Jurek Becker : Bronsteins Kinder

Bronsteins Kinder
Bronsteins Kinder Erstausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1986
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1973 entdeckt der achtzehnjährige Hans Bronstein, dass sein Vater zusammen mit zwei anderen Männern im Wochenendhaus einen ehemaligen KZ-Aufseher gefangen hält und von ihm ein Geständnis seiner Verbrechen erzwingen will, statt ihn einem staatlichen Gericht zu übergeben. Verzweifelt und erfolglos versucht der Gymnasiast, mit seinem Vater zu reden und angemessen auf dessen Vorgehensweise "richtig" zu reagieren ...
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Kritik

Jurek Becker erzählt die erschütternde Geschichte aus der Sicht des Sohnes, der sich nach einem Jahr an die schrecklichen Ereignisse erinnert und versucht, nicht den Verstand zu verlieren, sondern darüber hinwegzukommen. – "Bronsteins Kinder" ist ein aufwühlender, inhaltlich und formal überzeugender Roman.
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Vor einem Jahr kam mein Vater auf die denkbar schwerste Weise zu Schaden, er starb. Das Ereignis fand am vierten August 73 statt, oder sagen wir ruhig das Unglück, an einem Sonnabend. Ich habe es kommen sehen. (Seite 7)

Mit diesen Worten beginnt Jurek Beckers Roman „Bronsteins Kinder“. Der inzwischen neunzehnjährige Erzähler Hans Bronstein wurde nach dem Tod seines Vaters Arno vor einem Jahr von Hugo und Rahel Lepschitz, den Eltern seiner damaligen Freundin Martha aufgenommen. Sie ahnen nichts von den Umständen, unter denen sein Vater starb; sie glauben, er sei einfach einem Herzinfarkt erlegen.

Der Berliner Gymnasiast Hans Bronstein und die eineinhalb Jahre ältere Germanistikstudentin Martha Lepschitz hatten sich vor drei Jahren, 1971, kennen gelernt und verliebt. Wenn sie miteinander schlafen wollten, fuhren sie zu einem Waldhaus, das Arno Bronstein gekauft hatte, als Hans noch ein Säugling gewesen und bevor dessen Mutter an einer Blutvergiftung gestorben war.

An einem Sonntagnachmittag im Sommer 1973 hatten Hans und Martha sich wieder einmal dort verabredet. Hans traf vor seiner Geliebten ein – und erschrak, weil ein Auto vor dem Wochenendhaus stand. Er wusste, wem es gehörte: Gordon Kwart, einem Freund seines Vaters, der vor zehn Jahren von seiner Frau und den beiden Töchtern verlassen worden war.

Er war ein gutmütiger, langweiliger Mensch, zehnter oder zwanzigster Geiger im Rundfunk-Symphonieorchester, der sich vor allem Unvorhergesehenen fürchtete und Ruhe für Glück hielt. (Seite 27)

Neugierig sperrte Hans mit dem Nachschlüssel, den er sich heimlich hatte anfertigen lassen, die Haustür auf und horchte im Korridor. Aus einem Zimmer hörte er Stimmen. Sein Vater, Gordon Kwart und ein dritter Jude standen vor einem auf ein Eisenbett gefesselt Mann, den sie dem Gestank nach bereits seit einigen Tagen gefangen hielten. Mit Hilfe seines Vaters konnte Hans Bronstein sich ungeschoren wieder davonmachen und Martha von der Bahn abholen. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und log ihr etwas von Leuten vor, die sein Vater vorübergehend in dem Haus wohnen ließ.

Zwei Tage später fand seine letzte Abiturprüfung statt: Biologie. Gleich danach fuhr er zum Waldhaus. Diesmal traf er den Gefangenen allein an. Der Fremde hieß Arnold Heppner. Während des Zweiten Weltkriegs war er Aufseher im Konzentrationslager Neuengamme gewesen, hatte aber weder mit Arno Bronstein noch mit Gordon Kwart oder Erik Rotstein – das war der Name des dritten Juden – etwas zu tun gehabt: Die Männer, die ihn jetzt zwingen wollten, seine Schuld zu bekennen, waren nie in Neuengamme gewesen. Kwart hatte Heppner beim Kartenspielen in seiner Stammkneipe kennen gelernt und vor fünf Tagen mit der Einladung zu einer Skatrunde hergelockt. Heppner bot Hans Bronstein seine gesamten Ersparnisse – 6000 Mark – für seine Befreiung an, doch ohne Werkzeug konnte Hans die Handschellen nicht öffnen.

Er fuhr nach Berlin zurück und konnte an nichts anderes mehr denken. Zu Hause fragte er seinen Vater, warum sie den früheren KZ-Aufseher nicht einem staatlichen Gericht überließen statt sich selbst wie Richter aufzuspielen. Niemand habe das Recht zur Selbstjustiz, schon gar nicht dreißig Jahre nach den Ereignissen. Aber sein Vater wollte nichts von den Gerichten wissen, die einen NS-Täter seiner Meinung nach nicht aus Überzeugung verurteilen würden, sondern allenfalls, weil sie es aufgrund von Gesetzen und Beweisen müssten.

Noch am gleichen Abend ging Hans Bronstein zu Gordon Kwart, um mit ihm über die Angelegenheit zu diskutieren, aber der Musiker durchschaute sofort, dass er sich an seinem Vater die Zähne ausgebissen hatte und es nun mit ihm versuchen wollte. Deshalb ließ auch er sich nicht auf ein echtes Gespräch über das Thema ein.

Vergeblich blieb auch Hans‘ Versuch, von seiner neunzehn Jahre älteren Schwester Elle einen Rat zu bekommen, die seit zehn Jahren in einer Irrenanstalt eingesperrt war, weil sie immer wieder ohne erkennbaren Anlass Menschen angegriffen hatte. Mit Martha über die Vorgänge in dem Waldhaus zu reden, brachte er nicht fertig. Sie hatte zwar schon gefragt, was seit dem missglückten Sonntagsausflug in das Waldhaus mit ihm los sei, aber mit ihren Gedanken war sie bei der Rolle, die ihr ein Regisseur in einem Film mit dem Titel „Die Jahre vor dem Anfang“ angeboten hatte.

Hans wurde von seinem Vater zu einem Essen in das Berliner Restaurant „Ganymed“ mitgenommen, zu dem Gordon Kwart sie eingeladen hatte, aber Arno Bronstein ließ keinen Zweifel daran, was er davon hielt:

„Ich will dir die Wahrheit sagen: Gordon ist der Ansicht, wir sollten mit dir reden, damit du uns besser verstehst. Ich bin nicht dieser Ansicht. Erstens glaube ich nicht, dass du etwas verstehst, zweitens ist es mir egal.“ (Seite 152)

Während des Essens erzählte Kwart, der Gefangene habe sich bei einem Fluchtversuch aus dem Badezimmerfenster den Fuß verstaucht und sei deshalb nicht weit gekommen.

Nach den Dreharbeiten rief Martha eines Abends ein Taxi und fuhr mit Hans zu einem Seeufer, wo ein Onkel von ihr ein Motorboot liegen hatte. Die Fahrt bezahlte sie mit ihrer Tagesgage. In der Mitte des Sees liebten sie sich auf dem Boot und kühlten sich dann im Wasser ab, bevor sie wieder zurückkehrten.

Als Hans zu Hause aufsperrte, hörte er, dass sein Vater mit Gordon Kwart und Erik Rotstein sprach. In der Annahme, die drei Männer würden sich darüber beraten, was mit ihrem Gefangenen geschehen sollte, lauschte er, aber sie erzählten sich Geschichten aus der Vergangenheit. Arno Bronstein beispielsweise berichtete, wie er und seine Frau ihre damals dreijährige Tochter Elle bei einer Bauernfamilie in Mecklenburg vor den Nationalsozialisten versteckt hatten. Ungeachtet des ohnehin schon unverschämten Preises hatte der deutsche Bauer sieben Jahre später, als sie gekommen waren, um ihr Kind wieder abzuholen, noch mehr Geld verlangt.

Beim Aufräumen der Wohnung stieß Hans Bronstein auf die Brieftasche des Gefangenen und stellte fest, dass dieser sechs Jahre älter als sein Vater war.

Heppner, Arnold Hermann, geboren am 04. März 1907 in Brandenburg/Havel (Seite 199)

An diesem Abend saß er bei Martha in deren Zimmer. Sie musste noch eine Studienarbeit fertigstellen und bat ihn, zu warten. Während sie konzentriert schrieb und er hinter ihr auf der Couch saß, begann er unvermittelt davon zu reden, was ihn bedrückte, aber Martha merkte nicht gleich, dass er ihr etwas Wichtiges sagen wollte, und im nächsten Augenblick kam auch noch ihre Mutter zum wiederholten Mal, um nachzusehen, was die beiden machten und um ihnen mitzuteilen, was sie gerade aus den Nachrichten erfahren hatte: Walter Ulbricht war gestorben [1. August 1973].

In der Nacht wachte Hans auf und hörte Lärm aus der Küche. Sein Vater war betrunken und versuchte, sich Spiegeleier zu braten. Arno Bronstein gab seinem Sohn einen alten Bademantel zum Überziehen, ließ ihn auch ein paar Gläser Schnaps trinken und erzählte ihm, der Gefangene habe jetzt wenigstens zugegeben, Zeuge von Erschießungen gewesen zu sein.

Noch gebe er nicht zu, einer der Schützen gewesen zu sein, doch sei das vollkommen lächerlich: als behauptete die Mutter von sieben Kindern, noch nie einen Mann berührt zu haben. Mit seiner Version, es habe schlechte und gute Aufseher gegeben, sei Heppner bei ihnen genau an die Richtigen geraten, sagte Vater. (Seite 222f)

Von der Warnung des Gefangenen, er leide an einer Herzkrankheit, die lebensbedrohlich sein könne, wenn er seine Medikamente nicht bekäme, hätten er, Gordon Kwart und Erik Rotstein sich nicht beeindrucken lassen. – Mühsam legte Hans Bronstein seinen inzwischen fast bewusstlosen Vater aufs Bett und irrte dann ziellos und betrunken durch die von Gästen der „Weltfestspiele der Sozialistischen Jugend“ belebte Stadt. Schließlich überraschte er Martha bei nächtlichen Dreharbeiten, und sie nahm ihn mit in ihr Zimmer, wo er seinen Rausch ausschlafen konnte.

Am nächsten Morgen schlich er sich davon, bevor sie aufwachte, kaufte in einem Werkzeuggeschäft zwei Feilen und fuhr damit am Abend hinaus zum Waldhaus. Um sicher zu sein, dass der Gefangene allein war, wartete er bis Mitternacht und näherte sich erst dann dem Haus. Erschrocken stellte er fest, dass in dem Zimmer, in dem er Arnold Heppner vermutete, Licht brannte. Trotzdem ging er in das Haus. Der Gefangene war wach und blickte ihn an. Zwischen dem Eisenbett und der Wand lag Arno Bronstein tot am Boden. Zuerst wollte Hans fliehen, dann kehrte er zurück und fing an, an den Handschellen zu feilen, aber der Stahl war zu hart, und nach einer Weile hörte er, was der Heppner ihm sagen wollte: „Er hat den Schlüssel bei sich.“

Nach dem Tod seines Vaters zog Hans Bronstein zur Familie Lepschitz, und es sah so aus, als ob er Martha heiraten würde. Das Wochenendhaus verkaufte er einem Schriftsteller.

Im Sommer 1974 erhält Hans Bronstein die Zulassung zum Philosophiestudium, aber er sieht dem neuen Lebensabschnitt ohne Begeisterung entgegen. Das Liebesverhältnis mit Martha, die inzwischen die Schauspielschule besucht, hat er zum Bedauern von Hugo und Rahel Lepschitz beendet.

So schnell wie möglich möchte Hans ausziehen und fängt bereits zu packen an, obwohl er noch kein neues Zimmer in Aussicht hat. Dabei stößt er auf einen Notizzettel mit Arnold Heppners Adresse und fährt wie unter Zwang hin. Von gehörlosen Nachbarn erfährt er, dass der Rentner von einer Reise in den Westen nicht zurückkehrte.

Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag kommt Hugo Lepschitz, der als Buchhalter in einer Textilfabrik beschäftigt ist, mit einem lebenden, in nasses Zeitungspapier eingewickelten Karpfen von der Arbeit nach Hause. Ein Kollege hatte den Fisch geangelt und ihm mehr geschenkt als verkauft. Rahel kündigt an, sie werde das Tier weder schlachten, zubereiten oder sich daran beteiligen, es zu verspeisen. Hans will auch nicht beim Schlachten helfen. Fürs Erste setzt Lepschitz den Karpfen in die Badewanne, und Hans denkt:

Wenn er ein Vogel wäre, würde ich ihm das Fenster öffnen. (Seite 236)

Das von Gordon Kwart angebotene Zimmer schlägt Hans Bronstein aus. Ausgerechnet Martha besorgt ihm schließlich eine neue Bleibe: Die Eltern ihres Kollegen Bernhard von der Schauspielschule verreisen in einem Monat für längere Zeit. Bernhard und seine Großmutter hätten nichts dagegen, wenn er zu ihnen in die Fünf-Zimmer-Wohnung zöge. Aber die Eltern wollen Hans Bronstein vorher kennen lernen, und Martha begleitet ihn zu dem Antrittsbesuch.

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Ein echtes Gespräch über seine abscheulichen Erlebnisse im „Dritten Reich“ kann der jüdische Vater Arno Bronstein nicht mit seinem achtzehnjährigen Sohn Hans führen, nicht nur, weil ihre Standpunkte grundverschieden sind, sondern auch, weil ihre Erfahrungen sich in keiner Weise decken. Während Arno Bronstein einen ehemaligen KZ-Aufseher in einem Wochenendhaus einsperrt, um ein Schuldgeständnis von ihm zu erpressen, obwohl dreißig Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen sind, scheitert auch sein Sohn bei dem verzweifelten Versuch, „richtig“ auf die Vorgehensweise seines Vaters zu reagieren.

Jurek Becker erzählt die erschütternde Geschichte aus der Sicht des Jugendlichen, der sich ein Jahr danach an die schrecklichen Ereignisse erinnert und versucht, darüber hinwegzukommen.

Hier spricht jemand, um nicht zu erstarren, um am Leben und bei Verstand zu bleiben, obwohl er weiß, dass man über dem Erlebten eigentlich nur den Verstand verlieren kann. (Ingo Schulze in: Süddeutsche Zeitung, 22. Januar 2005)

Abschnittweise wechselt der lakonische Ich-Erzähler Hans Bronstein in Jurek Beckers Roman „Bronsteins Kinder“ zwischen zwei Zeitebenen (Sommer 1973 / Sommer 1974). Vieles bleibt ungesagt: So äußert er sich beispielsweise nicht explizit darüber, warum er sich von Martha getrennt hat und er schildert auch nicht näher die Umstände beim Tod seines Vaters. Wir können nur vermuten, dass Arno Bronstein aufgrund der Aufregung mit einem Herzinfarkt zusammenbrach. Dass einiges offen bleibt, ist wohl auch ein bewusst gewähltes Stilelement, das unterstreicht, wie unerklärlich die Vorgänge sind. – „Bronsteins Kinder“ ist ein aufwühlender, inhaltlich und formal überzeugender Roman über die Traumatisierung der Opfer nationalsozialistischer Gräueltaten.

Jerzy Kawalerowicz verfilmte den Roman „Bronsteins Kinder“ 1991.

Bronsteins Kinder (1991, 90 Minuten) – Regie: Jerzy Kawalerowicz – Drehbuch: Jurek Becker und Jerzy Kawalerowicz – Kamera: Henryk Jedynak und Witold Sobocinski – Schnitt: Martina Krippendorf und Helga Olschewski – Musik: Günther Fischer – Darsteller: Armin Mueller-Stahl, Hans Hoppe, Matthias Paul, Katharina Abt, Alexander May, Karin Eickelbaum, Angela Winkler, Buddy Elias, Peter Matic u. a.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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