Der geteilte Himmel

Der geteilte Himmel

Der geteilte Himmel

Originaltitel: Der geteilte Himmel – Regie: Konrad Wolf – Drehbuch: Kurt Barthel, Willi Brückner, Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, nach der Erzählung "Der geteilte Himmel" von Christa Wolf – Kamera: Werner Bergmann – Schnitt: Helga Krause – Musik: Hans-Dieter Hosalla – Darsteller: Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hartdloff, Hilmar Thate, Hans Hardt-Hardtloff, Martin Flörchinger, Erika Pelikowsky u.a. – Sprecherin: Lissy Tempelhof – 1964; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Statt sich für den Sozialismus zu engagieren, verfolgt der Chemiker Manfred Herrfurth seine persönliche Karriere und verlässt deshalb die DDR. Dass dadurch seine Liebesbeziehung mit Rita Seidel zerbricht, nimmt er in Kauf. Rita bleibt in der DDR. Sie hält es für ihre Aufgabe, sich für sozialistische Reformen einzusetzen und ihre Privatinteressen zurückzustellen. Ihr Vorbild ist nicht der sture Dogmatiker, sondern ein Arbeiter, der seine Kollegen dazu anhält, freiwillig mehr zu leisten und ihre Arbeitskraft voll einzubringen.
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Kritik

Ohne die übliche Schönfärberei spiegelt der Film "Der geteilte Himmel" die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR Anfang der 60er-Jahre. Die nüchterne Darstellung in dem formal und optisch anspruchsvollen S/W-Film entspricht dem Stil der literarischen Vorlage.
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Als sich die neunzehnjährige Büroangestellte Rita Seidel (Renate Blume) und der zehn Jahre ältere Chemie-Doktorand Manfred Herrfurth (Eberhard Esche) 1959 auf einem Volksfest begegnen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Rita stellt Manfred ihrer verwitweten Mutter (Dorothea Volk) und deren Schwester vor, mit denen sie zusammen auf dem Land lebt. Das Paar verlobt sich und zieht in eine kleine Dachwohnung in Manfreds Elternhaus in Halle an der Saale.

Ernst Schwarzenbach (Günther Grabbert), ein Bevollmächtigter für Lehrerwerbung, ermutigt Rita, doch noch zu studieren. Zur Vorbereitung absolviert sie ein Praktikum bei der Brigade Ermisch in dem Waggonwerk, in dem Manfreds Vater Ulrich Herrfurth (Martin Flörchinger) als kaufmännischer Geschäftsführer tätig ist. Brigadeleiter Ermisch (Horst Weinheimer ) teilt sie Rolf Meternagel (Hans Hardt-Hardtloff) zu, einem früheren Meister, der wegen Unregelmäßigkeiten in der Brigade von Ulrich Herrfurth zum Arbeiter degradiert wurde. Trotz dieser Ungerechtigkeit ist seine Motivation, am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft mitzuwirken, ungebrochen. Er macht sich Notizen über die Bummelei der Kollegen und wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um die Arbeitsmoral zu verbessern. Der konstruktive schweigsame Mann wird für Rita zum väterlichen Freund und Vorbild.

Beim gemeinsamen Abendessen mit Manfred und seinen Eltern kommt es häufig zu Streitigkeiten: Manfred hasst seinen Vater, der in der NSDAP war und jetzt der SED angehört. Das Verhältnis zu seiner nörglerischen Mutter Elfriede (Erika Pelikowsky) ist auch nicht besonders herzlich.

Kurz bevor Rita ihren 20. Geburtstag feiert, promoviert Manfred. In nächtelanger Arbeit hat er ein neues chemisches Verfahren entwickelt, von dem er und sein Assistent Martin Jung (Horst Jonischkan) sich viel versprechen. Die Anwendung wird jedoch von Parteifunktionären abgelehnt. Dieser Fehlschlag verstärkt Manfreds Zweifel am politischen System der DDR. Die eigene Karriere ist im wichtiger als gesellschaftliche Ideale: Im Juni 1961 setzt er sich nach Westberlin ab und reüssiert mit seiner Erfindung in einem westdeutschen Chemiekonzern.

Rita glaubt dagegen wie Rolf Meternagel an die Möglichkeit, die Gesellschaft durch sozialistische Reformen zu verbessern. Sie unterstützt Meternagel dabei, die Kollegen für eine Normerhöhung von 8 auf 10 Waggonfenstern pro Schicht zu gewinnen.

Im Lehrer-Seminar freundet Rita sich mit ihrer Kommilitonin Sigrid (Petra Kelling) an. Als deren Eltern in den Westen gehen, meldet Sigrid sie an ihren Arbeitsstellen krank. Dennoch dauert es nur Tage, bis die Republikflucht auffällt. Wegen der Vertuschungsversuche muss Sigrid sich vor einem Gremium der Partei verantworten, und weil Rita sich freimütig dazu bekennt, Bescheid gewusst und geschwiegen zu haben, verlangt der sture Dogmatiker Mangold (Uwe Detlef Jessen) auch ihre Bestrafung.

Unter dem neuen Werksleiter Ernst Wendland (Hilmar Thate) werden die früheren Unregelmäßigkeiten in der Brigade Ermisch aufgeklärt. Während der inzwischen schwer kranke Rolf Meternagel dadurch rehabilitiert wird, degradiert man Ulrich Herrfurth vom Geschäftsführer zum Hauptbuchhalter.

Rita besucht Manfred schließlich in Westberlin. Er möchte sie überreden, bei ihm zu bleiben: „Mach mal die Augen zu. Hör bloß mal ein paar Namen: Schwarzwald, Rhein, Bodensee. Sagt dir das nichts? Ist das nicht auch Deutschland?“ Aber Rita fühlt sich in der vom Konsum beherrschten Umgebung nicht wohl. Als Manfred begreift, dass sie ihn verlassen wird, meint er: „Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen.“ Leise erwidert Rita: „Doch. Der Himmel teilt sich zuallererst.“

Rita kehrt in die DDR zurück, obwohl sie damit ihre Liebesbeziehung aufgibt. In Halle bricht sie auf der Straße zusammen. Sie muss einige Zeit im Bett liegen und verarbeitet in dieser Zeit die Erlebnisse der letzten beiden Jahre.

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Unter Mitwirkung der Autorin verfilmte Konrad Wolf (1925 – 1982) 1964 die im Jahr zuvor von Christa Wolf veröffentlichte Erzählung „Der geteilte Himmel“. Dabei ersetzte er zwar die Rahmenhandlung weitgehend durch eine spröde Stimme aus dem Off (Lissy Tempelhof), hielt sich jedoch ansonsten eng an die literarische Vorlage. Ebenso wie im Buch, wird die Geschichte in Form von leicht verschachtelten Rückblenden erzählt.

„Der geteilte Himmel“, das ist die tragische Geschichte einer an der Teilung Deutschlands bzw. unterschiedlichen politischen Einstellungen scheiternden Liebe und zugleich eine Auseinandersetzung mit der Krise der DDR, die zum Bau der Berliner Mauer führte.

Die beiden Hauptfiguren Rita Seidel und Manfred Herrfurth sind grundverschieden:

Manfred hasst seinen Vater, der früher in der NSDAP war und jetzt der SED angehört. Statt sich für die Gemeinschaft bzw. den Sozialismus verantwortlich zu fühlen, verfolgt der rational denkende Wissenschaftler nur seine persönliche Karriere, und als Parteifunktionäre seine Erfindung zurückweisen, fühlt er sich in seiner Ablehnung des Regimes bestätigt. Um beruflich weiterzukommen, verlässt er die DDR und stellt sich in den Dienst eines westdeutschen Chemiekonzerns. Dass dadurch seine Liebesbeziehung mit Rita zerbricht, nimmt er in Kauf.

Anders als Manfred kommt Rita vom Land. Weil ihr das Konsumdenken in Westberlin missfällt, beschließt sie aus freien Stücken, nach Halle an der Saale zurückzukehren. Sie täuscht sich zwar nicht über die Mängel des Staats- und Gesellschaftssystems in der DDR, ist aber bereit, sich für Reformen einzusetzen und ihre Privatinteressen zurückzustellen. Ihr Vorbild ist nicht der sture, unbarmherzige Dogmatiker Mangold, sondern der Arbeiter Meternagel, der seine Kollegen dazu anhält, freiwillig mehr zu leisten und ihre Arbeitskraft voll einzubringen.

Problematisch ist an dieser Stelle, dass Rita eine Wahlmöglichkeit hat und ohne Zwang auf die „Republikflucht“ verzichtet. Die DDR-Bürger sollten diesem Beispiel folgen – aber spätestens seit dem Mauerbau gab es für sie in dieser Frage keine freie Entscheidung mehr.

Ohne die übliche Schönfärberei spiegelt der Film „Der geteilte Himmel“ die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR Anfang der Sechzigerjahre. Konrad Wolf verheimlichte nicht, dass die Arbeiter aus fehlendem Verantwortungsbewusstsein versuchten, die Normen niedrig zu halten, drückte aber seine Zuversicht aus, dass die Unzulänglichkeiten im System überwunden werden könnten. Trotz aller Kritik und Offenheit vertraten Christa und Konrad Wolf unmissverständlich sozialistische Grundpositionen.

Die ruhige, nüchtern-distanzierte und verkopfte Darstellung sowie die melancholische Atmosphäre entsprechen dem Stil der Erzählung. Formal und optisch ist der Schwarz-Weiß-Film anspruchsvoll: Einige der sorgfältig aufgebauten Bilder sehen wir aus ungewohnten Perspektiven, und in einer Sequenz wird ein Split-Screen verwendet. Zu der 1964 modern wirkenden Kameraführung von Werner Bergmann passt die Musik von Hans-Dieter Hosalla.

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Inhaltsangabe und Filmkritik: © Dieter Wunderlich 2009

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Kerstin Decker - Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich
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