Der Fall Roger Tichborne / Arthur Orton

Roger Tichborne wurde am 5. Januar 1829 als erster Sohn einer englischen und katholischen Adelsfamilie aus Tichborne Park bei Alresford in Hampshire geboren, wuchs jedoch doppelsprachig in Frankreich auf und kam erst in der Jugend nach England, um das Stonyhurst College zu besuchen, eine der ältesten Jesuitenschulen der Welt. Von 1849 bis 1853 diente Roger Tichborne in der britischen Armee. Weil er und seine Cousine Katherine Doughty sich verliebten und die Familien das missbilligten, schickten sie ihn für einige Zeit nach Südamerika. Im April 1854 kündigte er eine Schiffreise von Rio de Janeiro nach Jamaika an, aber kurz darauf verlor sich seine Spur. War Roger Tichborne ertrunken? War das Schiff untergegangen?

Nur seine aus einer Nebenlinie der Bourbonen stammende Mutter Henriette Félicité klammerte sich an die Hoffnung, dass er noch leben würde und gab nach dem Tod ihres Mannes James Tichborne im Juni 1862 Vermissten-Anzeigen auf – auch in Australien.

Von dort meldete sich 1865 ein unter dem Namen Tom Castro in Wagga Wagga / New South Wales als Metzger bankrott gegangener Mann und behauptete, Roger Tichborne zu sein.

Das bestätigte Andrew Bogle, ein ehemaliger Sklave der Plantage des Herzogs von Buckingham und Chandos in Jamaika, der lange Zeit als Diener für Sir Edward Tichborne-Doughty tätig gewesen war.

Tom Castro alias Sir Roger reiste im Herbst 1866 mit seiner Familie und Andrew Bogle nach England und besuchte von dort Anfang 1867 Lady Tichborne in Paris. Die verzweifelte Mutter wollte glauben, dass er ihr Sohn sei. Dabei sah er Roger Tichborne überhaupt nicht ähnlich, sprach kein Wort Französisch und erwies sich als ungebildet.

Lady Tichborne starb am 12. März 1868. Daraufhin beschuldigte die von dem Rechtsanwalt Henry Hawkins beratene Familie den angeblichen Sir Roger, ein Hochstapler zu sein, und 1871 kam die Angelegenheit vor Gericht. Der Tichborne-Fall schlug in den Zeitungen hohe Wellen, und vor allem Menschen aus der Arbeiterklasse solidarisierten sich nicht nur mit dem Mann aus kleinen Verhältnissen, der ein reiches Erbe beanspruchte, sondern spendeten auch Geld für ihn.

Das Gericht kam nach einem langen Verfahren zu dem Schluss, dass es sich bei dem Mann weder um Tom Castro noch um Roger Tichborne handelte, sondern um den 1834 in England geborenen Metzgersohn Arthur Orton, der als Jugendlicher zur See gefahren war. 1874 wurde er unter dem Vorsitzenden Richter (Lord Chief Justice) Sir Alexander Cockburn zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Seinem Anwalt Edward Kenealy wurde die Lizenz aberkannt, aber viele feierten ihn als einen Helden, der seine Karriere für die Wahrheit geopfert habe.

1884 kam Arthur Orton frei; 1898 starb er in Sydney.

Der historische Roman „Betrug“ von Zadie Smith kreist um den Tichborne-Fall.

Bücher über den Tichborne-Fall:

  • Douglas Woodruff: The Tichborne Claimant. A Victorian Mystery (London 1957)
  • Rohan McWilliam: The Tichborne Claimant. A Victorian Sensation (London 2007)

David Yates verfilmte den Fall Tichborne:

The Tichborne Claimant – Regie: David Yates – Drehbuch: Joe Fisher – Kamera: Peter Thwaites – Schnitt: Jamie Trevill – Musik: Nicholas Hooper – Darsteller: John Kani, Robert Pugh, Stephen Fry, Robert Hardy, John Gielgud u.a. – 1999

© Dieter Wunderlich 2024

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