Das Experiment

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Das Experiment

Originaltitel: Das Experiment - Regie: Oliver Hirschbiegel - Drehbuch: Mario Giordano, Christoph Darnstädt und Don Bohlinger, nach dem Roman "Das Experiment Black Box" von Mario Giordano - Kamera: Rainer Klausmann - Schnitt: Hans Funck - Musik: Alexander van Bubenheim - Darsteller: Moritz Bleibtreu, Oliver Stokowski, Christian Berkel, Wotan Wilke Möhring, Justus von Dohnányi, Nicki von Tempelhoff, Timo Dierkes, Antoine Monot jr., Jacek Klimontko, Edgar Selge, Andrea Sawatzki, Maren Eggert u.a. - 2001; 140 Minuten

Inhaltsangabe

4000 D-Mark für zwei Wochen Teilnahme an einem wissenschaftlichen Experiment in einem nachgebauten Gefängnistrakt im Keller der Universität Köln. Es handelt sich um eine Art Rollenspiel, Gewaltanwendung ist ausdrücklich verboten, alles wird rund um die Uhr mit Videokameras überwacht – was soll da schon passieren?


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Kritik

Der Film "Das Experiment" basiert auf dem Roman "Black Box" von Mario Giordano, der wiederum von einer realen Studie an der Stanford University inspiriert wurde. In einem sozialpsychologischen Versuch sollte die Frage untersucht werden, ob Humanität über Aggression siegt oder umgekehrt. Das Experiment musste nach sechs Tagen abgebrochen werden ...
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Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu) hat Philosophie und Architektur studiert, es aber nur zum Gelegenheitsjournalisten und Taxifahrer in Köln gebracht. In einer Zeitungsanzeige liest er, dass Freiwillige für ein wissenschaftliches Experiment an der Universität gesucht werden: 4000 D-Mark für zwei Wochen. Untersucht werden soll das Verhalten von Menschen in einer Gefängnissituation. Davon verspricht Tarek sich eine gute Story. Chefredakteur Ziegler (André Jung) will ihm 10.000 D-Mark dafür bezahlen und lässt ihn mit einer Brille ausstatten, in deren Bügel eine Minikamera eingebaut ist, damit er brisante Szenen auch im Bild festhalten kann. Tarek bewirbt sich, nimmt an den Tests teil und ist schließlich einer der zwanzig, die von Professor Dr. Klaus Thon (Edgar Selge) und Dr. Jutta Grimm (Andrea Sawatzki) ausgewählt werden.

Am Abend vor dem Beginn des Experiments fährt eine junge Frau bei Rot über eine Kreuzung und rammt Tarek. Sie heißt Dora (Maren Eggert) und kommt gerade von der Beerdigung ihres Vaters. Weil sie mit ihrem zerbeulten Wagen nicht mehr weiterfahren kann, nimmt Tarek sie mit in seine Wohnung. Sie lieben sich.

Das Experiment findet in einem Keller der Universität Köln statt, wo ein Gefängnistrakt nachgebaut wurde. „Die kommenden zwei Wochen werden für Sie eine neue Erfahrung“, erläutert Prof. Thon zu Beginn. „Sie werden Druck ausüben und Druck ertragen müssen – einige von Ihnen werden zwei Wochen auf wesentliche Grundrechte verzichten. Unterschätzen Sie das nicht.“ Es handelt sich um eine Art Rollenspiel, Gewaltanwendung ist ausdrücklich verboten, alles wird rund um die Uhr mit Videokameras überwacht – was soll da schon passieren? So denken die Teilnehmer. Den meisten von ihnen geht es um die 4000 D-Mark, und einige erwarten außerdem noch aufregende Erlebnisse und eine gute Portion „fun“. Acht Teilnehmer werden als Wärter eingekleidet. Sie erhalten die Aufgabe, für Ruhe und Ordnung unter den zwölf Häftlingen zu sorgen, die nur einen weißen Kittel und nicht einmal Unterwäsche tragen dürfen. Als Erstes lassen sie die Häftlinge vor den Zellen antreten und lesen ihnen die Regeln vor:

1. Die Gefangenen reden sich untereinander nur mit Nummern an.
2. Alle Gefangenen reden die Wärter mit „Herr Strafvollzugsbeamter“ an.
3. Wenn das Licht ausgeschaltet wird, redet keiner der Gefangenen mehr.
4. Die Mahlzeiten sind vollständig aufzuessen.
5. Jeder Anweisung der Strafvollzugsbeamten ist unverzüglich Folge zu leisten.
6. Das Nichteinhalten der Regeln wird bestraft.

Tarek, Nummer 77, kommt zusammen mit dem Luftwaffenmajor Steinhoff, Nummer 38 (Christian Berkel), und dem Starkstromelektriker Joe, Nummer 69 (Wotan Wilke Möhring), in eine Zelle.

Zu einer ersten Konfrontation zwischen Wärtern und Häftlingen kommt es, als Schütte, die Nummer 82 (Oliver Stokowski), seine Milch stehen lässt. Einer der Wärter fordert ihn auf, die Milch zu trinken und verweist auf Regel 4. Nummer 82 verträgt aufgrund eines Enzymmangels keine Milch und sträubt sich. Da greift Tarek Fahd, Nummer 77, nach der Milchflasche und trinkt sie aus.

Sobald die Wärter unter sich sind, kritisiert Kamps (Nicki von Tempelhoff), dass gegen die Regeln 4, 5 und 6 verstoßen wurde: „Wenn du sagst, er muss seine Milch trinken, dann muss er sie trinken, verstanden“, ermahnt er Eckert (Timo Dierkes). Daraufhin geht der Gescholtene noch einmal in den Häftlingstrakt, holt Nummer 77 aus der Zelle und lässt ihn Liegestütze machen.

Beim Essen am nächsten Tag rührt Nummer 82 seine Milch wieder nicht an. Diesmal fordert Nummer 77 alle Häftlinge auf, Liegestütze zu machen, um sich mit Nummer 82 zu solidarisieren. Die Wärter fühlen sich übertölpelt und wissen zunächst nicht, wie sie reagieren sollen. Um ihre Autorität wieder herzustellen, kontrollieren zwei von ihnen kurze Zeit später den Bettenbau der Häftlinge und reißen das Bett von Nummer 77 heraus. Der sperrt die beiden Wärter in die Zelle und tanzt unter dem Gejohle der anderen Häftlinge auf dem Flur herum. Doch aus dem vermeintlichen Spaß wird rasch Ernst: Die Wärter sprühen die Feuerlöscher leer und ketten Nummer 77 nackt mit Handschellen an ein Gitter. So muss er die Nacht verbringen.

Aus diesem Anlass ermahnt Prof. Thon die Wärter, dass ihre Maßnahmen dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit folgen müssen und erinnert sie daran, dass jeder, der Gewalt anwendet, sofort von dem Experiment ausgeschlossen wird und den Anspruch auf das Honorar verliert.

Nummer 77 provoziert Berus (Justus von Dohnányi), dem es an Selbstsicherheit mangelt, bis dieser vor Wut kocht, sich aber gerade noch beherrscht und nicht zuschlägt. Stattdessen tun sich alle Wärter zusammen, holen Nummer 77 aus der Zelle, kleben ihm den Mund zu, fesseln ihn auf einen Stuhl und rasieren ihm die Haare ab. Am nächsten Morgen muss er zu Dr. Grimm ins Büro. Sie habe von den Wärtern gehört, dass er das Experiment verlassen wolle, sagt sie. Tarek will jedoch bleiben.

Inzwischen hat Dora, die nichts von dem Experiment weiß und in das Haus ihres Vaters gefahren ist, mehrmals bei ihm angerufen. Schließlich fährt sie wieder nach Köln, geht zu seiner Wohnung, und als niemand öffnet, schreibt sie einen Zettel, den sie in seinen Briefkasten werfen will. Da springt der Kasten auf, Post fällt heraus, die Wohnungsschlüssel liegen darin. Dora nimmt sie, sperrt auf und quartiert sich erst einmal in Tareks Wohnung ein. Sie hofft, dort Hinweise auf seinen Verbleib zu finden.

Einer der Häftlinge dreht plötzlich durch und fällt die Wärter an, die ihn daraufhin zusammenschlagen. Dr. Grimm befürchtet, das Experiment könne außer Kontrolle geraten und zieht einen Abbruch in Erwägung, doch Prof. Thon will nichts davon wissen. Die Gruppendynamik habe sich lebhafter als erwartet entwickelt; da ließen sich sensationelle Forschungsergebnisse erwarten. „Wir haben in fünf Tagen Autoritätshörigkeit, Gewaltbereitschaft und völlige Deindividuation erreicht. […] Wenn wir in dieser Phase abbrechen, verspielen wir die Chance unseres Lebens.“

Nummer 77 kann nicht mit ansehen, wie Nummer 82 von einem der Wärter gehänselt wird: Er macht einen Schritt auf den Wärter zu, beherrscht sich dann aber und reiht sich wieder in die angetretenen Häftlinge ein. Doch die Wärter lassen das nicht auf sich beruhen. Sie zwingen ihn, mit seinem weißen Kittel die Toilette zu putzen. Erst im letzten Augenblick erhält er einen sauberen Kittel und darf wie die anderen Häftlinge Besuch empfangen.

Verwundert sieht Tarek Dora in der Besucherkabine. Erwartet hätte er seinen Auftraggeber Ziegler. Dora hat jedoch in seiner Wohnung den Vertrag über seine Teilnahme an dem Experiment gefunden und Ziegler überredet, sie zu dem Besuchstermin gehen zu lassen. Sie will, dass er das Experiment abbricht und mit ihr nach Kanada kommt. Aber darauf lässt Tarek sich nicht ein. Er steckt dem Wärter Bosch (Antoine Monot jr.) einen Kassiber für Ziegler zu und bittet Dora, sich diesen in der Cafeteria geben zu lassen. Bosch wird von Berus abgefangen. Der schickt Dora nach Hause und sorgt dafür, dass Bosch seine Uniform ausziehen muss, in eine Zelle gesperrt wird und wie ein Häftling behandelt wird.

Die Wärter vermuten, dass es sich bei diesem „Eingriff von außen“ um ein Design-Element des Experiments gehandelt habe. Man wolle sie auf die Probe stellen. Da dürfe man jetzt nicht versagen. Die Wärter überwältigen den Institutsangestellten Lars (Philipp Hochmair), der vor den Überwachungskameras sitzt. Lars kann gerade noch auf der Mailbox seines Chefs, der an einem Kongress teilnimmt, eine Nachricht hinterlassen. Als Dr. Grimm wieder in den Kontrollraum kommt, sieht sie auf den Monitoren, dass die Münder der Häftlinge verklebt sind. Was geht hier vor? Einige der Wärter tauchen auf. Dr. Grimm erklärt das Experiment für abgebrochen, aber die Wärter halten auch das nur für einen Test. Sie muss sich nackt ausziehen, erhält einen Häftlingskittel und wird in eine der Zellen gesperrt. Kurz darauf verhängt Eckert das Gitter mit einer Wolldecke und versucht, sie zu vergewaltigen, aber Nummer 77 verhindert es.

Nummer 77 wird in die sogenannte Black Box gesperrt, einen verriegelten, lichtlosen Kasten mit nur ein paar engen Bohrungen für den Luftaustausch. Dabei leidet er unter Klaustrophobie, seit sein Vater ihn als Kind einen Tag lang in seiner Dunkelkammer eingesperrt hatte.

Endlich hört Prof. Thon seine Mailbox ab. Alarmiert eilt er zur Universität.

Dora ruft im Kontrollraum an, und als sie dort niemand erreicht, geht sie persönlich zur Universität. Einer der Wärter lässt sie ein, verspricht, Tarek zu holen, nimmt ihr unter einem Vorwand das Handy ab und sperrt sie in einen Besucherraum.

Tarek gelingt es, die Black Box aufzubrechen und herauszukommen.

Schütte liegt am Boden, seit Berus ihm mit dem Gummiknüppel auf den Kopf schlug. Er ist tot.

Die Häftlinge brechen zusammen mit Bosch und Dr. Grimm aus. Die Wärter verfolgen sie und stellen sie, bis auf Tarek, Steinhoff und Bosch.

Prof. Thon trifft ein, findet den nachgebauten Gefängnistrakt verlassen vor und sucht nach den Teilnehmern seines Experiments. Auf einem Korridor prallt er mit Eckert zusammen. Der schießt ihm ins Gesicht und verletzt ihn schwer.

Dora schlägt die Tür ein und läuft hinter den Probanden her. Sie findet die am Boden liegende Waffe, schießt damit in die Decke und beendet das Chaos.

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Der Film „Das Experiment“ basiert auf dem Roman „Das Experiment Black Box“ von Mario Giordano, der wiederum von einer realen Studie inspiriert wurde: Im Sommer 1971 wollte Philip G. Zimbardo an der Stanford University in Palo Alto in einem sozialpsychologischen Versuch der Frage nachgehen, ob Humanität über Aggression siegt oder umgekehrt. Zu diesem Zweck ließ er auf dem Campus ein Gefängnis nachbauen und engagierte 24 freiwillige Männer für das Experiment, das zwei Wochen lang laufen sollte (Stanford Prison Experiment). Doch es musste bereits in der Nacht auf den sechsten Tag abgebrochen werden, weil es aufgrund von Realitätsverlusten, psychischen Zusammenbrüchen, sadistischen und sexuellen Übergriffen außer Kontrolle geriet. Die Ergebnisse ergänzten die Erkenntnisse aus dem Milgram-Experiment.

Der Sozialpsychologe Stanley Milgram bewies zu Beginn der Sechzigerjahre mit einer Versuchsreihe, dass normale Amerikaner bereit sind, andere mit lebensgefährlichen Stromstößen zu „bestrafen“, wenn eine respektierte Person behauptet, dies sei zu experimentellen Zwecken erforderlich. „Gewöhnliche Bürger erhalten den Befehl, andere Menschen zu vernichten – und sie tun es, weil sie es als ihre Pflicht ansehen, Befehlen zu gehorchen.“ Auf die unabhängige Urteilsfähigkeit des Einzelnen können wir uns offenbar nicht verlassen. Überall und zu allen Zeiten können Menschen dazu verführt werden, zu foltern und zu töten, wenn man ihnen ein entsprechendes Feindbild einimpft und eine Autorität sie glauben macht, das sei moralisch in Ordnung.
(Dieter Wunderlich im Vorwort zu seinem Buch „Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie“, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2002)

Oliver Hirschbiegel hat sich die Videoaufzeichnungen des Stanford-Experiments angesehen. „Man erkennt erschreckt, wie schnell scheinbar geregelte Strukturen in wüste Gewalt umkippen können“, kommentiert er. „Was ich beschreibe, und was in Stanford seinerzeit passierte, ist, wie sich brave Bürger binnen Tagen zu Faschisten entwickeln können. Weil ihnen die inneren Maßstäbe fehlen! Weil sie nur Sekundärtugenden haben, an die sie sich halten können – wie Ordnung und Sauberkeit.“

Es ist beklemmend, mitzuerleben, wie aus einer Art Spielsituation blutiger Ernst werden kann. Pflichtbewusste Probanden in der „Wärter“-Rolle wollen die von den Versuchsleitern gestellte Aufgabe erfüllen und für Ordnung sorgen. Andererseits provozierten einige der „Häftlinge“ schon mal einen „Wärter“ mehr oder weniger zum Spaß oder lehnen sich gegen Anordnungen auf, die sie als schikanös empfinden. Zunächst halten sich die „Wärter“ daran, dass Gewaltanwendung verboten ist, aber sie merken rasch, dass gezielte Demütigungen ebenso wirksam sind wie physische Gewalt. Rasch beginnt sich eine Eigendynamik zu entwickeln.

Zwar ist nicht jede Einzelheit plausibel, aber das Wichtigste – die Eskalation der Verhältnisse – wird in „Das Experiment“ außergewöhnlich eindrucksvoll, spannend und nachvollziehbar dargestellt. Dazu trägt nicht zuletzt die gelungene Auswahl von Charakteren bei, die auch von den weniger bekannten Schauspielern – die in der Mehrzahl sind – glaubwürdig verkörpert werden.

Oliver Hirschbigel (*1957) fuhr als Küchenjunge zur See, bevor er an der Hamburger Hochschule der Künste studierte. 1986 inszenierte er für das ZDF eine selbstgeschriebene Geschichte und machte sich als Fernsehregisseur einen Namen. „Das Experiment“ war sein Kinofilm-Debüt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

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