Die Unberührbare

Die Unberührbare

Die Unberührbare

Die Unberührbare - Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler - Kamera: Hagen Bogdanski - Schnitt: Isabel Meier - Musik: Martin Todsharow - Darsteller: Hannelore Elsner, Vadim Glowna, Jasmin Tabatabai, Michael Gwisdek, Nina Petri, Tonio Arango, Charles Regnier, Helga Göhring, Catherine Flemming, Bernd Stempel u.a. - 2000; 100 Minuten

Inhaltsangabe

Mit dem Fall der Berliner Mauer bricht die Welt der Schriftstellerin Hanna Flanders zusammen. Die exzentrische Salonkommunistin reist nach Berlin, um einen Neuanfang zu versuchen, aber sie findet nirgendwo Halt und fühlt sich überall fehl am Platz. Als psychisches Wrack kehrt sie nach München zurück und nimmt sich das Leben.

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Kritik

Oskar Roehler zeigt eine verzweifelte einsame Intellektuelle mit Zügen seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner. "Die Unberührbare" ist ein stilistisch strenger, sehr konzentrierter, ernster und tragischer Schwarz-Weiß-Film, indem Hannelore Elsner ihre Sensibilität und Ausdrucksstärke beweist.
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Als im November 1989 die Berliner Mauer eingerissen wird, jubeln die Menschen (Wiedervereinigung). Hanna Flanders (Hannelore Elsner) sitzt vor dem Fernsehapparat, hält mit zittrigen Fingern zwei brennende Zigaretten, telefoniert mit einem Mann und denkt an Selbstmord. Für sie bricht eine Welt zusammen.

Die aus dem Großbürgertum stammende Schriftstellerin, deren erster Roman „Der Punktsieg“ hieß, lebt in München, aber ihre Sympathie gehört nicht der freien Marktwirtschaft, sondern dem realen Sozialismus in der DDR. In der Bundesrepublik wird sie kaum noch verlegt, und nach dem Zusammenbruch der DDR wird es wohl auch in Ostdeutschland still um sie werden.

Die egomanische Exzentrikerin, die eine bizarre schwarze Perücke trägt, wird von Widersprüchen zerrissen: Obwohl sie den Sozialismus predigt, fährt sie mit dem Taxi zum Supermarkt und kauft sich in einer exklusiven Boutique einen Mantel von Dior. Einerseits genießt sie die Sicherheit des Bürgertums, andererseits träumt sie von der radikalen persönlichen Freiheit.

Hanna Flanders verkauft ihr Haus in München und reist nach Berlin, um einen Neuanfang zu versuchen. Ihr Verleger und ehemaliger Liebhaber Joachim (Michael Gwisdeck) hat in diesen neuen Zeiten kein Interesse mehr an der Literatur-Ikone der Sechzigerjahre. Grete (Nina Petri), eine Mitarbeiterin des Verlags, erkennt die Schriftstellerin auf dem Korridor, spricht sie an und quartiert sie schließlich in einer verwahrlosten Plattenbauwohnung des Verlags ein. Dort hält Hanna Flanders es nicht lange aus. An der Imbussbude „Futtermaus“ trifft sie eine Ostberliner Arbeiterin, die sie kurz zuvor in einer Kneipe kennen lernte. Deren Familie nimmt Hanna Flanders freundlich auf, aber die Salonkommunistin fühlt sich nicht heimisch, denn diese Menschen freuen sich über die Wende. „Die sind süchtig, dass etwas passiert in ihrem Leben“, sagt sie am Telefon zu Ronald (Tonio Arango). „Was soll ich denn da? Ich habe doch überhaupt keine Chance! Das sind doch ganz andere Menschen!“

Die Rückfahrt nach München unterbricht sie in Nürnberg, um ihre Eltern zu besuchen. Die Mutter (Helga Göhring) fragt spitz, ob bei ihrer Tochter nach dem Mauerfall endlich der Groschen gefallen sei und stellt klar, dass sie für eine weitere Entziehungskur nicht aufkommen würde. Müde wehrt Hanna ab: „Es lohnt nicht zu streiten. Du hast einen viel zu schwachen Gegner.“ Vergeblich versucht ihr Vater (Charles Regnier), seine Frau davon abzuhalten, weiter zu sticheln. Hanna hält es nicht mehr aus und reist gleich wieder ab.

Zufällig trifft sie am Bahnhof ihren ausgebrannten Ex-Mann Bruno (Vadim Glowna) und begleitet ihn nach Darmstadt. Er legt alte Platten auf, spürt ihre Angst vor jeder Art der Berührung, betrinkt sich und gibt ihr keinen Halt. Sie verabschiedet sich mit den Worten: „Ich muss jetzt gehen, obwohl ich nicht weiß, wohin.“

Zurück in München versucht sie, den teuren Mantel wieder zurückzugeben, weil sie kein Geld mehr hat, aber der Boutiquenbesitzer lässt sich nicht darauf ein. Hanna Flanders bricht auf der Straße zusammen. In der Klinik wird ein Raucherbein diagnostiziert. Im weißen Krankenhaushemd geht sie ein paar Stockwerke höher, raucht auf einer Toilette eine Zigarette, öffnet dann das Fenster, setzt sich auf das Fensterbrett und lässt sich in die Tiefe fallen.

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In „Die Unberührbare“ zeigt Oskar Roehler das schonungslose Psychogramm einer Verlorenen, einer Intellektuellen, die an ihren Widersprüchen, ihren unerfüllbaren Ansprüchen und der veränderten Wirklichkeit zerbricht. Es ist die Tragödie einer vereinsamten Frau, die zum psychischen Wrack verkommt

Hanna Flanders ähnelt Oskar Roehlers Mutter Gisela Elsner (2. Mai 1937 – 13. Mai 1992), die mit dem Lektor Klaus Roehler verheiratet war. Seit sie ihren Mann und ihren 1959 geborenen dreijährigen Sohn verlassen hatte, fand sie nie mehr einen Lebenspartner

Ich habe nicht versucht, in „Die Unberührbare“ ein Mutter-Trauma zu bewältigen. Ich wollte einen Menschen in einer Umbruchzeit zeigen, wie das zum Beispiel Georg Büchner in seinem „Lenz“ getan hat. Ich wollte von jemandem erzählen, der in den letzten Tagen seines Lebens auf Leute aus seiner Vergangenheit trifft und bei jeder Begegnung prüft, ob es sich für ihn lohnt weiterzuleben. (Oskar Roehler in „Süddeutsche Zeitung“, 20. April 2000)

In „Die Riesenzwerge“ (1964) entlarvte Gisela Elsner spießige Denk- und Verhaltensmechanismen. Damals wurde die attraktive, mediengewandte und fantasievolle Schriftstellerin gefeiert. Es passte in die Zeit, dass sie behauptete, man könne in der Bundesrepublik Deutschland nicht leben, eine politisch-gesellschaftliche Erneuerung sei deshalb erforderlich. Aber in den Achtzigerjahren war sie in der DDR populärer als im Westen. Der Rowohlt-Verlag trennte sich 1987 von ihr. Am 12. Mai 1992 brach sie in München auf der Straße zusammen und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach dem Abendessen stieg sie aus dem Fenster der Stationstoilette und sprang vom vierten Stock in den Innenhof des Krankenhauses.

Obwohl Oskar Roehler in Episoden erzählt, ist „Die Unberührbare“ ein stilistisch strenger, sehr konzentrierter, ernster und tragischer Schwarz-Weiß-Film. Hannelore Elsner (deren Namensgleichheit Zufall ist) beweist in der schwierigen Rolle ihre Sensibilität und Ausdrucksstärke.

Für „Die Unberührbare“ wurde Oskar Roehler 1999 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

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