Robert Musil


Alfred Musil (1846 – 1924), der aus einer altösterreichischen Beamten-, Offiziers-, Gelehrten- und Ingenieursfamilie stammte, arbeitete zunächst als Ingenieur in Klagenfurt, wurde dann Lehrer und Schulleiter in Komotau (Tschechien) und Steyr; 1890 avancierte er zum Professor der Deutschen Technischen Hochschule Brünn, wo er 1897/98 auch als Rektor amtierte. Er wurde am 22. Oktober 1917 geadelt und trug nun den erblichen Titel Edler von Musil. 1874 hatte Alfred Musil Hermine Bergauer geheiratet, die Enkelin des Projekt- und Bauleiters der ersten Pferdeeisenbahn zwischen Budweis und Linz. Ihr einziges Kind, der Sohn Robert, wurde am 6. November 1880 in Klagenfurt geboren.

Robert Musil besuchte von 1892 bis 1897 die Kadettenanstalten in Eisenstadt und Weißkirchen. Anschließend studierte er an der k. u. k. Technischen Militärakademie in Wien. Aber er brach die Offizierslaufbahn ab und begann an der Deutschen Technischen Hochschule Brünn – wo sein Vater seit 1890 lehrte – Maschinenbau zu studieren. 1901 schloss Robert Musil sein Studium ab und erwarb den Titel eines Ingenieurs.

Im selben Jahr begann er seinen zweijährigen Wehrdienst in einem in Brünn stationierten Infanterieregiment. Danach betätigte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Hochschule Stuttgart. Ab 1903 studierte Robert Musil Philosophie und Experimentelle Psychologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. 1906 entwickelte er den Musilschen Farbkreisel, ein Gerät zur stufenlosen Erzeugung von Mischfarben. Im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Roman: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Robert Musil promovierte 1908 bei dem Philosophen Carl Stumpf über Ernst Mach (Rigorosum am 27. Februar 1908).

Statt das Angebot anzunehmen, an der Universität zu bleiben, widmete sich Robert Musil der Literatur. 1910 zog er nach Wien und wurde Bibliothekar an der Technischen Hochschule Wien (1911 – 1913). Am 15. April 1911 heiratete er Martha Marcovaldi (geborene Heimann). Im selben Jahr erschien sein Novellenband „Vereinigungen“. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb er für mehrere Zeitungen. Die Neue Rundschau veröffentlichte seinen

kriegs­begeisterten Essay „Europäertum, Krieg, Deutschtum“.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Robert Musil in Südtirol und an der Isonzo-Front. Am 22. September 1915 wäre er in einem Schützengraben in der Nähe von Trient beinahe von einem italienischen Fliegerpfeil getroffen worden. (Fliegerpfeile wurden im Ersten Weltkrieg von Flugzeugen und Luftschiffen abgeworfen. Es handelte sich um 12 bis 15 Zentimeter lange Metallstäbe mit einem Heckflossen-Profil, die einen Stahlhelm durchschlagen konnten.) Diese existentielle Erfahrung verarbeitete Robert Musil in seiner Erzählung „Die Amsel“.

Das Ende des Ersten Weltkriegs erlebte der Landsturmhauptmann als Herausgeber der Soldatenzeitung und im Kriegspressequartier. Von 1918 bis 1922 arbeitete er als Beamter in Wien.

Die Posse „Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer“ wurde am 4. Dezember 1923 uraufgeführt. Das Drama „Die Schwärmer“ hatte Robert Musil bereits 1921 vollendet, und er war dafür 1923 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden, aber die Uraufführung des Stücks fand erst 1929 statt, und das in einer gegen seinen Willen stark gekürzten Fassung.

Von 1923 bis 1928 amtierte Robert Musil als zweiter Vorsitzender des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich. (Hugo von Hofmannsthal war der erste Vorsitzende.)

In dieser Zeit arbeitete er bereits an seinem Opus magnum „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen erster Band am 26. November 1930 von Ernst Rowohlt veröffentlicht wurde, den Robert Musil im Frühjahr 1920 in Berlin kennengelernt hatte.

1931 zog Robert Musil wieder nach Berlin, aber als sich Hitlers Machtübernahme abzeichnete, kehrte er Anfang 1933 nach Wien zurück. Dort erlitt er im Alter von 56 Jahren einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr vollständig erholte. Als Österreich 1938 vom Deutschen Reich annektiert wurde, emigrierte er mit seiner jüdischen Ehefrau Martha über Italien in die Schweiz.

Sein Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ wurde sowohl in Deutschland als auch auch in Österreich verboten.

In der Schweiz wohnten Martha und Robert Musil zunächst in Zürich, dann in Genf. Weil die Einnahmen nicht zum Leben reichten, wurden sie von dem Geistlichen Robert Lejeune und dem Schweizer Hilfswerk für deutsche Gelehrte finanziell unterstützt.

Robert Musil wurde 61 Jahre alt. Am 15. April 1942 erlag er in Genf einem ischämischen Schlaganfall. Seine Asche wurde verstreut.

Musils Werk integriert positives Wissen aus allen Disziplinen. Auf den Ebenen von Analyse, Kritik und Utopie erforscht es die Grundlagen der westlichen Kultur im beginnenden 20. Jahrhundert. Musils Existenz ist der exemplarische Fall eines verkannten Dichters. Der Titel seiner Kurzprosa Nachlass zu Lebzeiten (1935) verrät, dass er darum wusste. Erst mit Adolf Frisés Neuausgabe der Werke in den Fünfzigerjahren setzte eine Rezeption ein, die Musils hohen literarischen Rang würdigte.
(Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Band 4, Dortmund 1989, S. 2067f)

© Dieter Wunderlich 2013

Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Verfilmung)
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

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