Ewige Jugend

Ewige Jugend

Ewige Jugend

Ewige Jugend – Originaltitel: Youth – Regie: Paolo Sorrentino – Drehbuch: Paolo Sorrentino – Kamera: Luca Bigazzi – Schnitt: Cristiano Travaglioli – Musik: David Lang – Darsteller: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Roly Serrano, Alex MacQueen, Ed Stoppard, Paloma Faith, Mark Kozelek, Mădălina Diana Ghenea, Robert Seethaler: Luca Moroder u.a. – 2015; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Im scheinbaren Widerspruch zum Titel dreht sich "Ewige Jugend" um zwei Greise, zwei Freunde um die 80, die ein paar Wochen in einem Schweizer Resort ver­bringen. Der Komponist Fred Ballinger hat sich zurückgezogen und lehnt sogar die Einladung der Queen ab, an Prinz Philips Geburtstag ein Konzert in London zu dirigieren. Mick Boyle arbeitet dagegen noch immer rastlos als Filmregisseur. Während er schließlich resigniert, dirigiert sein Freund am Ende doch noch ...
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Kritik

Paolo Sorrentino kommt es in "Ewige Jugend" auf ausgefeilte Dialoge und Bildkompositionen an. Getragen wird die melancholische, teilweise surreale Tragikomödie von den beiden Haupt­darstellern Michael Caine und Harvey Keitel.
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Seit 22 Jahren verbringt der Komponist und Dirigent Fred Ballinger (Michael Caine) ein paar Wochen im Sommer in einem luxuriösen Hotel-Sanatorium in den Schweizer Bergen. Dort sucht ihn ein Abgesandter (Alex MacQueen) des Buckingham Palastes auf, um ihm mitzuteilen, dass ihn Königin Elisabeth zum Ritter schlagen wolle und sich anlässlich des Geburtstages von Prinz Philip ein Konzert wünsche, bei dem der Maestro die von ihm komponierten „Simple Songs“ dirigiert. Der Musiker lehnt jedoch höflich ab und weist darauf hin, dass er im Ruhestand sei.

Sein langjähriger Freund Mick Boyle (Harvey Keitel) hält sich ebenfalls in dem Hotel-Sanatorium auf. Beide gehen auf die 80 zu, aber im Gegensatz zu Fred Ballinger arbeitet Mick Boyle noch eifrig als Regisseur und bespricht in diesen Tagen in der Schweiz die Schlussszene des geplanten Films „Des Lebens letzter Tag“ mit den Drehbuchautoren (Nate Dern, Alex Beckett, Mark Gessner, Tom Lipinski, Chloe Pirrie).

Fred Ballingers Tochter und Assistentin Lena (Rachel Weisz) hat ihren Vater in die Schweiz begleitet. Nach ein paar Tagen verabschiedet sie sich, denn sie will mit ihrem Ehemann, Mick Boyles Sohn Julien (Ed Stoppard), die Flitterwochen in Polynesien verbringen. Doch sie kehrt schluchzend vom Flughafen zurück: Julien hat ihr dort eröffnet, dass er sich scheiden lassen werde. Die Väter sind entsetzt, aber Julien erklärt ihnen, die Popsängerin Paloma Faith (Paloma Faith) sei im Bett viel besser als Lena. Die verlassene Ehefrau glaubt daraufhin ihre Rivalin wie in einem Musikvideo zu sehen, aber es ist ein Albtraum.

Die beiden Greise Fred Ballinger und Mick Boyle, die sich morgens gegenseitig fragen, wie viele Tropfen sie urinieren konnten, beobachten andere Hotelgäste. Das tut auch der junge kalifornische Schauspieler Jimmy Tree (Paul Dano), der darunter leidet, dass man ihn immer nur auf die Rolle reduziert, mit der er berühmt wurde, ausgerechnet die eines Roboters, bei der sein Gesicht nicht zu sehen ist. Ein vornehmes älteres Ehepaar (Heidi Maria Glössner, Helmut Förnbacher) schweigt sich beim Essen an, und unvermittelt ohrfeigt die Frau ihren Mann. Eine Masseurin (Luna Zimic Mijovic) nutzt jede Minute ihrer Freizeit für Tanzübungen. Der inzwischen überaus korpulent gewordene Fußballspieler Diego Maradona (Roly Serrano) erfüllt am Zaun Autogramm-Wünsche seiner Fans. Wenn er außer Atem aus dem Pool kommt, schleppt seine Frau (Loredana Cannata) ein Sauerstoffgerät herbei. Auf dem Rücken hat er sich ein riesiges Porträt von Karl Marx tätowieren lassen.

Während Mick Boyle und Fred Ballinger im Whirl Pool stehen, stöckelt die ebenfalls zu den Gästen zählende Miss Universe (Mădălina Diana Ghenea) heran und taucht splitternackt ins Wasser. In dieser Nacht träumt Fred Ballinger von Miss Universe. Sie kommt ihm auf dem überfluteten Markusplatz in Venedig entgegen. Dabei schreiten beide übers Wasser. Sobald sie jedoch an ihm vorbeigegangen und verschwunden ist, versinkt er und droht zu ertrinken. Verzweifelt ruft er nach seiner Frau Melanie.

An einem der nächsten Tage sehen wir den Musiker auf einem Baumstumpf an einem Wiesenhang sitzen. Er hebt die Arme und dirigiert das Glockengeläut der vor ihm weidenden Kühe.

Lena, die inzwischen von dem Schweizer Kletterführer Luca Moroder (Robert Seethaler) umworben wird, wirft ihrem Vater vor, sich nie Zeit für sie und ihre Mutter Melanie genommen zu haben und lieber mit Igor Strawinski zusammen gewesen zu sein. Er habe Melanie nicht nur mit anderen Frauen betrogen, klagt sie, sondern auch noch geglaubt, mit Homosexualität experimentieren zu müssen.

Der Abgesandte aus dem Buckingham Palace kommt erneut, denn die Queen hat ihn beauftragt, es noch einmal zu versuchen. Fred Ballinger bleibt bei seiner Absage und begründet sie damit, dass er „Simple Songs“ für seine Frau Melanie geschrieben habe. Niemand außer ihr könne sie singen, und sie sei dazu auch nicht mehr fähig. Lena, die das Gespräch mit angehört hat, beginnt zu weinen, denn sie begreift nun, wie sehr der Vater die Mutter liebte.

Für „Des Lebens letzter Tag“ hat Mick Boyle die ebenfalls gealterte Diva Brenda Morell (Jane Fonda) eingeplant, eine langjährige Freundin, mit der er einen Großteil seiner Filme drehte. Sie reist an, aber nur, um ihm unumwunden zu erklären, dass er dabei sei, seinen Ruf zu ruinieren und sie dabei nicht mitmachen werde. Seine Zeit sei vorbei, meint sie, er mache sich nur noch lächerlich.

Mick Boyle weiß, dass er ohne Brenda Morell keinen Produzenten für „Des Lebens letzter Tag“ finden wird. Er verabschiedet das Team der Drehbuchautoren am Bahnhof „Wiesen“. Nachdem sie abgefahren sind, erscheinen ihm auf einer Bergwiese die Schauspielerinnen seiner Filme. Sie tragen ihre Kostüme und deklamieren ihre Texte.

Zurück im Hotel, sucht er Fred Ballinger in dessen Zimmer auf. Er spielt mit dem Gedanken, mit einem anderen Filmprojekt zu beginnen. Dann durchquert er den Raum, klettert ohne zu zögern über das Balkongeländer und stürzt sich vor Augen seines fassungslosen Freundes in die Tiefe, bevor dieser sich auch nur aus seinem Sessel erheben kann.

Fred Ballinger erfährt vor seiner Abreise vom Arzt (Wolfgang Michael) des Hotel-Sanatoriums, dass er kerngesund ist. Auch mit seiner Prostata stimmt alles.

In Venedig lässt Fred Ballinger sich zunächst zur Insel San Michele bringen. Dort steht er eine Weile an Igor Strawinskys Grab. Dann besucht er seine Frau Melanie (Sonia Gessner) im Pflegeheim. Sie steht katatonisch starr am Fenster, blickt durch die Scheibe ins Leere und reagiert nicht auf ihn. Trotzdem redet er und bedankt sich dafür, dass sie den von ihrer Mutter geerbten Schmuck verkaufte, um ihm seine zweite Komposition finanziell zu ermöglichen.

Einige Zeit später befindet sich Fred Ballinger in London. Königin Elisabeth II. und Prinz Philip sitzen als Ehrengäste im Publikum eines Konzerthauses, als er die „Simple Songs“ dirigiert. Viktoria Mullova spielt die Solo-Violine, und die Sopranistin Sumi Jo singt.

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Bei Paolo Sorrentinos melancholischer Tragikomödie „Ewige Jugend“ denkt man sowohl an den Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann als auch an den Manierismus des Filmregisseurs Federico Fellini. Im scheinbaren Widerspruch zum Titel dreht sich „Ewige Jugend“ um zwei Greise. Während der tatenfreudige Filmregisseur Mick Boyle am Ende resigniert, entwickelt sich der lethargische Musiker Fred Ballinger weiter. „Ewige Jugend“ ist ein Abgesang, mit dem zugleich die Behauptung aufgestellt wird, dass das Alter nicht nur vom körperlichen Zustand, sondern vor allem von der psychischen Verfassung abhänge.

Wer Action sehen möchte, wird von „Ewige Jugend“ enttäuscht sein, denn Paolo Sorrentino kommt es auf ausgefeilte Dialoge und Bildkompositionen an. Die Filmsprache dominiert in „Ewige Jugend“ allerdings weniger als in anderen Filmen von Paolo Sorrentino. Die Tiefe des Films drängt sich nicht auf. Nicht nur in den gezeigten Träumen wirkt die Szenerie surreal bzw. grotesk, beispielsweise wenn ein meditierender buddhistischer Mönch (Dorji Wangchuk) zu schweben beginnt. Getragen wird „Ewige Jugend“ von der schauspielerischen Leistung der beiden Hauptdarsteller Michael Caine und Harvey Keitel, denen es gelingt, eine Szene durch feine Veränderungen der Mimik in Ironie oder Sarkasmus umkippen zu lassen.

„Ewige Jugend“ wurde am 12. Dezember 2015 im Haus der Berliner Festspiele in den Kategorien Bester Film, Beste Regie (Paolo Sorrentino), Bester Darsteller (Michael Caine) mit einem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Nominiert hatte man außerdem Rachel Weisz als Darstellerin und Paolo Sorrentino ein weiteres Mal für das Drehbuch.

Bei den Außenaufnahmen des Hotel-Sanatoriums sehen wir übrigens das Berghotel Schatzalp in Davos. Innenaufnahmen von Wellness-Bereichen entstanden im Hotel Waldhaus in Flims.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

Paolo Sorrentino: Il Divo. Der Göttliche
Paolo Sorrentino: Cheyenne. This Must Be the Place
Paolo Sorrentino: La Grande Bellezza. Die große Schönheit

T Cooper - Lipshitz
In seinem Roman "Lipshitz" spielt T Cooper mit Fiktion und Wirklichkeit, indem er eine Familiensaga, von der wir nicht wissen, wieviel davon authentisch ist, mit Fakten u.a. über Charles Lindbergh verknüpft.

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