Agora

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Agora. Die Säulen des Himmels – Originaltitel: Agora – Regie: Alejandro Amenábar – Drehbuch: Alejandro Amenábar – Kamera: Xavi Giménez – Schnitt: Nacho Ruiz Capillas – Musik: Dario Marianelli– Darsteller: Rachel Weisz, Max Minghella, Oscar Isaac, Ashraf Barhom, Michael Lonsdale, Rupert Evans, Richard Durden, Sami Samir, Manuel Cauchi, Homayoun Ershadi, Oshri Cohen, Harry Borg u.a. – 2009; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt um 400 in Alexandria. Die unverheiratete Atheistin Hypatia doziert dort über Philosophie und Astronomie. Sie verabscheut Gewalt und Intoleranz. Aber fundamentalistische Christen wiegeln zu mörderischen Straßenkämpfen gegen Andersgläubige auf. Schließlich instrumentalisiert auch der Patriarch Kyrill den Glauben für seine Machtansprüche und hetzt gegen die Philosophin Hypatia, bis sie von Christen ermordet wird ...
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Kritik

Mit "Agora. Die Säulen des Himmels", einem Monumentalepos über die unvoreingenommene Philosophin Hypatia, plädiert Alejandro Amenábar gegen Intoleranz und Gewalt. Glaubenseiferer, die morden und Kulturgüter zerstören, sind heute wieder ein brisantes Thema.
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Alexandria im Jahr 391. Hypatia (Rachel Weisz), die unverheiratete Tochter des Bibliothekars Theon (Michael Lonsdale), doziert in einer Männerwelt Philosophie, Mathematik und Astronomie.

Während Hypatia zu ergründen versucht, warum die Sterne nicht vom Himmel fallen, gehen die Parabolani in Alexandria immer aggressiver gegen Anders­gläubige vor. Die christliche Laienbruderschaft widmete sich nach ihrer Gründung zunächst der Pflege von Pestkranken und dann auch ihrer Bestattung. Inzwischen handelt es sich um eine fundamentalistische Splittergruppe des Christentums, das seit 380 Staatsreligion im Römischen Reich ist.

In einer öffentlichen Debatte mit einem Anhänger des Serapis-Kults läuft der Parabolani-Bruder Ammonius (Ashraf Barhom) unbeschadet durch ein Feuer und erklärt triumphierend, der einzig wahre Gott schütze ihn. Hämisch fordert er seinen Kontrahenten auf, die Macht seiner Götter zu demonstrieren und stößt ihn in die Flammen. Die Kleidung des Mannes fängt sofort Feuer, und er erleidet Verbrennungen.

Theon missbilligt das rabiate Vorgehen der Christen und duldet deshalb auch keine in seinem Haus. Als er ein Kreuz findet, schleudert er es voller Abscheu auf den Boden. Die Sklavin, der es gehört, wirft sich erschrocken hin und küsst das geschändete Symbol. Um sie vor der Strafe zu bewahren, bekennt sich auch der Sklave Davus (Max Minghella) zum Christentum und lässt sich von Theon auspeitschen.

Am Abend versorgt Hypatia die Wunden des Sklaven. Dabei entdeckt sie ein von ihm angefertigtes Modell des Ptolemäischen Systems und ist so davon beeindruckt, dass sie ihm erlaubt, an ihren Vorlesungen teilzunehmen.

Als er unterwegs ist, um Brot zu kaufen, fällt er Ammonius auf. Der nimmt ihn mit zu einer Predigt des Bischofs Theophilus (Manuel Cauchi) und bringt ihn anschließend dazu, das Brot unter den Armen zu verteilen. Davus fragt ihn, wie er sich in die Lage versetzte, durch Feuer laufen zu können, und Ammonius behauptet, er habe einfach gebetet.

Der Student Orestes (Oscar Isaac) steigt während einer Pause auf die Bühne des Theaters und erklärt der im Publikum sitzenden Hypatia seine Liebe. Sie nimmt zwar das Musikinstrument entgegen, auf dem er für sie gespielt hat, aber zu Beginn der Vorlesung am nächsten Morgen schenkt sie ihm ein mit ihrem Monatsblut getränktes Taschentuch und weist ihn auf diese Weise zurück. Mit diesem Symbol demonstriert sie zugleich die Unreinheit seines Begehrens. Theon könnte sich auch gar nicht vorstellen, dass seine ebenso kluge wie stolze Tochter jemals ihre Freiheit aufgibt und sich einem Mann unterwirft.

Für Davus, der ebenfalls verliebt ist und nach der Begegnung mit Ammonius in einem Gebet darum flehte, dass Hypatia keinen anderen Mann erhören werde, beweist die Zurückweisung seines Kommilitonen die Kraft des Gebetes und des christlichen Glaubens.

Aus der Tatsache, dass es in Ptolemäus‘ geozentrischem Weltbild erforderlich ist, Epizyklen anzunehmen, um es mit den astronomischen Beobachtungen in Einklang zu bringen, schließt Orestes auf die Unvollkommenheit der Schöpfung. Darüber kommt es beinahe zu Handgreiflichkeiten, denn der Christ Synesios (Rupert Evans) hält die Äußerung des Kommilitonen für eine Gotteslästerung. Hypatia, die Gewalt verabscheut, beschwichtigt die Studenten durch den Hinweis auf Gemeinsamkeiten zwischen ihnen.

Christliche Redner verspotten auf der Agora die alten Götter und bringen damit die Anhänger des Serapis-Kults gegen sich auf. Vergeblich versucht Hypatia, eine Eskalation der Auseinandersetzungen zu verhindern. Bei den Straßenkämpfen wird ihr Vater von einem Stein am Kopf getroffen und schwer verletzt. Die Heiden verschanzen sich schließlich im Serapeum vor dem christlichen Pöbel.

Die Nachricht von den Unruhen in Alexandria dringt bis zum römischen Kaiser Theodosius I. vor. Der gewährt den Christen freien Zugang zur Tempelanlage und Bibliothek. Bis das Tor aufgebrochen wird, raffen Hypatia, ihre Kollegen und Studenten so viele Schriftrollen wie möglich zusammen, um sie in Sicherheit zu bringen, bevor die Christen hereinstürmen, die Bibliothek verwüsten, Säulen einreißen und Statuen zerstören.

Davus überfällt Hypatia, besinnt sich jedoch unvermittelt und lässt von ihr ab. Daraufhin nimmt Hypatia dem Sklaven das Halsband ab und lässt ihn frei.

Theons Kopfwunde infiziert sich, und er stirbt.

Die römische Regierung verbietet schließlich die heidnischen Kulte und bedroht die Anhänger mit der Todesstrafe.

Synesius, der sich bereits als Student zum Christentum bekannte, steigt zum Bischof von Kyrene auf.

Orestes konvertiert, wie viele andere auch, zum Christentum und avanciert zum Präfekten Alexandrias. Trotzdem unterstützt er Hypatia bei ihren Forschungen. Sie beschäftigt sich inzwischen mit dem heliozentrischen Modell des Aristarchos.

Im Gegensatz zu Hypatias Anstrengungen, das Planetensystem zu verstehen, behauptet einer der Christen, die Erde müsse eine Scheibe sein, denn von einer Kugel würden die meisten Menschen herunterfallen.

Im Oktober 412 wird Kyrill (Sami Samir) Patriarch von Alexandria. Er hetzt die Christen gegen die Juden auf und instrumentalisiert den Glauben für seine Machtansprüche. Eine Gruppe von Parabolani schleicht an einem Sabbat ins Theater und bewirft die anwesenden Juden mit Steinen. Aus Rache locken Juden bald darauf Christen durch einen fingierten Feueralarm in einen Hinterhalt und ermorden viele von ihnen. Erneut kommt es in Alexandria zu blutigen Straßenschlachten.

Besorgt sucht Hypatia ihren Freund im Palast des Präfekten auf. Aber Orestes erklärt ihr, gegen den Pöbel könne er nichts unternehmen, zumal er seit seinem Übertritt zum Christentum zur Solidarität mit seinen Glaubensbrüdern verpflichtet sei.

Bischof Kyrill lädt zu einer Messe in der ehemaligen Bibliothek ausdrücklich auch die Würdenträger ein. In seiner Predigt deklamiert er frauenfeindliche Passagen aus der Heiligen Schrift und hetzt nach dieser Einstimmung gegen Hypatia, die er als Hexe beschimpft. Anschließend fordert er speziell die anwesenden Würden­träger auf, vor dem Heiligen Buch niederzuknien. Bis auf Orestes folgen alle der Aufforderung. Auf diese Weise distanzieren sie sich auch von der unabhängigen Philosophin. Als Orestes die Kirche verlässt, wird er vom Pöbel beinahe gelyncht, und Davus kann Ammonius nicht davon abhalten, einen Stein zu werfen, der den Präfekten am Kopf trifft.

Wegen des Anschlags wird Ammonius zum Tod verurteilt und hingerichtet. Die Christen rufen ihn zum Märtyrer aus.

In seiner Not hofft Orestes auf die Unterstützung seines ehemaligen Kommilitonen Synesios, des Bischofs von Kyrene. Der erklärt sich bereit, Gegner Kyrills zu sammeln. Aber als Vorbedingung verlangt der geschickte Manipulator dem Bedrängten das Bekenntnis ab, nicht nur aus politischen Gründen, sondern aus echter Überzeugung zum Christentum konvertiert zu sein. Der Präfekt sieht keine andere Möglichkeit, als der Aufforderung zu folgen, obwohl er sich damit indirekt auch von Hypatia entfernt.

Etwa zur gleichen Zeit kommt Hypatia auf die Idee, dass die Planeten die Sonne nicht auf kreisförmigen, sondern auf elliptischen Bahnen umlaufen. Diese Form ist zwar weniger vollkommen, jedoch besser mit den empirischen Beobachtungen in Einklang zu bringen.

Der Präfekt ruft alle noch nicht zum Christentum konvertierten Würdenträger in Alexandria auf, sich taufen zu lassen. Hypatia verweigert sich. Die atheistische Philosophin tritt für vorurteilsfreies Denken ein und lehnt es ab, sich einem Glauben zu unterwerfen.

Davus weiß, dass die Parabolani einen Anschlag gegen Hypatia planen. Aber als er sie warnen will, erfährt er, dass sie nicht zu Hause, sondern im Palast des Präfekten ist. Sofort eilt er dorthin, kann aber nicht mehr verhindern, dass Hypatia auf dem Heimweg vom Pöbel aufgegriffen wird. Man zerrt sie in die Kirche und reißt ihr die Kleidung vom Leib. Rufe werden laut, man solle die Hure häuten. Davus gelingt es, diese Folterung zu verhindern, indem er zu bedenken gibt, dass christliche Männer sich nicht mit dem Blut einer unreinen Frau besudeln sollten. Daraufhin beschließt die Meute, Hypatia zu steinigen. Während die Männer auf der Straße vor der Kirche Steine sammeln, tritt Davus neben die nackt vor dem Altar stehende Hypatia. Sie versteht, was er vorhat und nickt kaum merklich. Um ihr größeres Leid zu ersparen, presst er ihr eine Hand auf Mund und Nase, bis sie in seinen Armen erschlafft. Dann lässt er sie zu Boden gleiten und sagt den hereinströmenden Glaubensgenossen, sie sei ohnmächtig geworden. Die Fanatiker können nur noch eine Tote steinigen.

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Hypatia ist eine historische Persönlichkeit. Die unverheiratete Philosophin, Mathematikerin und Astronomin lebte von etwa 355 bis 415 oder 416 in Alexandria. Ihr Vater Theon war Mathematiker und Astronom am Museion von Alexandria. Synesios gehörte zu ihren Studenten. Auch den Präfekten Orestes und den Patriarchen Kyrill von Alexandria hat es gegeben. Von Kyrill aufgestachelt, lauerten fanatische Christen der Philosophin auf der Straße auf, verschleppten sie in die Kirche Kaisarion und rissen ihr die Kleidung vom Leib. Sokrates von Konstantinopel zufolge wurde sie noch in der Kirche mit Scherben ermordet; bei Johannes von Nikiu heißt es dagegen, Hypatia sei nackt durch die Straßen zu Tode geschleift worden.

In seinem Filmepos „Agora. Die Säulen des Himmels“ greift Alejandro Amenábar auf die historischen Tatsachen zurück und schmückt sie fiktiv aus.

„Agora. Die Säulen des Himmels“ ist ein Plädoyer für Toleranz gegen Fanatismus, Vernunft gegen Glauben, Humanität gegen Machtstreben, Friedfertigkeit gegen Gewalt. Alejandro Amenábar veranschaulicht seinen Aufruf mit dem Konflikt zwischen der unvoreingenommenen Philosophin Hypatia und fundamentalistischen Christen, die sich nicht für wissenschaftliche Fragen interessieren und sich von einem Machtpolitiker wie Kyrill von Alexandria manipulieren lassen. Ideologische Verblendung, der von Machtpolitikern instrumentalisierte Glaube, ein Clash of Cultures, religiöser Fundamentalismus, Gewaltbereitschaft, Zerstörung von Kulturgütern durch Glaubenseiferer – diese Themen des Films sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder brisant. Bemerkenswert ist auch der Unterschied zwischen der prinzipientreuen Philosophin und den opportunistischen Mit- bzw. Überläufern.

„Agora. Die Säulen des Himmels“ spielt in monumentalen Kulissen der antiken Stadt Alexandria. Ebenso gewaltig wie die Mauern, Säulen und Statuen ist das Aufgebot an Statisten. Alejandro Amenábar versetzt die Kinobesucher wie Augenzeugen eines realen Geschehens in die antike Stadt. Damit orientiert er sich an den klassischen „Sandalenepen“ und Historienschinken.

Eindrucksvoll sind auch Szenen aus der Vogel- bzw. Weltraumperspektive („God’s Eye“), in denen die Passanten in den Straßen von Alexandria wie das Gewusel an einem Ameisenhaufen aussehen.

In der Mitte des zweistündigen Monumentalfilms setzt Alejandro Amenábar durch erläuternde Texttafeln (wie am Anfang und am Ende) eine Zäsur.

Nahezu unerträglich ist die schwülstige Musikuntermalung von „Agora. Die Säulen des Himmels“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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