Holy Motors

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Holy Motors – Originaltitel: Holy Motors – Regie: Leos Carax – Drehbuch: Leos Carax – Kamera: Caroline Champetier – Schnitt: Nelly Quettier – Darsteller: Denis Lavant, Edith Scob, Eva Mendes, Kylie Minogue, Elise Lhomeau, Jeanne Disson, Michel Piccoli, Leos Carax u.a. – 2012; 115 Minuten

Inhaltsangabe

Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es in "Holy Motors" nicht. Wir begleiten einen Tag lang einen Mann, der in Paris mit einer Stretchlimousine von Termin zu Termin gefahren wird und in verschiedenen Rollen auftritt. Zweimal stirbt er – und lebt doch wie ein Avatar weiter. Wer Monsieur Oscar wirklich ist? Ob er in einer der Rollen er selbst ist? Wir wissen es nicht. Befinden wir uns in einen Traum? Erleben wir die Wahnvorstellungen einer gespaltenen Persönlichkeit? Darauf gibt es keine Antwort ...
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Kritik

Was will uns Leos Carax mit dem surrealen Film "Holy Motors" zeigen? Vielleicht, dass wir uns ständig inszenieren, im realen Leben und mehr noch in den virtuellen Welten der Games und der Social Media. Warnt er vor der Gefahr des Ich-Verlustes?
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Ein Blinder (Leos Carax) verlässt das Bett in einem Hotelzimmer und tastet sich an einer Wand mit Zweig-Mustern entlang, bis er eine Tapetentüre entdeckt. Seinen rechten Zeigefinger als Schlüssel benutzend, sperrt er auf und muss kräftig drücken, um die Türe zu öffnen. Durch sie gelangt er auf die Empore eines voll besetzten Kinosaals, in dem das Publikum schläft oder tot ist.

Als Nächstes sehen wir ein von Bodyguards bewachtes Privathaus. Ein Banker (Denis Lavant) kommt heraus und verabschiedet sich von seiner kleinen Tochter (Nastya Golubeva Carax), die ihm „viel Erfolg“ wünscht. Seine Chauffeurin Céline (Édith Scob), die wohl zugleich seine Assistentin ist, holt ihn mit einer weißen Stretchlimousine ab und fährt mit ihm in die Innenstadt von Paris. Einige der Leibwächter folgen in einem dunklen Auto. Unterwegs telefoniert der Banker mit einem Kollegen oder Geschäftspartner und meint, Sicherheitskräfte seien als Schutz gegen das Prekariat nicht mehr ausreichend, er müsse sich eine Schusswaffe besorgen.

Dann wendet er sich dem Dossier zu, das Céline ihm hingelegt hat. Das Innere der Stretchlimousine ist wie eine Künstlergarderobe ausgestattet. „Monsieur Oscar“, wie Céline ihren Chef nennt, schaltet die Lampen eines Schminkspiegels ein und bereitet sich für die nächste Rolle vor. Sie halten am Pont Neuf, und er steigt als Bettlerin aus der Stretchlimousine. Die gekrümmte, am Stock gehende Romni hält den Passanten eine Büchse hin und stöhnt, dass sie nicht sterben könne.

Die nächste Station ist ein Motion Capture-Studio. Monsieur Oscar geht in einem entsprechenden Ganzkörperanzug mit Leuchtdioden hinein und führt Martial Arts-Bewegungen vor. Eine Schlangenfrau (Slata) kommt hinzu und liefert mit ihm (jetzt: Reda Oumouzoune) zusammen die Vorlage für eine Film- oder Spielszene, in der ein Fabelwesen-Paar einen erotischen Tanz aufführt.

Er steigt barfuß aus der Stretchlimousine, zieht einen Kanaldeckel zur Seite und läuft durch die Kanalisation. Er ist jetzt Monsieur Merde, ein auf einem Auge blindes Monster, das nur unartikulierte Laute von sich gibt. Im Friedhof Père Lachaise klettert er aus einem Kanal. Während er durch den Friedhof rennt, reißt er Blumensträuße von den Gräbern und frisst sie. „Visitez mon site www.vogan.fr“ steht auf einem Grabmal. Monsieur Merde erschreckt eine Trauergemeinde und bleibt dann unter den Zuschauern bei einem Fotoshooting stehen. Als der Fotograf (Geoffrey Carey) auf ihn aufmerksam wird, schickt er seine Assistentin (Annabelle Dexter-Jones) zu ihm. Sie soll das Monster überreden, sich zusammen mit dem Model Kay M (Eva Mendes) ablichten zu lassen: die Schöne und das Biest. Stattdessen packt Monsieur Merde die schöne Frau, lädt sie auf die Schulter und verschwindet damit im Untergrund. Kay M wehrt sich nicht und spricht kein Wort, auch nicht, als er ihre Handtasche ausschüttet, eine Zigarette aufhebt, raucht und zwischendurch die Geldscheine frisst, die sie bei sich hatte. Ihr freizügiges Dekolleté scheint ihn zu irritieren, denn er umwickelt ihren Oberkörper mit Stofffetzen, verhüllt auch ihr Gesicht und lässt nur Sehschlitze für ihre Augen frei. Dann zieht er sich aus. Sein Penis ist erigiert. Er legt sich hin und bettet seinen Kopf in ihren Schoß. Kay M singt ihn in den Schlaf.

Als Nächstes holt Monsieur Oscar in der Gestalt eines Arbeiters seine pubertierende Tochter Angèle (Jeanne Disson) mit einem roten Kleinwagen von ihrer ersten Party ab. Ob sie auch getanzt habe, fragt er, und sie nennt die Namen einiger Jungs. Aber durch einen Anruf ihrer Freundin, die ebenfalls auf der Party in der Mietskaserne war, erfährt er, dass Angèle sich wegen ihres Minderwertigkeitskomplexes im Bad einsperrte. Zur Strafe für die Lüge trägt er ihr auf, sie selbst zu sein und damit zu leben. Dann setzt er sie vor der Wohnung ab, fährt ein Stück weiter und steigt wieder in die weiße Stretchlimousine.

Er habe nun Pause, sagt Céline. Monsieur Oscar nimmt ein Akkordeon und zieht spielend durch die Gassen, während sich immer mehr Akkordeon spielende Männer zu ihm gesellen.

Im nächsten Dossier findet er das Foto eines Mannes namens Théo (Denis Lavant), den er mit einem Messer töten soll. Er betritt eine Lagerhalle. Man kennt ihn hier unter dem Namen Alex. Ungehindert sucht er nach Théo und schneidet ihm die Halsschlagader durch. Dann nimmt er dem Toten die Brille ab, schert ihn kahl, rasiert den Voll- zum Schnauzbart und legt dem Mann die gleiche Halskette um, die er selbst trägt. Als der andere genauso aussieht wie er, erhebt er sich plötzlich und schneidet ihm die Halsschlagader durch. Wie Zwillinge liegen sie nun blutüberströmt nebeneinander am Boden. Schließlich steht einer von ihnen auf, taumelt zum Tor der Lagerhalle, und Céline hilft ihm in die Stretchlimousine.

Im Wagen begrüßt ihn ein älterer Herr (Michel Piccoli), offenbar ein Vorgesetzter aus der Agentur, für die Monsieur Oscar arbeitet, denn er äußert sich kritisch über dessen Leistung. Der Vorgesetzte meint, es sei paranoid, zu glauben, dass man eines Tages stürbe.

Während der Weiterfahrt fordert Monsieur Oscar Céline plötzlich zum Anhalten auf. Mit nacktem Oberkörper und einer Pistole in der Hand springt er aus der Limousine, rennt zu einem Straßencafé und erschießt einen dort sitzenden Banker. Im nächsten Augenblick feuern dessen Leibwächter auf ihn. Céline birgt ihren blutüberströmten Chef, ohne dass jemand sie daran hindert.

In der Gestalt eines Greises betritt er ein Hotel und geht in sein Zimmer. Auf dem Bett liegt ein Hund. Der Alte legt sich ebenfalls hin und deckt sich zu. Als er die Augen öffnet, kauert seine Nichte Léa (Elise Lhomeau) an seinem Bett und behauptet, seit drei Tagen neben ihm zu sitzen. Er bedankt sich, dass sie die lange Reise auf sich genommen habe, um ihn zu besuchen. Sie scheint einen größeren Geldbetrag von ihrem Onkel bekommen zu haben und wegen des Geldes geheiratet worden zu sein. Nach einer Weile steht Monsieur Oscar wieder auf und entschuldigt sich. Er habe noch einen Termin, sagt er. Die junge Frau entgegnet, sie müsse auch gleich los. Augenscheinlich spielt sie ebenso wie er eine Rolle. Wie sie wirklich heiße, fragt er sie zum Abschied, und sie antwortet: Elise.

Vor dem leer stehenden Kaufhaus La Samaritaine gerät Céline mit dem Fahrer einer anderen Stretchlimousine in Streit. Im Fond sitzt Eva Grace (Kylie Minogue). „Bist du es?“, fragt sie, und Oscar antwortet: „Ich glaube schon.“ Die beiden kennen sich, waren vermutlich sogar ein Paar. Die Frau sagt, sie habe 30 Minuten Zeit. Zusammen gehen sie ins La Samaritaine. Ob es möglich sei, in den verbleibenden 20 Minuten 20 Jahre nachzuholen, fragt er. Sie singt: „Who Are We?“ Auf dem Flachdach des Kaufhauses verabschieden sie sich mit einem kurzen Händedruck. Während Monsieur Oscar hinuntergeht, zieht Eva Grace ihren Mantel aus. Darunter trägt sie die Uniform einer Flugbegleiterin. Sie ähnelt jetzt Jean Seberg, tritt zwischen die riesigen Buchstaben, die nicht mehr beleuchtet sind, und lässt sich in die Tiefe fallen.

Monsieur Oscar schluchzt, als er an der Toten vorbei zur Limousine geht.

Céline ermahnt ihn, etwas zu essen und weist ihn darauf hin, dass es kurz vor Mitternacht sei.

Bevor Céline ihren Chef in einer von Reihenhäusern gesäumten Straße absetzt und sich bis zum nächsten Morgen von ihm verabschiedet, übergibt sie ihm das Tageshonorar und Schlüssel. Hustend sperrt er die Haustüre auf und wird von zwei Schimpansen empfangen.

Céline bringt den Wagen in ein Parkhaus, an dessen Fassade mit großen Leuchtbuchstaben „HOLY MOT RS“ steht. Auch zahlreiche andere Fahrer stellen hier ihre Stretchlimousinen ab. Céline löst ihr Haar, setzt eine Gesichtsmaske auf und teilt jemandem übers Handy mit: „Ich gehe nach Hause.“

Sobald alle Fahrer das Parkhaus verlassen haben, beginnen die Motoren der Stretchlimousinen miteinander zu reden.

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Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es in „Holy Motors“ nicht. Wir begleiten einen Tag lang einen Mann, der in Paris mit einer Stretchlimousine von Termin zu Termin gefahren wird und in verschiedenen Rollen auftritt. Zweimal stirbt er – und lebt doch wie ein Avatar weiter. Leos Carax verwendet Versatzstücke aus den Genres Melodram, Musical, Horror und Gangsterfilm. Daraus mischt er einen bizarren, surrealen Film.

Wer Monsieur Oscar wirklich ist? Ob er in einer der Rollen er selbst ist? Wir wissen es nicht. Befinden wir uns in einen Traum? Erleben wir die Wahnvorstellungen einer gespaltenen Persönlichkeit? Darauf gibt es keine Antwort. Vielleicht hält uns Leos Carax in „Holy Motors“ einen Spiegel vor und zeigt uns, dass wir wechselnde Rollen spielen, uns ständig inszenieren, im realen Leben und mehr noch in den virtuellen Welten der Games und der Social Media. Da besteht zumindest die Gefahr des Ich-Verlustes. Man kann „Holy Motors“ denn auch als Medien- und Gesellschaftskritik verstehen.

Dass Leos Carax den Prolog selbst spielt, ist kein Zufall. Das Alter Ego des Regisseurs und Drehbuchautors verfügt über den Schlüssel zu der Tapetentür, durch die er ins Kino bzw. in den Film gelangt.

Die Künstlernovelle „Don Juan“ von E. T. A. Hoffmann über einen Hotelgast, der vom Kellner auf eine Tapetentür in seinem Zimmer aufmerksam gemacht wird, durch die er in eine Opernloge gelangt, inspirierte Leos Carax, als er den Prolog schrieb. Bei der Szene mit der jungen Frau am Bett eines Sterbenden handelt es sich laut Leos Carax um eine freie Adaption eines Kapitels aus dem Roman „Bildnis einer Dame“ (1881) von Henry James. Die Figur des Monsieur Merde stammt aus der Sequenz, die Leos Carax für „Tokio!“ (2008) drehte.

Tokio! – Originaltitel: Tokyo! – Regie: Bong Joon-ho („Shaking Tokyo“), Leos Carax („Merde“), Michel Gondry („Interior Design“) – Drehbuch: Bong Joon-ho, Leos Carax; Michel Gondry nach der Graphic Novel „Cecil and Jordan in New York“ von Gabrielle Bell – Kamera: Jun Fukumoto, Caroline Champetier, Masami Inomoto – Schnitt: Nelly Quettier – Musik: Étienne Charry, Lee Byung-woo – Darsteller: Ayako Fujitani, Ryo Kase, Denis Lavant, Jean-François Balmer, Teruyuki Kagawa, Yu Aoi u.a. – 2008, 105 Minuten

Zwei Bilder inspirierten Leos Carax zu dem Film „Holy Motors“. Das erste war das einer Bettlerin.

Das andere Bild am Ursprung des Projektes war das dieser ewig langen Stretchlimousinen, die man seit einigen Jahren durch die Städte gleiten sieht. Diese nicht enden wollenden Särge auf Rädern, die dennoch häufig für Hochzeiten benutzt werden, sind ebenso erotisch wie morbid. […] Sie sind arrogant und pervers. Sie tun alles, um gesehen zu werden, und bleiben dabei hinter ihren dunklen Fensterscheiben vollkommen opak. Ihre Kunden gönnen sich auf diese Weise eine Reise, einen Trip in einer virtuellen Blase. Es ist wie die Welt des Internets: Man ist dort zwar isoliert, versteckt, beschützt – und gleichsam unter dem Blick aller. Diese Limousinen verstehe ich als die fantastischen Maschinen heutiger Fiktionen. (Leos Carax im Interview mit Philipp Stadelmaier, Süddeutsche Zeitung, 30. August 2012)

Die Hauptrolle schrieb Leos Carax speziell für Denis Lavant.

Die Dreharbeiten fanden von September bis November 2011 in Paris statt.

Der von Kylie Minogue gesungene Song „Who Were We?“ wurde von Leos Carax und Neil Hannon eigens für „Holy Motors“ geschrieben.

Die Premiere fand am 23. Mai 2012 bei den Filmfestspiele in Cannes statt, aber „Holy Motors“ ging leer aus; mit der „Goldenen Palme“ wurde „Liebe“ ausgezeichnet.

Leos Carax – ein Anagramm aus Alex und Oscar – ist der Künstlername von Alexandre Oscar Dupont (* 1960).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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