Der scharlachrote Buchstabe

Der scharlachrote Buchstabe

Der scharlachrote Buchstabe

Originaltitel: Der scharlachrote Buchstabe – Regie: Wim Wenders – Drehbuch: Bernardo Fernández, Wim Wenders, Tankred Dorst, Ursula Ehler, nach dem Roman "Der scharlachrote Buchstabe" von Nathaniel Hawthorne – Kamera: Robby Müller – Schnitt: Peter Przygodda – Musik: Jürgen Knieper – Darsteller: Senta Berger, Rafael Albaicín, Ángel Álvarez, Hans Christian Blech, Lou Castel, Laura Currie, William Layton, Alfredo Mayo, Lorenzo Robledo, Yella Rottländer, Yelena Samarina, Rüdiger Vogler u.a. – 1973; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Mitte des 17. Jahrhunderts kommt Hester Prynne in der Puritaner-Siedlung Salem nördlich von Boston mit einem unehelichen Kind nieder. Jedes Jahr wird sie aufs Neue zum Schandplatz gebracht, aber sie weigert sich, den Vater ihrer Tochter zu verraten. Als Pearl 7 Jahre alt ist, taucht Hesters Ehemann in Salem auf, doch als er erfährt, was geschehen ist, verheimlicht er seine Identität und lässt sich unter falschem Namen als Heiler nieder, um herauszufinden, wer sein Rivale ist und sich an ihm zu rächen ...
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Kritik

In seiner Verfilmung des Romans "Der scharlachrote Buchstabe" von Nathaniel Hawthorne kritisiert Wim Wenders die Unbarmherzigkeit einer bigotten Gemeinde und die Instrumentalisierung des religiösen Glaubens für Machtzwecke.
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Mitte des 17. Jahrhunderts lebt in einer Hütte außerhalb der Puritaner-Siedlung Salem nördlich von Boston in Massachusetts eine schöne, selbstbewusste Frau namens Hester Prynne (Senta Berger) mit ihrer Tochter Pearl (Yella Rottländer). Sie werden von den Mitgliedern der Gemeinde verachtet, beschimpft und gemieden. Jedes Jahr aufs Neue holt der Kirchendiener (Tito García) Hester und bringt sie zum Schandplatz, wo Reverend Wilson (Ángel Álvarez) sie auffordert, endlich den Namen des Mannes zu nennen, von dem sie das uneheliche Kind empfing. Hester schweigt jedoch.

In England hatte sie einen sehr viel älteren Mann geheiratet. Mit dem war sie nach Amsterdam gegangen. Dort schickte er sie an Bord eines Schiffs, das sie und andere Siedler nach Boston brachte. Er selbst wollte nachkommen, aber sie wartete vergeblich auf ihn. Dann gebar sie ihr Kind. Als Ehebrecherin musste sie in der puritanischen Gemeinde mit der Todesstrafe rechnen, aber sie wurde nach einer kurzen Haft nur dazu verurteilt, ein scharlachrotes A an ihrer Kleidung über der linken Brust zu tragen und sich jedes Jahr auf den Schandplatz zu stellen.

Während sie zum siebten Mal auf dem Schandplatz steht, taucht ein Fremder (Hans Christian Blech) in Begleitung eines Indianers (Rafael Albaicín) in Salem auf. Es handelt sich um Prynne, Hesters Ehemann. Ohne erkennen zu lassen, dass er die angeprangerte Frau kennt, erkundigt er sich nach dem Grund ihrer Strafe und erfährt auf diese Weise von dem Kind. Daraufhin nimmt er Hester den Schwur ab, ihn nicht zu verraten und lässt sich unter dem falschen Namen Roger Chillingworth als Heiler in Salem nieder. Er hatte zwar sein Medizinstudium abgebrochen, aber von den Indianern einiges über Heilmethoden gelernt.

Die Gemeindeältesten sind froh, endlich einen Heiler in Salem zu haben, und sie drängen den jüngeren Geistlichen Arthur Dimmesdale (Lou Castel), dessen Krankheit sie sich nicht erklären können, sich von Chillingworth behandeln zu lassen. Der zieht zu Dimmesdale ins Pfarrhaus, um Tag und Nacht in seiner Nähe sein zu können. Chillingworth ahnt, dass Dimmesdale der Vater des unehelichen Kindes ist. Doch statt die Sünde aufzudecken, benutzt er sein Wissen, um sich an seinem Rivalen zu rächen, indem er ihn immer wieder nach der offenbar seelischen Ursache des Leidens fragt und damit unter Druck setzt. Als er eines Tages das Hemd des Ohnmächtigen öffnet, findet er den Beweis für die Schuld des Geistlichen: Dimmesdale hat sich ein A in die linke Brust geritzt.

Aus Sorge um das Seelenheil des unehelichen Kindes beabsichtigen Reverend Wilson und Gouverneur Bellingham (William Layton), es der sündigen Mutter zu entreißen. Mutig geht Hester zum Gouverneur. Der ebenfalls anwesende Dimmesdale setzt sich dafür ein, dass Pearl bei Hester bleibt und bringt Wilson und Bellingham von ihrem Vorhaben ab.

Gouverneur Bellingham erteilt Hester Aufträge für Näharbeiten, obwohl er dafür von Reverend Wilson und anderen schief angesehen wird, und schließlich begnadigt er sie. Dass Bellingham Barmherzigkeit zeigt, hängt wohl auch damit zusammen, dass seine Tochter Hibbins (Yelena Samarina) als Hexe verschrien ist. Doch als Bellingham stirbt, übernimmt mit Fuller (Alfredo Mayo) ein radikaler Puritaner das Amt des Gouverneurs von Massachusetts.

Kurz darauf ankert die „Providence“ für einige Tage in der Bucht vor Salem. Hester erklärt Chillingworth, dass sie sich aufgrund seines Verhaltens gegenüber Dimmesdale nicht länger an ihren Schwur gebunden fühle. Dann klärt sie Dimmesdale über die wahre Identität des angeblichen Heilers auf und überredet ihn, mit ihr und Pearl auf der „Providence“ aus Salem zu fliehen.

Am Tag bevor die „Providence“ in See stechen soll, wird in Salem die Amtseinführung von Gouverneur Fuller gefeiert. Dimmesdale soll die Predigt halten. Der nutzt die Gelegenheit dazu, sich endlich öffentlich zu seiner Sünde zu bekennen, obwohl er damit die Todesstrafe riskiert. Er gibt zu, vor sieben Jahren Hesters Geliebter gewesen zu sein und reißt sein Hemd auf, um der versammelten Gemeinde das A auf seiner Brust zu zeigen. Dann bricht er zusammen. Man trägt ihn in einen Nebenraum. Dort erwürgt Gouverneur Fuller den Ohnmächtigen eigenhändig im Beisein von Reverend Wilson.

Hester, Pearl, Hibbins und Bellinghams Dienstmagd Sarah (Laura Currie) werden mit einem Boot zur „Providence“ gerudert. Chillingworth, der von den Fluchtplänen erfahren hatte und beabsichtigte, mit an Bord zu gehen, kommt zu spät zum Strand und bleibt mit dem Indianer zurück.

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Bei der literarischen Vorlage des Films „Der scharlachrote Buchstabe“ von Wim Wenders handelt es sich um den 1850 veröffentlichten gleichnamigen Roman von Nathaniel Hawthorne (1804 – 1864). Der am 4. Juli 1804 in Salem, Massachusetts, geborene amerikanische Schriftsteller stammte aus einer puritanischen Familie, die 1630 in die Neue Welt gekommen war. John Hawthorne, einer der Vorfahren, gehörte zu einer Gruppe von Richtern in Salem, die 1692 neunzehn Frauen als Hexen zum Tod verurteilte. (Darauf bezieht Arthur Miller sich in seinem Drama „Hexenjagd“, „The Crucible“, 1953.) Mit dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ („The Scarlet Letter“) leistete Nathaniel Hawthorne gewissermaßen Abbitte für die Verfehlungen seiner Familie. (Die Titel seiner drei weiteren Romane lauten „Das Haus der sieben Giebel“, „Blithedal“ und „Der Marmorfaun“).

In „Der scharlachrote Buchstabe“ kritisieren Nathaniel Hawthorne bzw. Wim Wenders die Instrumentalisierung des religiösen Glaubens für Machtzwecke. Bei den Puritanern in Salem handelt es sich um eine unbarmherzige Gemeinde, die das Christentum durch ihre kompromisslose Rigorosität ins Gegenteil verkehrt, denn als Folge der unmenschlichen Strenge und der Verweigerung jeglicher Vergebung sündigen die Mitglieder im Verborgenen, heucheln jedoch Rechtschaffenheit und pflegen auf diese Weise eine Doppelmoral. Unter dem Deckmantel des wohlmeinenden Heilers terrorisiert Prynne alias Chillingworth den Geistlichen Dimmesdale, der es wiederum nicht wagt, sich zu seiner Sünde zu bekennen, weil er in diesem Fall mit der Todesstrafe rechnen müsste.

Der Film von Wim Wenders endet mit der Abreise der Frauen. Im Roman von Nathaniel Hawthorne bleibt Hester nach dem Tod Dimmesdales noch ein Jahr lang in Boston (dem Ort der Romanhandlung) und reist erst nach dem Tod ihres Ehemanns mit Pearl nach Europa, wo sie den scharlachroten Buchstaben ablegt. Das Vermögen, das Prynne alias Chillingworth Pearl hinterlassen hat, macht die junge Frau zu einer guten Partie. Als Pearl Ehefrau geworden ist, kehrt Hester allein nach Boston zurück und trägt fortan auch wieder das scharlachrote A, über dessen Bedeutung es nur Mutmaßungen gibt. (Möglicherweise steht es für adulteress, Ehebrecherin.) Anders als zuvor wird Hester nun von den Frauen in der Puritaner-Gemeinde geachtet und um Rat gefragt.

Der Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne wurde mehr als ein Dutzend Mal verfilmt, unter anderem von Victor Sjöström (1926), Robert G. Vignola (1934), Rick Hauser (1979) und Roland Joffé (1995).

Originaltitel: The Scarlet Letter – Regie: Victor Sjöström alias Victor Seastrom – Drehbuch: Frances Marion, nach dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne – Kamera: Hendrik Sartov alias Henrik Sartov – Schnitt: Hugh Wynn – Musik (2000): Lisa Anne Miller und Mark Northam – Darsteller: Lillian Gish, Lars Hanson, Henry B. Walthall, Karl Dane u.a. – 1926; 115 Minuten

Originaltitel: The Scarlet Letter – Regie: Robert G. Vignola – Drehbuch: Leonard Fields und David Silverstein, nach dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne – Kamera: James S. Brown jr. – Schnitt: Charles Harris – Darsteller: Colleen Moore, Hardie Albright, Henry B. Walthall, Cora Sue Collins, Alan Hale, Virginia Howell u.a. – 1934; 70 Minuten

Der scharlachrote Buchstabe – Originaltitel: The Scarlet Letter – Regie: Rick Hauser – Drehbuch: Allan Knee und Alvin Sapinsley, nach dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne – Kamera: Robert E. Collins – Schnitt: Ken Denisoff, Janet McFadden, Tucker Wiard – Musik: John Morris – Darsteller: Josef Sommer, Meg Foster, Elisa Erali, John Heard, Ralph Drischell u.a. – 1979

Der scharlachrote Buchstabe – Originaltitel: The Scarlet Letter – Regie: Roland Joffé – Drehbuch: Douglas Day Stewart, nach dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne – Kamera: Alex Thomson – Schnitt: Thom Noble – Musik: John Barry – Darsteller: Demi Moore, Gary Oldman, Robert Duvall, Lisa Joliffe-Andoh, Edward Hardwicke, Robert Prosky, Roy Dotrice, Joan Plowright, Malcolm Storry, James Bearden, Larissa Laskin, Amy Wright, George Aguilar, Tim Woodward, Joan Gregson, Dana Ivey, Diane Salinger, Jocelyn Cunningham, Francie Swift u. a. – 1995; 135 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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