Geheime Staatsaffären

Geheime Staatsaffären

Geheime Staatsaffären

Geheime Staatsaffären – Originaltitel: L'ivresse du pouvoir – Regie: Claude Chabrol – Drehbuch: Odile Barski, Claude Chabrol – Kamera: Eduardo Serra – Schnitt: Monique Fardoulis – Musik: Matthieu Chabrol – Darsteller: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel, Marilyne Canto, Robin Renucci, Thomas Chabrol, Jean-François Balmer, Pierre Vernier, Jacques Boudet, Philippe Duclos, Roger Dumas u.a. – 2006; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Die Pariser Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman lässt den Vorstands-vorsitzenden eines staatsnahen französischen Konzerns verhaften. Mit Informationen, die sie von einem Insider bekam, der sich davon einen Karrieresprung verspricht, will sie dem Firmenchef u.a. Schmiergeldzahlungen nachweisen. Jeanne hofft, dass sie mit seinen Aussagen andere korrupte Industriekapitäne und Politiker überführen kann. Die Macht berauscht sie ...
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Kritik

Claude Chabrol geht es bei der Polit-Satire "Geheime Staatsaffären" nicht um den Korruptionsskandal, sondern um die Untersuchungsrichterin, die von Isabelle Huppert mit subtiler Mimik und Gestik facettenreich verkörpert wird.
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Die Pariser Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (Isabelle Huppert) lässt Michel Humeau (Francois Berléant) verhaften, den Vorstandsvorsitzenden eines staatsnahen französischen Konzerns. Mit Informationen, die sie von dem Karrieristen Jacques Sibaud (Patrick Bruel) auf einer CD bekam, will sie Humeau Bilanzfälschungen und Schmiergeldzahlungen, Unterschlagung und Veruntreuung nachweisen. Dabei soll er nur der erste Dominostein sein: Jeanne hofft darauf, dass sie mit Humeaus Aussagen andere korrupte Industriekapitäne und Politiker überführen kann.

Die Richterin, deren Markenzeichen feuerrote Handschuhe sind und die den Spitznamen Piranha trägt, zeigt kein Mitleid mit Humeau, der an einer allergischen Hautkrankheit leidet und sich ständig kratzt. Als er während einer Vernehmung seinen Anwalt Me Parlebas (Jean-Christophe Bouvet) um eine Zigarette bittet, um seine Nervosität zu bekämpfen, sagt Jeanne scharf: „Hier wird nicht geraucht!“ Sie zündet sich jedoch selbst eine Zigarette nach der anderen an.

Als Erstes weist sie Humeau nach, dass er mit seiner Firmenkreditkarte eine Geliebte teuer einkleidete und ihr in Paris eine über 500 Quadratmeter große Wohnung mietete. Bei einer Hausdurchsuchung fällt ihr auf, dass in den Schränken keine Anzüge von ihm hängen: Er wohnt offenbar gar nicht mehr mit seiner Ehefrau Nicole (Michelle Goddet) zusammen.

Jacques Sibaud profitiert von der Zusammenarbeit mit Jeanne, indem er zum Nachfolger des inhaftierten Vorstandsvorsitzenden Humeau aufsteigt.

Als sie merkt, welche Aufmerksamkeit ihr die Medien wegen des spektakulären Falles widmen und welche Macht sie über die Wirtschaftsbosse hat, berauscht sie sich daran.

Eines Abends rammt sie auf dem Heimweg ein anderes Auto, wird aber glücklicherweise nur leicht verletzt und erholt sich während eines kurzen Krankenhausaufenthaltes. Weil sie überzeugt ist, dass die Lenkung und die Bremsen an ihrem Wagen manipuliert wurden, stellt das Justizministerium Bodyguards für sie ab.

Die Beeinträchtigung des Privatlebens durch die Wachen auch in der Wohnung bringt für Jeannes Ehemann Philippe (Robin Renucci) das Fass zum Überlaufen. Der Arzt fühlt sich schon längere Zeit von seiner in die Ermittlungen verbissenen Frau vernachlässigt, aber dass er nachts damit rechnen muss, in der Küche auf einen Zeitung lesenden Leibwächter zu stoßen, will er nicht hinnehmen. Um 4 Uhr nachts kommt es zum Streit, und Jeanne verlässt Philippe auf der Stelle.

Nur mit Félix (Thomas Chabrol), einem Neffen ihres Mannes, kommt sie gut aus, vielleicht, weil er das Leben leicht zu nehmen scheint und überhaupt keine Karriere-Ambitionen kennt, sondern lieber Geld in Poker-Runden gewinnt.

Um die unbequeme Untersuchungsrichterin auszubremsen, drängen Politiker den Gerichtspräsidenten Martino (Pierre Vernier), sie in ein sehr viel größeres und besser eingerichtetes Büro in der Finanzverwaltung abzuschieben und ihr zugleich eine Kollegin an die Seite zu stellen. Zwei konkurrierende Frauen, so erwartet man, werden sich gegenseitig in den Rücken fallen. Jeanne durchschaut zwar den Schachzug, freut sich jedoch über das tolle Büro, und wider Erwarten arbeiten sie und Erika (Marilyne Canto) zusammen, statt einen Zickenkrieg zu beginnen.

Jeanne vernimmt Jean-Baptiste Holéo (Philippe Duclos), der Schmiergeldzahlungen für ausländische Regierungsmitglieder vermittelt und dabei auch für sich beträchtliche Provisionen abgezweigt haben soll.

Als die beiden Richterinnen genügend Belastungsmaterial gesammelt haben, nehmen sie sich Jacques Sibaud vor. Dass er Jeannes Informant war, sie seiner Freundschaft versicherte und ihr Blumen ins Krankenhaus schickte, hält sie nicht davon ab, nun seine Karriere zu ruinieren.

Schließlich wird Jeanne von Martino gedrängt, Urlaub zu nehmen, und als sie nicht darauf eingeht, zieht er sie von dem Fall ab. Erika soll die Untersuchungen allein weiterführen.

Kurze Zeit später unterrichtet Erika ihre Kollegin darüber, dass sich deren Ehemann Philippe aus einem Fenster gestürzt habe. Glücklicherweise überlebte er den Selbstmordversuch. Er liegt jetzt auf der Intensivstation. Erika bringt Jeanne hin. Zwei Polizisten fragen sie nach einer Pistole, die sie bei Philippe fanden, denn sie wundern sich, warum er sich nicht zu erschießen versuchte, aber davon weiß sie nichts.

Von Erika erfährt Jeanne, dass ihr Protokollführer Benoît (Yves Verhoeven) für den in die Korruptionsaffäre verwickelten Politiker Leblanc (Pierre-François Dumeniaud) als Maulwurf tätig war. Da begreift sie, dass sie auch nur eine Figur auf dem Schachbrett war. Als Félix fragt, was sie jetzt vorhabe, überlegt sie kurz und sagt dann: „Die können mich mal!“

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Im Vorspann von „Geheime Staatsaffären“ weist Claude Chabrol darauf hin, dass Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen rein zufällig seien. Das ist (außer einer juristischen Absicherung) blanke Ironie, denn es ist unverkennbar, dass sich die Polit-Satire auf einen von Eva Joly aufgedeckten Korruptionsskandal bezieht.

Die Norwegerin Eva Gro Farseth (* 1943) war mit achtzehn als Au-pair-Mädchen nach Paris gekommen und hatte Pascal Joly geheiratet, den Sohn ihrer Gastfamilie. Sie studierte Jura und wurde Staatsanwältin und Richterin in Frankreich. Nach dem Tod ihres Ehemanns (2001) kehrte Eva Joly nach Oslo zurück und wurde dort 2002 mit der Bildung einer Anti-Korruptions-Kommission betraut. Durch jahrelange Ermittlungen deckte Eva Joly einen der größten Korruptionsskandale in der europäischen Wirtschaftsgeschichte auf und ließ sich selbst von Morddrohungen nicht einschüchtern. Siebenunddreißig hochrangige Manager und Politiker mussten sich in diesem Zusammenhang vor Gericht verantworten. Im Mittelpunkt stand die staatliche französische Ölgesellschaft Elf Aquitaine: Mit insgesamt 300 Millionen Euro sollen sich Manager des Unternehmens die Gunst von Politikern erkauft haben. (In Deutschland sprach man auch von einer „Leuna-Affäre“.) Eva Joly schrieb darüber zwei Bücher. Eines davon wurde ins Deutsche übersetzt: „Im Auge des Zyklons“.

Auf der Grundlage dieser beiden Bücher von Eva Joly haben wir die Charaktere entwickelt. Wir haben einiges von Eva Joly übernommen, einiges haben wir selbst hinzugefügt. Sagen wir also, dass die Charaktere, die ich entwickelt habe, etwa die Hälfte ausmachen. (Claude Chabrol)

Von dem Politthriller „Geheime Staatsaffären“ dürfen wir allerdings keine Enthüllungen erwarten. Dass Konzerne mit Schmiergeldern die „Landschaft pflegen“, wissen wir in Deutschland spätestens seit der Siemens-Affäre. Claude Chabrol geht es denn auch in „Geheime Staatsaffären“ nicht um den Korruptionsskandal, sondern um die Frage, was die Untersuchungsrichterin umtreibt, die wohl nicht zufällig den gleichen Vornamen wie Jeanne d’Arc trägt. Ihr Kampf ähnelt dem zwischen David und Goliath. Jeanne Charmant-Killman ist ehrgeizig und beinahe selbstzerstörerisch besessen von der Idee, für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Macht, die sie ausübt, berauscht sie. (Der Originaltitel „L’ivresse du pouvoir“ lässt sich mit „Machtrausch“ übersetzen.) Claude Chabrol setzte in „Geheime Staatsaffären“ ganz auf die Hauptdarstellerin Isabelle Huppert. Die großartige Schauspielerin verkörpert in „Geheime Staatsaffären“ wieder einmal mit subtiler Mimik und Gestik einen facettenreichen Charakter. Und das macht „Geheime Staatsaffären“ sehenswert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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