Nicht alle waren Mörder

Nicht alle waren Mörder

Nicht alle waren Mörder

Originaltitel: Nicht alle waren Mörder - Regie: Jo Baier - Drehbuch: Jo Baier, nach dem Buch "Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin" von Michael Degen - Kamera: Gunnar Fuss - Schnitt: Clara Fabry - Musik: Enjott Schneider - Darsteller: Nadja Uhl, Aaron Altaras, Hannelore Elsner, Katharina Thalbach, Dagmar Manzel, Axel Prahl, Richy Müller, Maria Hofstätter, Steffi Kühnert, Petra Schmidt-Schaller, Maria Simon, Martin Stührk, Regine Zimmermann, Karl-Alexander Seidel, Anna Thalbach u.a. - 2006; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Im März 1943 gelingt es der Jüdin Anna Degen, mit ihrem 11-jährigen Sohn Michael in Berlin unterzutauchen und so der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen. Zwei Jahre lang verstecken sich die beiden vor den Nationalsozialisten, immer in Angst vor Verrat und Entdeckung. Hilfe bekommen sie u. a. von einer russischen Emigrantin und einem seelisch gebrochenen Angestellten der Reichsbahn ...
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Kritik

Bei der Verfilmung des autobiografischen Buches "Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin" von Michael Degen hielt Jo Baier sich eng an die Vorlage, die sich durch das Fehlen von Larmoyanz und Verbitterung auszeichnet.
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Berlin, Frühjahr 1943. Zwar gelang es Anna Degen (Nadja Uhl), ihren Mann aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen freizukriegen, aber man hatte ihm dort den Brustkorb eingetreten, und er starb nach wenigen Tagen im Krankenhaus, ohne dass ihn sein elfjähriger Sohn Michael (Aaron Altaras) noch einmal sehen durfte.

Kurz darauf weckt Michael seine Mutter: Von draußen ist Lärm zu hören. Die SS treibt die Juden im Stadtviertel zusammen. Nachdem Anna sich eilig angezogen und nichts außer Geld und Schmuck in die Manteltaschen gesteckt hat, reißt sie sich und dem Jungen den Judenstern ab. Während die Uniformierten bereits durchs Treppenhaus laufen und gegen die Türen pochen, fahren Anna und Michael mit dem Aufzug hinunter. „Was ist denn hier los?“, fragt Anna scheinbar naiv einen SS-Offizier, der im Hausflur steht. „Nichts!“, herrscht dieser sie an. „Gehen Sie weiter!“ Draußen werden Juden auf Lastwagen verladen und abtransportiert, zunächst ins Sammellager, dann in eines der Vernichtungslager, etwa nach Auschwitz. Die Uniformierten stoßen Greise herum, und einer von ihnen schießt auf ein verzweifeltes kleines Mädchen, das seine Mutter sucht. Anna und Michael kommen unbehelligt durch das Getümmel.

Von einer Telefonzelle in einer U-Bahn-Station ruft Anna ihre Freundin Lona Beege-Faude-Furkert (Maria Simon) an, die seit 1938 das Textilgeschäft der jüdischen Familie Degen führt und die Einnahmen redlich teilt. Lona bringt Anna und Michael zu der Pianistin Ludmilla Dimitrieff (Hannelore Elsner). Die russische Emigrantin, die seit 23 Jahren in Berlin lebt und selbst mit einem Juden verheiratet war, stellt den beiden – die sich nun Rosa und Max Gemberg nennen – gegen Bezahlung zwei frühere Dienstbotenkammern zur Verfügung. Wenn Ludmilla in ihrer großbürgerlichen Wohnung Konzerte gibt und dazu auch Nationalsozialisten einlädt, dürfen sich die beiden Untergetauchten nicht sehen lassen. Aber sie werden von einem nationalsozialistischen Offizier entdeckt, der die Toilette sucht. Fliegeralarm rettet sie. Während alle in den Luftschutzbunker laufen, bleiben Anna und Michael während des Luftangriffs in einer ihrer Dachkammern. Als das Haus von einer Bombe getroffen wird und in Flammen aufgeht, gelingt es ihnen zwar, dem Inferno zu entgehen – aber sie sind erneut obdachlos.

Der Kommunist Karl Hotze (Richy Müller), der zwei Jahre im KZ Buchenwald war, verschafft ihnen ein neues Versteck bei den Teubers in Berlin-Friedrichshain. Oma Teuber (Katharina Thalbach), die mit ihren drei erwachsenen Töchtern in ihrer schmuddeligen Wohnung eine Art Bordell für Fronturlauber betreibt, lässt die beiden Juden im Zimmer ihrer Tochter Grete (Anna Thalbach) schlafen, weil sie hinter den Zusatzeinnahmen her ist. Anna kann nichts dagegen tun, dass ihr Sohn miterlebt, wie es Grete mit ihren Freiern treibt.

Einmal wagt Anna sich mit Michael auf die Straße – und wird von der Gestapo gestellt. Sie muss ihre ganzen Überredungskünste einsetzen, um nicht festgenommen zu werden. Michael läuft währenddessen zum Stettiner Bahnhof, den sie als Treffpunkt für den Fall ausgemacht haben, dass sie getrennt werden. Aber in der Menschenmenge finden sie sich nicht. Erna Niehoff, eine Schwester der Volksfürsorge, bringt Michael schließlich nach Hause. Weil das Risiko besteht, dass Erna Niehoff sie verrät, müssen Anna und Michael die Wohnung der Teubers verlassen.

Karl Hotze, seine Frau Käthe (Steffi Kühnert) und deren Schwester Martchen Schewe (Dagmar Manzel) nehmen sie im Dachgeschoss ihres kleinen Hauses im Vorort Kaulsdorf auf. Damit Michael ins Freie kann, besorgt Martchen ihm eine HJ-Uniform. Er befreundet sich mit dem drei Jahre älteren Nachbarjungen Rolf Redlich (Martin Stührk). Heimlich laufen sie in den Wald und suchen nach Bombensplittern. Rolf nimmt Michael mit ins Haus. Dort ist ein englischer Sender zu hören, der sofort ausgeschaltet wird, als Rolf nach seinem Vater ruft. Erwin Redlich (Axel Prahl) – ein vorzeitig pensionierter Lokführer der Reichsbahn – merkt, dass es sich bei dem neuen Freund seines Sohnes um einen Juden handelt, aber er verrät Michael und dessen Mutter nicht.

Einige Zeit später taucht die Gestapo im Morgengrauen bei Karl Hotze auf. Im letzten Augenblick springen Anna und Michael aus einem Fenster im ersten Stock. Karl und Käthe Hotze werden in ein Konzentrationslager gebracht.

Erneut stehen Anna und Michael auf der Straße und müssen damit rechnen, von den Nationalsozialisten aufgegriffen zu werden. In dieser Situation zeigt Erwin Redlich Mitleid und versteckt die beiden bei sich. Da der Lokführer – dessen Sohn Rolf im Wald von einem Blindgänger getötet wird – selbst Züge mit Juden in Viehwaggons nach Auschwitz fuhr und sah, was in den Vernichtungslagern geschah, weiß er, in welcher Gefahr Anna und Michael Degen sich befinden.

Nachdem Martchen in das leer stehende Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers zurückgekehrt ist, nimmt sie Anna und Michael Degen wieder auf.

Im April 1945 marschiert die Rote Armee in Kaulsdorf ein. Nach zwei Jahren haben die beiden untergetauchten Juden das NS-Regime überlebt. Aber nun droht eine neue Gefahr, denn ein russischer Offizier (Merab Ninidze), der überzeugt ist, dass es in Berlin seit 1943 keine Juden mehr gibt, hält Anna Degen für eine nationalsozialistische Spionin, zumal sie weder für sich noch für ihren Sohn Ausweispapiere besitzt. Erst als Michael Degen das Totengebet Kaddisch in hebräischer Sprache aufsagt, lässt sich der Offizier, bei dem es sich glücklicherweise um einen Juden handelt, überzeugen.

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Ohne Larmoyanz oder Verbitterung erzählt Michael Degen in seinem Buch „Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin“ (Econ Verlag, München 1999, 331 Seiten, ISBN 3-430-12049-7) aus der Sicht eines elf- bis dreizehnjährigen Jungen von den zwei Jahren, in denen er und seine Mutter sich vor den Nationalsozialisten versteckten. Dabei halfen ihnen andere Personen aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Bei der Verfilmung von Michael Degens Erinnerungen hat Jo Baier sich eng an die Vorlage gehalten und daraus ein ernstes, auf markante Szenen konzentriertes, packendes und beklemmendes TV-Drama in vorwiegend beigen Farben gemacht. Es gibt aber auch absurd-komische Szenen in diesem Geschichtsdrama, in dem sich Jo Baier – anders als in „Stauffenberg“ – nicht mit berühmten Widerstandskämpfern, sondern mit „kleinen Leuten“ beschäftigt.

[…] Auch diesmal geht es für mich um Zivilcourage und Widerstand. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein spektakuläres Attentat, sondern um die eher unspektakuläre zivile Unbotmäßigkeit von Menschen, die sich dem Nazisystem und seinen Schergen verweigern. […]
Wer meine persönliche Haltung kennt – und ich denke, sie ist in all meinen Filmen zum Ausdruck gekommen – wird mir dabei sicher keinen Versuch einer Aufrechnung unterstellen. Es gibt für die vielen, die Unrecht und Mord begangen haben, kein Gegengewicht, ihre Verbrechen bleiben, was sie sind!
[…] Wenn man bedenkt, dass in Berlin nach der letzten großen Deportationswelle ab Februar 1943 (der so genannten Fabrikaktion) annähernd 6000 jüdische Mitbürger als so genannte U-Boote in den Untergrund gingen und mindestens 1500 von ihnen das Kriegsende überleben konnten; wenn man pro Person zwischen sieben und zwanzig Beteiligte rechnet, die diese Menschen aufgenommen, versteckt und versorgt haben müssen, dann ergibt sich doch eine erstaunliche Zahl von Helfern.
Das mögen – wie in unserem Film – durchaus sehr unterschiedliche, manchmal ehrbare, manchmal weniger ehrbare Motive gewesen sein […]
Mehr denn je halte ich Mut und Zivilcourage in unserem gesellschaftlichen Miteinander, in einer funktionierenden Demokratie, für absolut unentbehrlich. (Jo Baier, 2005)

Hervorzuheben sind die exzellente Besetzung und die schauspielerische Leistung der Darsteller.

Aaron Altaras war bei Drehbeginn neun Jahre alt. Die Mutter des Berliner Gymnasiasten ist Schauspielerin, der Vater Komponist. Bei der Frage, wer seine Mutter spielten sollte, hatte Michael Degen zunächst an Martina Gedeck gedacht, aber sie konnte die Rolle wegen eines anderen Filmprojekts nicht übernehmen. Die Filmemacher entschieden sich deshalb für Nadja Uhl, eine blauäugige Blondine, von der Michael Degen dann sagte: „Obwohl Nadja meiner Mutter nicht ähnlich sieht, hat sie sich ihr innerlich wie äußerlich erstaunlich angenähert. Das ist eine große, frappierende Leistung.“

Die Dreharbeiten für „Nicht alle waren Mörder“ begannen am 10. Oktober 2005. Ausgestrahlt wurde der Film erstmals am 1. November 2006 im Ersten Programm der ARD.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

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