Fritz Haarmann

Friedrich („Fritz“) Haarmann wurde am 25. Oktober 1879 in Hannover geboren. Nach einer Schlosserlehre ließ er sich 1895 von einer Unteroffiziersschule aufnehmen. Aber er brach die Ausbildung vorzeitig ab. Aus Heil- und Pflegeanstalten, in die er eingewiesen wurde, floh er.

Nach einem längeren Aufenthalt in der Schweiz lebte Fritz Haarmann 1899 wieder in Hannover und verlobte sich mit Erna Loewert. Im Jahr darauf wurde er zum Militär eingezogen und in Colmar stationiert. Aufgrund von Ohnmachtsanfällen lag er im Lazarett, wo die Ärzte bei ihm Neurasthenie und Debilität diagnostizierten.

Vom Militär entlassen, kehrte Fritz Haarmann nach Hannover zurück. Am 5. April 1901 starb die Mutter. Die sechs Kinder prozessierten um das Erbe, und Fritz Haarmann verklagte den Vater, bei dem er wohnte, auf Unterhalt. Im Februar 1903 zeigte der Vater ihn seinerseits an und behauptete, Fritz habe gedroht, ihn totzuschlagen. Das blieb folgenlos, aber am 1. November 1906 wurde Fritz Haarmann wegen Körperverletzung zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er seinen Vater verprügelt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Fritz Haarmann bereits mehrmals wegen Diebstählen, Betrügereien und Unterschlagungen vorbestraft.

Der Kleinkriminelle betätigte sich als Polizeispitzel in Hannover und betrieb mit einem ehemaligen Kriminalbeamten zusammen eine Privatdetektei.

Am 8. März 1913 wurde Fritz Haarmann zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Im November des Vorjahrs hatte er nach Überzeugung des Gerichts versucht, den 13-jährigen Schüler Otto Dörries sexuell zu missbrauchen, aber der Minderjährige war weggelaufen.

Nach dem Ersten Weltkrieg handelte er mit Fleisch und Altkleidern. Er freundete sich mit dem zweiundzwanzig Jahre jüngeren Kleinkriminellen Hans Grans (1901 – 1975) an, der im Oktober 1919 zu ihm in die Dachkammer zog, die er im Rotlichtviertel von Hannover bewohnte.

Am 17. Mai, 20. Mai und 13. Juni 1924 fanden spielende Kinder am Leine-Ufer fünf Schädel von männlichen Jugendlichen. Die Polizei ging davon aus, dass ein homosexueller Serienmörder sein Unwesen trieb. Fritz Haarmann, gegen den bereits 1918 in zwei Mordfällen ermittelt worden war – allerdings ohne Ergebnis –, geriet erneut in Verdacht. Die Polizei begann am 17. Juni 1924, ihn zu observieren.

Nach fünf Tagen geriet Fritz Haarmann am Hauptbahnhof in Hannover mit dem jugendlichen Ausreißer Kurt Fromm in Streit. Daraufhin wurde er festgenommen. Bei einer Hausdurchsuchung am 23. Juni stieß die Polizei auf Blutspuren und Kleidung und Unterwäsche von jungen Männern. Durch tagelange Vernehmungen, aber wohl auch Schläge und illegale Einschüchterungen wurde Fritz Haarmann dazu gebracht, am 29. Juni einige Morde einzuräumen. Kurz darauf widerrief er jedoch die Aussage.

Durch Zufall begegnete die zu einer weiteren Vernehmung einbestellte Mutter des seit April 1924 vermissten Robert Witzel am 1. Juli im Polizeipräsidium der Wirtin Engel und deren Stiefsohn. Der Anzug, den der Junge trug und den Frau Engel von Haarmann gekauft hatte, stammte von Robert Witzel. Das wusste dessen Mutter mit Bestimmtheit. Mit der Frage konfrontiert, woher er den Anzug des Vermissten hatte, gab Haarmann zu, Robert Witzel ermordet zu haben. Am 2. Juli gestand er insgesamt sieben Morde vor dem Untersuchungsrichter.

Im Zuge der Ermittlungen senkte man am 5. Juli 1924 den Wasserstand der Leine. Dadurch wurden fast dreihundert menschliche Skelettteile sichtbar, die von mindestens 22 verschiedenen jungen Männern bzw. männlichen Jugendlichen stammten.

Am 4. Dezember 1924 begann der Prozess gegen Fritz Haarmann vor dem Landgericht Hannover. 27 Morde wurden dem Angeklagten zur Last gelegt. Die ausschließlich männlichen Opfer waren zwischen zehn und 22 Jahre alt. Der psychiatrische Gutachter Prof. Dr. Ernst Schultze hatte Haarmann am 1. Oktober nach sechswöchiger Untersuchungszeit in einer Heil- und Pflegeanstalt in Göttingen für voll zurechnungsfähig erklärt. Die meisten der im zur Last gelegten Morde gab Haarmann zu. Er habe die „Puppenjungs“ durch einen Biss in den Adamsapfel getötet oder erwürgt, sagte er, die Leichen zerstückelt und in die Leine geworfen.

Weil Fritz Haarmann mit Fleisch handelte, wurde darüber spekuliert, dass der „Vampir von Hannover“ Menschenfleisch verkauft haben könnte. Aber das ist nicht erwiesen.

Das Gericht kam zu der Überzeugung, dass Fritz Haarmann zwischen September 1918 und Juni 1924 mindestens 24 junge Menschen ermordet hatte. Am 19. Dezember 1924 wurden er und sein als Mittäter angeklagter Freund Hans Grans zum Tod verurteilt.

Fritz Haarmann wurde am 15. April 1925 im Hof des Gerichtsgefängnisses in Hannover von dem Magdeburger Scharfrichter Carl Gröpler mit dem Fallbeil enthauptet.

Das Todesurteil gegen Hans Grans wurde im Januar 1926 aufgehoben, aber er verblieb im Gefängnis. 1937 wurde er vom Zuchthaus Celle ins KZ Sachsenhausen überstellt. Dort blieb er eingesperrt, bis das Konzentrationslager im April 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Dirk Kurbjuweit schrieb mit dem Roman „Haarmann“ ein vielschichtiges Zeitporträt. Romuald Karmakar drehte mit Götz George in der Titelrolle den Film „Der Totmacher“ über Fritz Haarmann. Auch die Filme „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ knüpfen an die Biografie des Serienmörders an.

© Dieter Wunderlich 2011

Fritz Lang: M – eine Stadt sucht einen Mörder
Ulli Lommel: Die Zärtlichkeit der Wölfe
Romuald Karmakar: Der Totmacher
Dirk Kurbjuweit: Haarmann

Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe
Judith Schalansky hat "Der Hals der Giraffe" aus Sicht der Protagonistin Ilse Lohmark in der Ich-Form geschrieben, deren subjektive Perspektive zwar hin und wieder satirisch überspitzt, jedoch nicht kommentiert.
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