Rattennest

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Rattennest

Rattennest – Originaltitel: Kiss Me Deadly – Regie: Robert Aldrich – Drehbuch: A. I. Bezzerides, nach dem Roman "Kiss Me Deadly" von Mickey Spillane – Kamera: Ernest Laszlo – Schnitt: Michael Luciano – Musik: Frank Devol – Darsteller: Ralph Meeker, Albert Dekker, Paul Stewart, Juano Hernandez, Wesley Addy, Marian Carr, Maxine Cooper, Cloris Leachman, Gaby Rodgers, Nick Dennis, Jack Lambert, Jack Elam, Jerry Zinneman, Leigh Snowden, Percy Helton u.a. – 1955; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Dem Privatdetektiv Mike Hammer läuft nachts eine aufgeregte Frau barfuß vors Auto. Er nimmt sie mit und wird kurz darauf mit ihr zusammen Opfer eines Mordanschlags. Die Frau kommt dabei ums Leben, Mike erwacht nach drei Tagen aus dem Koma. Obwohl ihm ein befreundeter Polizeioffizier davon abrät, beginnt er mit Nachforschungen, denn er will die Mörder finden ...
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Kritik

Die Verfilmung des Romans "Kiss Me Deadly" von Mickey Spillane gilt als Klassiker des film noir. Der düstere Thriller "Rattennest" vermittelt das Bild einer Gesellschaft, in der moralische Maximen relativ geworden sind und der Zweck die Mittel heiligt.
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Als der Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker) mit seinem Cabriolet nachts auf einer Landstraße in Kalifornien unterwegs ist, rennt ihm eine Frau vors Auto, die weder Schuhe noch Strümpfe trägt und offensichtlich panische Angst hat. Mike nimmt die Blondine mit. Sie geraten in eine Polizeikontrolle, und Mike erfährt, dass nach einer blonden Frau gesucht wird, die aus einer psychiatrischen Klinik ausbrach. Obwohl Mike sofort begreift, dass die Gesuchte neben ihm sitzt, gibt er sie bei der Kontrolle als seine Ehefrau aus und fährt mit ihr weiter. Christina Bailey (Cloris Leachman) will nach Los Angeles. Während sie kurz an einer Tankstelle halten, gibt sie dem Tankwart (Robert Sherman) ein verschlossenes Kuvert und bittet ihn, den Brief aufzugeben.

Kurz vor Los Angeles blockiert plötzlich ein anderer Wagen die Straße. Ein paar Männer überwältigen Mike und Christina. Als der Detektiv wieder zu sich kommt, liegt er in einer Halle auf dem Boden. Von Christina sieht er nur die in der Luft baumelnden Beine. Sie wird gefoltert, aber sie verrät das Geheimnis nicht, hinter dem die Verbrecher her sind. Einer von ihnen trägt blaue Wildlederschuhe. Nachdem Christina qualvoll gestorben ist, zerren die Männer sie und Mike in dessen Cabriolet und stoßen das Fahrzeug von einer Küstenstraße in den Abgrund.

Nach drei Tagen erwacht Mike im Krankenhaus aus dem Koma. Velda (Maxine Cooper), seine Assistentin und Geliebte, ist bei ihm.

Obwohl alle von einem Verkehrsunfall reden und Mike sich nicht an alle Einzelheiten erinnert, weiß er, dass Christina ermordet wurde und er den Anschlag nur durch Glück überlebt hat. Der mit ihm befreundete Polizeioffizier Pat Murphy (Wesley Addy) rät ihm dringend davon ab, der Sache nachzugehen, aber Mike hört nicht auf ihn. Selbst als Pat dafür sorgt, dass ihm die Lizenz und der Waffenschein entzogen werden, stellt er seine Nachforschungen nicht ein. Und Velda hilft ihm dabei.

Von dem untergetauchten und im Gesicht verletzten Journalisten Ray Diker (Mort Marshall) erfährt er Christinas Adresse. Er bringt den Hausverwalter Horace (James McCallion) dazu, mit ihm in die Wohnung zu gehen und nimmt daraus einen Band mit Gedichten von Christina Rossetti mit. Von einem alten Spediteur (Silvio Minciotti) erfährt er, wohin Christinas Mitbewohnerin Lili Carver (Gaby Rodgers) kürzlich zog.

Lili empfängt Mike mit einer Pistole in der Hand. Sie erzählt ihm, Christina habe vor irgendetwas große Angst gehabt und sei vor ein paar Tagen von der Polizei abgeholt worden.

Mike wird verfolgt, mit einem Messer angegriffen, und nur durch seine Wachsamkeit verhindert er die Explosion von zwei Autobomben.

Eine Spur führt zu einem offenbar sehr reichen Mann namens Carl Evello (Paul Stewart). Als Mike vor dessen Villa parkt, küsst ihn unversehens eine fremde junge Frau und nimmt ihn mit hinein. Sie sei Friday (Marian Carr), die Schwester des Hauseigentümers, erklärt sie. Evello erkennt den Privatdetektiv und hetzt seine beiden Bodyguards Sugar Smallhouse und Charlie Max (Jack Lambert, Jack Elam) auf ihn. Mike schlägt jedoch Sugar nieder und Charlie in die Flucht. Daraufhin gibt Evello ohne weiteres die Mordanschläge zu und warnt Mike vor weiteren Nachforschungen.

Er fährt noch einmal zu Lili, und weil sie sich zu fürchten scheint, nimmt er sie mit in seine Wohnung.

Nick (Nick Dennis), der mit Mike befreundete Besitzer einer Autowerkstatt, der nach dem Anschlag auf Mike und Christina das Wrack abschleppte und inzwischen Erkundigungen für den Privatdetektiv durchführt, liegt unter einem Fahrzeug, als er sieht, wie ein Mann mit blauen Wildlederschuhen hereinkommt und zum Wagenheber geht. Kurz darauf findet der Monteur Sam (Jerry Zinneman) die Leiche seines Chefs, der von dem Auto zerquetscht wurde.

Entsetzt über den Tod seines Freundes betrinkt Mike sich in einer Kneipe. Spät abends richtet ihm der Barkeeper (Art Loggins) im Auftrag der Gangster aus, dass Velda entführt wurde. Sie hatte sich mit dem Kunsthändler William Christ treffen wollen, um mehr über einen Dr. G. E. Soberin (Albert Dekker) herauszufinden, der in den Fall verwickelt zu sein scheint.

Mike fährt zu dem Tankwart, dem Christina den Brief gegeben hatte und fragt ihn, ob er sich an die Adresse erinnern könne. Der Mann weiß nur noch, dass der Vorname des Empfängers Mike lautete. Daraufhin eilt er nach Hause und sucht den Brief. Die Nachricht lautet: „Vergiss mich nicht.“ Sugar Smallhouse und Charlie Max, die Mike in der Wohnung auflauerten, überwältigen ihn, verschleppen ihn in ein Strandhaus und fesseln ihn dort auf ein Bett.

Auf dem Bauch liegend, sieht er erneut die blauen Wildlederschuhe. Der Mann injiziert ihm ein Wahrheitsserum.

Nachdem Mike wieder zu sich gekommen ist, gelingt es ihm, sich von den Fesseln zu befreien und Levello zu töten, der nach ihm schaut. Er flieht durch ein Fenster.

Was bedeutet Christinas Brief? Mike findet schließlich heraus, dass es sich bei „Vergiss mich nicht“ um den Titel eines Gedichts von Christina Rossetti handelt, in dem es heißt: „Selbst Todesdunkelheit und bitt’rer Schmerz lässt dir eine Spur von dem, was wir einst dachten.“ Ist das ein Hinweis darauf, dass Christina kurz vor ihrem Tod noch etwas verstecken konnte? Im Leichenschauhaus trifft er Doc Kennedy (Percy Helton) an und bringt ihn dazu, ihm einen Schlüssel auszuhändigen, der bei der Autopsie im Magen der Toten gefunden wurde.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Der Schlüssel hatte Nicolas Raymondo gehört, einem Mann, dessen Namen Velda bei ihren Ermittlungen notiert hatte, und er gehört zu einem Schrankfach in einem Club. Darin findet Mike einen Koffer und wundert sich über die Hitze, die davon ausgeht. Als Mike den Deckel vorsichtig anhebt, wird er von gleißendem Licht geblendet und am Arm verbrannt, obwohl er den Koffer sofort wieder schließt.

Pat Murphy klärt ihn darüber auf, dass man vor einer Woche Lili Carvers Leiche fand. Mike wurde also von einer anderen Frau hereingelegt. Offenbar weiß die Polizei, dass er im Leichenschauhaus war, denn Pat fordert ihn auf, den Schlüssel herauszugeben, und als Mike zögert, deutet er an, dass es sich bei dem Kofferinhalt um Material aus dem streng geheimen Manhattan Project handelt.

Auf der Suche nach Velda bricht Mike bei dem Kunsthändler William Christ ein. Der liegt im Bett, und als er Geräusche hört, geht er ins Bad und schluckt eine Überdosis Schlaftabletten. Auf den Tablettenröhrchen fällt Mike der Name „Dr. Soberin“ auf. Er ruft in dessen Praxis an, aber es heißt, der Arzt sei nicht da, sondern vermutlich in seinem Strandhaus.

Mike nimmt an, dass es sich um das Strandhaus handelt, aus dem er fliehen konnte.

Dort fordert Gabrielle, Dr. Soberins Assistentin, die sich als Lili Carver ausgab, ihren Chef gerade auf, ihr die Hälfte aus dem geheimnisvollen Koffer zu überlassen, der auf dem Tisch steht. Soberin, der Mann mit den blauen Wildlederschuhen, versucht ihr zu erklären, dass dies nicht möglich sei, aber daraufhin will sie alles und schießt ihn kaltblütig nieder. Der Sterbende warnt sie eindringlich davor, den Koffer zu öffnen. Mike steht in der Tür. Gabrielle schießt auf ihn, und er bricht zusammen. In ihrer Gier kann Gabrielle der Versuchung nicht widerstehen: Sie hebt den Deckel an. Ihr Kleidung fängt sofort Feuer. Mike kommt wieder zu sich, bricht die Tür des Zimmers auf, in dem Velda eingesperrt war und flieht mit ihr über den Strand zum Wasser. Von dort sehen wie, wie das Strandhaus in einem gewaltigen Feuerball explodiert.

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Der Film „Rattennest“ – Originaltitel: „Kiss Me Deadly“ – basiert auf einem 1952 von dem amerikanischen Schriftsteller Mickey Spillane (eigentlich: Frank Michael Morrison Spillane, 1918 – 2006) veröffentlichten Roman „Kiss Me, Deadly“ („Die verlorenen Schlüssel“, Übersetzung: Dietrich Bogulinski, Amsel Verlag, Berlin 1953, 248 Seiten; „Rhapsodie in Blei“, Übersetzung: Werner Gronwald, Heyne Verlag, München 1966, 156 Seiten; „Küss mich, Tod“, Übersetzung: Lisa Kuppler, Rotbuch-Verlag, Hamburg 1999, 262 Seiten). Über die Figur des Privatdetektivs Mike Hammer schrieb Mickey Spillane ein Dutzend Kriminalromane, die millionenfach verkauft wurden. Mike Hammer ist brutaler und skrupelloser als die von Dashiell Hammett bzw. Raymond Chandler geschaffenen Privatdetektive Sam Spade und Philip Marlowe. Unter den Verfilmungen von Mike-Hammer-Romanen ragt die von Robert Aldrich heraus. Der behauptete allerdings in einem Interview, er habe nur den Titel „Kiss Me Deadly“ verwendet und das Buch weggeworfen.

Inzwischen gilt der düstere, von der Angst vor einer atomaren Eskalation des Kalten Krieges geprägte Thriller „Rattennest“ als Klassiker des film noir. Er vermittelt das pessimistische Bild einer Gesellschaft, in der moralische Maximen relativ geworden sind und der Zweck die Mittel heiligt. Weil Robert Aldrich (Regie) und Albert Isaac Bezzerides (Drehbuch) in der McCarthy-Ära verdächtigt wurden, mit dem Kommunismus zu sympathisieren, hielten einige Kritiker den Film für einen Kommentar dazu, und Robert Aldrich bestätigte das in einem Interview:

Because Kiss Me Deadly, at ist depth, had to do with the McCarthy Era, the end justifying the means, and the kind of materialistic society that paid off in choice rewards, sometimes girls, sometimes money, sometimes other things. (Eugene L. Miller und Edwin T. Arnold (Hg.): Robert Aldrich Interviews, Seite 58)

Auch wenn nicht jede Wendung plausibel ist, bleibt „Rattennest“ bis zum Schluss spannend. Hervorzuheben ist die Kameraführung von Ernest Laszlo, der mit ungewöhnlichen Perspektiven, Licht und Schatten spielt. Ralph Meeker fehlt allerdings die Ausstrahlung von Humphrey Bogart in den Rollen der Privatdetektive Sam Spade („Die Spur des Falken“) und Philip Marlowe („Tote schlafen fest).

Was genau der geheimnisvolle Koffer enthält, erfahren wir nicht. (In solchen Fällen spricht man seit Alfred Hitchcock von einem MacGuffin.)

Wegen brutaler Szenen kam „Rattennest“ in manchen Staaten – darunter auch Deutschland – in gekürzten Versionen ins Kino.

„Kiss Me Deadly“ bzw. „Rattennest“ endete im Kino mit der Explosion des Strandhauses. Nach dem Tod von Robert Aldrich (5. Dezember 1983) fand man ihn seinem Nachlass Filmszenen, die laut Drehbuch danach noch kommen sollten. Diese sind auf der 1997 herausgebrachten DVD zu sehen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

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