Leb wohl, meine Königin!

Leb wohl, meine Königin!

Leb wohl, meine Königin!

Leb wohl, meine Königin! – Originaltitel: Les adieux à la reine – Regie: Benoît Jacquot – Drehbuch: Benoît Jacquot, Gilles Taurand, nach dem Roman "Leb wohl, Königin" von Chantal Thomas – Kamera: Romain Winding – Schnitt: Luc Barnier, Nelly Ollivault – Musik: Bruno Coulais – Darsteller: Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen, Xavier Beauvois, Noémie Lvovsky, Michel Robin, Julie-Marie Parmentier, Lolita Chammah, Vladimir Consigny, Dominique Reymond, Anne Benoît u.a. – 2012; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Am 15. Juli 1789 hört Sidonie, die junge Vorleserin der Königin, in Versailles die Gerüchte über den Sturm auf die Bastille in Paris am Vortag und den Aufstand des Volkes. Sie macht sich v. a. Sorgen um Marie Antoinette, deren Name ganz oben auf einer Todesliste der Revolutionäre steht, denn sie ist der Königin treu ergeben und heimlich in sie verliebt. Marie Antoinette liebt jedoch die Herzogin Gabrielle de Polignac, und um diese zu retten, verlangt sie von Sidonie eine lebensgefährliche Aktion ...
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Kritik

Das Historiendrama "Leb wohl, meine Königin!", die Verfilmung eines Romans der Historikerin Chantal Thomas, besticht v. a. durch die ungewöhnliche Perspektive: Benoît Jacquot stellt die Ereignisse zu Beginn der Französischen Revolution aus der Sicht einer von Léa Seydoux facettenreich und überzeugend gespielten Bediensteten dar.
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Schloss von Versailles, 14. Juli 1789. Die junge Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux) im Dienst der Königin, wird früh am Morgen zu Marie Antoinette (Diane Kruger) gerufen, die noch im Bett liegt. Madame Campan (Noémie Lvovsky), die Erste Kammerfrau, drängt zur Eile und rät Sidonie, der aus Österreich stammenden Königin eine von Maria Theresia gehaltene Grabrede vorzulesen. Marie Antoinette mag davon jedoch nichts wissen und bevorzugt einen von Sidonie ausgewählten Roman des französischen Schriftstellers Pierre Carlet de Marivaux. Als ihr auffällt, dass Sidonie sich am linken Arm kratzt, schaut sie sich die Mückenstiche an, lässt Rosenöl kommen und reibt den Arm des hübschen Mädchens persönlich damit ein. Sidonie ist glücklich über die Aufmerksamkeit der 33-jährigen Königin, in die sie heimlich verliebt ist.

Abends besucht Sidonie mit ihrer Freundin Honorine (Julie-Marie Parmentier) ein Fest in einem der Schlosstrakte und tanzt ausgelassen.

Am nächsten Morgen hört sie das Gerücht, der König (Xavier Beauvois) sei mitten in der Nacht geweckt worden. Auf den Korridoren herrscht große Unruhe. Man tuschelt darüber, dass die Bastille in Paris gestürmt worden sei und sich das Volk gegen Ludwig XVI. erhoben habe [Französische Revolution]. Sidonie erkundigt sich bei dem greisen Bibliothekar Jacob Nicolas Moreau (Michel Robin) nach den möglichen Folgen dieser Unruhen.

Eine Liste mit 286 Namen taucht auf. Diesen Personen wollen die Revolutionäre den Kopf abschlagen. Ganz oben stehen Marie Antoinette und die Herzogin Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen). Sidonie kennt die Gerüchte über die lesbische Beziehung der beiden Frauen und über Gabrielles amouröse Affären beispielsweise mit einem jungen französischen Schauspieler, der sich als Italiener ausgibt, Paolo nennt und allen hübschen Mädchen nachstellt (Vladimir Consigny). Marie Antoinette ist wegen ihrer Verschwendungssucht verhasst, zu der auch gehört, dass sie ihre Geliebte mit Geschenken überhäuft, und Gabrielle de Polignac soll sterben, weil sie davon schamlos profitierte.

Marie Antoinette will nach Metz fliehen und von dort eine Armee in Marsch setzen, die den Aufstand in Paris niederschlägt. Sie lässt packen und wirft kompromittierende Briefe und Dokumente ins Kaminfeuer, darunter eine Aufstellung ihrer Ausgaben für Gabrielle. Sidonie, die den Auftrag erhält, eine Liste unverzichtbarer Bücher zusammenzustellen, beobachtet, wie eine der mit Packen beschäftigten Hofdamen kostbare Kleidung der Königin zur Seite legt, um sie später zu verhökern. Sie muss schließlich mithelfen, die Edelsteine aus dem Schmuck der Königin herauszubrechen, damit diese mehr davon mitnehmen kann.

Unter vier Augen vertraut Marie Antoinette ihrer ergebenen Vorleserin an, wie sehr sie darüber frustriert ist, dass Gabrielle de Polignac an diesem Abend in ihren Gemächern geblieben ist, statt zu ihr zu kommen. Obwohl Sidonie auf Marie Antoinettes Geliebte eifersüchtig ist, geht sie zu ihr, um ihr nochmals den Ruf der Königin zu übermitteln, denn das Glück Marie Antoinettes ist ihr wichtiger als ihr eigenes. Aber die junge Herzogin hat zwei Opiumsamen genommen und schläft so fest, dass sie nicht merkt, wie Sidonie sie aufdeckt und ihren nackten Körper betrachtet.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Weil Ludwig XVI. in Versailles bleibt, lässt Marie Antoinette am nächsten Morgen wieder alles auspacken. Während der König am 17. Juli zu einer Unterredung mit dem neuen Magistrat nach Paris fährt, drängt Marie Antoinette ihre Geliebte, sich mit ihrem Ehemann (Jean-Chrétien Sibertin-Blanc) in die Schweiz abzusetzen. Die Trennung fällt ihr zwar schwer, aber sie ist um Gabrielle besorgt und möchte sie in Sicherheit wissen.

Damit die Revolutionäre, die die Straßen kontrollieren, das Herzogspaar passieren lassen, sieht Marie Antoinettes Plan vor, dass sie sich als Bedienstete verkleiden. Die Königin lässt Sidonie rufen, befiehlt ihr, sich auszuziehen und in Gabrielles herrschaftliche Kleider zu schlüpfen, die von Madame de Rochereuil (Dominique Reymond) rasch passend gemacht werden. Sidonie erhält den Auftrag, das verkleidete Paar in der Kutsche zu begleiten und sich als Herzogin auszugeben. Obwohl Sidonie weiß, welches Risiko sie damit eingeht, gehorcht sie der Königin ohne ein Widerwort.

Die Kutsche wird unterwegs angehalten. Sidonie spielt ihre Rolle und überreicht einem Offizier den auf den Namen Gabrielle de Polignac ausgestellten Passierschein. „Ah, Sie sind das“, meint der Offizier, lässt sie und ihre vermeintlichen Bediensteten jedoch weiterfahren. Während die Kutsche in einen dunklen Wald hineinfährt, hört man Sidonie aus dem Off sagen: „Ich bin niemand.“

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Der Film „Leb wohl, meine Königin!“ (Originaltitel: „Les adieux à la reine“) von Benoît Jacquot basiert auf einem 2002 veröffentlichten Roman der französischen Historikerin Chantal Thomas (Originaltitel: „Les adieux à la reine“, Übersetzung: Carina von Enzenberg, „Leb wohl, Königin“, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 294 Seiten, ISBN 3-608-93595-9 / „Leb wohl, meine Königin!“, Unionsverlag, Zürich 2012, ISBN 978-3-293-20594-9).

Benoît Jacquot und Gilles Taurand schildern in „Leb wohl, meine Königin!“ den Verlauf der Französischen Revolution in der Zeit vom 14. bis 17. Juli 1789 aus der Sicht einer Bediensteten am Hof von Versailles, der (fiktiven) Vorleserin Sidonie Laborde. In der literarischen Vorlage erzählt Agathe-Sidonie Laborde 1810 in Wien anderen Überlebenden der Revolution von ihren Erlebnissen. Diese Rahmenhandlung fehlt im Film, hier erzählt Sidonie zu einem undefinierten Zeitpunkt, aber die Perspektive bleibt die gleiche, und das ist entscheidend, denn dieser Blick auf die Ereignisse ist ungewöhnlich. Statt den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 darzustellen, zeigen Benoît Jacquot und Gilles Taurand, wie die Höflinge in Versailles am nächsten Morgen darüber tuscheln. Gerüchte verbreiten sich, und auf den Korridoren des Schlosses fragen sich die verunsicherten Menschen aufgeregt, was das bedeutet. All dies erleben wir wie Sidonie. Ihr persönliches Drama beleuchtet die historische Situation. Eine besondere Spannung ergibt sich daraus, dass Sidonie zum Volk gehört und dennoch der Königin auch in der Revolution treu ergeben bleibt.

[…] gelingt Jacquot ein verblüffender Blick auf den Hofstaat – jenseits hollywoodesker Kostümprunkereien, auch jenseits von Sofia Coppolas Pop-Porträt der Marie Antoinette [„Marie Antoinette“]. (Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 31. Mai 2012)

Man hat Benoît Jacquot und Gilles Taurand vorgeworfen, das Ancien Régime unkritisch darzustellen, aber in „Leb wohl, meine Königin!“ geht es nicht um Sozialkritik oder eine Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, sondern um eine sich an vier Tagen abspielende Dreiecksgeschichte.

Diane Kruger verkörpert Marie Antoinette, und es gelingt ihr, die Widersprüchlichkeit in deren Charakter darzustellen. Sie ist infantil und hochmütig, launisch, herrisch und verletzlich, behandelt Sidonie mal wie eine Vertraute, und dann gibt sie sich wieder unnahbar.

Getragen wird „Leb wohl, meine Königin!“ von Léa Seydoux in der Rolle der Vorleserin Sidonie. Der Eifer, mit dem sie der Königin dient, führt dazu, dass sie zweimal über den Saum ihres Kleides stolpert. Doch obwohl sie Marie Antoinette heimlich liebt und ihr treu ergeben ist, bleibt sie eine willensstarke junge Frau und wird nicht zur devoten Dienerin. Das zeigt sich vor allem in der Szene, in der die Königin sie auffordert, sich zu verkleiden. Sidonie versucht zunächst Scham und Brüste mit den Armen zu verdecken, aber als sie merkt, dass Marie Antoinette sie ebenso hochnäsig wie ungeduldig anschaut, lässt sie die Arme locker und blickt stolz zurück. Zugleich drückt ihre Mimik Schmerz und Trauer aus.

Die Figur der Herzogin Gabrielle de Polignac ist übrigens historisch: Yolande Martine Gabrielle von Polastron, Herzogin von Polignac.

Gedreht wurde im Schloss von Versailles, und zwar nachts und montags, also in Zeiten, in denen das Schloss für Besucher geschlossen war.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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