L'enfant

L’enfant

L'enfant

Originaltitel: L'enfant - Regie: Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne - Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne - Kamera: Alain Marcoen – Schnitt: Marie-Hélène Dozo - Darsteller: Jérémie Rénier, Déborah François, Jérémie Segard, Olivier Gourmet, Fabrizio Rongione, Stéphane Bissot, Mireille Bailly u.a. - 2005; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Handlung:
Der zwanzigjährige Kleinganove Bruno zeugt mit seiner zwei Jahre jüngeren Freundin Sonia ein Kind ("l'enfant"). Als er den neun Tage alten Säugling kurzerhand für 5000 Euro an einen illegalen Adoptionsring verkauft, bricht die junge Mutter zusammen. Erst jetzt begreift Bruno, was er getan hat – und setzt alles daran, den kleinen Jimmy zurückzubekommen ...
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Kritik

Ruhig und unspektakulär entwickeln Luc und Jean-Pierre Dardenne in "L'enfant" eine bewegende Handlung, deren Hauptfiguren von Jérémie Rénier und Déborah François subtil gespielt werden.
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Als die achtzehnjährige Sozialhilfeempfängerin Sonia (Déborah François) von der Entbindung nach Hause kommt, stellt sie fest, dass ihr zwei Jahre älterer Freund Bruno (Jérémie Rénier) – der Vater des Kindes – ihre Wohnung gerade einem anderen Paar vermietet hat. Außerdem hat er Sonias monatliche Sozialhilfe ausgegeben. Deshalb muss das Paar mit dem Säugling Jimmy vorübergehend in einem Obdachlosenheim Unterschlupf suchen.

Bruno hält nichts vom Arbeiten. Stattdessen hält er zwei Vierzehnjährige (Jérémie Segard, Fabrizio Rongione) zum Stehlen an und verkauft das Diebesgut an eine Hehlerin (Stéphane Bissot). Sobald er Geld in den Fingern hat, gibt er es wieder aus, etwa um für einen Tag ein Cabrio zu mieten. Er besorgt auch einen Kinderwagen. Während Sonia in einer Schlange vor dem Sozialamt ansteht, schiebt Bruno den Kinderwagen durch die Straßen und benutzt das Baby, um an das Mitgefühl der Passanten zu appellieren.

Von der Hehlerin erfährt Bruno, dass ein illegaler Adoptionsring 5000 Euro für Kinder bezahlt. Da setzt er sich mit den Verbrechern in Verbindung und verkauft ihnen auf der Stelle seinen neun Tage alten Sohn. Übers Handy wird er in eine leer stehende Wohnung gelotst, wo er das Kind auf den Boden legt, in einem anderen Zimmer auf den nächsten Anruf wartet und dann das Geldbündel von der Stelle aufhebt, an der eben noch Jimmy lag.

Als er Sonia stolz das Geld zeigt und ihr berichtet, wofür er es bekommen hat, bricht die junge Mutter verstört zusammen. Diese Reaktion kommt für Bruno völlig unerwartet: „Was habe ich denn getan? Ich dachte, wir machen noch eins …“ Aber dann begreift er doch, wie verantwortungslos er gehandelt hat. Aufgeregt trägt er die Bewusstlose ins Krankenhaus und bittet eine Schwester, Sonia auszurichten, er werde Jimmy zurückholen.

Sofort setzt er sich noch einmal mit dem Adoptionsring in Verbindung, gibt das Geld zurück und findet den Säugling, der sich drei Stunden bei den Verbrechern befand, unversehrt in einer Garage vor. Doch im Krankenhaus wartet bereits die Polizei auf ihn, denn Sonia zeigte ihn an. Beim Verhör behauptet Bruno, er habe sich mit der erfundenen Geschichte über den Verkauf des Säuglings an Sonia rächen wollen, weil das Kind nicht von ihm sei. Tatsächlich habe er Jimmy von 13 bis 16 Uhr seiner Mutter anvertraut. Bevor die Polizei diese Angabe prüft, überredet Bruno seine Mutter (Mireille Bailly), für ihn zu lügen.

Man lässt Bruno nicht zu Sonia, und sie weigert sich, am Telefon mit ihm zu sprechen. Verzweifelt wartet er mit dem Kinderwagen am Ausgang des Krankenhauses, bis sie entlassen wird, doch sie will nichts von ihm wissen und redet kein Wort mit ihm.

Nach einem gemeinsamen Handtaschenraub werden Bruno und der vierzehnjährige Steve (Jérémie Segard) von beherzten Zeugen verfolgt. Die beiden Diebe verstecken sich unter einem Bootssteeg und stehen dabei einige Zeit bis zum Hals im Fluss. Weil Steve sich aufgrund der Unterkühlung kaum noch bewegen kann, trägt ihn Bruno in eine Hütte und reibt ihm die Füße, bis es ihm etwas besser geht. Während Bruno zu Steves in der Nähe abgestellten Moped geht, beobachtet er, wie der Junge von Polizisten abgeführt wird. Kurze Zeit später stellt er sich auf der Polizeiwache, legt die Beute aus der Handtasche auf den Tisch und gesteht den Raub.

Sonia besucht Bruno im Gefängnis. Schluchzend fallen sie sich in die Arme.

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„L’enfant“ heißt „das Kind“, aber wer ist hier gemeint? Der Säugling Jimmy oder sein infantiler Vater Bruno, der erst gegen Ende begreift, was Verantwortung bedeutet?

Der in Seraing, einer Industriestadt bei Liège, gedrehte Film der belgischen Brüder Jean Pierre und Luc Dardenne wirkt auf den ersten Blick wie improvisiert, aber es handelt sich um eine präzise Inszenierung. (Allerdings steht Bruno einmal bis zum Hals im Wasser, und seine Kleidung sieht unmittelbar danach dennoch trocken aus.) Ruhig und unspektakulär entwickelt sich die Handlung. Die Dialoge sind schlicht und lakonisch; bei den tristen Bildern herrschen trübe Farben vor. Alain Marcoen ging mit der Handkamera nahe an die subtil spielenden Hauptdarsteller Jérémie Rénier und Déborah François heran, und die Gebrüder Dardenne verzichteten auf eine Musikuntermalung, um „L’enfant. Das Kind“ möglichst authentisch wirken zu lassen. Das Ergebnis ist ein unsentimentaler und dennoch bewegender Film.

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne machen realistisches Kino – aber es ist nicht der gemütliche Wohnküchen-Naturalismus, wie ihn in Deutschland etwa Andreas DresenAndreas Dresen pflegt. Dafür sind die Einstellungen in „L’enfant“ zu sehr durchkomponiert – bis zu den Farben – und sind die Figuren zu unbehaust. Es gibt einfach keinen Platz für Gemütlichkeit. In diesem Film ist kein Wort, kein Bild zu viel. Aus dieser Schlichtheit entwickelt „L’enfant“ eine Kraft, wie man sie nicht häufig erlebt. Sie ist die vielleicht widerspenstigste Antwort auf das Kino heute, das auf Nummer sicher geht, das in der Musik, den Bildausschnitten und der Kommentierung Urteile und Stimmungen immer schon vorgibt. (Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung, 17. November 2005)

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Inhaltsangabe und Kommentar: © Dieter Wunderlich 2005/2007

Jean Pierre und Luc Dardenne (kurze Biografie / Filmografie)

Jean-Pierre und Luc Dardenne: Der Sohn
Jean-Pierre und Luc Dardenne: Lornas Schweigen
Jean-Pierre und Luc Dardenne: Der Junge mit dem Fahrrad
Jean-Pierre und Luc Dardenne: Zwei Tage, eine Nacht

John Banville - Caliban
Auch wenn man sich als Leser hin und wieder in den assoziativen Verästelungen verliert, ist es doch gerade die geschliffene Sprache von John Banville, die "Caliban" zum Lesevergnügen macht.
Caliban

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