Diebe der Nacht

Diebe der Nacht

Diebe der Nacht

Diebe der Nacht - Originaltitel: Les voleurs - Regie: André Téchiné - Drehbuch: André Téchiné und Gilles Taurand - Kamera: Jeanne Lapiorie - Schnitt: Martine Giordano - Musik: Philippe Sarde - Darsteller: Daniel Auteuil, Cathérine Deneuve, Laurence Côte, Benoît Magimel, Julien Rivière, Fabienne Babe, Didier Bezace, Ivan Desny u.a. - 1996; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Im Gegensatz zu seinem Bruder Ivan, der im großen Stil Autos stiehlt, ist Alex Polizist geworden, aber er kann Ivan nichts nachweisen. Als Alex sich mit Juliette einlässt, deren Bruder zu Ivans Bande gehört, versucht dieser sich abzusichern, indem er sie dazu bringt, bei einem Autodiebstahl mitzumachen. Dabei erschießt Ivan einen Wachmann und kommt selbst ums Leben. Juliette taucht unter. Alex fragt ihre Geliebte, wo sie sich versteckt ...
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Kritik

"Diebe der Nacht" ist eine Mischung aus Familientragödie und Verliererballade im Stil des film noir. André Téchiné erzählt die beklemmende Geschichte nicht einfach chronologisch, sondern aus verschiedenen Perspektiven in zeitlich verschachtelten Kapiteln.
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Aus Opposition gegenüber seinem älteren Bruder Ivan (Didier Bezace), der sein Geld unter Aufsicht des Vaters Victor (Ivan Desny) mit Autodiebstählen im großen Stil macht, ist Alex (Daniel Auteuil) Polizist geworden, aber er kann Ivan nichts nachweisen. Verbittert geht er in Lyon seiner Arbeit nach und duscht dreimal am Tag. Seine Ehe ist zerbrochen.

Einmal vernimmt er eine Herumtreiberin, die in einem Geschäft ein teures Parfum gestohlen hat, um es für ein paar Francs Prostituierten verkaufen zu können. Sie heißt Juliette Fontana (Laurence Côte), und Alex weiß, dass ihr Bruder Jimmy (Benoît Magimel) bereits mehrmals bei Autodiebstählen ertappt wurde. Aber er lässt Juliette laufen.

Einige Monate später begegnen sie sich auf der Straße, und Juliette fragt, warum Alex sie nicht bestrafen ließ. Zynisch erklärt er ihr, dass er seine Zeit nicht mit erbärmlichen Ladendiebinnen vertun wolle. Obwohl er ihr zu verstehen gibt, dass er sie verachtet, beginnen die beiden eine sexuelle Beziehung und fallen alle paar Tage ohne jede Zärtlichkeit in einem Hotelzimmer übereinander her. Juliette wundert sich, dass Alex dabei nur die Hose öffnet und auch nicht will, dass sie sich auszieht. Einen nackten Körper ertrage er nicht in seiner Nähe, erklärt Alex.

Ivan eröffnet einen Nachtklub mit einer Transvestiten-Show, nicht zuletzt, um die Gewinne aus dem kriminellen Autohandel zu waschen. Als er herausfindet, dass Juliette und Alex ein Verhältnis haben, ist er alarmiert, denn Juliette weiß von den Autodiebstählen ihres Bruders Jimmy, der zu seiner Bande gehört. Vor einiger Zeit schliefen Ivan und Juliette auch noch zusammen. Um Alex nicht durch einen Abbruch der Beziehung argwöhnisch zu machen, soll Juliette sich vorerst weiter mit ihm treffen. Ivan besteht allerdings darauf, dass sie beim nächsten Diebstahl mitmacht. Auf diese Weise will er sie einbinden und daran hindern, ihn und die Bande zu verraten.

Fünf fabrikneue Autos sollen aus einem im Rangierbahnhof abgestellten Güterzug gestohlen werden. Ivan, Jimmy, Juliette und drei weitere Bandenmitglieder wollen den Coup durchführen. Gerade als Juliette den ersten Wagen startet, tauchen unerwartet zwei Wachmänner auf. Ivan erschießt einen von ihnen und wird dann selbst tödlich getroffen.

Nach vier Jahren kehrt Alex erstmals in den Berghof seines Vaters zurück, wo sein toter Bruder aufgebahrt ist. Juliette begleitet ihn auf ihren eigenen Wunsch, redet aber kaum ein Wort. Victor behauptet, Ivan sei bei einem Unfall ums Leben gekommen, doch Alex findet rasch einen zeitlichen Zusammenhang zwischen einem Autodiebstahl im Rangierbahnhof und dem Tod seines Bruders heraus. Ivans Witwe Mireille (Fabienne Babe) klagt ihrem Schwager, sie habe die ganze Zeit gewusst, was ihr Mann und ihr Schwiegervater taten, aber darüber schweigen müssen. Sie ist auch jetzt nicht bereit, gegen Ivan oder Victor auszusagen.

Juliette, die entsetzt darüber ist, dass Alex auch angesichts der Leiche seines Bruders und der trauernden Familie keine Gefühle zeigt, provoziert ihn während der Rückfahrt mit dem Geständnis, dass sie an dem Coup auf dem Rangierbahnhof beteiligt war. Alex weiß nicht, was er darauf sagen soll.

In derselben Nacht taucht Juliette unerwartet bei Marie Leblanc (Cathérine Deneuve) auf, einer alternden, vereinsamten Philosophieprofessorin, die Juliette liebt und eine lesbische Beziehung mit ihr hat. Juliette ist völlig verzweifelt, zerschlägt plötzlich ein Weinglas und steckt sich die Scherben in den Mund, um sie hinunterzuwürgen und sich das Leben zu nehmen. Marie rettet sie und bringt sie in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses.

Alex vermisst Juliette und merkt, dass es nicht nur die Sexualität ist, die ihn an sie bindet. Nach einer Vorlesung in der Universität spricht er Marie an und fragt sie nach Juliette. Zunächst weigert sie sich, es ihm zu sagen, aber sie lässt sich von ihm zu einem Drink einladen, redet mit ihm und gibt ihm beim Abschied dann doch die Adresse des Krankenhauses.

Dort ist Juliette allerdings nicht mehr. Jimmy hat sie abgeholt und hält sie irgendwo versteckt.

Marie zieht sich zurück und hört die Bänder an, die sie mit Juliette als Vorbereitung für ein Buch über deren Leben aufnahm. Bei einem weiteren Treffen teilt Alex ihr mit, dass die Polizei aufgrund der Zeugenaussage des überlebenden Wachmanns nicht nach einer jungen Frau, sondern ausschließlich nach Männern suche.

Zwei Monate später verabreden Alex und Marie sich erneut und gehen zusammen in eine Aufführung der Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Marie hat inzwischen herausgefunden, dass Juliette in Marseille ein neues Leben angefangen hat. Am übernächsten Tag verpackt sie die von Juliette besprochenen Bänder und das inzwischen fertige Buchmanuskript und schickt Alex das Paket. Dann stürzt sie sich aus dem Fenster in den Tod.

Alex findet Juliette in Marseille als Angestellte in einer Buchhandlung. Eigentlich wollte er ihr die Bänder und das Manuskript bringen, aber als er Juliette in der neuen Umgebung erblickt, begreift er, dass Marie das Paket bewusst nicht ihr, sondern ihm geschickt hatte. Ohne von Juliette bemerkt zu werden, verläßt er die Buchhandlung wieder.

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„Diebe der Nacht“ ist eine Mischung aus Familientragödie, Gangsterfilm und Verliererballade im Stil des film noir.

Während der Vorspann läuft, ist ein Stimmengewirr zu hören. André Téchiné erzählt die Geschichte nicht einfach chronologisch, sondern aus vier verschiedenen Perspektiven in sieben zeitlich verschachtelten Kapiteln. Das erste beginnt ein Jahr vor Ivans Tod mit Juliettes Ladendiebstahl und endet mit dem Besuch von Alex und Juliette in dem Haus, in dem der Tote aufgebahrt ist. Das zweite Kapitel setzt die Handlung fort und zeigt, wie Juliette bei Marie auftaucht und ins Krankenhaus gebracht wird. In Kapitel 3 zeigt André Téchiné den Autodiebstahl am Rangierbahnhof. Es folgt ein Intermezzo zwei Tage nach Ivans Tod in der Aussegnungshalle des Friedhofs. Die letzten beiden Kapitel spielen zehn Tage nach der Einäscherung bzw. zwei Monate später. Eingerahmt wird das alles durch einen Prolog, in dem der kleine Justin (Julien Rivière) vom Tod seines Vaters erfährt und einen Epilog, in dem er ein Gespräch zwischen seinem Großvater Victor und Jimmy Fontana belauscht, die Pläne für einen neuen Diebstahl schmieden. Offenbar sind Jimmy und Ivans Witwe Mireille sich inzwischen näher gekommen. Vielleicht bekommt Justin einen Ersatzvater.

Die Figuren, deren Geschichten André Téchiné geschickt verknüpft, werden außergewöhnlich glaubwürdig charakterisiert und gespielt. Es geht nicht nur um Autodiebe, sondern jeder in dieser gefühlsarmen Welt nimmt sich, was er kriegen kann. Zärtlichkeit gibt es nur in der Liebesbeziehung zwischen Marie und Juliette, ausgerechnet zwei selbstmordgefährdeten Frauen. Eines der Themen dieses vielschichtigen Films ist die Vereinsamung der Menschen: Mireille, die ihren Mann und ihren Schwiegervater bei ihren kriminellen Machenschaften beobachtet, aber nichts sagt, Marie, die sich aus dem Fenster stürzt, als Juliette ein neues Leben ohne sie beginnt, und Alex, der am Ende allein zurückbleibt.

Für Techiné sind Menschen wichtiger als Aktionen. In immer anderen Situationen kommen sie zueinander, so spitzt er das Abenteuerliche der Geschichte durch die Spannung zwischen seinen Charakteren zu. Durch sie geht es um den Zustand der Welt, nicht durch Handlung. (Norbert Grob, Süddeutsche Zeitung, 13. November 2007)

Obwohl die Bilder und Dialoge bewusst schroff und nüchtern wirken, ist „Diebe der Nacht“ ein beklemmender – und unbedingt sehenswerter – Film.

Außer der Filmmusik von Philippe Sarde und ein paar Takten aus der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart sind in „Diebe der Nacht“ folgende Songs zu hören:

  • Jeff Barry: „Sugar, Sugar“
  • Fred Chichin: „Tonite“
  • John Kander: „Money, Money“ aus dem Musical „Cabaret“
  • Mohamed Khelifati: „Douha Alia“
  • Stefane Mellino: „Sous le soleil de Bodega“
  • Benoît Morel, Paul Payan und Eric Phillippon: „La valse petite“
  • Rachid Taha: „Baadini“
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005 / 2007

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