Abbitte

Abbitte

Abbitte

Abbitte – Originaltitel: Atonement – Regie: Joe Wright – Drehbuch: Christopher Hampton, nach dem Roman "Abbitte" von Ian McEwan – Kamera: Seamus McGarvey – Schnitt: Paul Tothill – Musik: Dario Marianelli – Darsteller: Keira Knightley, James McAvoy, Saoirse Ronan, Romola Garai, Vanessa Redgrave, Juno Temple, Benedict Cumberbatch, Ben Harcourt, Jack Harcourt, Patrick Kennedy, Brenda Blethyn, Alfie Allen, Harriet Walter, Jérémie Renier u.a. – 2007; 130 Minuten

Inhaltsangabe

Eine fantasiebegabte 13-Jährige, die bereits ihr erstes Theaterstück geschrieben hat, beobachtet ihr unverständliche Vorgänge. Durch die Fehlinterpretation des Gesehenen – die Überlagerung von Wahrnehmung, Fantasie und Einbildung – gerät die Pubertierende in ein Gefühlschaos, und in dieser Verwirrung macht sie eine Falschaussage, mit der sie die gemeinsame Zukunft von zwei sich liebenden Menschen zerstört. Bis ins hohe Alter leidet sie unter dieser Schuld ...
mehr erfahren

Kritik

Bei dem von Joe Wright inszenierten Film "Abbitte" handelt es sich um großes Gefühlskino in opulenten Bildern und um eine gelungene, anspruchsvolle Adaptation des Romans "Abbitte" von Ian McEwan.
mehr erfahren

Juni 1935. Die Familie Tallis wohnt auf dem Landsitz Tilney in Surrey. Jack Tallis ist im Innenministerium in London beschäftigt und kommt selten nach Hause. Emily Tallis (Harriet Walter) zieht sich häufig wegen ihrer Migräneanfälle zurück. Cecilia (Keira Knightley), die ältere Tochter der beiden, verbringt die Sommerferien nach ihrem Literaturstudium auf dem Gut. Ihre dreizehnjährige Schwester Briony (Saoirse Ronan), die Schriftstellerin werden möchte, hat mit ihrer schöpferischer Fantasie gerade ihr erstes Theaterstück geschrieben. Aufführen möchte sie es für ihren Bruder Leon (Patrick Kennedy), der nicht mehr im Elternhaus lebt, aber einen Besuch angekündigt hat.

Zu Gast auf Tilney ist auch Brionys Cousine Lola Quincey (Juno Temple) mit ihren Zwillingsbrüdern Jackson (Ben Harcourt) und Pierrot (Jack Harcourt). Sie sollen den Sommer über auf dem Landgut bleiben, weil sich ihre Eltern gerade getrennt haben. Briony kann die kokette, frühreife fünfzehnjährige Lola und die zwei neunjährigen Vettern nur mühsam überzeugen, in ihrem Stück mitzuspielen, und nach einer frustrierenden Probe gibt sie ihr Vorhaben auf, Leon mit einer Theateraufführung zu überraschen.

Häufiger Besucher bei den Tallis ist der dreiundzwanzigjährige Robbie Turner (James McAvoy), der Sohn einer auf dem Gut beschäftigten Hausangestellten (Brenda Blethyn). Dem begabten jungen Mann hat Jack Tallis ein Literaturstudium finanziert, und nun möchte Robbie auch noch Medizin studieren.

Briony, die in Robbie schwärmerisch verliebt ist, beobachtet ihn nach dem Abbruch der Theaterprobe am Triton-Brunnen mit Cecilia. Cecilia will offenbar eine große Vase mit Wasser füllen. Unvermittelt schlüpft sie aus ihrem Kleid, steigt mit der Unterwäsche ins Wasserbecken, kommt wieder heraus und geht an Robbie vorbei ins Haus zurück. Was ist geschehen? Briony versteht es nicht, ahnt jedoch, dass Robbie beim Anblick Cecilas im nassen Unterkleid erregt wurde und ist eifersüchtig. (Tatsächlich brach durch eine ungeschickte Bewegung Robbies ein Stück von der kostbaren Vase ab, und Cecilia tauchte nach der Scherbe.)

Leon bringt einen Freund mit: Paul Marshall (Benedict Cumberbatch). Der vermögende Besitzer einer Schokoladenfabrik macht Lola schöne Augen und langweilt die Gesellschaft mit seiner Angeberei: Im bevorstehenden Krieg ist er als Lieferant von Schokoriegeln als Proviant für die Armee im Gespräch.

Zum Abendessen ist auch Robbie eingeladen. Auf dem Weg zum Herrenhaus entdeckt er Briony und bittet sie, Cecilia vor seinem Eintreffen einen Brief auszuhändigen. Den ganzen Nachmittag saß er über verschiedenen Fassungen eines Entschuldigungsschreibens für sein ungeschicktes Benehmen am Brunnen. Doch als er es in ein Kuvert steckte, vertauschte er es versehentlich mit einem Blatt, auf das er zwischendurch zum Spaß einen obszönen Satz getippt hatte. Den liest Briony, als sie das Kuvert öffnet, bevor sie es ihrer Schwester gibt. Aufgrund des Vorfalls am Brunnen und des obszönen Briefes an Cecilia hält Briony den Sohn der Hausangestellten für triebgesteuert. Dieser Eindruck verstärkt sich, als ihn die Pubertierende in der Bibliothek mit Cecilia beim Koitus im Stehen ertappt. Als die beiden merken, dass sie entdeckt wurden, lassen sie voneinander ab, richten ihre Kleidung und gehen wortlos aus dem Raum. Verwirrt bleibt die Dreizehnjährige zurück.

Man versammelt sich zum Abendessen, aber Jackson und Pierrot bleiben aus. Im Zimmer der Zwillinge findet Briony ein Blatt Papier, auf dem steht, dass sie fortgelaufen sind. Alle Anwesenden nehmen Fackeln und verteilen sich auf der Suche nach den beiden Jungen im Park.

Briony bemerkt im Dunkel zwei am Boden liegende Personen. Ein Mann springt auf und läuft davon. Bei der anderen Person handelt es sich um Lola. Sie scheint verletzt zu sein. Tröstend redet Briony auf sie ein und versichert ihr, den Mann erkannt zu haben und mit ihrer Aussage für entsprechende Bestrafung zu des Wüstlings zu sorgen.

Zurück im Haus, behauptet Lola, vergewaltigt worden zu sein, und das bestätigt sich bei einer ärztlichen Untersuchung.

Als Robbie mit den entlaufenen Zwillingen auftaucht, erwartet ihn bereits die Polizei. Aufgrund von Brionys Aussage wird er zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen erklärt die britische Regierung dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg. Im Jahr darauf beginnt der Krieg auch im Westen. Robbie wird vor die Wahl gestellt, entweder im Gefängnis zu bleiben oder an der Front in Frankreich zu kämpfen. Cecilia, die sich wegen der ungerechten Behandlung Robbies von ihrer Familie losgesagt hat, wird Krankenschwester in London. Die inzwischen achtzehnjährige Briony (Romola Garai), die ihr Verhalten vor fünf Jahren bitter bereut, verzichtet auf das geplante Studium in Cambridge und lässt sich stattdessen in London als Krankenpflegerin ausbilden. Dabei wird sie mit verstümmelten und sterbenden Soldaten konfrontiert.

In Frankreich ziehen sich die britischen und französischen Einheiten, die durch den deutschen „Sichelschnitt“ an der Kanalküste isoliert wurden, nach Dünkirchen zurück. Unter den in Dünkirchen auf ein Schiff wartenden Soldaten befindet sich auch Robbie. Er ist am Ende seiner Kräfte. Der einzige moralische Halt, der ihm in seiner Verzweiflung bleibt, sind die Briefe Cecilias, deren Inhalt er sich immer wieder vorsagt: „Ich warte auf dich. Komm zurück.“ Und ein Foto, das sie ihm bei seinem einzigen kurzen Fronturlaub in London gab. Darauf ist ein Strandhaus abgebildet, in dem sie nach dem Krieg mit ihm leben möchte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Schließlich findet Briony die Adresse ihrer Schwester in London heraus, die es inzwischen zur Stationsschwester gebracht hat und sich eine bescheidene Wohnung in Balham leisten kann. Briony will sich mit Cecilia aussprechen und Abbitte leisten. Ihre Schwester bleibt jedoch unversöhnlich, und Robbie, der bei ihr ist, sagt Briony, er würde sie am liebsten die Treppe hinunterstoßen. Von Briony erfahren die beiden, dass Lola nicht von dem Diener Danny Hardman (Alfie Allen) vergewaltigt wurde, den sie als Täter verdächtigten, sondern von Paul Marshall. Briony hatte ihn damals in der Nacht erkannt und dennoch Robbie beschuldigt. Niemand würde ihr glauben, wenn sie ihre Aussage von damals widerriefe, denn inzwischen ist Lola Quincey die Ehefrau des erfolgreichen Fabrikanten Paul Marshalls und würde ihn gewiss decken.

London 1999. Briony, die doch noch eine anerkannte Schriftstellerin geworden ist, gibt anlässlich der Veröffentlichung ihres einundzwanzigsten Romans ein Fernseh-Interview. (Sie wird jetzt von Vanessa Redgrave gespielt. Anthony Minghella ist in der Rolle des Interviewers zu sehen.) Es handelt sich um eine autobiografische Geschichte. Sie beginnt im Juni 1935 und folgt den Ereignissen, die Briony durch die Fehlinterpretation ihrer Beobachtungen und ihre Falschaussage auslöste. Allerdings wäre sie viel zu feige gewesen, gesteht sie, um ihre ältere Schwester in London aufzusuchen. Die Szene habe sie erfunden, um Cecilia und Robbie wenigstens in ihrem Buch eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen. In Wirklichkeit starb Robbie am 1. Juni 1940 in Dünkirchen an einer Blutvergiftung, und Cecilia kam im September desselben Jahres ums Leben, als die U-Bahn-Station, in der sie während eines Luftangriffs Schutz gesucht hatte, nach einem Bombentreffer überflutet wurde.

nach oben

In „Abbitte“ geht es um eine fantasiebegabte Dreizehnjährige, die durch die Fehlinterpretation ihrer Beobachtungen – durch die Überlagerung von Wahrnehmung, Fantasie und Einbildung – in ein Gefühlschaos gerät und in dieser Vewirrung eine Falschaussage macht, mit der sie die gemeinsame Zukunft von zwei sich liebenden Menschen zerstört. Bis ins hohe Alter leidet sie unter dieser Schuld.

Bei ihrer Verfilmung des tragischen Romans „Abbitte“ von Ian McEwan haben sich Christopher Hampton (Drehbuch; „Oscar“ für „Gefährliche Liebschaften“) und Joe Wright (Regie) eng an die literarische Vorlage und die Struktur der 1935, 1940 und 1999 spielenden Handlung gehalten. Den inneren Monolog, in dem die Romanfigur Briony Tallis nach der Feier ihres 77. Geburtstags Abbitte leistet, haben die Filmemacher durch ein Fernsehinterview ersetzt, das sich filmisch besser darstellen lässt. Die wechselnden Perspektiven des Romans wurden jedoch in den Film ebenso übernommen wie der dramaturgische Einfall, eine entscheidende Szene Minuten später als fiktiv darzustellen. (Um welche Szene es sich handelt, wird hier nicht verraten. Wer es dennoch wissen möchte, kann es den letzten beiden Absätzen der Inhaltsangabe entnehmen.)

Joe Wright (* 1972) achtete nicht nur darauf, der emotional packenden Romanvorlage gerecht zu werden, sondern er stellte auch hohe Ansprüche an die Optik des Films. Das betrifft die von Jaqueline Durran entworfenen Kostüme, die bis in die Details stimmige Ausstattung, für deren Design Sarah Greenwood verantwortlich ist und die Kameraführung von Seamus McGarvey. Mit besonders großem Aufwand wurden die in Dünkirchen spielenden Szenen gedreht, die beinahe surreal wirken und eine unglaublich lange Kamerafahrt beinhalten. Entscheidende Bedeutung kommt in „Abbitte“ auch den Geräuschen und der von Dario Marianelli komponierten Musik zu. Schreibmaschinengeklapper bildet ein Leitmotiv, und die Musik korrespondiert nicht nur mit der Stimmung, sondern auch punktgenau mit dem Rhythmus der opulenten Bilder. Besonders eindrucksvolle schauspielerische Leistungen sehen wir von Saoirse Ronan, James McAvoy und Vanessa Redgrave.

Auf der Kinoleinwand, vor der Robbie Turner in Dünkirchen steht, sind übrigens Jean Gabin und Michèle Morgan zu sehen.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

Ian McEwan: Abbitte

Joe Wright: Stolz und Vorurteil
Joe Wright: Wer ist Hanna?
Joe Wright: Anna Karenina

Max Frisch - Andorra
"Du sollst dir kein Bildnis machen." Dieses Gebot beschäftigt Max Frisch immer wieder. In dem Drama "Andorra" zeigt er, wie bornierte, selbstgerechte Menschen einen der ihren aufgrund ihrer Vorurteile ausgrenzen.
Andorra

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.