Carl Zuckmayer : Der Hauptmann von Köpenick

Der Hauptmann von Köpenick
Der Hauptmann von Köpenick Ein deutsches Märchen in drei Akten Uraufführung: Deutsches Theater, Berlin 1931 Regie: Heinz Hilpert Fischer-Taschenbuch, Frankfurt/M 2008 ISBN 978-3-596-90039-8, 159 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach der Verbüßung einer zehnjährigen Haftstrafe wegen Urkundenfälschung nimmt Wilhelm Voigt sich 1906 vor, ein anständiges Leben zu beginnen. Doch ohne Papiere will ihm niemand in Berlin Arbeit geben, und ohne Nachweis einer Arbeitsstelle stellen ihm die Behörden keinen Pass aus. Da versucht Voigt, die autoritätshörige Gesellschaft mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen ...
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Kritik

Mit dem satirischen Theaterstück "Der Hauptmann von Köpenick" entlarvte Carl Zuckmayer die deutsche Obrigkeitsgläubigkeit. Außerdem nahm er den Bürokratismus und den Militarismus im Deutschen Reich aufs Korn.
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Berlin um 1900. Der zackige Garde-Hauptmann von Schlettow lässt sich in dem von Adolph Wormser geführten Uniformladen in Berlin von Zuschneider Wabschke einen maßangefertigen Uniformrock anpassen. Während er einige Änderungen verlangt, schaut ein abgerissener Kerl zur Tür herein und fragt nach Arbeit, wird jedoch sofort wieder weggeschickt.

Bei dem Arbeitssuchenden handelt es sich um den gerade aus der Haft entlassenen Sträfling Wilhelm Voigt. In einem Polizeibüro in Potsdam beantragt er Ausweispapiere, aber der Beamte hat seine Vorschriften und Anweisungen, denen zufolge es ohne Nachweis eines Arbeitsplatzes keinen Ausweis gibt. Da man andererseits eine Aufenthaltsgenehmigung benötigt, um eine Arbeitsstelle zu bekommen, weiß Voigt, dass er sich in einem Teufelkreis befindet.

Oberwachtmeister: Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät –
Voigt: Stimmt.
Oberwachtmeister: Wieso „stimmt“? Was stimmt?
Voigt: Det is wie wenn se ne Laus uff ne Glasscheibe setzen. Da kannse nu krabbeln und krabbeln un rutscht ejal immer wieder runter.

Am Tag darauf trifft er im Café „National“ seinen früheren Kumpan Kalle, der ebenfalls obdachlos ist. Kalle will durch irgendeine neue Straftat zu Geld kommen, aber Voigt hat sich vorgenommen, endlich ein ehrliches Leben zu beginnen.

Während die beiden darüber reden, kommt Hauptmann von Schlettow mit einem Bekannten – Dr. Jellinek – aus dem Billardsaal, und weil es sich um eine nicht standesgemäße Gaststätte handelt, trägt er Zivil. Als Kalle und ein betrunkener Grenadier wegen einer „Pleureusenmieze“ in Streit geraten, versucht von Schlettow die Ordnung im Befehlston wiederherzustellen, aber das gelingt ihm nicht, weil er keine Uniform trägt. Am Ende führt ein Gendarm nicht nur den Grenadier, sondern auch von Schlettow ab.

Wegen der Schlägerei muss von Schlettow seinen Abschied einreichen und den inzwischen abgeänderten neuen Uniformrock zurückgehen lassen.

Um sich einen Ausweis zu beschaffen, überredet Wilhelm Voigt seinen Kumpan Kalle, mit ihm ins Potsdamer Polizeirevier einzubrechen. Während Voigt sich mit einem Pass begnügen will, soll Kalle das Geld aus der Kasse stehlen.

Der Coup misslingt. Die beiden Täter werden festgenommen und eingesperrt.

Adolph Wormser liest darüber gerade in der Zeitung, als der Köpenicker Bürgermeister Dr. Obermüller in den Laden kommt: Da er gerade zum Leutnant befördert wurde, möchte er sich eine neue Uniform schneidern lassen. Wormser nutzt die Gelegenheit, die von Schlettow zurückgegebene Uniform loszuwerden.

Zehn Jahre später soll Wilhelm Voigt aus der preußischen Strafanstalt Sonnenburg entlassen werden. Am Tag davor feiert der Gefängnisdirektor mit den Insassen den Jahrestag des deutschen Sieges über die Franzosen am 2. September 1870 und die Gefangennahme Kaiser Napoleons III. Nach einer feierlichen Ansprache spielen die Häftlinge die Schlacht nach. Dabei zeigt Voigt, dass er sich in seiner Haftzeit gute Kenntnisse über das preußische Militärwesens angeeignet hat. „Voigt! Sie sind der geborene Soldat, trotz ihrer O-Beine“, lobt der Direktor.

Nach seiner Entlassung sucht Voigt erst einmal Zuflucht bei seiner Schwester Maria und deren Mann Friedrich Hoprecht in Berlin. Wie zehn Jahre zuvor bekommt er weder Arbeit noch Papiere. Einen Pass, den er zur Ausreise aus Preußen bräuchte, will man ihm auch nicht ausstellen. Friedrich, der selbst Beamter ist, kann der Kritik seines Schwagers am preußischen Bürokratismus wenig entgegensetzen.

Maria und Friedrich haben eine Untermieterin aufgenommen. Die junge Frau ist unheilbar an Schwindsucht erkrankt. Am Abend vor ihrem Tod erhält Voigt die amtliche Ausweisung aus Preußen.

Dr. Obermüller, der inzwischen zum Hauptmann beförderte Bürgermeister von Köpenick, muss zum Kaisermanöver, doch Adolph Wormser hat die neue Uniform immer noch nicht geliefert. Wütend und aufgeregt befiehlt Obermüller dem Dienstmädchen, seine zehn Jahre alte Uniform zu bringen. Als seine Frau Mathilde versucht, den Uniformrock zuzuknöpfen, reißt ein Stück Stoff aus. In diesem Augenblick steht der Zuschneider Wabschke mit der neuen Uniform in der Tür. Gerade noch rechtzeitig kann Hauptmann Obermüller sich auf den Weg machen. Die alte Uniform gibt er Wabschke mit.

Nachdem Voigt sich von den Hoprechts verabschiedet hat, sucht er einen Trödlerladen auf und erwirbt dort eine Hauptmannsuniform. Es handelt sich um die ursprünglich für von Schlettow angefertigte, dann von Dr. Obermüller und zuletzt von Adolph Wormsers Tochter Auguste Viktoria bei einem Kostümfest getragene Uniform. In einer Bahnhofstoilette zieht Voigt sie an.

Mit einem Trupp Soldaten, die er auf der Straße seinem Befehl unterstellt hat, dringt der falsche Hauptmann in das Rathaus des Berliner Vororts Köpenick ein, verhaftet Bürgermeister Dr. Obermüller sowie Stadtkämmerer Rosencrantz und beauftragt den Polizeiinspektor, sie zur Neuen Wache in Berlin zu bringen. Als Voigt sich nach der Passstelle – dem eigentlichen Ziel seines Gaunerstücks – erkundigt, wird er enttäuscht, denn in Köpenick gibt es keine, und die nächstgelegene befindet sich auf dem Kreisamt in Teltow. Ohne „seine“ Soldaten, aber mit dem Geld aus der Stadtkasse macht der „Hauptmann von Köpenick“ sich davon.

Einige Tage später stellt Wilhelm Voigt sich der Berliner Polizei und gibt an, wo er die Uniform versteckt hat. Er weiß, dass er für seinen Coup noch einmal ins Gefängnis muss, hofft jedoch, danach endlich einen Pass zu bekommen. Nachdem jemand die Uniform gebracht hat, lässt Wilhelm Voigt sich überreden, noch einmal hineinzuschlüpfen. Der „Hauptmann von Köpenick“ betrachtet sich im Spiegel und fängt zu lachen an.

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Das Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer beruht auf einer wahren Begebenheit, auch wenn es dem Autor nicht um Authentizität ging: Am 16. Oktober 1906 zog der Arbeitslose Wilhelm Voigt die Uniform eines Hauptmanns an, unterstellte zwei Wachmannschaften, die ihm zufällig auf der Straße begegneten, seinem Befehl und erbeutete im Rathaus von Köpenick die Stadtkasse.

Der Theaterregisseur Fritz Kortner hatte Carl Zuckmayer geraten, aus der wahren Geschichte ein Drehbuch zu machen, aber der Dramatiker zog ein Schauspiel vor. Jeder der drei Akte ist in sieben Szenen unterteilt. Die Texte schrieb Carl Zuckmayer fast ausschließlich in Berliner Mundart. „Der Hauptmann von Köpenick“ wurde 1931 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt (Inszenierung: Heinz Hilpert; Titelrolle: Werner Krauß).

Carl Zuckmayer entlarvt in dem Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ die Obrigkeitsgläubigkeit im Deutschen Reich. So wie David sich Goliath stellt und ihn besiegt, führt der „Hauptmann von Köpenick“ pfiffig und unerschrocken einen Schelmenstreich gegen die Staatsmacht durch. Das dient Carl Zuckmayer dazu, sowohl den Bürokratismus als auch den Militarismus in Preußen satirisch aufs Korn zu nehmen. Geschickt entwickelt er neben der eigentlichen Handlung auch die gegenläufige Geschichte der Hauptmanns-Uniform.

Noch im Jahr der Uraufführung (1931) arbeitete Carl Zuckmayer mit am Drehbuch einer Verfilmung, die ebenfalls unter dem Titel „Der Hauptmann von Köpenick“ ins Kino kam.

Der Hauptmann von Köpenick – Regie: Richard Oswald – Drehbuch: Albrecht Joseph und Carl Zuckmayer, nach dem Schauspiel „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer – Kamera: Ewald Daub – Titelrolle: Max Adalbert

Obwohl die Nationalsozialisten das Stück und den Film von 1933 bis 1945 verboten, wurde „Der Hauptmann von Köpenick“ Carl Zuckmayers größter Erfolg,

Unter Mitarbeit von Carl Zuckmayer drehte Helmut Käutner 1956 mit Heinz Rühmann in der Titelrolle eine weitere Adaptation fürs Kino („Der Hauptmann von Köpenick“, 1956). Eine Neuverfilmung fürs Fernsehen stammt von Frank Beyer („Der Hauptmann von Köpenick“, 1997).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Wilhelm Voigt (Kurzbiografie)
Helmut Käutner: Der Hauptmann von Köpenick
Frank Beyer: Der Hauptmann von Köpenick

Carl Zuckmayer (Kurzbiografie)
Carl Zuckmayer: Geschichte von einer Geburt
Carl Zuckmayer: Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus
Carl Zuckmayer: Der blaue Engel (Drehbuch)
Carl Zuckmayer: Engele von Loewen

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