Il Divo

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Il Divo – Originaltitel: Il divo. La spettacolare vita di Giulio Andreotti – Regie: Paolo Sorrentino – Drehbuch: Paolo Sorrentino – Kamera: Luca Bigazzi – Schnitt: Cristiano Travaglioli – Musik: Teho Teardo – Darsteller: Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Giulio Bosetti, Flavio Bucci, Carlo Buccirosso, Paolo Graziosi, Giorgio Colangeli, Alberto Cracco, Lorenzo Gioielli, Gianfelice Imparato, Massimo Popolizio, Aldo Ralli, Giovanni Vettorazzo, Piera Degli Esposti, Fanny Ardant u.a. – 2008 / 115 Minuten

Inhaltsangabe

Paolo Sorrentino konzentiert sich in seinem Film "Il Divo" über Giulio Andreotti auf die Jahre 1991 bis 1993. Toni Servillo ver­körpert den machtbesessenen Politiker als asketischen Finsterling. Wenn er jemand schlaff die Hand reicht, vermeidet er es, ihm dabei ins Gesicht zu blicken. "Der Göttliche" lässt nicht zu, dass jemand ihm persönlich nahe kommt. Er verbirgt seine Gefühle hinter einer maskenhaften Steifheit und bewegt sich dabei wie ein leise sprechender Roboter ...
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Kritik

"Il Divo" ist eine hintergründige Politsatire über die Tragikomik eines Machtmenschen, der von Toni Servillo überzeugend verkörpert wird. Paolo Sorrentino hat die Handlung in einen operetten­haften Reigen stilsicher inszenierter Einstellungen aufgelöst.
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Giulio Andreotti (Toni Servillo) leidet häufig unter Migräne. Er sitzt mit einem Kranz Akupunkturnadeln am Kopf vor uns und erzählt, der Musterungsarzt habe ihm damals nur noch sechs Monate Lebenszeit eingeräumt. Jahre später wollte er ihn erneut aufsuchen, um ihm zu zeigen, dass er sich geirrt hatte, aber der Mediziner war inzwischen gestorben.

Im Morgengrauen geht er zur Kirche. Leibwächter begleiten ihn zu Fuß, und weitere Sicherheitskräfte sitzen in drei schwarzen Limousinen, die im Schritttempo fahren. Giulio Andreotti passiert ein Graffito, das ihn und Bettino Craxi beschuldigt, bei Aldo Moros (Paolo Graziosi) Entführung die Fäden gezogen zu haben. In der Beichte sagt er dem Geistlichen (Alberto Cracco), es belaste ihn sehr, dass er Aldo Moros Tod nicht habe verhindern können.

Im April 1991 übernimmt Giulio Andreotti zum siebten Mal die italienische Regierung. Als er im Palazzo Chigi, seinem Amtssitz, die Vorhalle zum Audienzsaal durchqueren will, sitzt dort eine weiße Katze auf dem Boden. Der Minister­präsident bleibt stehen und fixiert das Tier, aber erst als er mehrmals in die Hände klatscht, weicht es miauend und gibt den Weg frei.

Bevor Staatspräsident Francesco Cossiga (Pietro Biondi) am 28. April 1992 zurücktritt, ernennt er Giulio Andreotti zum Senator auf Lebenszeit. Der Regierungschef möchte Cossigas Nachfolger werden, aber ein Sprengstoffanschlag am 23. Mai, dem Giovanni Falcone, eine Symbolfigur des Kampfes gegen die Cosa Nostra, dessen Ehefrau Francesca Morvillo und drei Leibwächter zum Opfer fallen, durchkreuzt den Plan: Giulio Andreotti, dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt wurden, verliert bei der Wahl am 25. Mai 1992 gegen Oscar Luigi Scalfaro (Fernando Altieri). Weil am 28. Juni 1992 auch Andreottis letzte Amtszeit als Ministerpräsident endet, wird seine Sekretärin Enea (Piera Degli Esposti) entlassen. Bevor sie geht, öffnet sie eine Schachtel und lässt den Inhalt – eine Sammlung von Liebesbriefen an den Politiker, die sie ihm vorenthielt – durch den Shredder laufen.

Als er seine politischen Ämter einbüßt, meint Giulio Andreotti, das beschäftige ihn weniger als die Sorge um den Vorsitz im Musikverein. Die Anerkennung im kulturellen Leben sei ihm wichtiger als die im politischen.

Die fortwährenden Spekulationen über seine Verstrickung in politisch motivierte Gewaltverbrechen wie die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli (Lorenzo Gioielli) am 20. März 1979 in Rom kommentiert Giulio Andreotti mit dem Satz: „Das Einzige, wofür man mich nicht für verantwortlich hält, sind die Punischen Kriege, weil ich damals noch zu jung war.“ Nachdem 28 Anträge, die Immunität Giulio Andreottis aufzuheben, gescheitert waren, erklärt sich der zuständige Senatsausschuss beim 29. Mal damit einverstanden. Eine Reihe von Politikern, die mit Andreotti zusammenarbeiteten, wird 1993 verhaftet, und er selbst muss sich im Mai vor einem Gericht in Palermo verantworten. Andreotti weist alle Anschuldigungen zurück, und die Staatsanwaltschaft kann ihm nichts nachweisen.

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Paolo Sorrentino konzentiert sich in seinem Film „Il Divo“ über Giulio Andreotti auf die Jahre 1991 bis 1993.

Der Politiker, den Paolo Sorrentino in „Il Divo“ porträtiert und Toni Servillo verkörpert, ist ein Finsterling, der mitunter wie ein Untoter wirkt, ein Buckliger mit eingezogenen Schultern und abstehenden Ohren. Wenn es sein muss, reicht er anderen schlaff die Hand, vermeidet es aber, ihnen dabei ins Gesicht zu blicken. „Der Göttliche“ lässt nicht zu, dass jemand ihm persönlich nahe kommt. Inmitten all der vielen Menschen bleibt er absichtlich einsam. Nicht einmal für seine Ehefrau Livia Danese (Anna Bonaiuto) hat er einen liebevollen Blick oder eine zärtliche Geste übrig. Mit außerordentlicher Selbstbeherrschung verbirgt er seine Gefühle hinter einer maskenhaften Steifheit. Dass er sich wie ein leise sprechender Roboter bewegt, wird im Fernsehen mit folgendem Satz kommentiert: „Wenn Andreotti eines Tages stirbt, wird man ihm die Black Box aus dem Rücken schneiden. Dann erfahren wir endlich die Wahrheit.“ Für Giulio Andreotti zählt nur die Macht, und um sich diese zu erhalten, schreckt er wohl vor nichts zurück. Dabei zieht er daraus keinen persönlichen Vorteil.

Umgeben ist dieser asketische Machtmensch und Strippenzieher von eitlen, sich aufplusternden Egomanen. Einmal sagt Andreotti: „Ich bin mir bewusst, dass ich von mittlerer Statur bin, doch wenn ich mich umschaue, sehe ich keine Giganten.“ Paolo Sorrentino porträtiert in „Il Divo“ nicht nur Giulio Andreotti, sondern hält zugleich seinen Landsleuten einen Spiegel vor, zeigt ihnen, dass sie skrupellose Regierungschefs wie Benito Mussolini, Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi gewähren lassen und weder gegen Korruption noch Machtmissbrauch aufbegehren.

Gleich zu Beginn reiht Paolo Sorrentino politische Morde aneinander und blendet dazu zahlreiche Namen von Personen der Zeitgeschichte ein (allerdings in schwer lesbarer roter Schrift). Dieses Informationsstakkato dient jedoch nur als Stilmittel, denn Paolo Sorrentino erhebt nicht den Anspruch auf historische Wahrheit. „Il Divo“ ist weniger ein Biopic als eine hintergründige Politsatire über die Tragikomik eines Machtmenschen und die Lächerlichkeit seiner Entourage.

Paolo Sorrentino hat die Handlung nach dem Vorbild von Federico Fellini in einen operettenhaften Reigen anekdotischer Szenen und kurzer Episoden aufgelöst. Dabei sitzt jede der ebenso sorgfältig wie stilsicher aufgebauten Einstellungen.

Wie Toni Servillo diese Filmfigur verkörpert, ist eine schauspielerische Glanzleistung. Dafür wurde er mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Nominiert hatte man „Il Divo“ auch in den Kategorien Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Regie und Beste Kamera. In der Kategorie Bestes Make-up gab es sogar eine „Oscar“-Nominierung. Und der italienischen Komponist Teho Teardo (* 1966) erhielt für die kongeniale, vielfältige Musikuntermalung den Filmpreis „David di Donatello“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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