Dirk Kurbjuweit : Haarmann

Haarmann
Haarmann Originalausgabe Penguin Verlag, München 2020 ISBN 978-3-328-60084-8, 317 Seiten ISBN 978-3-641-23801-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1923 kommt Kommissar Robert Lahnstein aus dem Ruhrgebiet nach Hannover, wo immer wieder männliche Jugendliche spurlos verschwinden und ein Serienmörder vermutet wird. Bald fällt sein Verdacht auf Fritz Haarmann, einen mit Fleisch und gebrauchter Kleidung handelnden Homosexuellen ...
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Kritik

"Haarmann. Ein Kriminalroman" steht auf dem Cover. Damit werden möglicherweise falsche Erwartungen geweckt, denn Dirk Kurbjuweit geht es weniger um die spannende Aufklärung eines Verbrechens als um ein facettenreiches Zeitporträt. Er zeigt uns düstere Bereiche der "Goldenen Zwanziger Jahre".
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Robert Lahnstein

Nach dem Vorbild seines Vaters wurde Robert Lahnstein Polizist in Bochum. Deshalb musste er 1914 nicht in den Krieg. Aber seit er im September 1909 Vorführungen von Orville Wright über dem Tempelhofer Feld in Berlin gesehen hatte, wollte er fliegen und zum Entsetzen seiner Frau Lissy begann er im Frühjahr 1916 seine Ausbildung zum Kampfpiloten. Im Herbst 1918 wurde er über England abgeschossen. Im Gefangenenlager brachte ihn ein befreundeter Oberleutnant dazu, ihm einmal sexuelle Erleichterung zu verschaffen. Seither fühlt sich Robert Lahnstein in seiner sexuellen Orientierung verunsichert.

Als er im Sommer 1919 aus der Gefangenschaft kam, reiste er sogleich von Bochum nach Oberösterreich weiter, denn er hatte Lissy im September 1918 mit dem sechs Monate alten Sohn August nach Irrsee geschickt, wo sie nicht nur sicherer waren als in Bochum, sondern auch mehr zu essen bekamen, denn Lissy hatte einen Bruder auf einem Bauernhof in Zell am Moos. Aber Lissy und August lebten nicht mehr: Sie hatten im strengen Winter ebenso wie Lissys Bruder und sechs weitere Verwandte in der Küche geschlafen, dem einzigen beheizten Raum, und waren alle neun an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben.

Robert Lahnsteins Mutter war einige der wenigen Frauen in Bochum, die Auto fuhren. Dabei geriet sie 1923 hinter einer Kurve unversehens in eine Schießerei zwischen französischen Soldaten und mutmaßlichen Saboteuren und starb durch einen Kopfschuss. Der Sohn verlangte eine Aufklärung des Falls, und als er damit nicht aufhörte, wiesen ihn die Franzosen im Spätherbst 1923 aus dem besetzten Ruhrgebiet aus.

Hannover

Auf Empfehlung des Polizeipräsidenten von Bochum kommt Kommissar Robert Lahnstein im November 1923 nach Hannover und übernimmt die Leitung der Ermittlungen in einer Reihe von Vermisstenfällen. Immer wieder verschwinden männliche Jugendliche spurlos. Zwar werden keine Leichen gefunden, aber man vermutet, dass ein Serienmörder die Jungen umbringt. Paradoxerweise hofft Robert Lahnstein auf weitere Verbrechen, weil er sonst keine Möglichkeit sieht, dem Täter auf die Spur zu kommen.

Seine Hoffnung war der nächste Fall, dass dieser eine Spur offenbarte, ihm eine Leiche lieferte, irgendwas, an das er anknüpfen konnte. Abscheulicher Gedanke, aber wahr.

Gustav Noske, der Oberpräsident der Provinz Hannover, drängt den Kommissar, den Fall zu lösen, denn in der Presse heißt es bereits, die Demokratie sei für das Versagen der Polizei verantwortlich, und die Leute meinen, unter dem Kaiser wäre so etwas rasch abgestellt worden.

Als Sozialdemokrat weiß Robert Lahnstein, in welcher Zwickmühle sich der Parteifreund befindet, dem vorgeworfen wird, dass er auf Arbeiter schießen ließ. Als Volksbeauftragter für Heer und Marine beendete Gustav Noske im Januar 1919 den „Spartakusaufstand“ und als Reichswehrminister schlug er zwei Monate später mit Hilfe von Freikorps die Berliner Märzkämpfe blutig nieder.

Die Offiziere, die zum gestürzten Kaiser hielten, hielten auch zu den Freikorps und frohlockten gegenüber den Sozialdemokraten, dass die Regierung der SPD die alten Kräfte brauchte, um bestehen zu können.

Fritz Haarmann

Seine Zimmervermieterin rät Robert Lahnstein, einen Mann namens Fritz Haarmann zu verhaften. Der Tabakhändler Christian Klobes erzählte ihr, dass der Verdächtige bis vor kurzem gegenüber wohnte und häufig Jungen zu Besuch hatte. Einige dieser Jungen seien nie wieder aus dem Mietshaus gekommen, behauptet Christian Klobes. Fritz Haarmann handelt nicht nur mit gebrauchter Kleidung, sondern auch mit Fleisch. Als er sich von Christian Klobes und anderen Nachbarn beobachtet fühlte, wurde es ihm offenbar zu heiß und er zog fort.

Von Robert Lahnstein befragt, versichert der Tabakhändler, dass er das alles längst bei der Polizei zu Protokoll gegeben habe. Der Kommissar sucht im Archiv danach und stellt fest, dass die Akte Fritz Haarmann fehlt. Seinem Untergebenen Kommissar Müller ist das angeblich nicht aufgefallen, aber als Robert Lahnstein nach einem Besuch bei seinem Vater in Bochum Anfang 1924 ins Polizeipräsidium Hannover zurückkommt, liegt die Akte auf seinem Schreibtisch.

Fritz Haarmann fiel immer wieder als Kleinkrimineller auf, beispielsweise als Eierdieb. Aber es gibt auch einen Hinweis auf seine Homosexualität und eine einschlägige Vorstrafe: Im November 1912 drängte er dem 13-jährigen Schüler Otto Dörries ein schlüpfriges Gespräch auf und versuchte ihn zu überreden, mit in die Wohnung zu kommen. Ottos Vater zeigte Fritz Haarmann daraufhin an, und das Landgericht Hannover verurteilte den Angeklagten am 8. März 1913 wegen versuchten sexuellen Missbrauchs zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft.

Kurz vor Kriegsende kam Fritz Haarmann frei. Am 4. Oktober 1918 meldete der Kriegsheimkehrer Alois Rothe seinen 17-jährigen Sohn Fritz als vermisst. Das könnte der erste Mordfall der Serie gewesen sein.

Die Prostituierten Elli Schulz und Dörchen Mrutzek gaben im Frühjahr 1923 bei der Polizei zu Protokoll, dass sie mit ihrem Zuhälter Hans Grans, dessen Freund Fritz Haarmann und dem 16-jährigen Lehrling Fritz Franke zusammen gewesen seien. Dörchen Mrutzek, die bei Fritz Haarmann putzte, sah den Jungen am nächsten Morgen nackt im Bett, aber er bewegte sich nicht und sah schrecklich weiß aus. Fritz Haarmann deckte ihn zu und schickte sie weg. Fritz Franke schlafe noch, behauptete er. Als Dörchen Mrutzek am Abend wiederkam, war die Wohnung bereits gründlich gereinigt, und die Fenster standen offen. Sie entdeckte zwar Kleidungsstücke von Fritz Franke und später auch dessen Brieftasche, aber Fritz Haarmann behauptete, der Junge sei nach Hamburg weitergefahren.

Robert Lahnstein wirft Kommissar Müller vor, trotz dieser Zeugenaussagen nichts unternommen zu haben und argwöhnt, dass der Anhänger der Deutschnationalen Volkspartei die reihenweise Ermordung homosexueller Jugendlicher heimlich begünstige. Müller macht aus seiner Gesinnung kein Hehl:

Ich sage Ihnen was: Wenn die Hundertfünfundsiebziger sich ausbreiten, würde jeder sagen, dass die Polizei versagt, dass der Staat versagt. […] Jetzt dürfen sogar die Frauen wählen in Ihrer schönen Demokratie. Andererseits, warum sollten nicht die Frauen wählen dürfen, wenn es sogar die Schwulen dürfen.

Dass ich kein glühender Verehrer von Erzberger war, können Sie sich denken. Er hat die Waffenstillstandsvereinbarung in Compiègne unterzeichnet. Obwohl wir nicht geschlagen waren. Wir haben vier Jahre lang jedes Opfer gebracht an der Front, haben den Feind in Schach gehalten, und dann kommt die Republik und brockt uns einen Schandfrieden ein. Mehr muss ich zu Erzberger nicht sagen.

Emma Burschel

Zigarillos kauft Robert Lahnstein am liebsten bei Emma Burschel. Einmal vertreibt er einen Mann, der vorgibt, Zigarren kaufen zu wollen, die weit oben im Regal stehen, sodass er die Waden der Frau begaffen kann, wenn sie auf die Leiter klettert. Emma Burschel dankt dem Kommissar und freundet sich mit ihm an. Weil Robert Lahnstein aber noch nicht über den Tod seiner Frau hinweggekommen ist und an seiner sexuellen Orientierung zweifelt, trifft er sich zwar häufiger mit Emma Burschel, versucht aber nicht, mit ihr intim zu werden.

Die Frau, die mit ihren beiden Söhnen vom Ehemann getrennt lebt und den Tabakladen betreibt, erzählt ihm, dass der Vater ihre sieben Jahre ältere Mutter vermutlich nur wegen des Geldes geheiratet habe. Er trank und vergnügte sich sogar in der eigenen Wohnung mit seinen Geliebten. Wenn er Fritz verprügeln wollte, das  jüngste der sechs Kinder, flüchtete sich der Junge ins Bett der Mutter.

Als Emma Burschels jüngster Bruder wieder einmal in den Tabakladen einbricht und sie bestiehlt, wendet sie sich an ihren neuen Freund. Sie werde das selbst mit Fritz regeln, erklärt sie, und Robert Lahnstein brauche nichts zu unternehmen, aber sie benötige von ihm eine gestempelte Anzeige für die Versicherung.

Erst nach einiger Zeit findet der Kommissar heraus, dass es sich bei Emma Burschels jüngstem Bruder um Fritz Haarmann handelt. Weil sie aber nun argwöhnt, dass er sich nur an sie herangemacht habe, um mehr über seinen Hauptverdächtigen herauszufinden, wirft sie ihn enttäuscht hinaus und will nichts mehr von ihm wissen.

Festnahme

Obwohl die Polizei Fritz Haarmann observiert, werden weitere Jugendliche als vermisst gemeldet.

Kommissar Müller ist nicht im Büro, als am 22. Juni 1924 sein Telefon klingelt und Robert Lahnstein abhebt. Am Apparat ist die Bahnpolizei. Fritz Haarmann, der einen inzwischen gefassten Jungen mit gefälschten Papieren angezeigt hatte, möchte mit Kommissar Müller reden. Ohne zu erwähnen, dass er nicht der Gewünschte ist, verspricht Robert Lahnstein, sofort zum Bahnhof zu kommen. Sein Verdacht, dass Fritz Haarmann als Informant mit der Polizei kooperiert, bestätigt sich. Der aus einem Heim geflohene Junge Kurt Fromm behauptet, Fritz Haarmann habe ihn vor vier Tagen im Bahnhof angesprochen und mit nach Hause genommen. Er sei mitgegangen, weil er einen Schlafplatz gesucht habe. Aber Fritz Haarmann habe ihn eingesperrt und ihn zur Unzucht gezwungen. Der Beschuldigte leugnet das zwar, aber Robert Lahnstein nimmt ihn fest.

Weil Fritz Haarmann damit als Polizeispitzel verbrannt ist, widersetzt sich nun auch Kommissar Müller nicht länger den Ermittlungen seines Vorgesetzten. Die Polizei ruft dazu auf, von Fritz Haarmann gekaufte Kleidungsstücke abzugeben und bittet die Eltern vermisster Jugendlicher, sie im Polizeipräsidium anzusehen. Dabei werden 150 Kleidungsstücke verschwundenen Jungen zugeordnet.

Trotzdem lässt sich Fritz Haarmann bei den Vernehmungen nicht einschüchtern und bleibt bei seinen Unschuldsbeteuerungen. Robert Lahnstein weiß nicht, ob der 44-Jährige seine Debilität bzw. Infantilität simuliert oder nicht.

Müller bietet an, ein Geständnis mit Gewalt zu erzwingen, aber sein Vorgesetzter lehnt illegale Methoden ab. Er denkt an seinen Vater, der den Entführer der 14-jährigen Tochter eines Zechenbesitzers in Bochum verhaftet hatte, aber das Kind nicht retten konnte, weil der Täter sich weigerte, das Versteck zu verraten. Robert Lahnsteins Vater schnitt dem Festgenommenen zwar mit einer Rasierklinge in den Arm, aber als er das Blut sah, konnte er mit der Folterung nicht weitermachen. Danach quittierte er den Polizeidienst.

Vor illegalen Verhörmethoden wird Robert Lahnstein auch von dem Philosophen und Publizisten Theodor Lessing gewarnt.

Immerhin duldet Robert Lahnstein, dass Fritz Haarmann am Schlafen gehindert wird. Aber nicht einmal die Übermüdung bringt den Häftling dazu, ein Geständnis abzulegen.

In seiner Verzweiflung wendet sich Robert Lahnstein an Emma Burschel. Sie lehnt es zunächst rundweg ab, auf ihren Bruder einzuwirken, aber am nächsten Tag meldet sie sich im Polizeipräsidium und redet eine Stunde lang unter vier Augen mit Fritz Haarmann. Nachdem sie sich weinend von ihm verabschiedet hat, gesteht Fritz Haarmann, im Mai 1924 den jungen Reisenden Fritz Wittig ermordet zu haben. Sein Freund und Geschäftspartner Hans Grans sei auf dessen Anzug versessen gewesen.

Hans Grans wird nun ebenfalls verhaftet.

Im Lauf der Zeit gibt Fritz Haarmann weitere Morde zu. Die Jungen hätten sich ihm aufgedrängt, behauptet er. Damit sie nicht schreien konnten, biss er sie beim Liebesspiel in den Adamsapfel.

Urteil

In 27 Mordfällen wird Fritz Haarmann angeklagt.

Im Zeugenstand beteuert Annabelle Schiefer, die Ehefrau eines Apothekers und Mutter eines Vermissten, ihr Sohn Richard sei keinesfalls Opfer eines Lustmordes geworden. Das sei undenkbar. Aber der Angeklagte meldet sich höhnisch zu Wort:

An Richard Schiefer erinnere ich mich genau. Der hatte feine Klamotten an. Auf die war der Hans ganz scharf. Die sollt‘ ich ihm besorgen, hat er mir in den Ohren gelegen.
Blödsinn, rief Grans.
Sie habe ich nicht gefragt, sagte er Vorsitzende Richter.
Also Raubmord, sagte die Frau des Apothekers.
Den Richard hab‘ ich [in der Schwulenkneipe] „Köpcke“ kennenlernt, sagte Haarmann. Da hat er mich angesprochen, wollt‘ unbedingt mit zu mir nach Haus. Un‘ dann hab‘ ich ihn mitgenommen. Aber ich wollt‘ ihn nich‘ mitnehmen, weil ich wusste, was passieren konnte, un‘ der war ja nich‘ so ein Puppenjunge, der sollte doch den Nobelpreis gewinnen. […] Das hat der mir erzählt, als er bei mir im Bett lag, dass ich seine Mutter nix‘ mehr wünschte, als dass er den Nobelpreis gewinnt, für Chemie oder was, aber dem Richard war das schnuppe. Der wollt‘ nur mit zu mir un‘ polieren. Ein ganz Schlimmer war das.

Am 19. Dezember 1924 spricht das Landgericht Hannover den Angeklagten Fritz Haarmann in 24 Mordfällen schuldig. Hans Grans wird wegen Anstiftung zum Mord in einem Fall und Beihilfe in anderen Fällen verurteilt. Für beide Männer wird die Todesstrafe verhängt.

Vollstreckt wird allerdings nur das Todesurteil gegen Fritz Haarmann, und zwar am 15. April 1925 mit dem Fallbeil im Hof des Gerichtsgefängnisses in Hannover .

Als auf einer Straße ein vom 5. Februar datiertes Schreiben gefunden wird, das Fritz Haarmann offenbar während eines Häftlingstransports aus dem Fenster warf, schiebt man Hans Grans‘ Hinrichtung auf, und im Januar 1926 wird das Todesurteil aufgehoben, denn Fritz Haarmann schrieb, er habe seinen Freund zu Unrecht beschuldigt.

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„Haarmann. Ein Kriminalroman“ steht auf dem Cover. Damit werden möglicherweise falsche Erwartungen geweckt, denn Dirk Kurbjuweit geht es weniger um die spannende Aufklärung eines Verbrechens als um ein facettenreiches Zeitporträt. Er zeigt uns düstere Bereiche der „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Deutschland. Der Ermittler Robert Lahnstein sieht einen Zusammenhang der aufzuklärenden Mordserie in Hannover mit dem Krieg:

Was waren elf Morde gegen eine Salve aus einem Maschinengewehr, gegen einen Befehl, der ein Trommelfeuer mit Granaten auslöste, gegen Bomben, die von einem Luftschiff abgeworfen wurden? In diesem Land lebten Millionen geübter Massenmörder. Er musste den finden, der einfach weitergemacht hatte, der nicht rauskam aus der täglichen Übung von vier Jahren.

Die Welt ist durch den Ersten Weltkrieg und die Folgen aus den Fugen geraten. Viele Deutsche sprechen von einem „Schandfrieden“, weil sie nicht verstehen, dass ihr Staat den Krieg verloren hat, obwohl kein feindlicher Soldat auf deutschen Boden vorgedrungen war. Sie halten die Friedensbedingungen für ein ungerechtes Diktat der Feinde und verachten das politische System, das den Waffenstillstand von Compiègne und den Versailler Vertrag unterzeichnete. „Unter dem Kaiser hätte es das nicht gegeben“, heißt es. Und zugleich versucht sich die Weimarer Republik gegen Radikale an den Rändern des Parteienspektrums zu wehren. In Hannover, wo immer wieder männliche Jugendliche spurlos verschwinden und ein Serienmörder vermutet wird, aber die Polizei keine Ermittlungserfolge vorweisen kann, bezweifeln nicht nur besorgte Eltern, dass der demokratische Staat in der Lage ist, Schutz und Sicherheit zu gewährleisten. Die von Dirk Kurbjuweit in „Haarmann“ dargestellten Ermittlungen finden im Schwulenmilieu statt. Das erschwert sie zusätzllch. (Homosexualität war bis in die Siebzigerjahre tabuisiert und bis zur Aufhebung des Paragrafen 174 StGB im März 1994 strafbar.)

Im Mittelpunkt des Romans „Haarmann“ steht denn auch nicht der Täter Fritz Haarmann, sondern der Ermittler Robert Lahnstein, der selbst traumatisiert ist. Seine Bemühungen werden lange Zeit von einem Untergebenen torpediert, für den der Hauptverdächtige als Polizeispitzel tätig ist. Weil keine Leichen der vermissten Jungen gefunden werden und Fritz Haarmann nichts nachzuweisen ist, benötigt Robert Lahnstein ein Geständnis, um den Täter vor Gericht bringen und die Mordserie beenden zu können. Das stellt ihn vor ein Dilemma, wie wir es von Wolfgang Daschner kennen, dem damaligen stellvertretenden Frankfurter Polizeipräsidenten, der 2002 einem Festgenommenen Gewalt androhen ließ, weil dieser sich weigerte, das Versteck des von ihm entführten Jungen zu verraten. Wolfgang Daschner glaubte, nur durch die Nötigung des Täters das Leben des Kindes retten zu können. (Er wurde deshalb 2004 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.)

Dieses vielschichtige Bild entwickelt Dirk Kurbjuweit mit einer ungewöhnlich nüchternen Sprache.

Jedes Kapitel endet mit einer kursiv gedruckten Passage aus Fritz Haarmanns Sicht. Darauf folgt zu Beginn des nächsten Kapitels ein Abschnitt aus der Perspektive eines jungen Ausreißers namens Martin, der mit dem Zug nach Hannover kommt, nach Bremerhaven weiterfahren und von dort nach Dunedin in Neuseeland auswandern will. Reizvoll ist die Spiegelung, die entsteht, wenn ein und dieselbe Szene nacheinander aus den unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt wird. Nachdem auch dieser Junge von Fritz Haarmann ermordet wurde, führt Dirk Kurbjuweit eine dritte Perspektive ein: die der von Martin geschwängert zurückgelassenen Pfarrerstochter Monika.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Penguin Verlag

Fritz Haarmann (kurze Biografie)

Dirk Kurbjuweit: Schussangst

Per Olov Enquist - Der Besuch des Leibarztes
Per Olov Enquist arbeitet die psychologischen Dimensionen der Konflikte ungemein lebendig heraus. Dabei bewegt er sich stilistisch zwischen Sachbuch-Biografie, Reportage und Roman.
Der Besuch des Leibarztes