Boyhood

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Boyhood

Boyhood – Originaltitel: Boyhood – Regie: Richard Linklater – Drehbuch: Richard Linklater – Kamera: Lee Daniel, Shane F. Kelly – Schnitt: Sandra Adair – Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater, Tamara Jolaine, Nick Krause, Jordan Howard, Evie Thompson, Sam Dillon, Marco Perella, Brad Hawkins u.a. – 2014; 160 Minuten

Inhaltsangabe

Zu Beginn des Films ist Mason Erstklässler, am Ende beginnt er zu studieren. Parallel zu dieser Coming-of-Age-Story veranschaulicht "Boyhood" auch die Probleme der Eltern. Die Mutter hat zwar in ihren Liebesbeziehungen wenig Glück, ist aber trotz einer drohenden Überforderung stets für ihre beiden Kinder da und verschafft sich nach dem späten Studium ihren Traumjob als Dozentin. Der getrennt von ihr lebende Vater ihrer Kinder entwickelt sich währenddessen vom erfolg­losen Musiker zum bürgerlichen Angestellten und verantwortungs­bewussten Familienvater ...
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Kritik

Richard Linklater verzichtet auf dramaturgische Höhepunkte, aber durch die Beschränkung auf Alltags­geschehnisse wirkt "Boyhood" rea­listisch wie eine Dokumentation. Weil von 2002 bis 2013 gedreht wurde, erleben wir die Veränderung der menschlichen Körper ohne den Einsatz von Maskenbildnern.
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Olivia (Patricia Arquette) wohnt 2002 mit ihrem sechsjährigen Sohn Mason Evans (Ellar Coltrane) und ihrer zwei Jahre älteren Tochter Samantha (Lorelei Linklater) in einer texanischen Provinzstadt. Bei ihrer ersten Schwangerschaft waren sie und ihr Ehemann erst 23 Jahre alt. Mason Senior (Ethan Hawke), ein erfolgloser Musiker, hat die Familie verlassen. Weil Olivia in der Hoffnung auf einen besser bezahlten Job Psychologie studieren möchte, zieht sie zum Verdruss der beiden Kinder mit ihnen nach Houston, wo ihre Mutter Catherine (Libby Villari) auf Mason und Samantha aufpassen kann, wenn Olivia in Vorlesungen sitzt.

Eineinhalb Jahre haben sie alle nichts mehr von Mason Senior gehört. In Houston taucht er wieder auf und verbringt ein paar Stunden mit den Kindern. Danach geraten Olivia und er sofort wieder in Streit.

2004 heiratet Olivia ihren ebenfalls geschiedenen Psychologie-Professor Bill Welbrock (Marco Perella), der den neunjährigen Sohn Randy (Andrew Villarreal) und die zwei Jahre ältere Tochter Mindy (Jamie Howard) mit in die Ehe bringt. Bald stellt sich heraus, dass Bill alkoholkrank ist und auf einer übermäßig strengen Erziehung vor allem seiner beiden Stiefkinder besteht. Ohne mit Mason darüber zu sprechen, lässt er einen Frisör (Byron Jenkins) kommen und ihm die Haare ganz kurz schneiden. Der Junge wagt sich danach kaum noch in die Schule. Nach einem Streit trinkt Bill beim Essen im Familienkreis demonstrativ Alkohol, und als Olivia sich nicht provozieren lässt, zertrümmert er zwei Gläser.

Daraufhin verlässt Olivia ihn mit ihren Kindern, denen die Trennung von Randy und Mindy schwer fällt. Vorläufig kommen sie bei Carol (Barbara Chisholm) unter, einer Freundin Olivias, die ihre kleine Tochter ebenfalls allein erzieht. Weil sie nun wieder außerhalb von Houston wohnen, müssen sich Samantha und Mason an neue Schulen gewöhnen.

Jedes zweite Wochenende verbringt Mason Senior mit seinen Kindern. Einmal beschwert er sich über Masons und Samanthas einsilbige Antworten und fordert sie auf, richtig mit ihm zu reden, ihn in ihr Leben einzubeziehen. Als er 2008 erfährt, dass Samantha inzwischen einen Freund hat, klärt er sie über Verhütung auf und drängt sie, beim Geschlechtsverkehr auf der Benutzung von Kondomen zu bestehen. Samantha soll nicht zu früh und ungewollt Kinder bekommen, wie Olivia. Im Anschluss an dieses für die Jugendlichen peinliche Gespräch fährt Mason Senior mit seinem Sohn zum Campen in den Pedernales Falls State Park.

Nach einer entsprechenden Ausbildung arbeitet er inzwischen bei einer Versicherung. Olivia, die ihr Psychologiestudium mit einem Mastertitel abgeschlossen hat, erhält einen Lehrauftrag der Texas State University in San Marcos und zieht mit ihren Kindern dort hin. Von einigen seiner neuen Mitschüler wird Mason anfangs gemobbt und beispielsweise im Waschraum der Toilette bedroht, aber zugleich interessieren sich Mädchen aus seiner Klasse für ihn.

Bei Olivias neuem Lebensgefährten Jim (Brad Hawkins) handelt es sich um einen Veteran des Irakkriegs.

An Masons 15. Geburtstag kommt sein Vater mit Annie (Jenni Tooley), seiner zweiten Ehefrau, und dem Säugling Cooper (Landon Collier) aus Houston. Sie nehmen Mason Junior und Samantha im Mini-Van mit zu Annies Eltern (Richard Jones, Karen Jones), die dem Jungen eine Bibel und ein Schrotgewehr zum Geburtstag schenken.

Mason Senior schenkt seinem Sohn eine aus Solo-Aufnahmen von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr selbst zusammengestellte CD und einen Anzug.

Dass er seinem Sohn vor einigen Jahren den alten Pontiac GTO zum 16. Geburtstag versprach, weiß er nicht mehr. Wahrscheinlich meinte er es auch gar nicht ernst. Jedenfalls hat er das schnelle Auto verkauft und sich einen Familienwagen zugelegt. Das passt nun auch besser zu ihm: Er ist kein verkrachter Musiker mehr, sondern ein verantwortungsbewusster Vater und Ehemann.

Mason fotografiert ambitioniert und möchte Fotograf werden. Um etwas Geld zu verdienen, jobbt er als Tellerwäscher in einem Restaurant.

Auf einer Party kommt Mason mit der ein Jahr älteren Schülerin Sheena (Zoe Graham) ins Gespräch. Von ihr fühlt er sich verstanden, und das bringt ihn zum Reden. Sie wird seine feste Freundin.

Als er von einem Treffen mit ihr später als zugesagt nach Hause kommt, wartet Jim betrunken auf ihn und fängt Streit mit ihm an. Daraufhin trennt Olivia sich von ihm.

Sheena beabsichtigt, sich an der Universität in Austin zu immatrikulieren. Mason fährt mit ihr hin, damit sie sich umschauen kann, und sie treffen sich mit Samantha, die bereits dort studiert.

Am nächsten Morgen werden Mason und Sheena, die in einem Bett im Studentenwohnheim übernachtet haben, von einer Studentin geweckt. Samantha hatte behauptet, die Kommilitonin sei verreist und mit der Benutzung ihres Bettes einverstanden, aber die Bewohnerin des Zimmers ist überrascht, als sie die beiden in ihrem Bett erblickt.

Im letzten Jahr an der High School trennt Mason sich von Sheena, die inzwischen mit einem anderen jungen Mann intim war und ihm vorwirft, die Welt zu negativ zu sehen.

Bei einem Fotowettbewerb gewinnt Mason eine Silbermedaille.

Olivia veranstaltet zur Feier des Schulabschlusses ihres Sohnes eine Party. Dabei lobt Mason Senior seine Ex-Frau ausdrücklich für ihre Lebensführung und die Leistung bei der Erziehung der beiden Kinder.

Bevor Mason an der Sul Ross State University in Alpine/Texas zu studieren beginnt, fordert Olivia ihn und seine Schwester auf, ihre Sachen zu Hause auszusortieren. Sie sollen entscheiden, was sie mitnehmen, für wohltätige Zwecke spenden bzw. wegwerfen wollen. Olivia beabsichtigt nämlich, das Haus zu verkaufen, „Ballast“ abzuwerfen und in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Sie hat plötzlich das Gefühl, ihr Leben sei vorbei. Was bleibt ihr noch, wenn beide Kinder fort sind?

Beim Abschiedsessen Olivias mit Mason kommt einer der Restaurant-Manager an ihren Tisch. Er heißt Enrique (Roland Ruiz) und hatte vor einigen Jahren Rohre auf Olivias Grundstück verlegt. Dann folgte er ihrem Rat, absolvierte eine Abendschule und arbeitete sich hoch. Nun bedankt er sich bei Olivia für die damalige Ermutigung, die sein Leben veränderte.

Bevor Mason im Studentenwohnheim seinen Koffer auspackt, wird sein Mitbewohner Dalton (Maximillian McNamara) von seiner Freundin Barb (Taylor Weaver) und deren Freundin Nicole (Jessi Mechler) zu einem Ausflug in den Big Bend National Park abgeholt, und sie laden den Neuankömmling zum Mitmachen ein. Er isst den angebotenen Haschkeks und folgt den drei anderen. Während der Wanderung reden Mason und Nicole ernsthaft miteinander und fühlen sich wohl dabei.

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„Boyhood“ dreht sich um einen Jungen, der zu Beginn gerade in die Schule gekommen ist und am Ende – zwölf Jahre später – ein Studium beginnt. Parallel zu dieser Coming-of-Age-Story veranschaulicht „Boyhood“ auch die Probleme der Eltern. Die Mutter hat zwar in ihren Liebesbeziehungen wenig Glück, ist aber trotz einer drohenden Überforderung stets für ihre beiden Kinder da und verschafft sich nach einem erfolgreichen Studium ihren Traumjob als Dozentin. Der getrennt von ihr lebende Vater ihrer Kinder entwickelt sich währenddessen vom erfolglosen und trotz seines Alters infantilen Musiker zum bürgerlichen Versicherungsangestellten und verantwortungsbewussten Familienvater.

Richard Linklater erzählt ohne Effekthascherei und verzichtet auf dramaturgische Höhepunkte. Durch die Beschränkung auf Alltagsgeschehnisse wirkt „Boyhood“ realistisch wie eine Dokumentation (obwohl die Geschichte frei erfunden ist). Das Leben wird in der Regel auch nicht von einigen spektakulären Schlüsselerlebnissen bestimmt, sondern es entwickelt sich in vielen kleinen Schritten.

Im Sommer 2002 begann Richard Linklater mit den Dreharbeiten für „Boyhood“. Jedes Jahr setzte er sie mit Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater und anderen Darstellern fort, bis er sie nach insgesamt 39 Drehtagen im Oktober 2013 abschloss. Ellar Coltrane war anfangs knapp acht, am Ende 19 Jahre alt, und Richard Linklaters Tochter Lorelei gehört demselben Jahrgang wie Ellar Coltrane an. Auch das Drehbuch entwickelte sich im Verlauf der zwölf Jahre, und vieles entstand in der Zusammenarbeit mit den Hauptdarstellern. Weil es in der Filmbranche keine 12-Jahres-Verträge gibt, musste Richard Linklater mit dem Risiko leben, dass nicht alle Hauptdarsteller bis zum Ende mitmachen würden. Falls er selbst den Film nicht mehr vollenden hätte können, wäre Ethan Hawke für ihn eingesprungen. Bei der Auswahl des Titels dachte Richard Linklater 2013 zunächst an „12 Years“, aber wegen „12 Years a Slave“ entschied er sich schließlich für „Boyhood“.

Statt den Film entsprechend der Dreharbeiten in zwölf Kapitel zu gliedern, erzählt Richard Linklater zweidreiviertel Stunden lang ohne Zäsur. Hin und wieder verweilt er in einer bestimmten Phase der chronologischen Darstellung, aber er springt auch immer wieder zeitlich vorwärts, und als Zuschauer muss man sich dann erst wieder orientieren, denn einiges bleibt ungesagt. Beispielsweise hat Olivia sich nach einem Schnitt bereits von einem Lebensgefährten getrennt, ohne dass dies erwähnt wird.

Durch die Streckung der Dreharbeiten über zwölf Jahre erleben wir die Veränderung der menschlichen Körper ohne den Einsatz von Computereffekten. Die von Patricia Arquette gespielte Mutter wird korpulenter, Samantha (Lorelei Linklater) reift zur jungen Frau, und Masons (Ellar Coltrane) Gesicht durchläuft eine ganze Reihe von Entwicklungsstadien, die kein Maskenbildner so hätte vortäuschen können.

François Truffaut schuf über einen Zeitraum von 20 Jahren verteilt eine Pentalogie über die von Jean-Pierre Léaud gespielte Figur Antoine Doinel (Antoine-Doinel-Zyklus): „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (1959), „Liebe mit zwanzig“ (1962), „Geraubte Küsse“ (1968), „Tisch und Bett“ (1970) und „Liebe auf der Flucht“ (1979). Aber einen einzelnen Film, in dem der Hauptdarsteller im Verlauf von 12 Jahren vom Kind zum jungen Mann heranreift, hat es vor „Boyhood“ noch nicht gegeben.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014

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