Liebe

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Liebe – Originaltitel: Amour – Regie: Michael Haneke – Drehbuch: Michael Haneke – Kamera: Darius Khondji – Schnitt: Nadine Muse, Monika Willi– Musik: entfällt – Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco, Carole Franck, Dinara Drukarova u.a. – 2012; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Anne und Georges sind beide über 80 Jahre alt. Das kultivierte großbürgerliche Ehepaar lebt in einer Altbauwohnung in Paris. Nach einem Schlaganfall kommt Anne ins Krankenhaus. Halbseitig gelähmt kehrt sie zurück. Georges kümmert sich liebevoll um sie. Obwohl er damit an die Grenzen seiner Belastbarkeit stößt, bringt er sie nicht in ein Heim. Ein weiterer Schlaganfall raubt Anne die Sprache und macht sie inkontinent. Schließlich presst sie die Lippen zusammen, als Georges ihr Wasser einzuflößen versucht ...
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Kritik

In dem kammerspielartigen Drama ohne Musikuntermalung geht es um das Altern, den Verlust der Selbstbestimmung, Sterbehilfe, Tod und – Liebe. Michael Haneke konzentriert sich ganz auf die beiden von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva überzeugend gespielten Alten.
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Polizei und Feuerwehr brechen in einem großbürgerlichen Altbau in Paris die Wohnung eines alten Ehepaars auf. Im Treppenhaus sagen Nachbarn, sie hätten schon seit längerer Zeit nichts mehr von den beiden Mitbewohnern gehört. Es riecht so schrecklich, dass sich einer der Polizisten ein Taschentuch vor die Nase hält und als Erstes zwei Fenster aufreißt. Auf der einen Hälfte eines Ehebettes liegt eine Tote im schwarzen Kleid mit gefalteten Händen auf dem Rücken. Bett und Leiche sind mit Blüten geschmückt.

Rückblende.

Die Klavierlehrerin Anne (Emmanuelle Riva) und ihr Ehemann Georges (Jean-Louis Trintignant), ein Musikwissenschaftler, besuchen im Théâtre des Champs-Élysées ein Konzert des von Anne ausgebildeten Pianisten Alexandre (Alexandre Tharaud). Als sie hört, wie gut er spielt, freut sie sich und ist stolz auf ihn. Glücklich fahren die beiden über 80 Jahre alten Menschen nach Hause in ihre kultivierte Altbauwohnung.

Jemand hat mit einem Schraubenzieher versucht, die Türe aufzubrechen, aber Anne und Georges haben nicht vor, die Polizei zu rufen. Sie nehmen sich nur vor, den Schaden vom Hausmeister reparieren zu lassen.

Während sie am nächsten Morgen in der Küche frühstücken, stellt Georges fest, dass der Salzstreuer leer ist. Anne reagiert nicht auf seine Bemerkung. Er steht auf und holt Salz, aber sie starrt vor sich hin, ohne sich zu bewegen. Nachdem Georges mehrmals vergeblich etwas zu ihr gesagt hat, tränkt er ein Tuch mit Wasser und drückt es ihr auf die Stirn und in den Nacken, aber sie verbleibt in dem katatonischen Zustand. Besorgt geht er ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen und Hilfe zu holen. Da hört er, wie in der Küche das Wasser abgedreht wird. Daraufhin kehrt er zurück. Anne sitzt am Tisch, als ob nichts geschehen wäre und tadelt ihn, weil er das Wasser laufen ließ. Zunächst meint Georges, Anne habe sich einen schlechten Scherz erlaubt, aber er merkt schnell, dass sie sich an die Starre nicht erinnern kann. Ein paar Minuten später möchte sie sich Kaffee einschenken, hat jedoch Schwierigkeiten, die Kanne zu halten.

Durch ein Gespräch von Georges mit seiner Tochter Eva (Isabelle Huppert) erfahren wir, dass bei der medizinischen Untersuchung ein Schlaganfall aufgrund einer verstopften Halsarterie diagnostiziert wurde. Anne wird operiert, aber der Eingriff schlägt fehl, und sie kehrt rechtsseitig gelähmt im Rollstuhl nach Hause zurück. Nachdem Georges sie hochgehoben und in einen Sessel gesetzt hat, nimmt sie ihm das Versprechen ab, sie nie wieder in ein Krankenhaus bringen zu lassen.

Georges kümmert sich liebevoll um sie. Er hilft ihr ins Bett und bei der Krankengymnastik, wäscht ihr die Haare, zieht ihr nach dem Toilettengang die Unterhose hoch und holt sie aus dem WC. Die Concierge (Rita Blanco) und ihr Mann (Ramón Agirre) erledigen Besorgungen für das alte Ehepaar. Georges stellt zwei Krankenschwestern ein (Carole Franck, Dinara Drukarova), aber als er beobachtet, wie grob eine der beiden Anne das Haar bürstet, wirft er sie gleich wieder hinaus. Die andere duscht Anne, die dabei nackt auf einem Stuhl sitzt.

Als Georges vorzeitig von einer Beerdigung nach Hause kommt, kauert Anne unter dem weit geöffneten Fenster zum Lichtschacht. Offenbar wollte sie sich hinausstürzen. Er hebt sie in den Rollstuhl, und sie sagt ihm, dass sie nicht mehr weiterleben wolle.

An einem anderen Tag lässt Anne sich von Georges die Fotoalben bringen. Sie blättert darin und meint, das lange Leben sei schön gewesen.

Und den neuen motorisierten Rollstuhl probiert sie eifrig aus, indem sie in der Diele damit herumkurvt.

Eve und ihr Ehemann Geoff (William Shimell), die in England leben und viel beschäftigt sind, kommen zu Besuch. Anne ist es gar nicht recht, dass die beiden sie in ihrer Gebrechlichkeit sehen. Im Wohnzimmer wird Georges von Eve und Geoff gedrängt, Anne in einem Heim unterzubringen, aber er will sie zu Hause pflegen.

Georges und Anne freuen sich, als Alexandre einen Aufenthalt in Paris dazu nutzt, sie zu besuchen. Der junge Pianist erschrickt, als er seine frühere Klavierlehrerin erblickt, die mit verkrümmter Hand im Rollstuhl sitzt. Vorsichtig fragt er, was geschehen sei, aber Anne sagt nur: „Ich bin halbseitig gelähmt. Das ist alles.“ Mehr möchte sie darüber nicht reden. Stattdessen bittet sie ihn, eine Bagatelle von Ludwig van Beethoven zu spielen.

Das Paar ist längst wieder allein, als Georges eine CD mit einer Aufnahme von Alexandre einlegt. Nach ein paar Takten fordert Anne ihn jedoch auf, das Gerät abzuschalten.

Während Anne einige Zeit später im Bett liegt, hört Georges sich im Wohnzimmer eine CD mit einem Klavierkonzert an. Dabei stellt er sich vor, dass Anne am Flügel sitzt und spielt.

In einem Albtraum erlebt er, wie er in einem überfluteten Korridor steht. Von hinten presst sich eine Hand auf seinen Mund, um ihn zu ersticken.

Eines Morgens ist Annes Bett nass. Georges zieht ihr die Schlafanzughose aus, legt ein trockenes Handtuch in den Rollstuhl und setzt sie darauf. Beschämt und zornig fährt sie zur Toilette.

Die Inkontinenz ist die Folge eines weiteren Schlaganfalls. Anne benötigt Windeln. Sie kann nicht mehr sprechen. Eve ist entsetzt, als sie am Bett der Mutter sitzt und nicht versteht, was diese zu sagen versucht.

Als Anne stundenlang „Hilfe!“ ruft, beruhigt die Krankenschwester Georges. Das sei nur ein Mechanismus, erklärt sie, und habe nichts zu bedeuten.

Georges füttert Anne. Manchmal lässt sie es zu, dann wieder nicht. Schließlich weigert sie sich sogar, zu trinken und presst die Lippen fest zu, wenn er ihr den Schnabelbecher an den Mund hält. Verzweifelt droht Georges damit, sie ins Krankenhaus bringen zu lassen, wenn sie nichts trinke. Dann flößt er ihr mit Gewalt etwas Wasser ein, aber statt es zu schlucken, spuckt Anne es aus. Georges ohrfeigt sie. Daraufhin blicken sie sich erschrocken an.

Um Anne zu beruhigen, erzählt Georges ihr eine Geschichte aus seiner Jugend. Nachdem sie eingedöst ist, ergreift er ein Kopfkissen, legt es ihr übers Gesicht und wirft sich mit seinem Oberkörper darüber, bis sie sich nicht mehr bewegt.

Sorgfältig wählt er ein schwarzes Kleid aus ihrem Schrank aus. Dann kauft er Blumen und Dichtungsmaterial, mit dem er die Türritzen verklebt.

Während er einen Brief schreibt, bemerkt er eine Taube, die offenbar durch das Fenster im Lichtschacht hereinkam, möglicherweise dasselbe Tier, das er schon einmal verscheuchte. Diesmal schließt er das Fenster und fängt die Taube mit einer Decke. Dann schreibt er weiter, berichtet von der Taube. Es sei ganz einfach gewesen, sie zu fangen, meint er, und am Ende habe er sie doch freigelassen.

Plötzlich hört er Geräusche aus der Küche. Anne spült das Geschirr, sagt, sie sei gleich fertig und fordert ihn auf, schon mal in seine Schuhe zu schlüpfen. Dann lässt sie sich von ihm in den Mantel helfen und geht zur Wohnungstür. Sie meint, er solle auch besser noch etwas überziehen. Georges nimmt seinen Mantel und verlässt mit ihr die Wohnung.

In der letzten Einstellung sehen wir Eve. Sie sperrt die Türe zur Wohnung ihrer Eltern auf und geht durch die verwaisten Räume.

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In dem kammerspielartigen Drama „Liebe“ (Originaltitel: „Amour“) geht es um das Altern, den Verlust der Selbstbestimmung, Sterbehilfe, Tod und – Liebe. Michael Haneke spürt der Frage nach, wie ein Greis mit seiner durch Schlaganfälle zunächst gelähmten und dann völlig hilflosen Frau umgeht. Damit nichts vom eigentlichen Thema ablenkt, lässt er die Geschichte im großbürgerlichen Milieu spielen und beobachtet ein Ehepaar ohne finanzielle Sorgen.

Zu dieser Konzentration gehören auch die formale Strenge, der Verzicht auf jegliche Musikuntermalung und die rigorose Beschränkung der Schauplätze. Nur ganz am Anfang von „Liebe“ befinden wir uns außerhalb der Wohnung des alten Ehepaars, zunächst im Konzertsaal, dann kurz in der Straßenbahn. Keine einzige Szene spielt im Freien. Von Annes Krankenhausaufenthalt erfahren wir nur durch Dialoge. Wir bleiben in der Wohnung, in der die beiden alten Menschen die meiste Zeit allein sind. Dass Monate vergehen, erschließen wir nur daraus, dass Georges wärmere Sachen trägt, dann leichtere und schließlich wieder eine Wolljacke.

Die Darstellung ist eindrucksvoll und nuancenreich. Michael Haneke schaut genau hin und lässt sich dabei auch Zeit. Sentimentalitäten vermeidet er ebenso wie das Ausstellen von potenziell entwürdigenden Situationen. Dezent und nüchtern zeigt er, wie der alten Frau die Windeln gewechselt werden.

Die beiden über 80 Jahre alten Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva wirken überzeugend, gerade weil sie nichts übertreiben.

Die Kamera verharrt immer wieder lange in einer bestimmten Position, auch wenn eine Figur aus dem Bild geht und dann nur noch zu hören ist. Die vielen Dialog-Szenen werden zumeist in der Halbtotale aus einem festen Blickwinkel gefilmt, ohne die üblichen Schnitt-Gegenschnitt-Abfolgen. Ungewohnt ist auch, dass der Pianist beim Konzert nur zu hören ist, während wir von der Bühne ins Publikum schauen. Anne und Georges sitzen übrigens unter den Zuhörern, werden aber nicht besonders angeleuchtet oder herangezoomt. Jede Einstellung in „Liebe“ ist durchdacht. So erleben wir beispielsweise das Aufbrechen der Türe, das Eindringen in die Intimsphäre des alten Ehepaares nicht von außen, sondern aus dem Inneren der Wohnung.

Die elektronischen Scheinwerfer wurden so vorsichtig eingesetzt, dass die Bilder aussehen, als habe man sie nur bei Lampen- bzw. Kerzenlicht aufgenommen.

Im Prolog nimmt Michael Haneke das Ende vorweg. Wir wissen von Anfang an, dass „Liebe“ mit dem Tod endet. Außerdem sagt Anne an einer Stelle zu ihrem Mann: „Du bist ein Monster, aber liebevoll.“ Und es ist kein Zufall, dass die Musikstücke in „Liebe“ ausnahmslos abgebrochen werden.

Einiges bleibt offen. So wissen wir beispielsweise nicht, ob der Brief, in dem Georges von der Taube erzählt, an Anne oder Eve gerichtet ist. Und weil „Liebe“ mit einer halluzinierten Szene zu Ende geht, erfahren wir auch nicht, wie Georges aus dem Leben scheidet.

Dem Zuschauer im Kino geht es ähnlich wie Eva, die hin und wieder zu Besuch kommt und dann sowohl das Dahinsiechen der Mutter als auch die Überforderung des Vaters bemerkt, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.

Obwohl es sich um einen traurigen, erschütternden Film handelt, fehlt es aufgrund der Liebe zwischen den beiden alten Menschen nicht an einer positiven Grundstimmung.

Ein eigenes Erlebnis regte Michael Haneke zu dem Film an: Er verhinderte, dass eine über 90 Jahre alte, unter schwerem Rheumatismus leidende Tante starb, nachdem sie eine Überdosis Schlafmittel geschluckt hatte. Aber als sie nach drei Tagen im Krankenhaus wieder zu sich kam, fragte sie ihn, warum er ihr das angetan habe. Sie nahm sich dann das Leben, während er bei einem Filmfestival war [Suizid].

Seit 1992 soll sich Michael Haneke mit der Idee für den Film beschäftigt haben. 2009 begann er mit der Arbeit am endgültigen Drehbuch.

Seinen eigenen Äußerungen ist zu entnehmen, dass er „Liebe“ nicht ohne Jean-Louis Trintignant realisiert hätte. Der hatte sich Jahre zuvor aufs Land zurückgezogen und wollte keine Filme mehr drehen. Es heißt, er habe es auch nach dem Lesen des Drehbuchs zunächst abgelehnt, bei Michael Hanekes Projekt mitzumachen, sei dann aber dazu überredet worden. Bei seiner Filmpartnerin Emmanuelle Riva handelt es sich um die Hauptdarstellerin in „Hiroshima mon amour“ (1959).

Gedreht wurde in den TSF-Filmstudios in Épinay-sur-Seine nördlich von Paris. Dort hatte man die Wohnung aufgebaut.

Jean-Louis Trintignant stürzte, während er die Taube zu fangen versuchte und brach sich ein Handgelenk. Deshalb musste bei der Szene mit dem Kopfkissen darauf geachtet werden, dass die verletzte Hand nicht zu sehen ist.

In der Rolle Alexandras ist der französische Pianist Alexandre Tharaud (* 1968) zu sehen und zu hören.

Weil Michael Haneke mit der Qualität der digital aufgenommenen Bilder nicht zufrieden war, ließ er sie in der Postproduktion elektronisch überarbeiten.

„Amour“ bzw. „Liebe“ wurde am 20. Mai 2012 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes vorgestellt und mit einer „Goldenen Palme“ ausgezeichnet. Nur weil dieser Hauptpreis nach den Statuten nicht mit anderen Preisen in Cannes kombiniert werden kann, gingen Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva leer aus.

„Liebe“ wurde am 24. Februar 2013 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Für einen „Oscar“ nominiert hatte man auch die Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva.

Deutsche Synchronstimmen in „Liebe“: Hans-Michael Rehberg (Georges), Ursula Werner (Anne), Traudel Haas (Eve).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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