Die Flüchtigen

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Die Flüchtigen

Die Flüchtigen – Originaltitel: Les égarés – Regie: André Téchiné – Drehbuch: Gilles Taurand, André Téchiné, nach dem Roman "Le Garçon aus Yeux Gris" von Gilles Perrault – Kamera: Agnès Godard – Schnitt: Martine Giordano – Musik: Philippe Sarde – Darsteller: Emmanuelle Béart, Gaspard Ulliel, Grégoire Leprince-Ringuet, Clémence Meyer, Samuel Labarthe, Jean Fornerod, Eric Kreikenmayer, Nicholas Mead, Mike Davies, Nigel Hollidge u.a. – 2003; 95  Minuten

Inhaltsangabe

Die verwitwete Pariser Lehrerin Odile flieht im Juni 1940 mit ihren Kindern vor den Deutschen. Der 17-Jährige Yvan hilft ihnen und bricht bedenkenlos in ein verlassenes Haus ein. Odile missfällt das, aber sie will den Kindern nicht noch eine Nacht im Freien zumuten. In der Not verlieren die bürger­lichen Moralvorstellungen an Bedeutung für sie. Allmählich fühlt sie sich trotz des Alters­unterschieds und der sozialen Schranken zu dem zuerst von ihr abgelehnten Analpha­beten hin­gezogen, dem es gelingt, sie alle in der außergewöhnlichen Situation zu versor­gen ...
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Kritik

"Die Flüchtigen" – die Verfilmung eines Romans von Gilles Perrault – beleuchtet das Verhalten von Menschen im Ausnahmezustand des Krieges. André Téchiné entwickelt die Geschichte ohne Pathos und Effekthascherei.
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Am 10. Juni 1940 wird ein Flüchtlingstreck aus Paris von einem deutschen Tiefflieger angegriffen. Das Auto der seit kurzem verwitweten Pariser Lehrerin Odile (Emmanuelle Béart), die mit ihrem 13-jährigen Sohn Philippe (Grégoire Leprince-Ringuet) und ihrer noch jüngeren Tochter Cathy (Clémence Meyer) auf der Flucht ist, geht mit dem gesamten Gepäck in Flammen auf. Ein Jugendlicher (Gaspard Ulliel) rennt mit ihnen in den Wald. Nachdem sie eine Nacht im Freien geschlafen haben, findet der 17-Jährige eine verlassene Villa. Kurzerhand klettert er an der Fassade empor, schlägt die Scheibe eines Dachfensters ein und steigt hindurch. Bevor er Odile und ihren Kindern die Haustür öffnet, schneidet er das Telefonkabel durch und versteckt das Radiogerät im Keller.

Er heiße Yvan, behauptet der junge Mann, der sein kurz geschorenes Haar unter einer Mütze verbirgt und nicht von seiner Vergangenheit sprechen möchte. Odile findet rasch heraus, dass er weder lesen noch schreiben kann.

Ihr Mann, ein Reserveleutnant in einem Freikorps, fiel zu Beginn des Krieges. Es missfällt ihr, dass sie in ein fremdes Haus eingedrungen sind, aber sie will den Kindern nicht zumuten, noch eine Nacht auf der blanken Erde im Freien zu schlafen. Außerdem benötigen sie etwas zu essen und zu trinken. Notgedrungen erklärt sie sich damit einverstanden, eine Nacht in dem Haus zu verbringen. Dass sie am nächsten Tag ein Dorf suchen möchte und hofft, dort Hilfe zu finden, hält Yvan für keine gute Idee. Die Dörfer seien evakuiert, sagt er, und die Städte von den Deutschen eingenommen.

Trotzdem macht Odile sich am nächsten Morgen mit den Kindern auf den Weg. Yvan hatte Recht: die Dörfer sind verlassen. Es bleibt Odile, Philippe und Cathy nichts anderes übrig, als in das Haus zurückzukehren. Nachts taucht auch Yvan wieder auf. Er hat Sachen mitgebracht, die er offenbar einem abgeschossenen deutschen Fallschirmspringer und anderen Toten abgenommen hat, darunter eine Handgranate und eine Pistole.

Plötzlich fällt er in Ohnmacht und fiebert.

Als er am Morgen wieder zu sich kommt, stellt er fest, dass Odile nicht nur seine Sachen gewaschen, sondern ihm auch die Pistole und die Handgranate weggenommen hat. Sie habe die Waffen vergraben, sagt sie. Auf die Frage, was die Ohnmacht zu bedeuten habe, meint Yvan, das passiere des Öfteren mit ihm.

Die Vorräte im Haus sind rasch aufgebraucht, aber Yvan versteht es, Fische zu angeln und Fallen zu basteln, die er im Wald aufstellt. Damit fängt er Kaninchen. Dass er sich zu helfen weiß und auch in der außergewöhnlichen Situation gut zurechtkommt, imponiert Philippe. Für ihn ist der vier Jahre Ältere ein Held. Odile möchte allerdings nicht, dass Yvan für ihren Sohn zum Vorbild wird, denn dessen skrupelloser Umgang mit fremden Eigentum widerspricht ihren Moralvorstellungen.

Die weichen im Lauf der Zeit allerdings auch auf. Beispielsweise liest Odile Briefe, die sie im Haus findet und entnimmt ihnen, dass es sich bei den Besitzern um ein Musiker-Ehepaar handelt.

In der kriegsbedingten Ausnahmesituation verlieren Ethik, Alters- und Klassenunterschiede auch für Odile an Bedeutung. Allmählich fühlt sie sich zu dem starken jungen Mann hingezogen. Sie fängt an, ihm Schreiben beizubringen, und er arbeitet eifrig mit.

Am 19. Juni tauchen zwei südfranzösische Soldaten auf, deren Einheit von den Deutschen aufgerieben wurde: Georges (Jean Fornerod) und Robert (Samuel Labarthe). Odile nimmt sie mit ins Haus.

Philippe wartet im Freien, bis Yvan mit einem toten Kaninchen aus dem Wald kommt. Aufgeregt berichtet er von den beiden mit einem Gewehr bewaffneten Männern. Yvan ist entsetzt, denn er befürchtet, dass sie Odile vergewaltigen. Philippe soll ihm zeigen, wo seine Pistole vergraben ist, aber der Junge weigert sich, sein der Mutter gegebenes Wort zu brechen. Zum ersten Mal verliert Yvan seine Selbstbeherrschung und wird nervös. Er holt eine Axt, fällt auf die Knie, betet ein Vaterunser und stößt Philippe gewaltsam zurück, als dieser ihn davon abhalten will, sich ins Haus zu schleichen.

Aber dann verlässt Yvan das Haus wieder unbemerkt und versteckt sich im Wald. Er will erst zurückkommen, wenn die Soldaten fort sind. Sie sollen ihn auf keinen Fall sehen.

Odile hat zu ihrem eigenen Schutz behauptet, sie habe außer Cathy und Philippe noch einen älteren Sohn. Nachdem Georges sich im Haus umgesehen hat, rät er ihr, ihren Älteren im Auge zu behalten, denn der plündere nicht nur Tote aus, sondern habe auch das Telefonkabel durchgeschnitten und das Radiogerät versteckt.

Nachts reden Odile und Robert über den bevorstehenden Waffenstillstand. Die beiden Männer wollen im Morgengrauen weiterziehen.

Als Robert sich zum Schlafen hingelegt hat, sucht Odile im Freien nach Yvan. Sobald sie ihn gefunden hat, reißen sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib. Er habe noch nie eine nackte Frau gesehen, stammelt Yvan und betrachtet sie im Licht seines Feuerzeugs. Als er in sie eindringt, kommt er rasch zum Orgasmus. Dann dreht er sie auf den Bauch und penetriert sie anal. Was er da tue, fragt Odile verwundert. So kenne er das, sagt er, und sie lässt es geschehen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Am Morgen – die Soldaten sind bereits fort – kommt ein Auto angefahren. Es sind zwei Gendarmen; sie haben Yvan auf einem Bauernhof in der Nähe festgenommen. Ob Odile ihn kenne, fragen sie. Während Odile mit der Antwort zögert, antwortet Philippe, das sei ein Freund. Die Gendarmen vermuten, dass der junge Mann mit dem kurzgeschorenen Haar aus einer Sträflingskolonie ausgebrochen ist. Sie nehmen auch Odile und die Kinder mit und weisen die Lehrerin darauf hin, dass ein Einbruch auch im Krieg strafbar sei.

Odile, Philippe und Cathy werden in ein vom Roten Kreuz betreutes Lager gebracht.

Dort erfährt Odile am nächsten Tag von einem der Gendarmen, dass Yvan in Wirklichkeit wahrscheinlich Jean Delgas hieß. Zumindest passt die Beschreibung eines ausgebrochenen Sträflings mit diesem Namen auf ihn. In der Nacht hat er sich in seiner Zelle erhängt.

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2001 veröffentlichte der französische Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Gilles Perrault (bürgerlich: Jacques Peyroles, * 1931) den Roman „Le garçon aux yeux gris“. André Téchiné verfilmte das Buch zwei Jahre später unter dem Titel „Les égarés“ / „Die Flüchtigen“.

Bei dem Drama „Die Flüchtigen“ handelt es sich um eine Studie über das Verhalten von Menschen im Ausnahmezustand des Krieges, wenn es ums blanke Überleben geht und die „normalen“ Regeln des gesellschaftlichen Lebens nicht weiterhelfen.

André Téchiné entwickelt die Geschichte ohne Pathos und Effekthascherei. Er konzentriert sich auf die Charaktere und ihre Interaktionen: Die Pariser Lehrerin Odile, eine starke Frau, die 1940 nach dem Tod ihres Mannes mit den Kindern vor den Deutschen flieht, stemmt sich zunächst gegen das Aufgeben bürgerlicher Ideale und distanziert sich von dem jungen Mann, der ihr und ihren Kindern hilft, aber nicht ihren moralischen Vorstellungen entspricht. Erst allmählich verliert die bürgerliche Moral in der Not und angesichts der Schutzbedürftigkeit der Kinder an Bedeutung für sie. Odile fühlt sich schließlich trotz des Altersunterschieds und der sozialen Schranken zu dem zuerst von ihr abgelehnten jungen Analphabeten Yvan hingezogen, dem es gelingt, sie, die Kinder und sich in der außergewöhn­lichen Situation zu versorgen. Seine Skrupellosigkeit hilft ihm dabei. Und für den seit kurzem vaterlosen Philippe wird der vier Jahre ältere Yvan zum Idol.

„Die Flüchtigen“ wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes im Mai 2003 uraufgeführt. In Deutschland fand sich dafür kein Verleih, und es gibt den Film auch nicht auf DVD.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015

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