Wildfeuer

Wildfeuer

Wildfeuer

Originaltitel: Wildfeuer – Regie: Jo Baier – Drehbuch: Jo Baier, Reinhard Klooss – Kamera: Gernot Roll – Schnitt: Caroline Biggerstaff, Alexander Samsonow, Elke Schmid – Musik: Enjott Schneider – Darsteller: Anica Dobra, Karl Tessler, Josef Bierbichler, Johannes Thanheiser, Branko Samarovski, Eva Hörbiger, Gerald Forstmaier, Fred Stillkrauth, George Meyer-Goll, Sepp Schauer u.a. – 1991; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Die Wirtstochter Emerenz Meier wird verspottet, weil sie Verse schreibt. Nach einem Streit mit ihrem Vater läuft sie fort und findet Arbeit bei einem Großbauern. Als der Bauer Emerenz schlägt, rammt der gehörlose Tagelöhner Gottfried ihm die Spitze der Sense in die Brust. Danach versteckt er sich. Emerenz flieht nach Passau und findet dort Arbeit als Kellnerin. Der reiche Brauereibesitzer Alfons Helmberger sorgt dafür, dass die Zeitung ein Gedicht von ihr veröffentlicht und macht sie zu seiner Geliebten ...
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Kritik

In eindrucksvollen Bildern porträtiert Jo Baier eine selbstbewusste Frau, die aus der Enge ihres Dorfes ausbricht, statt sich anzupassen. "Wildfeuer" ist Heimatfilm, aber Jo Baier zeigt keine romantische Idylle, sondern betont die Zwänge und die harten Seiten des Landlebens.
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Die Wirtstochter Emerenz Meier (Anica Dobra) schreibt Gedichte und wird deshalb in ihrem Heimatdorf im Bayerischen Wald als narrische Verslmacherin verspottet. Nur der Franzl (Gerald Forstmaier), der sich ein hölzernes Fahrrad bastelt und von einem aus Metall träumt, lacht nicht über sie. Emerenz‘ ungebildete Eltern (Branko Samarovski, Eva Hörbiger) halten das Dichten für Zeitverschwendung. Um ihr die Spinnerei auszutreiben, zerrt der Vater sie auf den Hof und will sie zwingen, beim Schweineschlachten zuzuschauen.

Nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater verlässt Emerenz Meier den Ort und findet zusammen mit anderen Tagelöhnern Arbeit bei einem einarmigen Großbauern (Fred Stillkrauth). Der schickt seine Tochter und lädt sie ein, bei ihm im Haus zu übernachten, aber Emerenz zieht es vor, wie die anderen Mägde und Knechte in der Scheune zu schlafen.

Unter den Tagelöhnern befinden sich auch der alte Pankraz (Johannes Thanheiser) und dessen Pflegesohn Gottfried (Karl Tessler). Pankraz und seine Ehefrau hatten vor Jahren ein taubes, verwaistes Zigeunerkind gefunden. Sie nannten das Kind Gottfried, nahmen es bei sich auf und zogen es groß. Emerenz verliebt sich in den sensiblen jungen Mann, und er erwidert ihre zarten Gefühle.

Der rabiate Bauer kommt aufs Feld, um die Tagelöhner beim Mähen zu kontrollieren. Als er Emerenz schlägt, rammt Gottfried ihm die Spitze seiner Sense in die Brust. Emerenz, Gottfried und Pankraz fliehen, aber für den alten Mann ist die Aufregung zu groß: Er stirbt unterwegs. Während Gottfried seinen toten Pflegevater nach Hause trägt, schlägt Emerenz Meier sich nach Passau durch und findet dort Arbeit als Kellnerin.

Das Gasthaus gehört dem Brauereibesitzer Alfons Helmberger (Josef Bierbichler), einem der reichsten Männer in Passau. Dem gefällt die junge Dichterin. Er kleidet sie neu ein, stellt ihr eine Kammer zur Verfügung, defloriert sie und macht sie zu seiner Geliebten. Auch sein Versprechen, dass die Passauer Zeitung ein Foto und ein Gedicht von ihr auf der Titelseite veröffentlichen werde, hält er.

Die Zeitung packt Emerenz ein, als sie eines Tages Passau verlässt, ohne sich von Helmberger zu verabschieden, und in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Inzwischen hat ihr fauler Schwager Hans Egerer das Gasthaus ihres Vaters übernommen. Stolz zeigt sie ihm die Zeitung, aber lesen kann Egerer nicht.

Emerenz geht in das Nachbardorf, in dem Gottfried aufwuchs. Von seiner verwitweten Pflegemutter erfährt sie, dass er sich vor den Gendarmen im Wald versteckt. Kurz nachdem Emerenz das Haus verlassen hat, um Gottfried zu suchen, zündet die alte Frau es an. Gottfried kommt angerannt, kann aber nicht verhindern, dass seine Pflegemutter in dem Haus verbrennt. Die einsame alte Frau, die weiß, dass Gottfried sie nun auch verlassen wird, weil er Emerenz liebt, hatte genug vom Leben [Suizid].

Den Obdachlosen nimmt Emerenz mit in ihre Kammer, und dort gibt sie sich ihm hin. Sie liegen nackt im Bett, als Emerenz‘ betrunkener Vater auftaucht: Weil ihn sein Schwiegersohn im Haupthaus hinausgesperrt hat, will er bei seiner Tochter schlafen. Als er merkt, dass sie mit einem Gehörlosen zusammen ist, verhöhnt er sie und beschimpft sie als Hure.

Während Gottfried bei Flößern Arbeit findet, kehrt Emerenz nach Passau zurück und erreicht, dass Helmberger ihr verzeiht.

Vor einem Theaterwettbewerb kauft der Brauereibesitzer alle Eintrittskarten und verschenkt sie an ausgesuchte Leute, von denen er als Gegenleistung erwartet, dass sie durch ihren Beifall Emerenz Meier zum Sieg verhelfen. Nachdem sie den Lorbeerkranz bekommen hat, fährt er mit ihr zu der Gaststätte „Zur schönen Dichterin“, die er für sie eingerichtet hat. Unter den geladenen Gästen, die seiner Geliebten im Theater applaudiert hatten, verteilt er auch noch Taschenuhren. Eigentlich möchte Emerenz in dieser Nacht allein sein, aber ihr Liebhaber lässt sich nicht abweisen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Emerenz Meier ahnt nicht, dass Gottfried am Abend nach Passau gekommen ist und nach ihr sucht. Er entdeckt ihr Bild im Schaukasten des Theaters. Während er darauf wartet, dass sie herauskommt, spricht ihn eine Prostituierte an, hebt den Rock und fordert ihn auf, ihr Strumpfband zu berühren. Zuerst zögert er, aber dann lässt er ihr Bein nicht mehr los. Sie prügelt mit ihrem Schirm auf ihn ein. Da schubst er sie ein wenig. Sie fällt und schlägt so unglücklich mit dem Kopf auf, dass sie auf der Stelle tot ist. Gottfried zieht die Leiche in den Schatten. Später folgt er mit ihr der Kutsche, mit der Helmberger und Emerenz Meier vom Theater wegfahren, und beobachtet die beiden durch ein Fenster.

Er begreift, dass Emerenz mit dem reichen Brauereibesitzer ein Verhältnis hat. Enttäuscht legt er die tote Prostituierte auf die Eingangstreppe der Gaststätte, setzt sich daneben, zieht sich aus und deckt die Leiche mit seinen Sachen zu.

Am Morgen werden Helmberger und Emerenz Meier von einem Gendarm geweckt. Schaulustige stehen vor dem Wirtshaus „Zur schönen Dichterin“. Auf der Treppe liegt Gottfried nackt und erfroren neben der Leiche der Prostituierten.

Emerenz Meier fühlt sich schuldig. Sie bleibt zwar in Passau, trennt sich jedoch von Alfons Helmberger.

Als Franz mit seinem neuen Fahrrad aus Stahl nach Passau kommt, um ihr im Auftrag ihrer Mutter die Kinderschuhe zu bringen und sie aufzufordern, nach Hause zu kommen, stellt er entsetzt fest, dass Emerenz ihr Geld als Hure verdient.

Emerenz folgt dem Ruf ihrer Mutter. Ihr Schwager setzte sich inzwischen mit ihrer Schwester Petronilla vor seinen Gläubigern nach Amerika ab, und ihr Vater ist so verzweifelt, dass er sich die Pulsadern aufschneidet. Emerenz entdeckt ihn rechtzeitig und überredet ihn, Hans und Petronilla nach Amerika zu folgen. Während sie und ihr Vater hoffnungsvolle Pläne für ein neues Leben in den USA schmieden, kippt sich die Mutter absichtlich einen Topf kochenenden Wassers über die bloßen Füße, denn sie will nicht auswandern.

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In seinem Film „Wildfeuer“ orientiert sich Jo Baier nur lose an der Biografie der niederbayerischen Heimatdichterin Emerenz Meier. In eindrucksvollen Bildern, die an „Herbstmilch“ erinnern, porträtiert Jo Baier eine selbstbewusste, kämpferische Frau, die aus der Enge ihres Dorfes ausbricht, statt sich anzupassen. Noch bevor den Frauen im Deutschen Reich das Wahlrecht zugestanden wird, versucht Emerenz Meier, sich zu emanzipieren und selbst zu verwirklichen. „Wildfeuer“ ist Heimatfilm, aber Jo Baier zeigt keine romantische Idylle, sondern betont die Zwänge und die harten Seiten des Landlebens. Neben überzeugenden schauspielerischen Leistungen sind die Kameraführung von Gernot Roll und die von Norbert Jürgen („Enjott“) Schneider komponierte und dirigierte, von Mitgliedern der Münchner Philharmoniker gespielte Filmmusik hervorzuheben.

Jo Baier drehte bereits 1986 einen Film über Emerenz Meier: „Schiefweg“.

Originaltitel: Schiefweg – Regie: Jo Baier – Drehbuch: Jo Baier – Kamera: Siegfried Reimer, Günther Weckwarth – Schnitt: Elke Schmid, Sabine Zimmermann – Darsteller: Daniela Schötz, Josef Wierer, Karl Schöll, Therese Plöckinger, Marietta Falkner, Monika Heindl, Hermine Stamp, Johann Lackinger, Anna Aufschläger, Marinus Brand, Berthold Jagode, Marianne Zaus, Heike Drasch u.a. – 1986; 110 Minuten

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Inhaltsangabe und Filmkritik: © Dieter Wunderlich 2008

Emerenz Meier (Kurzbiografie)

Jo Baier (Kurzbiografie / Filmografie)
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