Villa Amalia

Villa Amalia

Villa Amalia

Villa Amalia – Originaltitel: Villa Amalia – Regie: Benoît Jacquot – Drehbuch: Benoît Jacquot, Julien Boivent nach dem Roman "Villa Amalia" von Pascal Quignard – Kamera: Caroline Champetier – Schnitt: Luc Barnier – Musik: Bruno Coulais – Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Hugues Anglade, Xavier Beauvois, Maya Sansa, Clara Bindi, Viviana Aliberti, Michelle Marquais, Peter Arens, Ignazio Oliva, Jean-Pierre Gos u.a. – 2009; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Als sie sich in einem ihrer Konzerte durch Husten im Publikum gestört fühlt, steht die aus Rumänien stammende französische Pianistin Ann Hidden abrupt auf und sagt auch gleich alle weiteren Termine ab. Kurz zuvor ertappte sie ihren Ehemann bei einem Seitensprung. Aber das sind beides nur Auslöser, nicht Gründe für ihre Ent­scheidung, alles aufzugeben und nach einem neuen Leben zu suchen. Nur ihren zufällig wiedergewonnenen Jugendfreund Georges weiht sie in das Geheimnis ein. Irgendwo in Italien mietet sie ein altes Haus hoch über dem Meer: die Villa Amalia ...
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Kritik

In seiner Verfilmung des Romans "Villa Amalia" von Pascal Quignard verzichtet Benoît Jacquot auf Erklärungen. Er verlässt sich ganz auf seine Hauptdarstellerin Isabelle Huppert, die den rätselhaften Film denn auch mit einer nuancenreichen Darstellung trägt.
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Die Konzertpianistin mit dem Künstlernamen Ann Hidden (Isabelle Huppert) fährt ihrem Ehemann Thomas (Xavier Beauvois) unbemerkt nach und beobachtet, wie er vor einem Haus in der Vorstadt parkt und von einer Frau mit einem leidenschaftlichen Kuss empfangen wird. Während Ann in den Garten starrt, wird sie von einem Passanten mit ihrem Geburtsnamen Eliane Hiddelstein angesprochen. Zunächst hält sie ihn für einen Fremden, aber er sagt, sie seien bereits in der Kindheit miteinander befreundet gewesen. Er heißt Georges (Jean-Hugues Anglade). Endlich erinnert sie sich an ihn und folgt ihm in das Haus, das er mit seiner Mutter zusammen bewohnt hatte, bis diese vor elf Tagen starb.

Spät in der Nacht verabschiedet sich Ann. Thomas wartet bereits auf sie und verlangt eine Erklärung, wo sie gewesen sei. Stattdessen kündigt Ann die Trennung an. Das bedauert sie offenbar nicht. Ann stellt klar, dass die Wohnung ihr gehöre und er sie zu verlassen habe. Thomas fragt: „Liegt es an etwas, was ich getan habe?“ Anns Antwort lautet: „Nicht einmal das!“ Erst später wird sie ihn wissen lassen, dass sie ihn mit der anderen Frau sah.

Als sie sich in einem ihrer Konzerte durch Husten im Publikum gestört fühlt, bricht sie ihre Darbietung ab und erklärt ihrem Agenten (Jean Coulon), sie beende mit sofortiger Wirkung ihre Tätigkeit als Pianistin. Er solle alle geplanten Termine absagen. Den Schaden werde sie ihm ersetzen.

Nur ihren wiedergewonnenen Freund Georges weiht Ann in ihr Vorhaben ein: Sie wird hier alles aufgeben und fortgehen.

Ann beauftragt einen Makler mit dem Verkauf ihrer Wohnung und der Möbel, veräußert auch ihre Klaviere, stopft die Kleidung in den Müll, verbrennt ihre Fotos und Konzertprogramme, löst ihre Bankkonten auf, verkauft ihr Auto, bestellt Strom und Telefon ab. Sie verabschiedet sich noch von ihrer altersdementen Mutter (Michelle Marquais). Dann geht sie zum Bahnhof.

Nachdem sie von einem Zug aus noch einmal mit Georges telefoniert hat, spült sie ihr Handy im WC hinunter, denn sie will nicht geortet werden. Mit dem Bus, zu Fuß und mit einem Boot reist sie weiter, bis sie auf einer Insel bei Neapel ein altes Haus hoch über dem Meer entdeckt. Nach einiger Zeit findet sie die Besitzerin, eine schroffe alte Frau, die gerade Wäsche aufhängt und zunächst nicht mit ihr reden will. Ann schreit sie an und erreicht schließlich, dass die Italienerin Vertrauen zu ihr fasst und ihr die Villa Amalia vermietet, die von ihrem Vater gebaut wurde und seit dessen Tod leer steht.

Beim Schwimmen erleidet Ann weit draußen auf dem Meer einen Krampf. Ein junges italienisches Paar auf einem Boot entdeckt und rettet sie. In einem Strandcafé erholt Ann sich. Sie erzählt Giulia (Maya Sansa) und Carlo (Ignazio Oliva), ihr jüdischer Vater sei Musiklehrer in Rumänien gewesen, habe jedoch die Familie früh verlassen. Ihr jüngerer Bruder Nicolas starb noch als Kind.

Giulia folgt Annas Einladung, sich die Villa Amalia anzuschauen, und die beiden Frauen schlafen miteinander.

Obwohl das für sie beide nicht mehr als eine schöne Episode ist, findet Georges die Italienerin noch vor, als er zu Besuch kommt. Nachts geht er auf der Suche nach einem Mann ins Dorf, wird jedoch verprügelt.

Zur Beerdigung ihrer Mutter kehrt Ann nach Frankreich zurück. Als sie auf dem Friedhof ihren Vater (Peter Arens) bemerkt, von dem sie seit vielen Jahren nichts gehört hat, rennt sie davon. Erst nachdem sie sich gesammelt hat, geht sie mit ihm in ein einfaches Gasthaus. Sie fragt ihn, warum er damals die Familie verlassen habe und vor was er geflohen sei, aber der alte Musiker bleibt ihr die Antwort schuldig.

Georges stellt Ann – wie von ihr gewünscht – eine Hütte auf seinem Grundstück zur Verfügung. Dort möchte sie ungestört Musik komponieren. Aber sie sei noch nicht so weit, erklärt sie ihm, bevor sie wieder nach Italien reist und in die Villa Amalia zurückkehrt.

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Benoît Jacquot verfilmte den 2006 von Pascal Quignard veröffentlichten Roman „Villa Amalia“.

Im Mittelpunkt steht eine erfolgreiche Konzertpianistin, die abrupt alles aufgibt und nach einem neuen Leben sucht. Dass sie ihren Ehemann bei einem Seitensprung ertappte, ist dafür nur ein Auslöser. Um ihren Entschluss zu verstehen, müsste man vermutlich mehr über ihre Kindheit wissen, aber da bleibt es bei Andeutungen. Ann Hidden – so der sprechende Künstlername der Frau – gibt uns Rätsel auf.

„Villa Amalia“ ist ein stiller Film. Benoît Jacquot erklärt nichts, führt nichts aus. Zwar entwickelt er die Handlung chronologisch-linear, aber statt fließend zu erzählen, lässt er einige Schnitte zu übergangslosen Zeitsprüngen werden. Er verlässt sich ganz auf seine Hauptdarstellerin, und Isabelle Huppert fesselt mit ihrer nuancenreichen Darstellung die Zuschauer auch in scheinbar banalen Szenen. Bedeutsam ist nicht zuletzt die dissonante Musikuntermalung von Bruno Coulais.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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