Elementarteilchen

Elementarteilchen

Elementarteilchen

Originaltitel: Elementarteilchen - Regie: Oskar Roehler - Drehbuch: Oskar Roehler, nach dem Roman "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq - Kamera: Carl-Friedrich Koschnick - Schnitt: Peter R. Adam - Darsteller: Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen, Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss, Simon Boer, Hermann Beyer, Ulrike Kriener, Uwe Ochsenknecht, Annett Renneberg, Michael Gwisdek, Corinna Harfouch, Rüdiger Klink, Herbert Knaup, Tigan Ceesay, Nina Kronjäger, Eva-Maria Kurz, Tom Schilling, Birgit Stein, Jasmin Tabatabai, Jennifer Ulrich u. a. - 2006, 105 Minuten

Inhaltsangabe

Die beiden Halbbrüder Bruno und Michael wuchsen ohne ihre Mutter auf, die sich in Poona selbst verwirklichen wollte. Während der introvertierte Michael sich nichts aus Sex macht und als Molekularbiologe eine Formel findet, mit der sich geschlechtslose Übermenschen klonen lassen, läuft der unglücklich verheiratete Lehrer Bruno den Frauen nach, bis er Christiane kennen lernt und glaubt, die große Liebe gefunden zu haben ...
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Kritik

Mit einer großartigen Besetzung ist es Oskar Roehler gelungen, den Roman "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq werkgetreu zu verfilmen.
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Die beiden Halbbrüder Bruno und Michael werden von ihrer zur Generation der „Achtundsechziger“ gehörenden Mutter Jane (Nina Hoss) im Stich gelassen. Statt sich um ihre bei den jeweiligen Großeltern väterlicherseits aufwachsenden Söhne zu kümmern, glaubt die selbstsüchtige und sexuell freizügige Frau, sich in Poona bei Bombay selbst verwirklichen zu müssen.

Michael, der jüngere der beiden Halbbrüder, beweist schon in der Schule seine außergewöhnliche mathematische Begabung. Aus Sex und Erotik macht sich der introvertierte, zu Depressionen neigende Schüler nichts, und er verliert deshalb auch seine Jugendfreundin Annabelle aus den Augen.

Nach einem Forschungsaufenthalt in Irland arbeitet Michael (Christian Ulmen) einige Zeit für ein molekularbiologisches Institut in Berlin, bis er begreift, dass er vor den Konsequenzen seiner in Irland erzielten gentechnischen Forschungsergebnisse zurückschreckte und beschließt, wieder nach Irland zu gehen, um sie auszuwerten. In seinem Kündigungsschreiben an das Unternehmen in Berlin schreibt er: „Die Wahrheit ist wie ein Elementarteilchen: Man kann sie nicht teilen.“

Bevor Michael nach Irland fliegt, kümmert er sich noch in seinem Heimatdorf um die Umbettung seiner Großmutter, deren Grab einer neuen Straße weichen muss. Er nutzt die Gelegenheit, um bei Annabelles Eltern (Ulrike Kriener, Hermann Beyer) vorbeizuschauen. Zufällig besucht auch Annabelle (Franka Potente), die inzwischen als Bibliothekarin in Berlin arbeitet, gerade ihre Eltern. Michael wundert sich darüber, dass sie nicht verheiratet ist. Sie habe mit Dutzenden von Männern geschlafen und es auch mit Frauen probiert, aber alle Affären seien enttäuschend gewesen, meint sie und gesteht Michael, dass sie immer nur ihn geliebt habe. Als sie versteht, dass der inzwischen Vierzigjährige noch sexuell unerfahren ist, ergreift sie die Initiative, zieht sich aus und geht mit ihm ins Bett.

Beim Abschied verspricht Michael, sich regelmäßig aus Irland zu melden, aber sobald er seine bahnbrechende Forschungsarbeit wieder aufgenommen hat, vergisst er alles andere. Aufgrund der von ihm gefundenen Formeln wird sich ein geschlechtloser Übermensch züchten und klonen lassen.

Michael ahnt nicht, dass Annabelle von ihm schwanger ist. Wegen einer Anomalie im Gewebe des Fetus nehmen die Ärzte eine Abtreibung vor und entfernen dabei auch Annabelles Uterus. Ihre Mutter ruft Michael in Irland an. Als er erfährt, dass Annabella schwer krank ist, lässt er alles liegen und eilt zu ihr. Erst wenn sie sich von den Operationen erholt hat und ihn begleiten kann, wird er nach Irland zurückkehren.

Bruno (Moritz Bleibtreu) wurde Deutschlehrer. Nachdem ihn seine Ehefrau mit dem gemeinsamen Kind verließ und eine seiner Schülerinnen keinen Sex mit ihm haben wollte, erhofft er sich von einem Ferienaufenthalt in einem aus dem Geist der New-Age-Bewegung entstandenen Hippie-Camp („Ort der Wandlung“) ein sexuelles Abenteuer. Dabei verliebt er sich in Christiane (Martina Gedeck), die seine Gefühle erwidert, das Leben in vollen Zügen zu genießen versucht und Brunos Freude am Sex teilt. Den Grund begreift Bruno allerdings erst, als sie in einen Swingerclub während der Kopulation mit einem anderen Mann zusammenbricht: Christiane leidet an einer unheilbaren Nekrose des Rückenmarks. Das Krankenhaus kann sie nur noch im Rollstuhl verlassen.

Bruno bietet ihr an, sie bei sich aufzunehmen und sie zu pflegen, aber Christiane ist stärker als er und macht sich nichts vor: Sie lässt sich in ihre eigene Wohnung fahren und wartet dort darauf, dass Bruno sich klar darüber wird, was er will. Mehrmals wählt er die Telefonnummer seiner Geliebten, legt jedoch gleich wieder auf, weil er vor den Konsequenzen einer Entscheidung zurückscheut.

Als er endlich zu Christiane fährt, ist sie tot: Sie hat sich vom Balkon gestürzt. Verzweifelt sucht Bruno Zuflucht in einer psychiatrischen Anstalt und glaubt in seinem Wahn, dass Christiane bei ihm ist.

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„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden.“ Dieses Zitat von Albert Einstein wird zu Beginn des Films „Elementarteilchen“ eingeblendet, in dem es um zwei Männer geht, denen es schwer fällt, sich im Leben zurechtzufinden.

Oskar Roehler entwickelt die Geschichten von Bruno und Michael parallel, wechselt also immer wieder zwischen den beiden Handlungssträngen hin und her und streut Rückblenden ein. Die m. E. zu lang geratene Sequenz am „Ort der Wandlung“ trennt mit ihren Slapstick-Szenen einen eher hölzern-intellektuellen von einem melodramatischen Teil. „Elementarteilchen“ ist bis in die Nebenrollen mit erstklassigen Darstellern besetzt; Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu spielen besonders überzeugend. Oskar Roehler ist es gelungen, den Roman „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq kongenial zu verfilmen, auch wenn er den Liebesgeschichten von Bruno und Christine sowie Michael und Annabelle mehr Platz eingeräumt und den Überdruss an den gesellschaftlichen Verhältnissen nach der sexuellen Revolution von 1968 abgeschwächt hat.

Roehler hat Houellebecq entbittert und mit Emotionen angefüllt, das Gedankengerüst hergenommen und ein verdammt gutes Kinostück daraus gemacht. (Susan Vahabzadeh in „Süddeutsche Zeitung“, 13. Februar 2006).

[Oskar Roehler] hat eine eigene Meisterschaft entwickelt, das Normale eher bizarr und das Ungewöhnliche ganz normal zu filmen – und dabei die Kriterien, nach denen diese Kategorien sich definieren, kräftig zu verschieben. In diesem Sinne ist „Elementarteilchen“ ein echter Roehler-Film […]
Als Bruder im Geiste hat Roehler Houllebecq empfunden, weil auch der von seiner Großmutter großgezogen wurde. In diesem Sinne ist „Elementarteilchen“ ein weiterer wunderbarer Roehler-Film über den Weg in die elternlose Gesellschaft. Und vom Versagen der Eltern wird bei Roehler immer auf die Nutzlosigkeit der Institution an sich geschlossen […]
Den Zyniker Houellebecq mit dem sarkastischen Hitchcock zu veredeln, das scheint das ganze Geheimnis dieses großen Films zu sein. (Fritz Göttler in „Süddeutsche Zeitung“, 22. Februar 2006.

Weitere Darsteller und ihre Rollen in „Elementarteilchen“:

  • Corinna Harfouch (Psychiaterin Dr. Schäfer)
  • Annett Renneberg (Schwester Klara)
  • Uwe Ochsenknecht (Brunos Vater)
  • Michael Gwisdek (Professor Fleißer)
  • Herbert Knaup (Sollers)
  • Jasmin Tabatabai (Yoga-Lehrerin)
  • Tom Schilling (Michael als Junge)
  • Simon Boer (Janes Lover)
  • Nina Kronjäger (Katja)
  • Eva-Maria Kurz (Hippiemädchen)
  • Tigan Ceesay (Ben)
  • Rüdiger Klink (Uwe)
  • Birgit Stein (Anne)
  • Jennifer Ulrich (Johanna)
  • u. a.
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Michel Houellebecq: Elementarteilchen

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