Wilhelm Voigt


Friedrich Wilhelm Voigt wurde am 13. Februar 1849 als Sohn eines Schuhmachers in Tilsit geboren. Als vierzehnjähriger Schüler kam er bereits mit dem Gesetz in Konflikt, musste wegen eines Diebstahls zwei Wochen ins Gefängnis, und man verwies ihn von der Schule. Daraufhin erlernte er in der Werkstatt seines Vaters das Schuhmacherhandwerk.

Mehrere Diebstähle und Urkundenfälschungen brachten Wilhelm Voigt immer wieder ins Gefängnis. Insgesamt hatte er rund dreißig Jahre hinter Gittern verbracht, als er am 12. Februar 1906 – einen Tag vor seinem 57. Geburtstag – wieder einmal frei gelassen wurde. Nachdem er ein Vierteljahr für einen Schuhmacher in Wismar gearbeitet hatte, wies man ihn aus dem Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin aus. Daraufhin suchte er bei seiner Schwester in Berlin-Rixdorf Zuflucht, aber das Berliner Polizeipräsidium forderte ihn am 24. August 1906 aufgrund seiner Straftaten auf, die Stadt zu verlassen.

Um erst einmal in Berlin bleiben zu können, musste Wilhelm Voigt untertauchen. Dabei reifte sein Plan für ein neues Gaunerstück. Bei verschiedenen Trödlern in Berlin und Potsdam erwarb er die Teile einer Hauptmanns-Uniform des 1. Preußischen Garderegiments, die er in der Gepäckaufbewahrung eines Bahnhofs deponierte.

Am 16. Oktober 1906 holte er die Uniform und zog sie an. Zur Mittagszeit begegnete Wilhelm Voigt in der Sylter Straße einem Garde-Unteroffizier mit vier Soldaten, die gerade Wachablösung gehabt hatten und in die Kaserne zurück marschierten.

Wilhelm Voigt in seiner Hauptmanns-Uniform ließ sich Meldung erstatten, unterstellte die Einheit kurzerhand seinem Befehl und schickte den Unteroffizier fort. Ähnlich verfuhr er mit einer zufällig vorbeikommenden zweiten, sechsköpfigen Wachmannschaft. Mit „seinen“ zehn Soldaten marschierte Wilhelm Voigt zum Bahnhof Putlitzstraße und fuhr von dort in den Vorort Köpenick. Im Rathaus von Köpenick nahm der falsche Hauptmann Bürgermeister Georg Langerhans sowie einen Oberstadtsekretär fest und beschlagnahmte die 4000 Mark aus der Stadtkasse. Gegen Quittung! Den Soldaten befahl er, das Rathaus noch eine halbe Stunde lang zu bewachen und sich dann in Berlin an der Neuen Wache zu melden. Wilhelm Voigt verschwand währenddessen mit dem erbeuteten Geld.

Noch am selben Tag meldete die „Niederbarnimer Zeitung“ in einer Extraausgabe:

Heute Nachmittag gegen 4 Uhr traf hierselbst 1 Hauptmann mit 10 Soldaten ein. Sie gingen zum Rathaus und meldeten sich beim Bürgermeister. Sie hatten Allerhöchsten Befehl, das Rathaus zu besetzen, die Kasse an sich zu nehmen und den Bürgermeister Dr. Langerhans nebst Rendanten v. Wildberg zu verhaften. Der Befehl wurde sofort ausgeführt. Die Kasse wurde sofort gesperrt.

Der „Hauptmann von Köpenick“ wurde zum Tagesgespräch.

Man gehe in ein Restaurant, fahre auf der Eisenbahn oder benutze die Straßenbahn, überall hört man von dem Heldenstückchen reden. („Vorwärts“, 19. Oktober 1906)

Zehn Tage nach dem Coup, am 26. Oktober 1906, wurde Wilhelm Voigt verhaftet. Ein Berliner Landgericht verurteilte ihn am 1. Dezember zu einer neuen Freiheitsstrafe von vier Jahren, aber Kaiser Wilhelm II. begnadigte ihn, und am 16. August 1908 durfte der „Hauptmann von Köpenick“ vorzeitig die Haftanstalt verlassen.

Dieses Mal plante Wilhelm Voigt keine neue Straftat, sondern er wollte seine Bekanntheit ausnutzen, um Geld zu machen: Er tingelte durch Deutschland, zeigte sich den Schaulustigen, signierte Bildpostkarten und hielt kleine Ansprachen. 1909 erschien das Buch „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild. Von Wilhelm Voigt, genannt Hauptmann von Köpenick“. Im Jahr darauf reiste Wilhelm Voigt sogar nach Kanada und in die USA. Von den Einnahmen konnte er sich schließlich in Luxemburg ein Haus kaufen.

Dort starb Wilhelm Voigt am 3. Januar 1922.

Nach Wilhelm Voigts originellen Coup kam der Begriff „Köpenickiade“ auf. Davon redet man, wenn jemand durch Hochstapelei und Amtsanmaßung Gehorsam erzwingt.

Die „Köpenickiade“ inspirierte Carl Zuckmayer zu seinem Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“. Der Überfall Wilhelm Voigts auf das Rathaus von Köpenick wurde auch mehrmals verfilmt, so zum Beispiel von Helmut Käutner und Frank Beyer.

© Dieter Wunderlich 2005

Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick
Helmut Käutner: Der Hauptmann von Köpenick
Frank Beyer: Der Hauptmann von Köpenick

Beate Teresa Hanika - Das Marillenmädchen
Beate Teresa Hanika wechselt zwischen drei Zeitebenen hin und her, ohne die Sprünge deutlich zu machen; sie gehen fließend ineinander über, so wie sich Erinnerungen und Einbildungen in die Gedanken der Ich-Erzählerin mischen. "Das Marillenmädchen" ist eine mitreißende, lebensbejahende und kunstvoll gestaltete Lektüre.
Das Marillenmädchen

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.