Zeng Guofan und der Taiping-Aufstand

Taiping-Aufstand

Hong Xiuquan, ein 1814 geborener Abkömmling von Hakka-Nomaden aus der Gegend von Kanton, wollte Beamter werden, scheiterte jedoch zwischen 1827 und 1843 viermal an den dafür erforderlichen Prüfungen. In den Dreißigerjahren las er Schriften von Liang Fa (1789 – 1855), die ihn stark beeinflussten. Aufgrund von Halluzinationen während einer schweren Erkrankung im Jahr 1837 hielt er sich für den jüngeren Bruder des christlichen Gottessohnes Jesus, und nach dem letzten Fehlschlag bei den Prüfungen gründete er eine Sekte, wobei er christliche und konfuzianische Moralvorstellungen mit sozialrevolutionären Bestrebungen zu verschmelzen versuchte. Sein Cousin und früherer Schulfreund Feng Yunshan stand ihm dabei zur Seite.

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich aus der Sekte eine extremistische religiös-politische Bewegung.

Das war nur möglich, weil die seit dem 17. Jahrhundert in China herrschende Qing-Dynastie mit den Problemen des Landes überfordert war. Vor allem in den südlichen Provinzen Guangxi und Guangdong wurde die gesellschaftliche Ordnung durch Triaden und Piraten zerstört, die zugleich Unruhen und ethnische Konflikte für sich nutzten. Nach einer Hungersnot bekriegten sich Hakka und andere ethnische Gruppen. Im Juli 1850 zogen die von Hongs Sekte angeführten Hakka von Jintian aus nordwärts. Ein Vierteljahr später setzte die chinesische Regierung Lin Zexu als Befehlshaber kaiserlicher Truppen gegen die Aufständischen ein, aber er starb noch während des Anmarsches.

1851 proklamierte Hong Xiuquan das Königreich Taiping und sich selbst zum „Himmlischen König“. Ihm unterstanden zunächst vier, später mehr Könige, von denen Yang Xiuqing – ein ehemaliger Köhler, nun der „König des Ostens“ –  zum Regierungschef avancierte und den im Juni 1852 gefallenen Feng Yunshan als Oberbefehlshaber der theokratischen Militärdiktatur ablöste.

Das „Himmlische Reich des Großen Friedens“ (Tàipíng Tiānguó) wurde für klassenlos erklärt, und Privateigentum gab es offiziell nicht mehr. Frauen und Männer galten als gleichberechtigt, und das traditionelle Binden der Frauenfüße wurde ebenso verboten wie der Konsum von Tabak, Alkohol und Opium.

Großen Zulauf bekam die Taiping-Bewegung vor allem aus der arbeitslosen Landbevölkerung. Im September 1852 unterstanden Yang Xiuqing bereits mehr als 100.000 Soldaten, und mit einer halben Million Kämpfern nahm er im März 1853 Nanjing ein. Dabei fielen 30.000 Soldaten des kaiserlichen Heeres, und Tausende Zivilisten wurden getötet. Hong Xiuquan erklärte Nanjing zur „Himmlischen Hauptstadt“, ließ den Gouverneurspalast abreißen und eine neue, sehr viel größere Residenz errichten.

Danach zog sich Hong Xiuquan aus Politik und Verwaltung zurück. Ungeachtet des Verbots der Polygamie unterhielt er einen Harem.

1853/54 marschierten die Taiping halbherzig gegen Peking. Sie kamen zwar nur bis Tianjin, aber der Kaiser und sein Hofstaat flohen nach Norden. Der Mongolenprinz Senggerinchin stellte sich den Angreifern mit 4500 Reitern entgegen – und brachte deren Feldzug zum Scheitern. General Zeng Guofan – eigentlich ein Mandarin – drängte im Mai 1854 die Invasoren aus Hunan zurück, aber im Juni 1856 unterlag die kaiserliche der Rebellenarmee bei Nanjing.

Nach diesem Sieg betrachtete sich Yang Xiuqing als dem „Himmlischen König“ gleichgestellt und gab sich als Inkarnation des Heiligen Geistes aus. Der „Nordkönig“ Wei Changhui tötete den Rivalen im September 1856. Dass er Zehntausende Anhänger des Toten niedermetzeln ließ, führte zum Konflikt mit dem erfolgreichen Militärführer Shi Dakai. Hong Xiuquan schaltete Wie Changhui aus und erhob Shi Dakai Ende 1856 zum Regierungschef – aber dieser konnte sich nicht gegen die Intrigen seiner Gegner durchsetzen und gab das Amt nach einem halben Jahr wieder auf.

Mit den internen Auseinandersetzungen setzte der Niedergang des Taiping-Reichs ein.

Das konnte auch der westlich ausgebildete Oberbefehlshaber Hong Rengan nicht verhindern, ein Cousin Hong Xiuquans, der 1859 nach Nanjing kam. Nach dem Scheitern eines kaiserlichen Angriffs gegen Nanjing im Mai 1860 gingen die Taiping erneut in die Offensive. Allerdings griffen nun England und Frankreich ein, die ihre Handelsinteressen durch die Unruhen gefährdet sahen. Die Kolonialmächte verteidigten das Yangtze-Tal gegen die Rebellen, schlugen 1860 und 1862 Angriffe des Taiping-Königs Li Xiucheng gegen Shanghai zurück und besiegten ihn.

Zeng Guofan und dessen Schüler Li Hongzhang marschierten 1864 mit der kaiserlichen Armee gegen das Taiping-Reich. Während Nanjing belagert und dann eingenommen wurde, starb Hong Xiuquan am 1. Juni 1864 an einer Lebensmittelvergiftung.

Der Taiping-Aufstand gilt als mörderischster Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte. 1851 bis 1864 starben schätzungsweise 20 bis 30 Millionen Menschen.

Versprengte Taipings flohen nach Vietnam, wo sie noch 1884 als „Schwarzflaggen-Partisanen“ gegen die Franzosen kämpften.

Zeng Guofan

Zeng Guofan wurde am 21. November 1811 in Hunan als Sohn einer Familie niedrigen Adels geboren. Er absolvierte 1833 das Präfektur-, ein Jahr später das Provinz- und 1838 das Hauptstadtexamen. An der renommierten Hanlin-Akademie machte sich Zeng Guofan als Experte für Fragen des Rituals und der Etikette einen Namen. Der Asket, der bei der Auswahl von Mitarbeitern höchste Ansprüche stellte, setzte sich für streng-konfuzianische Lehrpläne ein.

1849 übernahm Zeng Guofan eine leitende Funktion im Ritenministerium in der Provinz Sichuan, aber nach dem Tod seiner Mutter kehrte er nach Hunan zurück und führte die traditionellen Trauerzeremonien durch.

Eigentlich hätte er sein Leben gern als Gelehrter verbracht, aber zu Beginn der Fünfzigerjahre beauftragte ihn der Gouverneur von Hunan, ein Freiwilligen-Korps gegen die Taiping-Rebellen aufzustellen. Nachdem Zeng Guofan die Flotte der Rebellen vernichtend geschlagen und Städte zurückerobert hatte, avancierte er zum stellvertretenden Leiter des Kriegsministeriums.

1857 starb sein Vater, und Zeng Guofan widmete sich wieder den Trauerzeremonien.

Danach wurde er zum Gouverneur der Provinz Zhejiang ernannt und setzte den Krieg gegen die Taiping fort. 1860 ernannte man ihn zum kaiserlichen Kriegskommissar und 1862 zum Staatssekretär. Nach der endgültigen Niederschlagung des Taiping-Aufstands im Jahr 1864 wurde er Markgraf.

Zeng Guofan starb am 12. März 1872 in Nanjing.

Stephan Thome machte aus Zeng Guofan eine der Hauptfiguren seines vor dem Hintergrund des Taiping-Aufstands (1851 – 1864) und des Zweiten Opiumkrieges (1856 – 1860) in China spielenden Romans „Gott der Barbaren“.

© Dieter Wunderlich 2018

Stephan Thome: Gott der Barbaren

Steve Sem-Sandberg - Theres
"Theres" ist keine narrative Biografie, sondern eine Collage. Steve Sem-Sandberg kombiniert in dem Roman Texte über Ulrike Meinhof und die RAF. Dabei spricht er nur den Intellekt des Lesers an und lässt keine Empathie aufkommen.
Theres

Steve Sem-Sandberg

Theres

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Sommer durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.