein ganzes Leben zerstören, nur um sich zu amüsieren. Vertreiben Sie sich die Zeit mit solchen Weibern wie meine Frau; denen gegenüber sind Sie dazu berechtigt; die wissen, was Sie von ihnen verlangen und besitzen auch dieselbe Erfahrung im Laster wie Sie und können diese Erfahrung als Waffe gegen Sie gebrauchen. Aber einem unschuldigen jungen Mädchen die Ehe zu versprechen, … sie zu betrügen, zu entführen … Sie müssten doch begreifen, dass das ebenso gemein ist, wie wenn jemand einen Greis oder ein kleines Kind misshandelt …!“ (Seite 1040)

1812 fällt Napoleon in Russland ein [Russlandfeldzug]. Die russischen Streitkräfte werden wieder von Fürst Michail Illarionowitsch Kutusow geführt. Andrei zieht im Juni erneut in den Krieg. Pierre beobachtet am 26. August 1812 die Schlacht bei Borodino im nördlichen Vorland des Sajangebirges von einem Hügel aus. Andrei glaubt, seinen Männern Mut machen zu müssen und bleibt deshalb stehen, als sich alle wegen des Beschusses zu Boden werfen. Das wird ihm zum Verhängnis: Ein Geschoss trifft ihn an der rechten Seite des Unterleibes. In einem Zelt hinter der Front operiert ihm ein Arzt die zerschmetterten Knochen aus der Hüfte, schneidet die Fleischfetzen ab und verbindet die Wunde.

Am 15. August starb Fürst Nikolai Andrejewitsch Bolkonski in Lysyje-Gory. Seine Tochter Marja beschloss, vor den anrückenden Franzosen nach Moskau zu fliehen. Als sie vom Dorfschulzen Dron erfährt, dass die Bauern aufgrund der Requirierungen hungern, fordert sie ihn auf, das ihrem Bruder Andrei gehörende Getreide zu verteilen. Die Bauern rotten sich vor dem Getreidespeicher zusammen, lehnen jedoch das Angebot ab und wollen auch nicht mit der Herrschaft nach Moskau ziehen, sondern ihre Häuser trotz der Gefahr nicht aufgeben.

„Sieh mal an, wie schlau sie uns zu überreden sucht, dass wir als ihre Sklaven mitziehen sollen! Unsere Häuser sollen wir zerstören und in die Knechtschaft wandern. Na so was! ‚Ich will euch Getreide geben!‘, sagt sie.“ (Seite 1272f)

Am nächsten Morgen hindern die Bauern Marja daran, das Dorf zu verlassen. Andreis Bruder Graf Nikolai Iljewitsch Rostow, der zufällig als Anführer einer Eskadron vorbeikommt und erfährt, was vorgefallen ist, bietet Marja auf der Stelle seine Hilfe an.

„Ich kann gar nicht sagen, Prinzessin, wie glücklich es mich macht, dass ich zufällig hierhergekommen bin und imstande sein werde, Ihnen meine Dienstwilligkeit zu beweisen“, sagte Rostow, sich erhebend. „Bitte, fahren Sie ab, und ich stehe Ihnen mit meiner Ehre dafür, dass niemand wagen wird, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, wenn Sie mir nur erlauben wollen, Sie zu geleiten.“ (Seite 1281)

Die beiden verlieben sich, ohne es sich gegenseitig einzugestehen.

Als sie von ihm Abschied genommen hatte und allein geblieben war, fühlte sie auf einmal Tränen in ihren Augen, und es drängte sich ihr, nicht mehr zum ersten Mal, die Frage auf, ob sie nicht ewta diesen Mann liebe. […]
Wie sehr sie sich auch schämte, es sich einzugestehen, dass sie ihrerseits zuerst einen Mann liebgewonnen habe, der ihre Liebe vielleicht nie erwidern werde, so tröstete sie sich doch mit dem Gedanken, dass ja niemand etwas davon erfahren werde, und dass sie ja nichts Böses tue, wenn sie bis zum Ende ihres Lebens, ohne jemandem etwas davon zu sagen, den Mann liebe, dem als dem ersten und einzigen sich ihre Neigung zugewendet habe. (Seite 1287f)

Der Eindruck, den Prinzessin Marja auf Rostow gemacht hatte, war ein sehr angenehmer. Sooft er sich an sie erinnerte, wurde ihm fröhlich zumute, und wenn die Kameraden, die von seinem Abenteuer in Bogutscharowo gehört hatten, ihn neckten, er sei nach Heu ausgeritten und habe sich eines der reichsten heiratsfähigen Mädchen Russlands gefischt, so wurde er ärgerlich. Er wurde namentlich deswegen ärgerlich, weil der Gedanke an eine Heirat mit der sanften Prinzessin Marja, die ihm so gut gefiel und ein so gewaltiges Vermögen besaß, ihm wider seinen Willen schon mehrmals durch den Kopf gegangen war. Für sich persönlich konnte Nikolai gar keine bessere Frau wünschen als Prinzessin Marja, auch würde die Gräfin, seine Mutter, über die Heirat glücklich sein, da auf diese Weise die Verhältnisse seines Vaters in Ordnung kommen würden; und endlich würde sogar (das fühlte Nikolai) auch Prinzessin Marja dadurch glücklich werden. (Seite 1288)

Allerdings hat Nikolai die Ehe bereits seiner mittellosen Cousine Sonja versprochen, die mit ihm und seinen Geschwistern zusammen aufwuchs.

Unmittelbar bevor Kutusow Moskau gegen den Willen seiner Generäle kampflos den Franzosen überlassen will, bereitet die Familie Rostow ihre Flucht aus der Stadt vor. Natascha, die seit der Enttäuschung über Anatol kränkelt, erwacht zu neuem Leben. Sie protestiert dagegen, dass die Fuhrwerke mit Gütern beladen werden und verlangt von ihrer Mutter, stattdessen Verwundete mitzunehmen.

Die Leute versammelten sich um Natascha und vermochten an den seltsamen Befehl, den sie ihnen überbrachte, nicht eher zu glauben, als bis der Graf selbst, zugleich im Namen seiner Frau, den Befehl bestätigte, dass alle Fuhrwerke den Verwundeten eingeräumt, die Kisten aber in die Vorratsräume gebracht werden sollten. Als sie den Befehl richtig erfasst hatten, machten sich die Leute mit sichtlicher Freude und emsiger Geschäftigkeit an die neue Arbeit. (Seite 1501)

„Vier können wir noch mitnehmen; ich will gern mein Fuhrwerk dazu hergeben“, sagte der Verwalter. „Aber wohin mit den letzten?“
„Nehmt nur den Wagen mit meiner Garderobe“, sagte die Gräfin. „Dunjascha kann sich zu mir in die Kutsche setzen.“
Auch der Garderobewagen wurde noch dazu genommen, und da noch Platz blieb, wurde er nach einem der Nachbarhäuser geschickt, um auch von dort noch Verwundete zu holen. (Seite 1502)

Natascha weiß zunächst nicht, dass in einer der Kaleschen der schwer verwundete Andrei liegt.

Am Abend des 1. September 1812 verlässt Kutusow Moskau mit seinen Truppen. Die Franzosen fallen plündernd über die Stadt her.

Trotzdem bleibt Pierre in Moskau. Im Alter von zwanzig Jahren war er als Bewunderer Napoleons aus dem Ausland zurückgekommen. Jetzt plant er ein Attentat auf den französischen Kaiser, obwohl er weiß, dass ein deutscher Student nach einem Mordanschlag auf Napoleon 1809 in Wien erschossen wurde. Die Gefahr reizt ihn eher noch mehr.

Pierres physischer Zustand entsprach, wie das ja immer der Fall zu sein pflegt, seinem seelischen. Die ungewohnte, grobe Nahrung, der Branntwein, den er in diesen Tagen getrunken hatte, das Entbehren des Weines und der Zigarren, die schmutzige, nicht gewechselte Wäsche, die fast schlaflosen beiden Nächte, die er auf dem kurzen Sofa ohne Federbetten verbracht hatte, alles dies erhielt ihn in einem Zustand reizbarer Erregung, der dem Wahnsinn nahekam. (Seite 1565f)

Als ein betrunkener Russe einen französischen Offizier, der höflich nach einem Quartier fragt, erschießen will, entreißt Pierre ihm die Waffe. Kurz darauf rettet er ein dreijähriges Mädchen namens Katja aus einem brennenden Haus.

Aber als das skrofulöse, der Mutter ähnliche, unangenehm aussehende Kind den fremden Mann erblickte, schrie es auf und versuchte wegzulaufen. Pierre jedoch ergriff es und hob es auf den Arm; die Kleine kreischte wütend und verzweifelt auf und suchte mit ihren kleinen Händchen Pierres Arme von ihrem Körper loszureißen und mit ihrem rotzigen Mund hineinzubeißen. Pierre wurde von einem Gefühl des Schreckens und des Ekels ergriffen, ähnlich dem Gefühl, das er bei der Berührung mancher kleiner Tiere zu empfinden pflegte. Aber er überwand sich […] (Seite 1610)

Unmittelbar danach beobachtet er, wie sich zwei französische Soldaten an eine schöne Armenierin heranmachen. Einer von ihnen reißt ihr den Halsschmuck ab. Pierre stürzt sich auf die beiden Männer. Da erscheint eine Patrouille französischer Ulanen. Sie nehmen Pierre fest. Man bezichtigt ihn der Spionage und bringt ihn zusammen mit anderen Gefangenen in einen Gemüsegarten. Dort fängt ein Peloton an, sie paarweise zu füsilieren. Bevor Pierre an der Reihe ist, wird er überraschend weggeführt und in einer verwüsteten Kirche eingesperrt.

Pierre freundet sich mit dem Mitgefangenen Platon Karatajew an, einem einfachen, über fünfzig Jahre alten Soldaten bäuerlicher Herkunft, der schicksalsergeben nach dem Motto lebt: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“

Die Franzosen nehmen die Kriegsgefangenen mit, als sie Anfang Oktober 1812 Moskau verlassen. Als Karatajew nicht mehr weiter kann, erschießen sie ihn. Nach tagelangen Märschen wird Pierre von Kosaken und russischen Husaren befreit. Er kehrt nach Moskau zurück.

Ende Januar 1813 reist auch Marja wieder nach Moskau. Natascha, die immer noch krank ist, begleitet sie, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Als Pierre Marja seine Aufwartung macht, ist er überrascht, auch Natascha zu sehen. Sie erzählt ihm, dass Andrei ihr verziehen habe, bevor er starb. Pierre, der sich vom ersten Augenblick an zu Natascha hingezogen fühlte, vertraut sich Marja am Tag vor seiner Abreise nach Petersburg an.

„Sehen Sie“, fuhr er fort und strengte sich offenbar gewaltsam an, zusammenhängend zu reden. „Ich weiß nicht, seit wann ich sie liebe. Aber ich habe nur sie, sie allein geliebt mein ganzes Leben lang und liebe sie so, dass ich mir ein Leben ohne sie nicht vorzustellen vermag. Sie jetzt um ihre Hand zu bitten, wage ich nicht, aber der Gedanke, dass sie vielleicht die meine werden könnte, und dass ich diese Möglichkeit … Möglichkeit … unbenutzt lasse, dieser Gedanke ist schrecklich. Sagen Sie, kann ich hoffen? Sagen Sie, was soll ich tun? Liebe Prinzessin!“, sagte er nach einer kurzen Pause, indem er ihre Hand berührte, da sie nicht antwortete. (Seite 1938)

Marja denkt nach und meint dann, Pierre solle die Sache in ihre Hände legen.

Im Frühjahr 1813 heiraten Natascha und Pierre. Sie leben abwechselnd in Moskau und Petersburg. Noch im selben Jahr stirbt Nataschas Vater Ilja Andrejewitsch Rostow. Nikolai erhält die Nachricht vom Tod seines Vaters in Paris. Daraufhin reicht er seinen Abschied vom Militär ein und eilt nach Moskau. Dort erfährt er, dass die von seinem Vater hinterlassenen Schulden doppelt so hoch sind, wie befürchtet.

Die Verwandten und Freunde rieten Nikolai, auf die Erbschaft zu verzichten. Aber Nikolai sah in dem Verzicht auf die Erbschaft eine Art von Vorwurf gegen den Vater, dessen Andenken ihm heilig war, und wollte darum von einem Verzicht nichts hören, sondern übernahm die Erbschaft mit der Verpflichtung, die Schulden zu bezahlen. (Seite 1967)

Sonja hat zwar Nikolai inzwischen freigegeben, aber unter diesen Umständen wagt er es nicht, Marja seine Gefühle zu offenbaren. Sie ahnt jedoch, dass ihn der Unterschied zwischen Arm und Reich daran hindert.

„Sie wollen mich aus irgendeinem Grund Ihrer früheren Freundschaft berauben. Und das ist mir schmerzlich.“ (Die Tränen standen ihr in den Augen, und auch ihrer Stimme war es anzuhören, wie nahe ihr das Weinen war.) „Ich habe wenig Glück in meinem Leben gehabt, dass jeder Verlust ein schwerer Schlag für mich ist … Verzeihen Sie mir, leben Sie wohl.“ Sie brach plötzlich in Tränen aus und eilte zur Tür.
„Prinzessin! Bleiben Sie, um Gottes willen!“, rief er, bemüht, sie zurückzuhalten. „Prinzessin!“
Sie wandte sich um. Einige Sekunden lang blickten sie schweigend einander in die Augen, und was ihnen vorher so fern, so unmöglich erschienen war, wurde jetzt plötzlich etwas Nahes und Mögliches und Notwendiges. (Seite 1975f)

Die beiden heiraten im Herbst 1814 und ziehen zusammen mit Nikolais verwitweter Mutter nach Lysyje-Gory.

Es gelingt Nikolai, seine Schulden zu tilgen, ohne das Gut seiner Ehefrau anzutasten.

Nachdem er notgedrungen angefangen hatte sich mit der Landwirtschaft abzugeben, war er bald in eine solche Leidenschaft für diese Tätigkeit hineingeraten, dass sie seine liebste und beinahe einzige Beschäftigung wurde. (Seite 1976)

In der adligen Gesellschaft der Gouvernements achtete man Nikolai zwar, mochte ihn aber nicht besonders leiden. Für die Standesangelegenheiten des Adels interessierte er sich nicht, und deswegen hielten ihn manche für stolz, andere für dumm. Im Sommer verging ihm die ganze Zeit von der Frühlingsaussaat bis zur Ernte in der Tätigkeit für seine Wirtschaft. Im Herbst widmete er sich mit demselben geschäftlichen Ernst, mit dem er seine Wirtschaft besorgte, der Jagd und zog mit seinen Hunden und Jägern auf ein, zwei Monate von Hause fort. Im Winter reiste er auf den andern Dörfern umher oder beschäftigte sich mit Lektüre […] Mit Ausnahme der Reisen, die er in geschäftlichen Angelegenheiten unternahm, brachte er im Winter die meiste Zeit zu Hause zu, im engen Zusammenleben mit seiner Familie und voll eifrigen Interesses für all die kleinen Beziehungen zwischen der Mutter und den Kindern. Seiner Frau trat er immer näher und entdeckte ihr täglich neue geistige Schätze. (Seite 1983)

Auch Pierre und Natascha führen mit ihren Kindern ein glückliches Familienleben. Natascha ist von Anfang an voll in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgegangen.

Die Bewegung der Völker beginnt in ihre Ufer zurückzutreten. Die Wogen der großen Bewegung haben sich gelegt, und auf dem still gewordenen Meer bilden sich Strudel, in denen die Diplomaten herumgetrieben werden; dabei bilden sie sich ein, dass gerade sie es sind, die die Bewegung zur Ruhe gebracht haben. (Seite 1962)

Während Nikolai sich nur um seine Angelegenheiten kümmert und sich nicht für Politik interessiert, hält Pierre gesellschaftliche Veränderungen in Russland für dringend erforderlich, und Nikolenka Andrejewitsch Bolkonski, Andreis Sohn, der von Marja und Nikolai erzogen wird, hört ihm aufmerksam zu.

„Die Sache ist die. In Petersburg steht es so: der Kaiser kümmert sich um nichts. Er hat sich ganz dem Mystizismus in die Arme geworfen.“ (Mystizismus verzieh Pierre niemandem.) „Er verlangt nur nach Ruhe, und diese Ruhe können ihm nur diese Männer ohne Treue und Gewissen verschaffen, die skrupellos alles niedergeschlagen und ersticken […]
So geht nun alles zugrunde. In den Gerichten blüht das Bestechungsunwesen; beim Heer regiert nur der Stock; immer nur Exerzieren, dazu die Militärkolonien; das Volk wird gequält, die Bildung unterdrückt. Alles, was jung und ehrenhaft ist, richten sie zugrunde. Jedermann sieht, dass es so nicht weitergehen kann. Alles ist zu straff gespannt und muss mit Notwendigkeit reißen“, sagte Pierre. (Seite 2018)

nach oben

Ursprünglich wollte Leo Tolstoi einen Roman über den Dekabristenaufstand am 14. Dezember (Julianischer Kalender) bzw. 26. Dezember 1825 (Gregorianischer Kalender) in Sankt Petersburg schreiben. Aber er vertiefte sich immer mehr in die Vorgeschichte und die gesellschaftlichen Ursachen der Ereignisse – und verfasste schließlich ein Monumentalwerk über die Zeit von 1805 bis 1825. Vor dem farbigen Panorama der Napoleonischen Kriege – vor allem der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz und dem Russlandfeldzug Napoleons – entwickelt Leo Tolstoi in „Krieg und Frieden“ ein drei Generationen umfassendes Familienepos über die Geschlechter Rostow und Bolkonski. Der in der vorliegenden Ausgabe 2099 Seiten dicke Roman setzt sich aus einer Fülle meisterhaft verknüpfter Handlungsstränge zusammen. Eingeflochten sind auch philosophische und historische Überlegungen. Gesellschaftskritische Fragen stellt Leo Tolstoi zwar nicht explizit, aber in der Handlung werden die Gegensätze Volk und Aristokratie, Arm und Reich veranschaulicht. Erzählt wird allerdings ausschließlich aus der Perspektive russischer Adeliger.

Die Figuren in „Krieg und Frieden“ sind ihrem Schicksal ausgesetzt. Am Beispiel Napoleons und des russischen Oberbefehlshabers Kutusow zeigt Leo Tolstoi, dass es nicht immer hilft, Pläne zu schmieden. Während Kutusow abwartet und sich der Vorsehung unterordnet, überreizt Napoleon sein Glück, und jeder weitere Schachzug bringt ihn der Katastrophe näher.

Leo Tolstoi legte großen Wert darauf, die historischen Ereignisse möglichst wirklichkeitsgetreu zu schildern und beschäftigte sich deshalb eingehend damit.

Vor allem die Dialoge in „Krieg und Frieden“ sind nicht in russischer, sondern in französischer Sprache verfasst. Tatsächlich fanden Gespräche in kultivierten russischen Kreisen damals in französischer Sprache statt.

Die Darbietungsform ist gekennzeichnet durch die für den realistischen Roman typische metonymische Charakterisierung der privaten wie der historischen Figuren durch Darstellung ihrer Umwelt und der Entwicklung ihrer Charaktere, die Schilderungen der Schlachten aus der Sicht beteiligter Augenzeugen sowie die verfremdende Darstellung menschlicher Eigenheiten. Der seinem Titel gemäß antithetisch angelegte Roman mit seinen kontrastierenden Kriegs- und Friedensszenen entfaltet über den aufgezeigten historischen Hintergrund hinaus eine umfassende Enzyklopädie des russischen Lebens aus einem Blickwinkel, bei dem der Autor die eigene Gegenwart in die Vergangenheit transponiert und seine Zeitgenossen in historischer Verkleidung psychologisch durchleuchtet. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Band 3, Dortmund 1989, Seite 1685)

Das Manuskript entstand 1863 bis 1865. Die ersten Vorabdrucke erschienen 1865. Als Buch wurde „Krieg und Frieden“ erstmals 1868/69 in Moskau veröffentlicht.

Übersetzungen des Romans „Krieg und Frieden“ in Deutsche gibt es u. a. von Ernst Strenge (1885), Hermann Röhl (1916), Michael Grusemann (1925), Erich Böhme (1928), Julius Paulsen und Reinhold von Walter (o. J.), Werner Bergengruen (1954), Marianne Kegel (1956), Hertha Lorenz (1978). 2003 erschien Dorothea Trottenbergs deutsche Übersetzung der von Zajdenšnur 1983 rekonstruierten Urfassung des Romans „Krieg und Frieden“ aus dem Jahr 1867 („Krieg und Frieden. Die Urfassung“, Eichborn Verlag, Köln 2003, ISBN: 9783821807027, 1233 Seiten, 39.90 €). Eine Neuübersetzung von Barbara Conrad-Lütt wurde 2010 veröffentlicht (Carl Hanser Verlag, München 2010, ISBN: 978-3446235755, 2 Bände: 1102 / 1182 Seiten, 58 €).

„Krieg und Frieden“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur.

Erwin Piscator regte Sergei Prokofiew dazu an, die Oper „Krieg und Frieden“ zu komponieren (Libretto: Sergei Prokofiew und Mira Mendelson, 1941). Die Uraufführung fand am 16. Oktober 1944 in Moskau statt.

Der Roman „Krieg und Frieden“ wurde außerdem mehrmals verfilmt, so zum Beispiel von King Vidor und Sergei Bondarchuk.

Krieg und Frieden – Originaltitel: War and Peace – Regie: King Vidor – Drehbuch: Bridget Boland, Robert Westerby, King Vidor, Mario Camerini, Ennio De Concini, Ivo Perilli, Gian Gaspare Napolitano, Mario Soldati, nach dem Roman „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi – Kamera: Jack Cardiff – Schnitt: Leo Cattozzo – Musik: Nino Rota – Darsteller: Audrey Hepburn, Henry Fonda, Mel Ferrer, Vittorio Gassman, Herbert Lom, Oskar Homolka, Anita Ekberg, Helmut Dantine, Tullio Carminati, Barry Jones, Milly Vitale, Lea Seidl, Anna-Maria Ferrero, Wilfrid Lawson, May Britt, Jeremy Brett, Patrick Crean, Sean Barrett, John Mills u.a. – 1956; 205 Minuten

Krieg und Frieden – Originaltitel: Voyna i mir – Regie: Sergei Bondarchuk – Drehbuch: Sergei Bondarchuk, Vasili Solovyov, , nach dem Roman „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi – Kamera: Yu-Lan Chen, Anatoli Petritsky, Aleksandr Shelenkov – Schnitt: Tatyana Likhachyova – Musik: Vyacheslav Ovchinnikov – Darsteller: Sergei Bondarchuk, Lyudmila Savelyeva, Vyacheslav Tikhonov, Boris Zakhava, Anatoli Ktorov, Anastasiya Vertinskaya, Antonina Shuranova, Oleg Tabakov, Viktor Stanitsyn, Irina Skobtseva, Boris Smirnov, Vasili Lanovoy, Kira Golovko, Irina Gubanova, Aleksandr Borisov, Oleg Efremov, Giuli Chokhonelidze, Vladislav Strzhelchik, Angelina Stepanova u.a. – 1967, 400 Minuten

 

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Insel Verlag

Leo Tolstoi / Lew N Tolstoj (Kurzbiografie)
Leo Tolstoi: Anna Karenina (Verfilmung 2012)
Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate

Henning Mankell - Erinnerung an einen schmutzigen Engel
In seinem Abenteuerroman "Erinnerung an einen schmutzigen Engel" prangert Henning Mankell zwar Kolonialismus und Rassismus an, allerdings auf oberflächliche, holzschnittartige und klischeehafte Weise.

Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Henning Mankell

Erinnerung an einen schmutzigen Engel

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: